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Hedi Kastler klopft das Herz bis zum Hals. Im Nebel kann sie nicht viel erkennen, aber wenn sie sich nicht täuscht, dann liegt dort ein verunglückter Wagen im Mühlbach. Himmel, ist bei dem Unfall etwa jemand verletzt worden?
Doch im Inneren des Wagens ist keine Spur von irgendwelchen Insassen zu erkennen. Nur die gespenstisch aufleuchtenden Warnlichter beweisen, dass hier vor Kurzem noch jemand gewesen sein muss.
Wenig später ist die Fahrerin des Wagens gefunden, ein Gast bringt die leicht verletzte Frau ins Berghotel. Die Unbekannte spricht nicht, doch die Hotelchefin erkennt in den Augen der jungen Frau, dass sie einen großen Kummer mit sich herumträgt ...
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Impressum
Ein verzweifelter Gast im Berghotel
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: iStockphoto / Csondy
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-3910-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Ein verzweifelter Gast im Berghotel
Sie kam allein und sprach kein Wort
Von Verena Kufsteiner
Hedi Kastler klopft das Herz bis zum Hals. Im Nebel kann sie nicht viel erkennen, aber wenn sie sich nicht täuscht, dann liegt dort ein verunglückter Wagen im Mühlbach. Himmel, ist bei dem Unfall etwa jemand verletzt worden?
Doch im Inneren des Wagens ist keine Spur von irgendwelchen Insassen zu erkennen. Nur die gespenstisch aufleuchtenden Warnlichter beweisen, dass hier vor Kurzem noch jemand gewesen sein muss.
Wenig später ist die Fahrerin des Wagens gefunden, ein Gast bringt die leicht verletzte Frau ins Berghotel. Die Unbekannte spricht nicht, doch die Hotelchefin erkennt in den Augen der jungen Frau, dass sie einen großen Kummer mit sich herumträgt …
Der November überzog das Zillertal mit Eis und Schnee.
An den Rändern der Serpentinenstraße, die hinauf nach St. Christoph führte, türmte sich links und rechts der Schnee. Die Dächer der Bauernhöfe trugen dicke weiße Hauben, und die Bäume im nahen Forst ächzten unter der weißen Last.
Auf einer Anhöhe über dem Dorf stand das Sporthotel »Am Sonnenhang«. Bei schönem Wetter konnte man von hier aus weit über die Berge blicken, aber an diesem frühen Abend zog Nebel auf. Die nahen Gipfel des Rautensteins und des Achenkegels verschwanden dahinter, lediglich die Lichter der Kabinenbahn, die auf den Feldkopf führte, schimmerten durch den Nebel.
Während die Temperaturen im Freien unter dem Nullpunkt lagen, war es im Inneren des Hotels angenehm warm. In der Lobby knisterte ein munteres Feuer im Kamin, um den sich eine Sitzgruppe aus Leder scharte.
Am Empfang stand Hedi Kastler. Die Hotelchefin trug ein hellblaues Dirndl und beantwortete gerade die E-Mail mit der Buchungsanfrage eines Gastes. Doch sie konnte sich nicht recht auf die Aufgabe konzentrieren und spähte immer wieder über den Rand ihres Computers hinweg zur Eingangstür.
Die meisten Gäste, die an diesem Tag erwartet wurden, waren bereits eingetroffen und hielten sich in ihren Zimmern auf oder aßen im Hotelrestaurant zu Abend. Ein Urlauber fehlte jedoch noch: Der Thrillerautor Alexander Paschinger hatte ein Zimmer im Berghotel gebucht. Hedi hatte all seine Romane gelesen und war gespannt darauf, ihn persönlich kennenzulernen.
Als sich die verglaste Drehtür in Bewegung setzte, blickte Hedi gespannt auf. Es betrat jedoch nicht der Schriftsteller die Hotelhalle, sondern ihr Ehemann. Andreas schnaufte atemlos wie nach einer großen Anstrengung. Sein Gesicht war hochrot.
