Das Berghotel 125 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 125 E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Als Hedi Kastler den sympathischen Naturfotografen Julian als Gast im Berghotel begrüßt, erzählt ihr dieser, dass er sich während seines Urlaubs im Zillertal auf die Suche nach besonders lohnenden Fotomotiven machen will. Spontan bietet die Hotelchefin ihm an, ihn auf einer seiner Touren zu begleiten, um ihm einige besonders spektakuläre Plätze zu zeigen. Julian nimmt dieses großzügige Angebot begeistert an.

Als sich die beiden am Tag darauf gemeinsam auf den Weg machen und Hedi ihren Gast gerade zu einem besonders schönen Platz führen möchte, stutzt sie plötzlich: Was war denn das gerade für ein Geräusch? Da ... schon wieder! Das klingt doch wie das Weinen eines Kindes!

Die beiden folgen dem Schluchzen und finden in einer Scheune ein kleines Madel, das verängstigt und verloren scheint. Natürlich nehmen sie das Kind mit zum Berghotel, von wo aus sie sich auf die Suche nach den Eltern der Kleinen machen.

Schließlich tauchen Mias Eltern im Berghotel auf, und Hedi wird schnell klar, dass das Madel einen guten Grund hatte, fortzulaufen ...

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Cover

Impressum

Mia, die kleine Ausreißerin

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: iStockphoto / 4FR

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-3694-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.

Mia, die kleine Ausreißerin

In einer Scheune fand Hedi Kastler das traurige Kind

Von Verena Kufsteiner

Als Hedi Kastler den sympathischen Naturfotografen Julian als Gast im Berghotel begrüßt, erzählt ihr dieser, dass er sich während seines Urlaubs im Zillertal auf die Suche nach besonders lohnenden Fotomotiven machen will. Spontan bietet ihm die Hotelchefin an, ihn auf einer seiner Touren zu begleiten, um ihm einige besonders spektakuläre Plätze zu zeigen. Julian nimmt dieses großzügige Angebot begeistert an.

Als sich die beiden am Tag darauf gemeinsam auf den Weg machen und Hedi ihren Gast gerade zu einem besonders schönen Platz führen möchte, stutzt sie plötzlich: Was war denn das gerade für ein Geräusch? Da … schon wieder! Das klingt doch wie das Weinen eines Kindes!

Die beiden folgen dem Schluchzen und finden in einer Scheune ein kleines Madel, das verängstigt und verloren scheint. Natürlich nehmen sie das Kind mit zum Berghotel, von wo aus sie sich auf die Suche nach den Eltern der Kleinen machen.

Schließlich tauchen Mias Eltern im Berghotel auf, und Hedi wird schnell klar, dass das Madel einen guten Grund hatte, fortzulaufen …

Die Sonne schien Lotta auf den Rücken, als sie in ihrem Garten arbeitete. Die üppig blühenden Rosen, die sie umgaben, verströmten einen intensiven, süßen Duft. Lotta strich sich eine brünette Haarsträhne aus der Stirn, die aus ihrem Flechtzopf gerutscht war, und lächelte zufrieden, bevor sie wieder zur Gartenschere griff und sich den Blumen widmete.

Sie genoss es, sich hier draußen aufzuhalten. Im Garten hatte sie sich ihr eigenes kleines Paradies geschaffen, in dem sie sich wohlfühlte. Hier fand sie in jeder Lebenslage Ruhe und Frieden – und auch Trost, wenn sie welchen nötig hatte.

»Daisy, was machst du denn da?«, fragte sie lachend.

Das kleine braun-weiß gefleckte Hündchen leistete ihr Gesellschaft, hüpfte lebhaft um sie herum und beobachtete neugierig jeden ihrer Handgriffe. Als der Spaniel-Welpe im Gemüsebeet zu scharren begann, musste sich Lotta ein Schmunzeln verkneifen. Tadelnd schnalzte sie mit der Zunge.

»Du Frechdachs! Husch husch, raus aus den Karotten. Na los, lauf zu deinem kleinen Frauchen!«

Daisy blickte sie verständnislos an und legte das Köpfchen schief. Die großen dunklen Augen sahen treuherzig drein. Erst, als Lotta auffordernd in die Richtung ihrer Tochter deutete, begriff das Hündchen, was es tun sollte, und rannte mit flatternden Ohren und wedelnder Rute zu Mia.

