Chefarzt Dr. Holl 2007 - Mona Marquardt - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 2007 E-Book

Mona Marquardt

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Beschreibung

Romina liebt Fitness über alles. Auf ihren täglichen Joggingrunden im Englischen Garten begegnet sie Severin. Mit seiner Kamera in der Hand und den Ellbogen- sowie Knieprotektoren, die er stets trägt, ist er das genaue Gegenteil von ihr. Jede seiner Bewegungen wirkt vorsichtig und durchdacht - was Romina zunächst merkwürdig erscheint, fasziniert sie immer mehr. Bald erfährt sie den Grund für sein Verhalten: Severin leidet an Osteogenesis imperfecta, seine Knochen sind so zerbrechlich wie Glas.
Romina verliebt sich in Severin. Doch nicht jeder freut sich über dieses Glück. Ihr Kollege Jonas, der ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat, kann nicht ertragen, dass Severin ihm den Rang abläuft. Als er von Severins Krankheit erfährt, schmiedet er einen hinterhältigen Plan ...

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Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Ein zerbrechliches Leben

Vorschau

Impressum

Ein zerbrechliches Leben

Schicksalsroman über einen Mann mit Glasknochen

Von Mona Marquardt

Romina liebt Fitness über alles. Auf ihren täglichen Joggingrunden im Englischen Garten begegnet sie Severin. Mit seiner Kamera in der Hand und den Ellbogen- sowie Knieprotektoren, die er stets trägt, ist er das genaue Gegenteil von ihr. Jede seiner Bewegungen wirkt vorsichtig und durchdacht – was Romina zunächst merkwürdig erscheint, fasziniert sie immer mehr. Bald erfährt sie den Grund für sein Verhalten: Severin leidet an Osteogenesis imperfecta, seine Knochen sind so zerbrechlich wie Glas.

Romina verliebt sich in Severin. Doch nicht jeder freut sich über dieses Glück. Ihr Kollege Jonas, der ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat, kann nicht ertragen, dass Severin ihm den Rang abläuft. Als er von Severins Krankheit erfährt, schmiedet er einen hinterhältigen Plan ...

In der Crossfit-Box herrschte diese ganz eigene Mischung aus Anspannung, Ehrgeiz und Gemeinschaftsgefühl. Das Keuchen der Sportler vermischte sich mit dem Poltern der Gewichte, wenn sie auf den Boden fielen. Der Geruch nach Schweiß, Deo und Kreide lag in der Luft.

Romina schnappte nach Luft. Ihr Blick flog zur Sportuhr an ihrem Handgelenk. Einundzwanzig Minuten und dreizehn Sekunden. Ihre neue Bestzeit! Erst jetzt wischte sie sich mit dem Handtuch über die Stirn. Der Schweiß brannte in ihren Augen, ihre Arme zitterten mit ihren Beinen um die Wette. Was für ein Gefühl!

Lächelnd sah sie sich um. Die anderen Athleten lagen erschöpft auf dem Boden oder rangen vornübergebeugt nach Luft. Der Coach klatschte in die Hände und rief zum Cool-down auf. Romina bewegte sich nicht. Mit geschlossenen Augen lauschte sie auf ihren Herzschlag, der in ihren Ohren widerhallte. Aber da war noch etwas anderes, das sie spürte. Gleichzeitig klang Dr. Holls Stimme in ihrem Ohr.

»Nicht übertreiben«, hatte er bei ihrem letzten Besuch die Warnung der Orthopädin Dr. Susanne Meltendorf wiederholt. »Sie sollten die Schulter auf keinen Fall überlasten.«

Aber ruhig angehen lassen? Das war einfach nicht Rominas Ding. Nicht, wenn das Leben so viel zu bieten hatte, wenn hinter jeder Ecke eine neue Herausforderung auf sie wartete – auf die Polizistin, auf die Sportlerin.

»Alles in Ordnung?« Ihr Coach Atakan war an sie herangetreten.