»Die Auffahrt ist wieder frei«, ächzte er. »Ich habe den Schnee weggeschippt. Schauen wir mal, wie lange es hält, bis uns der Neuschnee wieder bis zum Bauchnabel reicht.«
»Hat der Mechaniker unseren Schneepflug noch net repariert?«
»Ihm fehlt noch ein Ersatzteil. Bis das geliefert wird, muss ich von Hand schippen.«
»Du Ärmster. Dass die Maschine auch gerade jetzt den Geist aufgeben musste!« Hedi schenkte ihrem Mann ungefragt einen Becher Kaffee ein und reichte ihm das Getränk.
Er nahm einen Schluck. Dabei fiel sein Blick auf das Buch, das vor ihr auf dem Tresen lag.
»Was liest du denn da?«
»Einen Thriller. Darin geht es um eine Gruppe Studenten, die zusammen unbekannte Höhlen erforschen. Bei einer Tour durch ein unterirdisches Höhlensystem, das nur mit Tauchausrüstung zu erreichen ist, stoßen sie auf menschliche Überreste. Wenig später verschwinden die ersten Teilnehmer der Expedition spurlos. Irgendetwas geht dort unten vor sich. Ich weiß nur noch net, was es ist.«
»So etwas Unheimliches liest du? Hedi, mir graust vor dir!«
»Das Buch ist unglaublich spannend. Ich leihe es dir gern, wenn ich fertig bin.«
»Lieber net, danach würde ich garantiert kein Auge zubekommen. Ich muss nachts schlafen. Das solltest du übrigens auch mal probieren.« Er sah sie vielsagend an.
Hedi lächelte zerknirscht.
»Du hast ja recht. Letzte Nacht ist es spät geworden – dabei wollte ich nur noch ein einziges Kapitel lesen, aber plötzlich war es weit nach Mitternacht.«
Andreas warf einen prüfenden Blick auf das Buch.
»Jedenfalls scheint dieser Alexander Paschinger sein Handwerk zu verstehen, wenn er dich so lange wachhalten kann.«
»Ich hoffe, er schreibt mir eine Widmung in das Buch, deshalb habe ich es extra mit zur Arbeit gebracht. Er müsste jeden Augenblick anreisen.« Hedis Wangen glühten.
»Du bist einer seiner Fans. Ich glaube net, dass er dir ein Autogramm verweigern wird.« Ihr Mann stellte seinen Kaffeebecher auf dem Empfangstresen ab.
»Ich werde noch frisches Holz für den Kamin holen. Bei dieser Kälte muss man ständig nachlegen. Bin gleich wieder da.« Er wandte sich um und stapfte aus der Halle.
Hedi las ihre E-Mail mit der Buchungsbestätigung noch einmal durch, danach schickte sie die Nachricht ab.
Als sie wieder aufsah, betrat ein neuer Gast die Lobby – und bei seinem Anblick vollführte ihr Herz einen aufgeregten Salto: Der Neuankömmling war auffallend groß und von sportlicher Statur. Dunkle Haare rahmten sein markantes Gesicht ein, das von braunen Augen dominiert wurde. Der Mann blickte ernst, ja, beinahe finster drein. Er trug eine warm wattierte Wetterjacke und zog zwei Rollkoffer hinter sich her.
Hedi erkannte ihn augenblicklich von den Umschlagfotos in ihren Büchern wieder. Es war Alexander Paschinger! Auf den Fotos hatte er allerdings keinen so grimmigen Eindruck gemacht.
Er stellte sein Gepäck ab und trat an den Empfang.
»Grüß Gott.«
»Herzlich willkommen im Berghotel!« Hedi strich sich aufgeregt eine Haarsträhne aus der Stirn. »Hatten Sie eine gute Reise?«
»Durchaus. Ich habe ein Zimmer bei Ihnen reserviert. Auf den Namen Paschinger.«
»Natürlich. Ich habe Sie gleich erkannt. Ich kenne alle Ihre Bücher.«
»Aha.« Seine Miene verdüsterte sich, als wäre sie ihm soeben auf die Zehen getreten.