Das kleine Madel saß im Schatten unter der Gartenlaube und malte ein Bild. Seine Beine waren zu kurz, um den Boden zu erreichen, also baumelten die Füße in der Luft. Vor Konzentration streckte es die Zungenspitze heraus, während es den Pinsel schwang. Als Daisy an ihm hochsprang, jauchzte es vor Freude und streichelte den jungen Hund.

»Mami, schau einmal her, was ich Schönes gemalt hab!«, rief das Madel Lotta zu und wedelte aufgeregt mit seinem Blatt Papier.

Lotta lächelte, zog sich die schmutzigen Gartenhandschuhe aus und ging leichtfüßig über den Natursteinpfad zu ihrer Tochter. Sie legte ihr von hinten die Hände auf die Schultern, gab ihr einen Kuss auf das feine blonde Haar und beugte sich dann vor, um das Bild ansehen zu können.

»Das ist aber hübsch geworden«, sagte sie. »Sind das wir beide?«

Eifrig nickte Mia.

»Ja, freilich! Ich hab unser Haus und die ganze Familie gemalt!«

Lotta betrachtete das hübsche gelbe Haus mit dem roten Dach, das tatsächlich ein wenig Ähnlichkeit mit ihrem Zuhause aufwies. Ringsumher prangten bunte Blumen auf einer leuchtendgrünen Wiese. Neben dem Haus standen eine brünette Frau, ein blondes Madel mit zwei Zöpfen und ein gefleckter Hund: Lotta, Mia und Daisy. Nur einer fehlte, um die Familie komplett zu machen: Peter.

»Aber wo ist denn der Papa?«, fragte Lotta erstaunt. »Hast du den etwa vergessen?«

»Aber nein.« Lotta schüttelte den Kopf, dass ihre Haare nur so flogen. »Der ist freilich bei der Arbeit!«

Das Madel drehte das Blatt um, sodass man die Rückseite sah. Darauf hatte sie Peter gemalt, der seinen Aktenkoffer in der einen Hand und einen Telefonhörer in der anderen Hand hielt und augenscheinlich sehr beschäftigt war.

Der Anblick versetzte Lotta einen Stich. Ihr kleines Madel hatte den Familienalltag in der Tat treffend dargestellt: Peter war schrecklich selten zu Hause und verbrachte kaum Zeit mit seiner Frau und seiner Tochter. Die Zeichnung führte Lotta deutlich vor Augen, dass auch Mia das so sah.

Lotta tat natürlich ihr Bestes, damit es dem Madel an nichts fehlte, aber Mia war schließlich nicht blind. Freilich merkte sie, dass ihr Papa viel weniger Zeit zu Hause mit der Familie verbrachte als die meisten anderen Väter.

Lotta seufzte bedrückt, wandte den Blick von der Zeichnung ab und richtete sich wieder auf. Ihr fiel auf, dass die Sonne bereits tief am Himmel stand und lange Schatten warf. Bei der Gartenarbeit war die Zeit so verflogen, dass sie gar nicht gemerkt hatte, wie spät es geworden war. Nicht mehr lange, und der Abend würde hereinbrechen.

»Höchste Zeit, hineinzugehen und etwas Feines zu kochen«, sagte sie. »Mauserl, willst du noch ein bisserl allein draußen bleiben und weitermalen, oder kommst du mit hinein ins Haus?«

Das Madel sprang auf.

»Ich helf dir, Mami«, zwitscherte sie fröhlich und lief voraus, während Daisy aufgeregt kläffend um sie herumsprang. Lotta folgte ihr etwas langsamer und nahm die Malsachen – Farben, Wasserbecher, Pinsel und Papier – mit ins Haus.

Liebevoll bereitete sie einen Nudelauflauf mit Thunfisch zu, während Mia mit Daisy spielte und zwischendurch versuchte, sich nützlich zu machen. Es dauerte nicht allzu lange, dann konnte sie den duftenden, käseüberbackenen Auflauf aus dem Ofen holen. Alles war bereit für das Abendessen – nur Peter war noch nicht da.

