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Seit dem Tod seiner Frau lebt der Historiker David Bregar nur noch für seine Arbeit. Von seinen Mitmenschen zieht er sich so weit wie möglich zurück, denn mit seinem Schmerz möchte er lieber allein sein.
Auf der Suche nach einem alten Bergwerk aus dem sechzehnten Jahrhundert begibt er sich in das herbstliche Zillertal. Dort mietet er sich im Berghotel ein, das sich als Ausgangspunkt für seine Expeditionen wunderbar eignet.
Trotz eines gespenstischen Unwetters macht sich David am Abend mit seinem Wagen auf den Weg ins Dorf. Während der heftige Regen auf die Windschutzscheibe prasselt, tritt von rechts plötzlich eine weiße Gestalt auf die Fahrbahn. Instinktiv tritt der Historiker auf die Bremse.
Als er aussteigt, erkennt er, wen er da beinahe umgefahren hätte: Es ist eine wunderschöne, aber bis auf die Haut durchnässte junge Frau in einem Brautkleid. Sie scheint mutterseelenallein unterwegs zu sein, Gepäck hat sie auch keines bei sich.
"Was tun Sie hier? Wie ist Ihr Name?", fragt David die erschrockene Frau. Mit großen Augen schaut sie ihn an. "Ich ... ich weiß es net", erklärt sie ihm stockend ...
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Impressum
Die einsamste Braut des Zillertals
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: iStockphoto / andriikobryn
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-3693-1
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Die einsamste Braut des Zillertals
Den Bewohnern von St. Christoph war die schöne Frau ein Rätsel
Von Verena Kufsteiner
Seit dem Tod seiner Frau lebt der Historiker David Bregar nur noch für seine Arbeit. Von seinen Mitmenschen zieht er sich so weit wie möglich zurück, denn mit seinem Schmerz möchte er lieber allein sein.
Auf der Suche nach einem alten Bergwerk aus dem sechzehnten Jahrhundert begibt er sich in das herbstliche Zillertal. Dort mietet er sich im Berghotel ein, das sich als Ausgangspunkt für seine Expeditionen wunderbar eignet.
Trotz eines gespenstischen Unwetters macht sich David am Abend mit seinem Wagen auf den Weg ins Dorf. Während der heftige Regen auf die Windschutzscheibe prasselt, tritt von rechts plötzlich eine weiße Gestalt auf die Fahrbahn. Instinktiv tritt der Historiker auf die Bremse.
Als er aussteigt, erkennt er, wen er da beinahe umgefahren hätte: Es ist eine wunderschöne, aber bis auf die Haut durchnässte junge Frau in einem Brautkleid. Sie scheint mutterseelenallein unterwegs zu sein, Gepäck hat sie auch keines bei sich.
»Was tun Sie hier? Wie ist Ihr Name?«, fragt David die erschrockene Frau. Mit großen Augen schaut sie ihn an. »Ich … ich weiß es net«, erklärt sie ihm stockend …
Sapperlot! Auch das noch!
Andreas Kastler stürmte mit langen Schritten um sein Hotel herum und zog unwillkürlich den Kopf ein, als vor ihm ein Blitz senkrecht zu Boden fuhr und die Umgebung in grelles Licht tauchte. Seine Nackenhärchen richteten sich auf. Mit einem Mal schien die Zeit stillzustehen. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart verschmolzen zu diesem einen Augenblick.
Der Hotelier hielt den Atem an, bis das Grollen einsetzte. Es kündigte sich nicht sanft an, sondern dröhnte in den Ohren, dass er unwillkürlich noch schneller lief. Der Sturm zerrte an seinem Hemd und machte ihm das Atmen schwer.
Die ersten Tropfen fielen. Dick und schwer prasselten sie auf ihn herab.
Der nächste Blitz!
Diesmal zählte er unwillkürlich mit.
Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Dreiund …
Der jäh einsetzende Donner schien ihm unter die Haut zu dringen und sein Innerstes in Schwingungen zu versetzen. Sein Herz machte einen spontanen Satz.