»Ach, nur die Schulter mal wieder.« Sie schnitt eine Grimasse. »Vielleicht hätte ich doch auf Doktor Holl hören sollen.«

Zu gut erinnerte sie sich an seinen Blick, an diese Mischung aus väterlicher Fürsorge und professioneller Strenge. Romina wusste, dass der Klinikleiter ihren Sport für seine vielseitigen Vorteile schätzte. Das intensive Training verbesserte Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination. Trotzdem betonte Dr. Holl bei jedem Treffen wieder, wie wichtig eine korrekte Technik und die langsame Steigerung der Intensität waren, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Damit hatte er nicht ganz unrecht, wie der Schulterschmerz bewies. Ein Glück, dass heute ein letzter Kontrolltermin in der Klinik anstand.

Nach einer Dusche schlüpfte Romina in eine weiche Hose und einen passenden Pulli, hängte die Sporttasche über die gesunde Schulter und verließ die Box. Die kalte Winterluft raubte ihr kurz den Atem und ließ ihre heißen Wangen prickeln. Sie zog den Kopf ein und die Jacke enger um sich und machte sich auf den Weg zu ihrem Nachsorgetermin.

Unterwegs wanderten ihre Gedanken weit zurück in die Vergangenheit. Sie dachte wieder an die Zeit, als Dr. Holl die Krebsbehandlung ihrer Mutter mit so großer Anteilnahme und Fürsorge begleitet hatte, dass die ganze Familie noch heute davon sprach. Auch jetzt, so viele Jahre später, spürte Romina immer noch ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen, wann immer sie dem Klinikleiter begegnete.

Mit diesen Gedanken erreichte Romina die Berling-Klinik. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln vermischte sich mit Weihnachtsduft vom Christbaum im Eingangsbereich und dem hübschen Gesteck, verziert mit Zimtstangen und Orangenscheiben, das auf dem Empfangstresen stand. Aber nicht nur deshalb war dieser Ort für Romina etwas Besonderes. Nirgendwo sonst hatte sie das Gefühl, dass ein Gebäude lebendig war. Die Berling-Klinik schien einen Puls zu haben. Es herrschte ein Kommen und Gehen, ein Rhythmus, der den Anschein erweckte, als hätte dieses Haus ein Herz.

Mit einem Lächeln auf den Lippen machte sich Romina Herzsprung auf den Weg in die Orthopädie.

»Romina, das ist ja ein Zufall!«

Sie blieb stehen und drehte sich nach Dr. Holl um. Mit offenem Kittel und einem Tablet in der Hand kam er gerade aus einem Behandlungszimmer. »Herr Doktor Holl!«, erwiderte sie. Sie freute sich jedes Mal, den Klinikleiter zu sehen. »Ich hatte gehofft, dass ich Sie treffen würde. Ich soll liebe Grüße von meiner Mama ausrichten.«

»Wie geht es ihr?«

»Gut, sehr gut«, antwortete Romina. Der Ausdruck in ihren Augen wurde weich. »Wir sprechen oft über Sie. Ihnen ist hoffentlich klar, welchen Unterschied Sie damals gemacht haben.«

»Ohne mein Team wäre das nicht möglich gewesen«, erwiderte Stefan Holl bescheiden wie immer. »Apropos Team«, wechselte er das Thema. »Wer hat das Vergnügen, sich heute um Sie zu kümmern? Ich schätze, die Kollegin Meltendorf ist die Glückliche.«

»Das stimmt.« Romina lächelte schief. »Eigentlich sollte das die letzte Kontrolle nach der OP sein. Aber ich fürchte, ich habe es heute ein bisschen übertrieben.«

»Sie scheinen einfach nicht der Typ für halbe Sachen zu sein.«

»Oder ich komme einfach zu gerne hierher.«

Die beiden lachten.

