Das Berghotel 131 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 131 E-Book

Verena Kufsteiner

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Reglos sitzt Nora auf dem Fensterbrett und starrt auf das verblichene Foto in ihrer Hand. Es zeigt ein wunderschönes Bauernhaus vor einer imposanten Berglandschaft. Eine Träne kullert über Noras Wange und tropft auf das Bild. Es ist das Einzige, was ihr von ihrem verstorbenen Vater geblieben ist. Immer wieder liest sie die handgeschriebenen Worte auf der Rückseite: St. Christoph im Zillertal. Das Bild lässt ihr einfach keine Ruhe. Es ist ihrem Vater offensichtlich wichtig gewesen, dass sie dieses Foto erhält.

Was wollte er ihr damit sagen? Was hat es mit dem Bauernhaus auf sich? Es ist alles so rätselhaft! Unzählige Fragen schwirren ihr durch den Kopf, sie ist völlig aufgewühlt. Nora spürt tief in ihrem Innern: Sie muss nach St. Christoph fahren, um das Rätsel zu lösen. Fest entschlossen, die Wahrheit herauszufinden, springt sie plötzlich auf und beginnt, ihren Koffer zu packen ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Impressum

Die Tür zu einer verborgenen Wahrheit

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4097-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.

Die Tür zu einer verborgenen Wahrheit

In einem fremden Haus erfuhr Nora das Geheimnis ihrer Herkunft

Von Verena Kufsteiner

Reglos sitzt Nora auf dem Fensterbrett und starrt auf das verblichene Foto in ihrer Hand. Es zeigt ein wunderschönes Bauernhaus vor einer imposanten Berglandschaft. Eine Träne kullert über Noras Wange und tropft auf das Bild. Es ist das Einzige, was ihr von ihrem verstorbenen Vater geblieben ist. Immer wieder liest sie die handgeschriebenen Worte auf der Rückseite:St. Christoph im Zillertal. Das Bild lässt ihr einfach keine Ruhe. Es ist ihrem Vater offensichtlich wichtig gewesen, dass sie dieses Foto erhält.

Was wollte er ihr damit sagen? Was hat es mit dem Bauernhaus auf sich? Es ist alles so rätselhaft! Unzählige Fragen schwirren ihr durch den Kopf, sie ist völlig aufgewühlt. Nora spürt tief in ihrem Innern: Sie muss nach St. Christoph fahren, um das Rätsel zu lösen. Fest entschlossen, die Wahrheit herauszufinden, springt sie plötzlich auf und beginnt, ihren Koffer zu packen …

Nora hatte den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt. So hatte sie die Hände frei und konnte durch die Listen und Tabellen auf ihrem Computer scrollen, während sie telefonierte.

Als Eventplanerin war es ihre Aufgabe, Veranstaltungen und Feierlichkeiten vorzubereiten. Zu ihren Kunden gehörten vor allem Firmen und Unternehmen, aber auch Privatpersonen, die sie mit der Planung von Hochzeiten und anderen großen Feiern beauftragten.

Auf dem großen Schreibtisch in ihrem Büro stapelten sich allerlei Unterlagen und Ordner. An eine Inspirationstafel hatte sie Bilder von Dekorationen, Blumengestecken und Tischordnungen gepinnt, ebenso wie Informationen zu Musikern und Catering-Anbietern. Auf diese Weise konnte sie das Konzept einer Feier festhalten, die sie für einen großen Kunden plante.

Die Veranstaltung stand kurz bevor, doch nun war die Violinistin, die Nora organisiert hatte, abgesprungen. Eilig und hochkonzentriert suchte Nora nach einem passenden Ersatz, telefonierte mit Geigern und Musiker-Agenturen und machte sich allerlei Notizen.

Gleichzeitig sah sie aus den Augenwinkeln, dass auf dem Bildschirm ihres Computers eine E-Mail aufgegangen war: Der Kunde wünschte sich ein Feuerwerk und wollte wissen, ob Nora ein solches organisieren konnte.