Das Gewitter war keinen Kilometer mehr entfernt!
Andreas Kastler atmete auf, als er endlich die Eingangstür des Hotels erreichte, die von Keramiktöpfen mit üppig blühenden Astern flankiert wurde.
Wie klein war der Mensch angesichts der Urgewalt der Natur!
Er drehte sich noch einmal um. Der Himmel, der am Nachmittag noch zartblau gewesen war, wölbte sich nun in einem bedrohlich-dunklen Purpur über dem Zillertal. Die Berge, die eben noch das Tal gesäumt hatten, waren nun hinter einer Nebelwand verschwunden, die rasch näher kam. Die ersten Hagelkörner mischten sich in den Regen.
Das war knapp, stellte der Hotelier bei sich fest. Wie gut, dass ich noch schnell Hedis geliebte Blumentöpfe auf der Terrasse gesichert habe. Der Hagel würde den Pflanzen schlecht bekommen. Lange können wir sie ohnehin nimmer draußen lassen. Bald wird es die ersten Nachtfröste geben, dann müssen sie herein.
Er atmete auf, als sich die Glastüren hinter ihm schlossen und er wieder in der warmen und trockenen Lobby war. Die Halle war mit Zirbenholz eingerichtet – vom Tresen bis zur Kaminumrandung war alles aus dem duftenden Holz gefertigt.
Ein Strauß Herbstblumen begrüßte neue Gäste auf dem Empfangspult, und im Kamin knisterte ein behagliches Feuer. Davor stand eine Sitzgruppe, auf der einige Hotelgäste Platz genommen hatten und Postkarten schrieben oder in der Tiroler Tageszeitung blätterten.
Vor einigen Gästen standen Becher mit heißem Tee. Ein Paar beugte sich gerade über eine Wanderkarte und plante wohl seine nächste Tour. Niemand schien sich an dem Gewitter zu stören.
Warum auch?, dachte Andreas Kastler. Hier sind wir sicher. Das Schlimmste, das uns droht, ist höchstens wieder ein Stromausfall, aber darauf sind wir zum Glück auch vorbereitet.
Draußen tobte das Unwetter inzwischen mit voller Macht. Dabei hatten die Meteorologen einen milden Herbstabend versprochen.
Morgen müsste das Wetter besser werden, sann Andreas Kastler, aber für heute sieht es düster aus. Diese Wetterfrösche sind auch net genauer als Hedis Zipperlein.
Der Hotelier betrieb das Sporthotel »Am Sonnenhang« gemeinsam mit seiner Frau. Sie taten alles, damit ihre Gäste einen erholsamen Aufenthalt genießen konnten. Das Hotel stand auf einer Anhöhe über St. Christoph und bot bei schönem Wetter einen herrlichen Ausblick auf die Gipfel. Das Dorf lag in einem hohen Seitenarm des Zillertals ein wenig versteckt. Wer den Weg hierher nicht kannte, fand selten zufällig her.
Der Herbst hatte die Hänge rings um das Dorf bunt gefärbt. Die Wiesen waren gemäht und für den Winter vorbereitet, und das Vieh war im sicheren Stall untergebracht. Noch ein paar Wochen, dann konnte der erste Schnee kommen …
»Mistwetter, elendes!« Das Knurren kam aus der Kehle eines Mannes, der soeben in die Hotelhalle stürmte und dabei eine Spur aus feuchten Fußabdrücken hinterließ. Er trat zielstrebig an den Empfangstresen und stellte eine Reisetasche, einen Rucksack sowie einen Rollkoffer neben sich ab.
Seine Hosenbeine waren feucht, und Regenwasser tropfte von der Kapuze seiner grünen Wetterjacke. Als er sie von seinem Kopf schob, wurde ein ernstes Gesicht sichtbar, das von dunklen, leicht zerzausten Haaren umgeben wurde. Braune Augen blickten freundlich, aber auch eine Spur prüfend hinter einer Brille mit grünem Rand.