»Sie schreiben großartig. Die Seiten fliegen nur so vorbei und …«
»Ja, ja«, unterbrach er sie. »Wenn ich Sie um den Schlüssel bitten dürfte? Die Fahrt war lang, und ich möchte mein Zimmer beziehen.«
Hedi schluckte erschrocken.
»Natürlich.« Sie legte ihm den Anmeldebogen und einen Kugelschreiber hin. »Füllen Sie den bitte aus.«
Er beugte sich über das Papier und kritzelte alle erforderlichen Angaben hin. Die einzelnen Buchstaben waren so unleserlich, dass Hedi sich fragte, ob er seine eigene Handschrift lesen konnte.
»Sie haben das Zimmer Nummer dreihundertelf im dritten Stockwerk.« Sie bemühte sich, sein finsteres Gesicht zu ignorieren, und reichte ihm den Schlüssel zusammen mit einem Prospekt. »Hier drin finden Sie Tipps für Ausflüge in der näheren Umgebung sowie eine Übersichtskarte.«
»Brauche ich net«, wehrte er ab und legte die Broschüre zurück.
»Oh, nun … Wie Sie meinen. Sie können sich jederzeit an mich wenden, wenn Sie Fragen oder Wünsche haben. Unser Restaurant öffnet morgens um halb sieben für das Frühstück. Abendessen gibt es ab achtzehn Uhr.«
»Danke.« Er nickte ihr knapp zu, nahm sein Gepäck wieder auf und steuerte den Fahrstuhl an.
Wenig später schlossen sich die Lifttüren hinter ihm.
In Hedi breitete sich eine herbe Enttäuschung aus. So hatte sie sich die Begegnung mit ihrem Lieblingsschriftsteller nicht vorgestellt! Warum war er so abweisend gewesen? War es ihm unangenehm, dass sie ihn erkannt hatte? Oder gab es noch einen anderen Grund für seine schroffe Art?
»Ach, Hedi.« Ihr Mann stand mit einem Armvoll Feuerholz an der Eingangstür und sah sie mitfühlend an. »Das ist net ganz so gelaufen, wie du es dir gewünscht hast, oder? Wolltest du ihn net um ein Autogramm bitten?«
»Freilich, aber er war so abweisend, dass ich es net gewagt habe.«
»Er bleibt eine Weile hier. Sicherlich ergibt sich noch eine Gelegenheit, ihn zu bitten, dein Buch zu signieren.«
»Wer weiß.« Hedi ließ die Arme sinken.
»Sei net traurig, Liebes. Er war bestimmt nur müde von der Fahrt. Morgen ist er sicher zugänglicher.«
»Meinst du?« Hoffnungsvoll sah sie ihren Mann an.
»Ganz bestimmt.« Andreas stapelte das Holz neben den Kamin. Dann richtete er sich wieder auf. »Was hältst du davon, wenn wir für heute Feierabend machen? Auf den Schrecken könnten wir einen Spaziergang unternehmen. Nur wir beide. Und anschließend wärmen wir uns daheim in der Badewanne auf.« Er zwinkerte ihr zu.
»Oh ja, das würde mir gefallen.«
»Dann hol deinen Mantel und die Handschuhe. Vergiss deine Mütze net. Draußen ist es nämlich verflixt kalt geworden.«
Hedi schaltete ihren Computer aus. Es war spät geworden, und alle Gäste waren gut untergebracht. Sie konnte für diesen Tag getrost Schluss machen.
Sie eilte in das Büro und holte ihre Sachen.
Wenig später schlenderte sie an der Seite ihres Mannes die Dorfstraße hinunter. Sie liefen Hand in Hand an der weißen Kirche vorbei und passierten den Gemischtwarenladen, in dem alles angeboten wurde, was täglich im Dorf gebraucht wurde. In dem Geschäft erfuhr man auch alle Neuigkeiten, weshalb Hedi mindestens einmal in der Woche hier einkaufte. So spät am Tag war der Laden jedoch geschlossen, ebenso wie die nahe Apotheke und die Sparkasse.