»Manchmal ist weniger mehr.« Ein Handy klingelte. Stefan Holl nestelte es aus der Kitteltasche. »Tut mir leid, ich muss los«, entschuldigte er sich nach einem Blick auf das Display. »Mein Typ wird verlangt. Ich hoffe, Sie haben sich nicht schon wieder ernsthaft verletzt.«

»Bestimmt nicht«, versicherte Romina und sah Dr. Holl nach, wie er mit wehendem Kittel davoneilte.

***

Über Visiten, Telefonkonferenzen, Besprechungen mit dem Stadtrat und einer schier endlosen Anzahl von E-Mails verging der Arbeitstag des Klinikleiters wie im Flug. Er brütete gerade über einem Investitionsplan des Verwaltungsdirektors Kurt Huber, als es klopfte. Moni Wolfram steckte den Kopf durch die Tür.

»Es ist halb sechs vorbei«, erinnerte seine Sekretärin ihn. »Wenn Sie Ihr Versprechen halten wollen, sollten Sie sich langsam auf den Heimweg machen.«

Nach dem Herzinfarkt ihres Chefs und einem Blutgerinnsel im Kopf – entstanden bei dem Sturz – steckte den Mitarbeitern noch immer der Schrecken in den Gliedern. Tage- und wochenlang hatte nicht nur die Familie um Stefan Holl gebangt. In dieser Zeit war das, was alle ohnehin schon wussten, noch deutlicher zutage getreten: Ohne ihren Chef fehlte der Berling-Klinik ihre Seele. Schon deshalb achteten Moni Wolfram und all die anderen peinlich genau darauf, dass ihr Chef seine Ruhepausen einhielt und so wenig Überstunden wie möglich machte.

Seufzend lehnte sich Stefan Holl zurück und schloss die Datei auf dem Computer.

»Sie haben recht. Vielen Dank für die Erinnerung. Der Kollege Huber wird sich wohl oder übel noch bis morgen gedulden müssen.«

»Das sollte er schaffen«, scherzte Moni, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte. Die Nummer auf dem Display kannte sie genau. »Wenn man vom Teufel spricht...« Mit Blick auf ihren Chef legte sie den Zeigefinger auf die Lippen. »Tut mir leid, Herr Huber, aber Doktor Holl hat vor zwei Minuten Feierabend gemacht. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.«

Das sah der Verwaltungschef offenbar anders. Moni Wolfram war noch in eine Diskussion vertieft, als Dr. Holl sich mit einem stummen Lächeln von ihr verabschiedete und sich auf den Weg Richtung Ausgang machte. Er grüßte nach links und rechts, tauschte noch ein paar Worte mit einer Schwester, beantwortete die Frage eines Arztes und wollte schon durch die Tür in die Dunkelheit eilen, als ihm ein junger Mann auffiel, der bedacht auf die Schiebetüren zuging. Dr. Holl erkannte ihn sofort.

»Na, Severin, bereit, die Klinik wieder einmal mit der Freiheit zu tauschen?«

Severin Jacobs blieb stehen und drehte sich um.

»Absolut.« Er schenkte dem Klinikleiter ein schiefes Grinsen. »Nicht, dass ich mich beschweren möchte. Der Service hier ist erstklassig. Außerdem werde ich den Kaiserschmarrn vermissen. Aber leider wollte die Krankenkasse meinen Aufenthalt hier nicht verlängern. Dabei könnte ich auch sehr gut von hier aus dafür sorgen, dass die Menschen ihre Zeit im Internet sinnvoll nutzen. Kompliment. Das WLAN ist richtig schnell.«

Stefan Holl lachte. »Solche Worte aus dem Mund eines Experten! Ich werde dieses Kompliment an unsere EDV-Abteilung weitergeben.«

Seite an Seite traten die beiden Männer hinaus in den kalten Winterabend.