Rasch nahm Andreas Kastler seinen Posten hinter dem Tresen ein.
»Grüß Gott. Was bringen Sie uns denn für Wetter mit?«
»Ein Unwetter«, schnaufte sein Gegenüber. »Ausgerechnet jetzt parkt ein weißer Lieferwagen die Auffahrt zum Hotel zu, sodass ich unten stehen bleiben und den ganzen Weg mit dem Gepäck im Regen zurücklegen musste!«
»Ein weißer Lieferwagen?«
»Mit der Aufschrift des Hotels.«
»Ach, herrje. Einen Augenblick, bitte.« Andreas Kastler wandte sich zum Büro um. Die Tür war nur angelehnt. Er zog sie ganz auf und warf einen Blick zu seiner Frau, die hinter dem Computer saß. »Hast du den Wagen vorhin nach dem Einkaufen net in die Garage gestellt, Schatzerl?«
»Ich …« Sie schlug sich eine Hand vor die Brust. »Mei, das habe ich vergessen. Ich hole es gleich nach.« Sie sprang auf und drängte sich an ihm vorbei, ehe er sie aufhalten und ihr anbieten konnte, es selbst zu tun.
Andreas Kastler kehrte zu seinem neuen Gast zurück.
»Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeit. Die Auffahrt wird gleich frei sein.«
»Noch einmal mache ich den Weg bei diesem Regen net. Mein Auto mag bis morgen unten im Dorf stehen.«
»Das verstehe ich. Es ist wirklich kein Wetter für einen Spaziergang.«
»Wem sagen Sie das?« Der Neuankömmling öffnete den Reißverschluss seiner Wetterjacke. Darunter kam ein grüner Pullover zum Vorschein. »Ich habe vorab telefonisch ein Zimmer reserviert. Mein Name ist David Bregar.«
»Herr Bregar.« Andreas Kastler warf einen Blick auf seinen Computerbildschirm und nickte dann. »Richtig, da habe ich Sie ja gefunden. Wir haben Zimmer achtundzwanzig für Sie vorgesehen. Das ist in der oberen Etage. Sobald sich das Wetter bessert, werden Sie von dort einen schönen Ausblick auf das Tal haben.«
»Das hört sich gut an. Allerdings habe ich net vor, mich viel in meinem Quartier aufzuhalten.«
»Möchten Sie die Gegend erkunden?«
»Sozusagen. Ich bin Historiker und möchte in der Umgebung von St. Christoph nach einem mittelalterlichen Bergwerk suchen. Ich habe Hinweise gefunden, denen ich nachgehen will.«
»Das hört sich spannend an. Sie sollten einmal mit dem Eichinger-Sepp sprechen. Er war früher Bergführer und kennt sich in der Gegend aus wie kein Zweiter. Vielleicht kann er Ihnen ein paar Tipps für Ihre Suche geben.«
»Das wäre schön. Wo finde ich den Mann denn?«
»Er wohnt in einer Hütte am Hexenstein. Folgen Sie einfach dem Pfad, der hinter dem Hotel beginnt und bergauf führt, dann können Sie seine Hütte gar net verfehlen. Seien Sie aber vorsichtig mit seinem Selbstgebrannten. Das Zeug kann Löcher in Steine brennen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»In der Tat. Ich werde Ihren Rat beherzigen.« Ein kurzes Lächeln erhellte die ernsten Züge des Mannes, hielt sich jedoch nicht lange. Das Leid hatte bereits Linien in sein Gesicht gegraben. Was mochte ihm wiederfahren sein?
Andreas Kastler überreichte ihm seinen Zimmerschlüssel und erklärte ihm, wo er das Restaurant fand und ab wann morgens das Frühstück serviert wurde.
