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Caroline Burgstaller hat sich so sehr auf ihren Urlaub im Zillertal gefreut. Doch eben erst im Berghotel angekommen, werden ihre Urlaubspläne jäh durchkreuzt. Als sie den Fahrstuhl betritt, wartet dort bereits ein kleines Madel mit blonden Zöpfen, bei dessen Anblick sich Carolines Herz schmerzhaft zusammenzieht. Ihr Kind wäre jetzt ungefähr so alt wie die Kleine - ihr Kind, das ihr der Himmel so früh genommen hat. Vom Schmerz überwältigt, schließt sie die Augen, während sich der Fahrstuhl in Bewegung setzt. Doch schon nach wenigen Sekunden bleibt er mit einem heftigen Ruck stehen. Caroline drückt erneut den Knopf, aber der Fahrstuhl bewegt sich keinen Millimeter weiter. Sie versucht es noch einmal, hektischer diesmal.
Da geht auch noch das Licht aus, und es wird stockfinster. Ängstlich drängt sich das Madel an Caroline. Es zittert. Panik durchflutet Carolines Körper. Sie kann kaum atmen. Instinktiv schlingt sie einen Arm um das Kind. Was, um alles in der Welt, soll sie jetzt tun?
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Seitenzahl: 125
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Willst du meine Mama sein?
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-4246-8
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Willst du meine Mama sein?
In den Armen einer fremden Frau fand die kleine Emmy ihr Zuhause
Von Verena Kufsteiner
Caroline Burgstaller hat sich so sehr auf ihren Urlaub im Zillertal gefreut. Doch eben erst im Berghotel angekommen, werden ihre Urlaubspläne jäh durchkreuzt. Als sie den Fahrstuhl betritt, wartet dort bereits ein kleines Madel mit blonden Zöpfen, bei dessen Anblick sich Carolines Herz schmerzhaft zusammenzieht. Ihr Kind wäre jetzt ungefähr so alt wie die Kleine – ihr Kind, das ihr der Himmel so früh genommen hat. Vom Schmerz überwältigt, schließt sie die Augen, während sich der Fahrstuhl in Bewegung setzt. Doch schon nach wenigen Sekunden bleibt er mit einem heftigen Ruck stehen. Caroline drückt erneut den Knopf, aber der Fahrstuhl bewegt sich keinen Millimeter weiter. Sie versucht es noch einmal, hektischer diesmal.
Da geht auch noch das Licht aus, und es wird stockfinster. Ängstlich drängt sich das Madel an Caroline. Es zittert. Panik durchflutet Carolines Körper. Sie kann kaum atmen. Instinktiv schlingt sie einen Arm um das Kind. Was, um alles in der Welt, soll sie jetzt tun?
»Ich muss dir etwas sagen, Caro.«
Die Stimme ihres Bruders vibrierte und verriet, wie aufgeregt er war.
Caroline Burgstaller richtete sich kerzengerade auf ihrem Schreibtischstuhl auf und presste das Telefon fester ans Ohr.
»Was hast du angestellt, Erik? Brauchst du Hilfe?«
»Keine Sorge.« Er lachte. »Wir sind doch keine Kinder mehr. Du musst mir nimmer ständig aus der Patsche helfen.«
»Aber ich bin deine große Schwester. Darauf bin ich programmiert.« Nun zupfte auch an ihren Lippen ein Lächeln.
»Es ist wirklich nichts Schlimmes. Ehrenwort. Trotzdem solltest du dich besser hinsetzen, bevor ich es dir erzähle.«
»Ich sitze bereits.«
»Wirklich? Gut, dann ist hier die Neuigkeit. Also … ich werde Vater!«
Caroline spürte, wie ein Ruck durch sie hindurchging. Fast so, als würde sie mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Mauer rasen. Sekundenlang schien die Zeit stillzustehen, und es wurde still, ganz still um sie herum.
»Nein!«, rutschte es ihr heraus, und sie schüttelte den Kopf, um die Benommenheit loszuwerden, die sie befallen hatte.
»Es ist wahr. Ich kann es selbst noch net glauben, aber der Arzt hat es bestätigt.«
»Wow. Wann ist es denn so weit?«
»In sechseinhalb Monaten. Wir haben also noch genug Zeit, uns an den Gedanken zu gewöhnen. Fanny und ich sind selbst noch ganz überwältigt.«
»Das ist … wunderbar.« Carolines Stimme wurde weich.