Seufzend warf sie einen Blick zur Wanduhr. So wie es aussah, verspätete er sich schon wieder. Ob sie mit dem Essen auf ihn warten sollten? Ein paar Minuten lang stand sie unschlüssig da und blickte durch das Küchenfenster, hinter dem es bereits dunkel wurde, zur Einfahrt, in der Hoffnung, sein Auto zu erblicken. Dann griff sie nach dem Telefon und wählte seine Nummer.

»Lotta! Grüß dich. Du, es wird heut später«, sagte er gehetzt, noch bevor sie sich überhaupt melden konnte. »Wartet net auf mich. Ich muss Überstunden machen. Keine Ahnung, wie lang es dauert.«

Sie wollte etwas erwidern, doch das Knacken in der Leitung verriet, dass er bereits aufgelegt hatte. Traurig schüttelte sie den Kopf. Für ihren Geschmack kam es viel zu häufig vor, dass sie und ihr Mann die Abende getrennt verbrachten. Während sie ihn vermisste, verschwendete er vermutlich kaum einen Gedanken an sie.

Er liebte seine Arbeit und ging ganz darin auf. So war er immer schon gewesen, seit sie ihn kannte: Sein Ehrgeiz trieb ihn immer weiter an und ließ ihn oft alles andere vergessen.

»Du, Mama? Bist du traurig?« Forschend sah Mia zu ihr hoch. Die Stirn des Madels war sorgenvoll gerunzelt.

Sofort zwang Lotta sich zu einem Lächeln. Ihre kleine Tochter sollte nicht darunter leiden, dass Peter spät nach Hause kam. Der Abend sollte trotz allem so unbeschwert wie möglich verlaufen.

»Aber nein, alles ist gut«, sagte sie mit gespielter Fröhlichkeit. »Der Papa kommt später, aber wir essen einfach jetzt schon. Papas Portion stell ich gleich in den Kühlschrank, die kann er sich später aufwärmen, wenn er noch Hunger hat. Und wir machen uns einfach einen schönen Abend zu zweit!«

»Zu dritt«, widersprach Mia. »Die liebe Daisy ist ja auch noch da!«

»Freilich, da hast du recht, das Hunderl ist auch mit von der Partie«, erwiderte Lotta schmunzelnd. »Wir verbringen den Abend zu dritt: du, ich und die Daisy.«

Gemeinsam verputzten sie den Auflauf. Lotta gab sich große Mühe, sich ganz normal zu verhalten, und sich nicht anmerken zu lassen, dass sie auf Peter wartete. Nur wenn Mia abgelenkt war, blickte sie verstohlen zur Uhr und fragte sich, wann er heute wohl heimkommen würde. Doch obwohl sie versuchte, den Abend so harmonisch wie möglich ablaufen zu lassen, merkte sie, dass Mia bedrückt war.

»Du, Mami? Hat mich der Papa denn gar net lieb?«, fragte die Kleine unvermittelt, als sie bereits im Bett lag und Lotta ein Märchenbuch aufschlug, um ihr noch einige Seiten vorzulesen.

Lotta schnappte nach Luft. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht.

»Aber Mauserl! Wie kommst du denn darauf?«, stieß sie bestürzt hervor.

Mia biss sich auf die Unterlippe und schien nachzudenken.

»Weil er immer so viel weg ist«, sagte sie dann leise. »Die Papas von all meinen Freunden sind viel mehr daheim. Die unternehmen am Abend oder am Wochenende oft was gemeinsam. Die Paula war zum Beispiel gestern mit ihrer Mama und ihrem Papa im Zoo! Aber mein Papa arbeitet ja immer nur.«

Einen schrecklichen Moment lang war Lotta sprachlos. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte. Die direkte Frage überforderte sie. Dann jedoch legte sie sanft ihre Hände um die rosigen Wangen ihrer Tochter.

»Jetzt hör mir genau zu, mein Liebling. Dein Papa und ich, wir lieben dich über alles. Weißt du, der Papa hat einfach nur sehr viel zu tun. Sicherlich wär er jetzt gerade auch gern zu Hause, aber er kann net. Und weil der Papa so wenig Zeit hat, unternehm ich dafür viel mit dir, gell? Im Zoo waren wir auch vorletzte Woche, weißt du noch?«

Mia nickte zögerlich.