»Im Keller befindet sich ein Schwimmbad mit einem großen Wellnessbereich. Falls Sie sich nach der langen Anreise aufwärmen wollen, sind Sie dort genau richtig.«
»Vielen Dank, aber ich glaube, Wasser hatte ich heute genug«, entgegnete sein Gast und strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Das verstehe ich. Morgen veranstalten wir übrigens einen Tanzabend im Hotel. Die ›Hexensteiner‹ werden aufspielen. Eine Band aus vier jungen Bauern.«
»Das ist nix für mich. Ich bin zum Arbeiten hier.«
»Gehört net ein bisserl Vergnügen dazu?«
»Net für mich.« Die Erwiderung fiel heftiger aus als erwartet, was den Hotelier wunderte. Er beschloss, nicht nachzuhaken, denn er hatte das Gefühl, an eine offene Wunde gerührt zu haben. Welcher Art diese war, wusste er jedoch nicht. Sein Gast nahm den Zimmerschlüssel an sich und steuerte mit seinem Gepäck den Fahrstuhl an.
Andreas Kastler wandte sich wieder seiner Arbeit zu und schaute gerade nach neu eingetroffenen Anfragen für Zimmerbuchungen, als seine Frau zurückkam. Hedi streifte sich den Regenmantel von den Schultern. Darunter kam ihr reizendes Dirndl zum Vorschein, das ihr gut zu den blonden Haaren stand. Regenwasser glitzerte in ihren Wimpern.
»Ist die Auffahrt wieder frei, Schatzerl?«
»Ist sie. Tut mir leid, dass ich sie zugeparkt hatte.«
»Frauen und Autos«, neckte er und fing sich prompt einen strafenden Blick ein. »Nix für ungut, Hedi.« Er zog sie an sich und gab ihr ein Busserl. Sie versteifte sich und grollte ihm noch kurz, aber dann schmiegte sie sich an ihn und erwiderte den Kuss liebevoll. Sein Herz wurde weit. Was wäre er nur ohne seine Hedi?
Als sie sich wieder voneinander lösten, zerschnitt draußen gerade der nächste Blitz den dunklen Himmel. Hagelkörner prasselten gegen die Fensterscheiben und ließen den Hotelchef um die Autos seiner Gäste bangen, die auf dem Parkplatz standen. Hoffentlich bekamen die bei dem Hagel keine Beulen!
Er schaltete das Radio an und vernahm prompt eine Unwetterwarnung aus dem Lautsprecher. Sogar von Erdrutschen wurde gesprochen! Unwillkürlich erschauerte er.
Da kam noch etwas auf sie zu!
***
Mannomann, ich schleppe mehr Kram mit mir herum als bei einer Polarexpedition.
Ungläubig betrachtete David die zahlreichen Ausrüstungsgegenstände, die in seinem Hotelzimmer verstreut waren: ein Laptop, Grubenhelm, Grubenlampe, Einsatzmesser, Seile und Karten, GPS-Empfänger, Garderobe und zahlreiche Bücher und Akten. Sein halbes Büro hatte er dabei. Zum Glück bot die Suite genügend Platz für seine Sachen.
Es gab einen Schreibtisch, eine Lese-Ecke und ein Bett, das breit genug für zwei war. Sein einzelner Schlafanzug wirkte darauf ziemlich spärlich. Der Anblick gab ihm einen Stich. Früher hätte Eva hier mit ihm gewohnt, aber seit dem Unfall war alles anders. Er war wieder allein …
Net daran denken, ermahnte er sich selbst und richtete seine Konzentration darauf, sich häuslich einzurichten. Er mochte es ordentlich – am liebsten so, dass er selbst im Dunkeln mit einem Griff erreichen konnte, was er suchte. Er war ein Pedant, aber daran ließ sich nun wohl nichts mehr ändern. Das wollte er auch gar nicht.
Er stapelte seine Hemden und die Unterwäsche fein säuberlich im Schrank und reihte seine Rasiersachen im angrenzenden Badezimmer auf dem Spiegelschrank auf. Deodorant, Duschbad … Alles bekam seinen festen Platz.