Sobald sie also das Telefonat mit der Geigerin beendet und den Termin festgemacht hatte, zog sie ihr dickes, prallgefülltes Adressbuch heran. Darin suchte sie nach professionellen Feuerwerks-Anbietern, mit denen sie in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht hatte, und griff dann erneut nach dem Telefonhörer.

Es war bereits spät, als sie sich im Bürostuhl zurücklehnte und durchatmete. Alles war geklärt, sie hatte ein Violinistinnen-Duo und ein Feuerwerk organisiert und nebenbei mit der Planung einer anderen Großveranstaltung begonnen. Für heute gab es nichts mehr zu tun, alles war erledigt.

Ihre Kollegen und ihr Chef waren bereits gegangen, nur Nora war noch hier. Auch sie hätte längst Feierabend machen können, aber ihr Ehrgeiz ließ sie erst dann ruhigen Gewissens nach Hause gehen, wenn auch wirklich alles unter Dach und Fach war. Überstunden waren bei ihr an der Tagesordnung.

Wenn sie ein Event plante, musste jedes noch so kleine Detail perfekt sein. Darauf legte sie großen Wert. Ihre Sorgfalt, ihr Perfektionismus und ihre Einsatzbereitschaft führten dazu, dass sie sich in der Firma schnell einen Namen gemacht hatte. Sie machte ihren Job sehr gut, das wussten nicht nur die Kunden, sondern auch ihr Chef. Oft kam es vor, dass Auftraggeber explizit nach ihr verlangten und sich nicht mit ihren Kollegen zufriedengeben wollten.

Unwillkürlich seufzte sie, als sie ihre Unterlagen zu einem ordentlichen Stapel zusammenschob und den Computer ausschaltete. Es fiel ihr schwer, sich von ihrem Schreibtisch loszureißen. Als das leise Summen des Rechners verstummte, war es plötzlich unheimlich still in Noras kleinem Büro.

Jetzt erst fiel ihr auf, bei was für schlechtem Licht sie die ganze Zeit über gearbeitet hatte. Obwohl es draußen bereits dunkel war, hatte sie nicht daran gedacht, das Licht im Zimmer anzuschalten. Nur der schwache gelbliche Schein der Schreibtischlampe erhellte den Tisch und die Unterlagen. Sie war so in ihre Tätigkeiten vertieft gewesen, dass sie es gar nicht bemerkt hatte.

Müde rieb sie sich über die schmerzenden Augen, streckte sich und trat ans Fenster. Von ihrem Büro aus konnte sie einen großen Teil des Wiener Business Parks überblicken. Tagsüber spiegelte sich bei schönem Wetter die Sonne in den glänzenden Stahl- und Glasfassaden der Hochhäuser. Jetzt jedoch reflektierten die Gebäude bloß grelle Leuchtreklamen in schreienden Farben.

Hinter manchen Fenstern brannte noch Licht. Die Leute, die um diese Zeit noch arbeiteten, waren bestimmt solche Workaholics wie sie, dachte Nora resigniert. Ob diese Menschen wohl so lange im Büro waren, weil sie es mussten? Oder taten sie es freiwillig, weil zu Hause niemand auf sie wartete und sie der Leere und Einsamkeit ihrer Wohnungen entgehen wollten?

Draußen hatte es zu regnen begonnen. Der Wind peitschte das Wasser durch die hellen Lichtkegel der Straßenbeleuchtung. Nora legte die flache Hand an die kalte Fensterscheibe und verharrte einen Moment. Ihr war dabei selbst klar, dass sie nur versuchte, Zeit zu schinden. Beinahe sehnsüchtig schaute sie zu ihrem Schreibtisch: Am liebsten hätte sie den Computer wieder eingeschaltet und sich weiter in ihrer Arbeit vergraben.

Sie war wirklich ein Workaholic, das konnte sie nicht leugnen. Doch glücklich machte sie die viele Arbeit eigentlich nicht. Die hektische Betriebsamkeit lenkte sie davon ab, wie es in ihrem Herzen aussah, und hielt sie vom Nachdenken ab.