»Ja«, antwortete sie und ließ das Thema zu Lottas Erleichterung auf sich beruhen. Doch Lotta wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Tochter trotzdem immer noch betrübt war.

***

Als Mia schlief, machte Lotta es sich mit einem Buch im Wohnzimmer bequem. Sie hielt es jedoch nicht lang auf dem Sofa aus, sondern sprang bald wieder auf und tigerte unruhig im Zimmer hin und her. Vor dem Regal, in dem sie und Peter ihre Fotoalben aufbewahrten, hielt sie an. Ohne so recht zu wissen, wonach sie suchte, zog sie ein paar Alben aus dem Regalfach und ließ sich damit wieder auf die Couch fallen.

Langsam blätterte sie durch die Seiten und sah sich die alten Fotos an. Dabei sanken ihre Mundwinkel hinab; das künstliche Lächeln, das sie Mia zuliebe aufgesetzt hatte, verblasste nun. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle.

Daisy kam herangelaufen, kratzte an ihrem Bein und winselte leise. Seufzend sah Lotta das Hündchen an.

»Daisy, hab ich der Mia die Wahrheit gesagt? Oder hab ich sie angeschwindelt?«, murmelte sie, mehr an sich selbst als an den Welpen gerichtet.

Daisy legte den Kopf schief und blickte sie aus großen Augen an, so als hätte sie jedes Wort verstanden. Gedankenverloren streichelte Lotta über das seidige Fell des Hündchens.

Mias Frage hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Wie schlimm musste es für das kleine Madel sein, sich vom Vater ungeliebt zu fühlen! Und die traurige Wahrheit war, dass Mia damit vielleicht nicht ganz unrecht hatte.

Innerlich krümmte sich Lotta bei diesem Gedanken. Sie wollte es sich selbst nicht eingestehen, und nie im Leben hätte sie es ihrer Tochter sagen können, doch seine Familie schien Peter nicht sonderlich wichtig zu sein.

Traurig seufzte sie, als sie ein altes Foto von sich und ihrem Mann entdeckte. Es war das erste gemeinsame Bild von ihnen beiden. Wie jung und unbedarft sie beide darauf aussahen!

Das Foto war auf einem Tanzball ihrer damaligen Tanzschule entstanden. Damals hatten sie sich kennengelernt und den gesamten Abend miteinander getanzt und gelacht. Auf Anhieb hatte sie sich zu dem feschen, charismatischen Peter hingezogen gefühlt. Auf dem Bild strahlte sie über das ganze Gesicht, und er grinste breit.

Schon damals hatte er diesen verwegenen Zug um den Mund gehabt, der ihn anziehend und interessant wirken ließ.

Lotta wusste jetzt noch, wie sehr ihr Peters Interesse geschmeichelt hatte. Bis über beide Ohren hatte sie sich in ihn verguckt, und ihm war es nicht anders ergangen. Sie hatten sich von ihren Gefühlen mitreißen lassen, ohne sich Gedanken über die Zukunft zu machen.

Und nun? Nun war alles anders. Sie waren seit Jahren verheiratet und hatten ein Kind, und dennoch hatte Lotta das Gefühl, dass er sich immer weiter von ihr entfernte. Es war ihr, als wollte er insgeheim gar nicht mit ihr verheiratet sein – und als betrachtete er seine Familie als eine Art Pflicht, die ihn daran hinderte, sich mit voller Hingabe seiner Karriere und seinen vielen Hobbys zu widmen.

Bereute er es, so jung geheiratet und eine Familie gegründet zu haben? Haderte er manchmal mit seinem Schicksal? Sehnte er sich nach seinem ungebundenen Leben als Junggeselle zurück?

Sie wusste es nicht genau, sie hatte ihn nie darauf angesprochen, weil sie Angst vor der Antwort hatte. Doch tief in ihrem Herzen glaubte sie daran, dass er die Sache so sah. Alles andere auf der Welt schien ihm wichtiger zu sein als sie und Mia.

Mit den Fingerspitzen strich sie sachte über sein Foto. Der fesche junge Mann, der so frech in die Kamera grinste, erschien ihr wie ein Fremder, obwohl er doch seit Jahren der Mann an ihrer Seite war.