Nebel waberte durch St. Christoph. Hedi wohnte schon ihr Leben lang hier, aber bei diesem Wetter wirkte ihr Heimatdorf fremd und sogar ein wenig unheimlich. Sie rückte unwillkürlich näher an ihren Mann heran, was ihn zu einem innigen Lächeln veranlasste. Die Luft war so kalt, dass ihr Atem in weißen Wölkchen aufstieg.
»Wir könnten nachher eine Flasche Wein aufmachen und einen Film ansehen«, schlug Andreas vor. »Was meinst du?«
Hedi hatte eigentlich vorgehabt, weiter in ihrem Roman zu lesen, aber die Freude daran war ihr vorerst vergällt, deshalb bejahte sie.
»Gern …« Weiter kam sie nicht, weil vor ihnen plötzlich orangefarbene Warnlichter auftauchten. Der Nebel verwischte das Blinken, aber es war da. Eindeutig. »Sieh mal, Andi! Was ist denn dort vorn los?«
»Grundgütiger! Da ist ein Auto verunglückt und in den Bach gestürzt!« Ihr Mann blieb stehen und kniff die Augen zusammen. »Sitzt da etwa noch jemand drin?«
***
Wow, das ist wirklich gemütlich!
Verblüfft schloss Alexander Paschinger die Tür seines Hotelzimmers hinter sich und schaute sich um. Der Raum war liebevoll im Landhausstil eingerichtet. Neben dem breiten Bett gab es eine Lese-Ecke, einen Schreibtisch und einen Balkon, der ihm an diesem Abend allerdings nicht viel nutzen würde, weil er im Nebel kaum weiter als wenige Meter sehen konnte.
Das muss eines der schönsten Zimmer des Hotels sein. Die Chefin hat sich solche Mühe gegeben, mich freundlich zu empfangen, und ich habe mich verhalten wie ein Ekelpaket.
Sein Blick fiel auf eine Flasche Wein, die auf dem Beistelltisch stand und mit einer Karte versehen war: Wir wünschen Ihnen eine wunderbare Zeit, Herr Paschinger!
Der Willkommensgruß verstärkte sein schlechtes Gewissen noch. Die Hotelchefin hatte es gut gemeint. Sie konnte wirklich nicht ahnen, dass er nichts als seine Ruhe brauchte. Er war im Augenblick nicht zu Gesprächen aufgelegt, sondern suchte die Einsamkeit, um seine Wunden zu lecken.
Morgen entschuldige ich mich bei Frau Kastler, nahm er sich vor und begann, seine Koffer auszupacken. Er räumte seine Garderobe in den Schrank, der nach Zirbenholz duftete und mit Alpenblumen bemalt war. Seinen Laptop und den Drucker stellte er auf dem Schreibtisch ab. Auf den Nachttisch kamen zwei Thriller.
Alexander las, wo er ging und stand. Wenn ihm die Zeit zum Lesen fehlte, dann kam er auch mit dem Schreiben holpriger voran. Es war, als müsste er nach einem langen Arbeitstag den Vorrat an Worten in seinem Kopf wieder auffüllen.
Seine Rasiersachen brachte er nach nebenan ins Badezimmer. Dabei entdeckte er, dass die Wanne mit einer Whirlpool-Funktion ausgestattet war. Auf dem Rand standen unterschiedliche Badezusätze bereit und luden ihn ein, sich nach einem langen Wintertag in einem warmen Bad zu entspannen.
Alexander ordnete die Kosmetik ordentlich auf der Ablage vor dem Spiegel. Anschließend kehrte er in sein Zimmer zurück und warf einen Blick aus dem Fenster. Die graue Suppe draußen schien von Minute zu Minute dichter zu werden. Nein, sonderlich einladend wirkte das Wetter nicht, aber ihm blieb keine Wahl: Ein Spaziergang musste sein.
Sein Arzt hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er jeden Tag zehntausend Schritte gehen musste, wenn er gesund bleiben wollte. Die langen Stunden, die er mit gebeugtem Rücken am Computer saß, waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er hatte bereits einen Bandscheibenvorfall erlitten und monatelang daran herumlaboriert, bis er wieder fit gewesen war.