Nachdem sie den Computer ausgeschaltet hatte und es an der Zeit war, nach Hause zu gehen, überkam sie das Gefühl, die Decke fiele ihr auf den Kopf. Innerlich fühlte sie sich hohl und heimatlos; diese Leere konnte auch die Arbeit nur vorübergehend übertünchen.

Sie seufzte. Ihr war beklommen zumute, als sie daran dachte, was ihr heute noch bevorstand. Ihre Abendpläne waren der Grund, warum es ihr heute besonders widerstrebte, das Bürogebäude zu verlassen. Statt nach Hause zu fahren, musste sie noch ins Krankenhaus, um jemandem einen Besuch abzustatten. Sie konnte wahrlich nicht behaupten, das fiele ihr leicht.

***

Wenig später saß sie im Bus und lauschte dem Motorengeräusch und dem gleichmäßigen Rauschen des Regens. Ihr Blick folgte den Wassertropfen, die über die Scheibe perlten. Sie starrte hinaus in die Dunkelheit, als gäbe es dort draußen etwas Interessantes zu sehen, doch ihre Gedanken waren ganz weit weg.

Dass ihr Vater Krebs hatte und im Krankenhaus lag, erschien ihr immer noch merkwürdig irreal. Solange sie denken konnte, hatte sie ihn als großen, starken und etwas furchteinflößenden Mann in Erinnerung, den nichts ins Wanken bringen konnte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er je krank gewesen wäre. Doch der Krebs ließ seine Kräfte nun mit beängstigender Geschwindigkeit schrumpfen.

Sie machte sich Vorwürfe, weil sie lange Zeit gar nichts von seiner Erkrankung gewusst hatte. Vor Jahren, als sie achtzehn Jahre alt geworden war, war sie von zu Hause ausgezogen. Seither sah sie ihren Vater nicht viel, und er hatte nie etwas unternommen, um diese Tatsache zu ändern. Erst als er ins Krankenhaus eingeliefert wurde und die Prognosen niederschmetternd waren, hatte er sie über seinen Zustand informiert.

Noras Gedanken wanderten in die Vergangenheit. Zu ihren Eltern hatte sie nie ein enges Verhältnis gehabt. Sie konnte sich deutlich daran erinnern, dass sie als Kind häufig unter der kühlen, lieblosen Art ihrer Eltern gelitten hatte.

Sie war noch sehr jung, als ihre Mutter die Familie verließ. Es hatte einen großen Streit zwischen ihren Eltern gegeben, dann packte ihre Mutter von einem Tag auf den anderen ihre Sachen und verschwand auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben. Nicht einmal zu Noras Geburtstagen oder zu Weihnachten meldete sie sich bei ihrer kleinen Tochter oder bei ihrem Mann.

Wenn Nora gehofft hatte, sie und ihr Vater würden dadurch näher zusammenrücken, so wurde sie enttäuscht. Nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, zog er sich nur noch mehr zurück. Seine Tochter schien überhaupt keine Rolle in seinem Leben zu spielen.

Nora spürte, wie ihre Kehle eng wurde und sich in ihrem Magen ein Kloß bildete, als sie über ihre Kindheit nachdachte. Solange sie denken konnte, hatte sie sich schrecklich ungeliebt gefühlt. Schon als Kind und Jugendliche hatte sie oft das Gefühl, mit einem Fremden zusammenzuleben, der nicht mehr als das Nötigste mit ihr sprach. Ein herzliches und liebevolles Familienleben, wie sie es bei ihren Freundinnen gesehen hatte, gab es für sie nie.

Sie konnte es damals kaum erwarten, endlich von zu Hause auszuziehen. Die bestandene Matura und die erreichte Volljährigkeit waren ihr Startschuss gewesen: Sobald es möglich war, suchte sie sich ein eigenes kleines Zimmer, bemühte sich um einen Nebenjob und begann ein Studium.

Von da an hatte sie ihren Vater bloß noch sporadisch gesehen, um ein wenig Smalltalk zu machen und sich über ihre Leistungen in Studium und Beruf ausfragen zu lassen.