Der Klinikleiter fröstelte. »Manchmal liebäugle ich mit dem Gedanken, in wärmere Gefilde auszuwandern.«

»Ich verstehe Sie.« Severins Worte kamen aus tiefstem Herzen. Der Winter war eine besonders gefährliche Jahreszeit. Er wollte gar nicht daran denken, was ihn diesmal erwartete. »Trotzdem können Sie Ihren Patienten das nicht antun. Und mir auch nicht. Ich bin bestimmt bald wieder hier.« Severin zog den Reißverschluss seines Anoraks noch weiter hoch. Sein skeptischer Blick ruhte auf dem Asphalt. Im Laternenlicht glänzte er wie frisch lackiert und war bestimmt rutschig.

Stefan Holl bemerkte das Zögern seines Stammgastes. »Werden Sie abgeholt?«

Severin schüttelte den Kopf. »Meine Mutter wollte kommen. Aber mein Stolz hat mir wieder einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht«, gab er zu.

»Dann steigen Sie bei mir ein.« Dr. Holl ließ die Schlösser seines Wagens aufschnappen. Er hielt Severin die Tür auf.

»Das kann ich nicht annehmen. Ihre Familie wartet bestimmt auf Sie.«

»Wir haben fast denselben Weg«, versicherte Stefan Holl. »Außerdem würde ich es mir nie verzeihen, wenn Sie ausrutschen und gleich wieder in der Klinik landen würden.« Er zwinkerte Severin zu. »Auch wenn Sie ein Fan unserer Süßspeisen sind.«

»Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie ein Spielverderber sind?«, scherzte Severin und rutschte auf den Beifahrersitz.

»Hin und wieder geben meine Kinder mir diesen Kosenamen.« Lächelnd startete Stefan Holl den Motor und lenkte den Wagen vom Parkplatz hinaus in den dichten Feierabendverkehr.

***

Klinikaufenthalte gehörten zu Severins Alltag wie Geschäftsreisen für andere Menschen. Zurück in seinen eigenen vier Wänden musste er nicht lange überlegen, was zu tun war. Wie selbstverständlich stopfte er die Schmutzwäsche in die Waschmaschine und startete das Programm. In seiner Abwesenheit hatte seine Mutter Heike den Geschirrspüler ausgeräumt, Staub gewischt und die Blumen gegossen. Sonst gab es in der Wohnung nichts zu tun.

Severin setzte sich an den Schreibtisch und schaltete seine Computer ein. Das flimmernde Blau spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Seine Finger flogen über die Tastatur. Mit kritischem Blick begutachtete er die Szenen, die er kurz vor seinem Sturz gefilmt hatte. Er betrachtete die morgendlichen Nebelschwaden im Englischen Garten, die Sonnenstrahlen auf den Eisbachwellen und das Spiegelbild der Vögel, die am Himmel vorbeigezogen waren. Ein Surfer in schwarzem Neopren tanzte auf dem Wellenkamm.

Severin verfolgte jede Bewegung ganz genau, suchte nach dem perfekten Moment, um den Schnitt zu setzen, damit das Bild im Takt der Musik wechselte.

Das raffinierte Spiel von Licht und Schatten ließ ihn lächeln. Gab es etwas Schöneres, als genau diese besonderen Momente einzufangen, sie in Szene zu setzen und mit seiner Community zu teilen?

Severin war stolz auf seine Arbeit, die Zahl seiner Follower wuchs ständig. Seine Videos wurden tausendfach angeklickt und geteilt, die Kommentare waren überwältigend. Die Menschen da draußen liebten seine Beobachtungsgabe und sein Talent, die Schönheit des Alltäglichen zu entdecken und zu filmen.

Ein neues Fenster blinkte auf, eine Nachricht von einem seiner Abonnenten.

Wieder einmal ein Meisterwerk. Deine Aufnahmen retten meinen Tag!

Severin lehnte sich zurück und lächelte. Solche Nachrichten wärmten und trösteten ihn, wenn er wieder einmal verzweifeln wollte.

Deine Beobachtungsgabe ist sensationell, schrieb Lilly aus Braunschweig. Würde mich schon mal interessieren, wie du mich in Szene setzen würdest. Lust auf ein Shooting? – und einen lächelnden Smiley mit roten Wangen dahinter. Mathilda333 fragte Severin direkt nach einem Date. Obwohl sie wie er in München lebte, dachte er nicht daran, auf dieses Angebot einzugehen. Wenn er gesund gewesen wäre, dann bestimmt. Aber so ...