Eine Wiederholung dieser schmerzhaften Zeit wollte er auf keinen Fall riskieren, deshalb musste er sich regelmäßig bewegen.
Er knöpfte seine warme Jacke zu und griff nach den Lederhandschuhen. Dann verließ er sein Zimmer und kurz darauf auch das Berghotel.
Als er hinaus ins Freie trat, stach ihm die Kälte in die Wangen wie winzige Nadelspitzen. Der Nebel verschluckte nicht nur das Licht der Straßenlaternen, sondern dämpfte auch jedes Geräusch – selbst das Knirschen des Schnees unter seinen Stiefeln. Der Schriftsteller schaute sich kurz um und schlug dann den Weg ein, der um das Dorf herumzuführen schien.
Ein Wegweiser deutete in diese Richtung und verriet, dass es hier zum Hexenstein ging – dem Hausberg von St. Christoph. Alexander hatte sich vor seiner Reise gründlich informiert. Das Dorf lag abgeschieden und war nur über eine einzige Straße von Mayrhofen aus zu erreichen. Hohe Berge umgaben es, und zahlreiche Wanderwege führten in die höheren Regionen. Er freute sich darauf, sie in den nächsten Tagen zu erkunden.
Auch ein Schlössl sollte es hier geben. Momentan war es im Nebel unsichtbar, aber sein Reiseführer empfahl es als Sehenswürdigkeit.
Alexander folgte dem Weg, der am Rand des Dorfes entlangführte. Trotz der schlechten Sicht war zu erahnen, wie idyllisch die Gegend war. Der Rat seiner Schwester war goldrichtig gewesen. Sie wusste, dass es einiges gab, das er hinter sich lassen musste. Sie hatte ihm gesagt, dass es keinen besseren Ort gab, um über eine Enttäuschung hinwegzukommen, als das Zillertal.
Sein Mobiltelefon stieß in seiner Tasche einen einzelnen Ton aus und signalisierte den Empfang einer Kurznachricht.
Er holte das Handy hervor und rief die SMS auf.
Es tut mir so leid. Können wir uns heute Abend sehen? In Liebe, Liv
Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Liebe? Es wunderte ihn, dass sie überhaupt wusste, wie man dieses Wort schrieb, denn Liebe schien in ihrem Wortschatz nicht vorzukommen. Genauso wenig wie Treue. Oder Ehrlichkeit.
Grimmig drückte er die Nachricht weg, ohne zu antworten.
Selbst wenn er daheim in München wäre, würde er sich lieber einer Wurzelbehandlung unterziehen, als sich mit Liv zu verabreden. Noch immer machte ihm ihr Vertrauensbruch das Atmen schwer. Er hatte blind auf sie vertraut – und war prompt enttäuscht worden. Hier in den Bergen suchte er Abstand und Ruhe. Das Dorf war sein Rückzugsort.
Nur seine Schwester und sein Agent wussten, dass er sich hier aufhielt. Sonst niemand. Nicht einmal seine Nachbarin, die er gebeten hatte, nach seinen Blumen und seinem Briefkasten zu sehen. Er hatte nicht erwartet, dass ihn die Trennung so mitnehmen würde, aber das tat sie.
Alexander lief, bis der Nebel so dicht wurde, dass er fürchten musste, den Rückweg nicht wiederzufinden, wenn er noch weiter ging. Er machte kehrt und bog ab. Wenig später kam er an gepflegten Bauernhöfen vorbei, deren Lichter den Schnee in den Vorgärten erhellten. Es herrschte kaum Verkehr. Der Räumdienst musste allerdings vor Kurzem durchgekommen sein, denn die Straße war frei vom Schnee.
Ich werde mir etwas zu essen aufs Zimmer bestellen, wenn ich zurück bin, nahm er sich vor. Danach lese ich. Auf diese Weise muss ich niemanden sehen und habe meine Ruhe.
Das war sein Plan.
Doch das Schicksal hatte etwas anderes mit ihm vor.