Der Bus erreichte das Krankenhaus, die schnarrende Durchsage riss Nora aus ihren Gedanken. Eilig sprang sie auf, drängte sich an anderen Fahrgästen vorbei und trat hinaus ins Freie. Während sie sich die Kapuze ihres Mantels über den Kopf zog und durch den starken Regen auf das Krankenhaus zueilte, ermahnte sie sich selbst: Es hatte keinen Sinn, in der Vergangenheit zu verweilen und immer wieder darüber nachzudenken, was damals schiefgelaufen war. Ihr Vater war schwerkrank und wollte sie sehen. Das war ein Grund genug, um den alten Groll zu begraben.

Seit ihre Mutter so abrupt verschwunden war, war ihr Vater die einzige Familie, die Nora noch hatte, und auch für ihn war sie seine einzige Verwandte. Darum wollte sie nun für ihn da sein, ohne ihm Vorwürfe zu machen.

Vor seiner Zimmertür atmete sie tief durch und rieb ihre schweißnassen Hände an ihrer Jacke trocken. Ihr war beklommen zumute. Ein Teil von ihr hätte am liebsten einfach kehrtgemacht. Doch sie riss sich zusammen, klopfte an und trat ein.

***

Es war erschreckend, wie rapide es mit Noras Vater bergab ging. Bekümmert sah sie ihn an. Er war furchtbar schmal und blass geworden, von seiner imposanten Statur war nicht viel übrig. Er schien optisch um Jahre, wenn nicht gar um Jahrzehnte, gealtert zu sein. Er atmete schwer und rasselnd. Seine Wangen waren eingefallen, die Augen von dunklen Schatten umgeben.

Doch immer noch erschien er ihr beeindruckend und fast ein wenig furchteinflößend. In seiner Gegenwart fühlte sie sich sofort wieder wie das kleine Mädchen von damals, das sich vergeblich nach Liebe und Anerkennung sehnte.

»Grüß dich, Papa«, sagte sie leise.

Seine stechenden blauen Augen waren das Einzige, dem man die Krankheit nicht anmerkte. Wach und aufmerksam musterte er sie.

»Servus, Madel. Du bist also hergekommen. Um die Uhrzeit hab ich gar net mehr damit gerechnet.«

Jedes Wort fiel ihm hörbar schwer. Seine Stimme klang rau und keuchend.

»Freilich«, erwiderte sie fest. »Ich hab lang gearbeitet, deswegen ist’s so spät geworden.«

Er schüttelte leicht den Kopf.

»Typisch Nora. Immer am Arbeiten. Irgendwann wirst du lernen müssen, dass es noch andere Dinge im Leben gibt.«

Sie biss sich auf die Unterlippe. Konnte er denn nie mit ihr zufrieden sein? Was sie auch tat, ihm konnte sie es nie recht machen.

»Du hast immer gesagt, Fleiß und Erfolg wären das Wichtigste im Leben, und ich sollte mich immer tüchtig anstrengen«, erinnerte sie ihn.

»So, hab ich das?« Er lachte leise, was zu einem Hustenanfall führte. Es dauerte einen Moment, bis er weitersprechen konnte: »Vielleicht hab ich mich geirrt. Womöglich sind’s doch net Arbeit und Erfolg, worauf es im Leben ankommt.«

»Worauf denn dann?«, fragte sie leise.

Erneut lachte er atemlos und hustend, dann deutete er auf die Schläuche, Monitore und Geräte, an die er angeschlossen war.

»Zum Beispiel auf Gesundheit, wie ich schmerzlich feststellen musste.«

Erschöpft ließ er die Hand wieder sinken und schloss die Augen. Es hatte ihn angestrengt, mit ihr zu sprechen.

Ihr Herz krampfte sich zusammen. Mit geschlossenen Augen sah er beinahe so aus, als wäre er gar nicht mehr am Leben. Die wächserne bleiche Haut, die schwache, kaum merkbare Haltung … Seine ganze Erscheinung trug zu diesem Eindruck bei.