David warf einen kurzen Blick aus dem Fenster.
Draußen schüttete es, als hätte der Himmel alle Schleusen geöffnet. Das Wetter war absolut ungeeignet für einen ersten Erkundungsgang in der Umgebung.
Zu schade. Unter seiner Haut kribbelte erwartungsvolle Unruhe. Er hätte zu gern damit begonnen, die Landschaft nach Hinweisen auf das verschollene Bergwerk abzusuchen. Ein Stollen aus dem sechzehnten oder gar fünfzehnten Jahrhundert wäre eine Fundgrube für Informationen über das Leben der damaligen Zeit – und ein Geschenk des Himmels für seine Doktorarbeit, die ins Stocken gekommen war.
Es drängte ihn, mit der Suche zu beginnen, aber bei diesem Wetter und der Dunkelheit war das unmöglich. Im Freien fand man kaum die eigene Hand vor der Nase – geschweige denn ein verschollenes Bergwerk aus dem Mittelalter. Nein, er würde sich bis zum nächsten Tag gedulden müssen. Hoffentlich besserte sich das Wetter bis dahin!
David hatte in einer alten Chronik Hinweise auf die Zeche gefunden. Die Zeichnungen auf der beigefügten Karte waren mit den Jahren verblasst, aber wenn er sie recht gedeutet hatte, musste sich die alte Silbermine irgendwo hier in der Nähe befinden.
Tirol war vor langer Zeit als ein mit Naturschätzen reich beschenktes Land bekannt gewesen. Mit dem Niedergang des Bergbaus ab dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts hatte auch die Tiroler Wirtschaft einen herben Schlag abbekommen, den die Landwirtschaft kaum auffangen konnte. So viel wusste David von seinen Forschungen. Nun stand er kurz davor, eine alte Mine mit eigenen Augen zu sehen.
Sein Mobiltelefon stieß einen einzelnen Piepton aus. Er hatte eine Kurzmitteilung erhalten und rief sie auf.
Bist du gut angekommen? Vermisse schon jetzt unsere gemeinsamen Mittagessen. Vergiss dein Geleucht nicht und komm gesund wieder! XXX Laura
David runzelte die Stirn. Wofür standen die drei X? Waren sie ein Tippfehler? Oder irgendein Kürzel, das er nicht verstand? Mit moderner Kommunikation kannte er sich nicht aus. Sein Fachgebiet war die Geschichte. Ihn fesselten alte Bücher und Karten. Moderne Technik war für ihn nur ein notwendiges Übel, mit dem er mit seiner Umwelt kommunizierte oder sich auf dem Laufenden hielt.
Laura war seine Kollegin von der Universität. Sie gingen hin und wieder zusammen zum Mittagessen in die Mensa. Meistens musste Laura ihn daran erinnern, dass er etwas zu sich nehmen sollte, und so ergaben sich ihre gemeinsamen Mahlzeiten.
Er forcierte das nicht. Laura ließ hin und wieder durchblicken, dass sie auch einer abendlichen Verabredung nicht abgeneigt wäre, aber das kam für ihn nicht infrage. Das wäre ihm vorgekommen wie ein Betrug an Eva.
Seine Frau war vor zwei Jahren mit dem Auto verunglückt. Ein LKW-Fahrer war am Steuer eingeschlafen und hatte ihren Wagen gerammt. Sie hatte keine Chance gehabt. Damals war auch ein Teil von ihm selbst gestorben. Vielleicht der Wichtigste.
Das Leid hatte ihn bitter und verschlossen gemacht. Er lebte nur für seine Arbeit. Eine neue Beziehung kam für ihn nicht infrage. Seine Eltern hielten ihm häufig vor, dass er mit gerade dreißig Jahren zu jung für ein Leben als Einsiedler sei und noch eine Familie haben könnte, aber Eva war alles für ihn gewesen. Er konnte sich nicht vorstellen, sie zu ersetzen.