Severin starrte auf die Worte, spürte die Mischung auf Freude und Melancholie, die ihn mit einem Mal erfüllte. Er wusste, dass seine Follower nicht ahnten, welches Schicksal sich wirklich hinter seinem Profil verbarg. Warum er Kurzvideos im Englischen Garten drehte statt eines ganzen Films von einer Abenteuerreise durch die halbe Welt. Aber nein, es hatte keinen Sinn, sich das Leben mit solchen Gedanken schwer zu machen.

Severin haderte kurz mit sich, klickte dann aber doch eine Datei mit dem Namen »flying beauty« an. Seine fliegende Schönheit war eine Läuferin, die er schon oft heimlich gefilmt, die sich in seinem Kopf eingenistet hatte und sich einfach nicht mehr vertreiben ließ. Leichtfüßig lief sie über die gewundenen Wege im Englischen Garten, die Beine rhythmisch in Bewegung, mit nach innen gerichtetem Blick. Ihr Pferdeschwanz wippte bei jedem Schritt auf ihrem Rücken. Ihr Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft.

Ob sie diesen Zustand erlebte, der in Fachkreisen als Runner's High bezeichnet wurde? Diesen euphorischen Gemütszustand, bei dem jegliche Anstrengung vergessen war und das Gefühl vorherrschte, ewig weiterlaufen zu können? Severin hätte seine Lieblingskamera dafür gegeben, um diesen Zustand wenigstens ein einziges Mal zu erleben. Aber das konnte er leicht behaupten: Er würde niemals joggen.

Severin beobachtete den Bildschirm aus schmalen Augen. Seit Monaten dachte er darüber nach, was genau es war, was ihn an dieser Frau so faszinierte. War es die Entschlossenheit in ihrem Blick? Der mühelose Fluss ihrer Bewegungen? Oder einfach die Tatsache, dass sie so unbeschwert und frei wirkte, so ganz anders als er selbst? Diese Frau schien ein Leben zu führen, das für ihn unvorstellbar war, ein Leben voller Kraft und Energie. Und vor allen Dingen ohne Angst vor dem nächsten Schritt.

Mechanisch glitten seine Finger über die Tastatur. Er stoppte das Video, spulte es zurück und ließ es noch einmal laufen, immer und immer wieder, manchmal in Zeitlupe, manchmal doppelt so schnell. Und immer war sie eine Augenweide. Ob er sie schon angesprochen hätte, in einem anderen Leben, zu einer anderen Zeit? Hätte er sie zu einer gemeinsamen Joggingrunde eingeladen und wäre mit ihr um die Wette gerannt? Severin wusste es nicht. Es gab kein anderes Leben. Dieses hier war seine Realität, ob er wollte oder nicht.

Abrupt stoppte er die Aufnahme und schloss die Datei. Ein neuer Kommentar ploppte unter seinem aktuellen Video auf.

Deine Naturaufnahmen mitten in der Stadt sind der Hammer. Diese Momentaufnahmen, die immer wieder kleine Geschichten erzählen, schrieb JonBer. Keine Ahnung, wie du das machst, aber man merkt, dass du die Welt durch andere Augen siehst.

Ja, dachte Severin, durch andere Augen. Augen, die das Besondere in seiner Umgebung aufsaugten. Und besonders das, was er selbst nicht wagen konnte.

***

Die Sonnenstrahlen fielen durch die kahlen Äste der Bäume und tauchten den Boden in Licht und Schatten. Am nächsten Mittag stand Severin am Rand des Weges, die Kamera fest in der Hand, das Objektiv auf den Chinesischen Turm gerichtet. Die Kaltblutpferde vor der Kutsche warteten geduldig, schnaubten und schüttelten ihre Mähnen, als in der Ferne ein Hund bellte.