Behutsam ergriff sie seine Hand und erschrak darüber, wie dürr sie geworden war. Sein Ehering, den er nach all den Jahren der Trennung immer noch trug, saß locker und wackelig. Sanft streichelte Nora über seinen Handrücken.

Sie dachte schon, er wäre tief und fest eingeschlafen, doch da öffnete er die Augen wieder und sah sie an.

»Du warst … immer eine gute Tochter«, brachte er mühsam hervor. »Und du bist es immer noch. Ich hätte es dir nicht verübelt, wenn du nicht hergekommen wärst. Ich war als Vater schließlich auch net sonderlich fürsorglich.«

Sie tätschelte seine Hand leicht.

»Freilich bin ich hier, immerhin sind wir eine Familie.«

»Deine Mutter und ich …« Ein rasselnder Husten schüttelte ihn, dann sank er kraftlos ins Kissen zurück. Seine Kräfte schwanden zusehends. »Es ist uns immer schwergefallen, die Eltern zu sein, die wir für dich hätten sein sollen.«

Nora stiegen Tränen in die Augen.

»Das ist doch jetzt alles vergeben und vergessen«, versicherte sie. »Es spielt keine Rolle mehr.«

Sie wollte nicht, dass er sich in seinem schwachen Zustand aufregte. Dieses Gespräch war zu anstrengend für ihn. Freilich war er schmerzlich bewusst, wie recht er hatte. Er und seine Frau waren keine sehr liebevollen und fürsorglichen Eltern gewesen. Aber als sie ihn so schwach und leidend daliegen sah, konnte sie einfach keine Wut mehr empfinden.

Unwillig schüttelte er den Kopf.

»Doch, es spielt eine Rolle.« In seinen blauen Augen lag trotz seiner Krankheit die Strenge, mit der er sie auch früher oft angesehen hatte. »Du verstehst net. Es gibt Gründe … in der Vergangenheit …«

Jedes Wort musste er sich mühsam abringen. Es tat ihr weh, mit anzusehen, wie sehr er sich quälte. Wieder überkam ihn ein schlimmer Hustenanfall. Sein ganzer Körper bebte, er rang nach Luft.

Hilflos tätschelte sie seine Hand und fragte sich, ob sie eine Krankenschwester rufen sollte.

»Lass doch, Papa«, flehte sie unter Tränen. »Das alles ist jetzt nimmer wichtig. Du musst mir nix erklären.«

Doch er wand seine Hand aus ihrem Griff; zitternd deutete sein ausgestreckter Finger auf ein gerahmtes Bild auf dem Nachttisch. Verständnislos sah Nora es an. Es war ein Familienfoto, das vor vielen Jahren aufgenommen worden war. Auf diesem war sie mit ihren beiden Eltern abgebildet. Keiner von ihnen lächelte.

»Was ist mit dem Foto?«, flüsterte sie.

Er brauchte ein paar Anläufe, um die Worte hervor zu pressen.

»Nimm es … aus dem Rahmen«, röchelte er kraftlos.

Nora begriff nicht, worauf er hinauswollte, doch sie tat, was er ihr aufgetragen hatte. Vorsichtig öffnete sie den Rahmen und nahm das Bild heraus. Dann sog sie überrascht die Luft ein, als ein weiteres Foto heraussegelte und auf ihrem Schoß landete. Ein zweites Bild war hinter dem Familienfoto verborgen gewesen.

Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung, als sie die alte, verblichene Aufnahme ansah, die ein wunderschönes und imposantes Bauernhaus zeigte. Auf die Rückseite hatte jemand einen Ort und ein Datum gekritzelt.

Verwirrt sah sie ihren Vater an.

»Papa, was ist das? Ich verstehe nicht …«

Wieder waren seine Augen geschlossen, und einen schrecklichen Moment lang befürchtete sie, er sei gestorben. Doch dann ging ein Ruck durch seinen Körper.

»Die Vergangenheit …«, hauchte er fast unhörbar. Vor Anstrengung trat Schweiß auf seine Stirn. »Ein Geheimnis … Madel, wir haben dir etwas verschwiegen«, brachte er mit letzter Kraft hervor.