»Dabei tu ich doch alles, oder etwa net?«, flüsterte sie traurig. »Mach ich denn nicht alles, um eine ideale Ehefrau zu sein?«

Sie gab ihr Bestes, um die Familie zusammenzuhalten und ihrem Mann alles recht zu machen. Doch ihre Bemühungen waren an ihn verschwendet, er schien sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Was sie auch sagte oder tat – sie spielte ja doch nur die zweite Geige.

Einen Moment lang starrte sie sein Bild noch unverwandt an, dann schlug sie das Fotoalbum so abrupt zu, dass Daisy, die sich gerade zu ihren Füßen zusammengerollt hatte, erschrocken aufsprang und sich aufgeregt nach der Geräuschquelle umsah.

Energisch schob Lotta das Album ins Regal zurück und klatschte dann in die Hände, um den jungen Hund anzulocken.

»Na komm, Daisy, wir gehen noch fünf Minuten Gassi, bevor wir ins Bett gehen. Dein Herrchen kann zwar jeden Moment heimkommen – womöglich dauert’s aber auch noch länger, also wollen wir net warten, gell?«, sagte sie betont fröhlich. Doch nicht einmal das Hündchen schien ihr die aufgesetzte gute Laune abzunehmen.

***

Mit pochendem Herzen schreckte Lotta Stunden später im Bett hoch. Ein Geräusch hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Sie spitzte die Ohren und lauschte in die Dunkelheit. Ein Schlüssel wurde im Schloss herumgedreht, dann hörte sie leise Schritte aus dem Eingangsbereich: Peter war endlich heimgekommen.

Verschlafen streckte sie sich und kniff dann die Augen zusammen, um die leuchtenden Ziffern auf dem Wecker erkennen zu können. Sie schluckte, als sie feststellte, dass es bereits mitten in der Nacht war. Mit Überstunden hatte das nichts mehr zu tun, im Büro war Peter zu dieser Uhrzeit freilich nicht mehr gewesen.

Vermutlich war er nach der langen Arbeit noch ausgegangen. Das sähe ihm ähnlich: Es wirkte ja beinahe so, als ginge er ihr mit Absicht aus dem Weg, wo er nur konnte! Sie bekam ihn ja kaum mehr zu Gesicht, und er hatte offenbar kein Bedürfnis, etwas daran zu ändern. Ein schmerzhafter Kloß bildete sich in ihrer Kehle.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie lag wach und lauschte den Schritten ihres Mannes, als er durchs Haus ging und kurz im Bad verschwand. Schließlich öffnete sich leise die Schlafzimmertür, und Peter schlich auf Zehenspitzen herein, um sie nicht zu wecken.

Er schaltete das Licht im Schlafzimmer nicht ein, weil er denken musste, sie schliefe zu dieser Zeit bereits tief und fest – doch in dem wenigen Licht, das aus dem Flur hereinfiel, erkannte sie seinen Umriss.

»Da bist du ja«, sagte sie leise.

Er zuckte zusammen.

»Du bist ja noch wach. Hab ich dich geweckt? Das wollt ich net.«

Sie richtete sich im Bett auf und tastete nach ihrer Nachttischlampe.

»Macht nix«, murmelte sie seufzend. »Ich bin froh, dass ich dich heut zumindest noch ein bisserl zu Gesicht bekomm. Ich hab gehofft, noch wach zu sein, wenn du heimkommst. Aber dann war’s schon so spät, also bin ich ins Bett gegangen.«

»Jetzt wirst du leider auch net viel von mir haben«, meinte er schulterzuckend, während er sein Sakko über die Stuhllehne hängte. »Ich bin hundemüde und werd gleich einschlafen wie ein Stein.«

Als er sich über sie beugte, um ihr einen flüchtigen Kuss zu geben, merkte sie, dass er nach Alkohol und Zigarettenrauch roch.

»Du warst nach der Arbeit noch in einer Bar, gell?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort schon kannte.

Er verdrehte die Augen; die Frage nervte ihn.

»Ich wüsste net, dass das verboten ist. Ein bisserl Entspannung hab ich mir nach einem harten Arbeitstag wohl verdient.«

»Das sollte doch kein Vorwurf sein«, versicherte sie schnell – sie wollte sich nicht mit ihm zanken.

Er sah sie prüfend an, als wollte er sichergehen, dass sie ihm seine Abendgestaltung nicht übelnahm.