Ihr Bruder und seine Frau bekamen ein Baby. Dabei schien es ihr fast so, als wäre es erst gestern gewesen, dass er sich beim Spielen Löcher in den Hosen gemacht und aufgeschlagene Knie geholt hatte und von ihr getröstet werden musste. »Ich gratuliere dir, Erik. Du wirst bestimmt ein wunderbarer Vater werden.«
»Es bedeutet mir viel, dass du das sagst. Im Moment fühle ich mich noch ganz erschlagen von der Verantwortung, die nun auf mir lastet. Ich meine, Fanny und ich werden dafür zuständig sein, dass dieses Baby zu einem glücklichen Menschen heranwächst, der gewissenhaft mit seinem Umfeld umgeht. Das ist schon eine ganze Menge.«
»Ja, das stimmt.« Caroline erinnerte sich noch gut an dieses Gefühl. Mit einem Mal drängten Erinnerungen in ihrem Bewusstsein nach oben wie Meerwasser bei steigender Flut, doch sie schob sie hastig zurück in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses. »Ich freue mich sehr für euch.«
»Danke, Caro.« Er stieß einen tiefen Atemzug aus und klang erleichtert, dass die Neuigkeit nun heraus war. »Ich wollte dir eigentlich beim Familienessen davon erzählen, aber du warst net da.«
»Ich musste arbeiten.«
Er seufzte. »Wie immer.«
Ein leiser Tadel schwang in seiner Stimme mit und weckte etwas in ihr, das sich verdächtig nach einem schlechten Gewissen anfühlte. Wie lange war sie nicht mehr bei einem Essen mit ihrer Familie gewesen?
»Wir hatten einen Großauftrag in der Firma.«
»Ich weiß, deine Arbeit ist wichtig. Immerhin stellt ihr die Medikamente her, mit denen meine Kollegen und ich Patienten behandeln. Trotzdem solltest du net so viel arbeiten. Irgendwann wird dich das kaputtmachen. Ich meine es ernst.«
Caroline krauste die Stirn, auch, wenn ihr Bruder das durch das Telefon hindurch natürlich nicht sehen konnte. Sie sollte weniger arbeiten? Genauso gut hätte er ihr empfehlen können, sich das Atmen abzugewöhnen.
Sie liebte und brauchte ihren Beruf – und sie war gut darin. Ihre Karriere hatte in den vergangenen Jahren einen steilen Aufschwung genommen. Sie war kurz davor, zur Partnerin in der Leitung eines weltweit arbeitenden Pharmakonzerns aufzusteigen.
Ihr Büro befand sich in einem hochmodernen Gebäudekomplex in der Münchner Innenstadt. Glas und Weiß dominierten den elegant eingerichteten Raum, der größer war als alles, wovon sie je geträumt hatte. Während ihres Wirtschaftsstudiums hatte sie in einer winzigen Bude gehaust, die kaum größer gewesen war als ein begehbarer Kleiderschrank.
Jetzt gehörte ihr ein viermal größeres Büro mit einem eigenen Tiefgaragenstellplatz, einer Sitzgruppe aus weißem Leder sowie einer Klimaanlage. Während draußen drückende Sommerhitze über der Stadt lastete, war es hier drinnen angenehm kühl. Fast schon zu kühl, wie ihre Kollegin Anne monierte, aber Caroline mochte es so, weil es ihr beim Konzentrieren half.
Ja, sie hatte Erfolg in ihrem Beruf, aber der Preis dafür war hoch: Sie war so selten daheim, dass sie das Wort Privatleben nicht einmal mehr buchstabieren konnte.
»Du solltest regelmäßig freimachen und dich erholen«, legte Erik ihr nahe. »In der Waldner-Klinik erlebe ich täglich, was Menschen zustoßen kann, die ihrem Körper alles abverlangen und net ausreichend auf sich achten. Glaub mir, das willst du net durchmachen müssen.«
»Spricht da der Arzt oder der Bruder?« Sie versuchte, einen lockeren Ton anzuschlagen.
»Beide. Ich möchte wirklich, dass du dich einmal schonst.«
»Das werde ich tun, sobald ich Zeit dafür finde.«
»Dann kann es schon zu spät sein. Mach es jetzt. Nimm dir frei! Unternimm etwas, das dich glücklich macht. Etwas, das weder sinnvoll noch wichtig ist, sondern einfach nur Spaß bringt.«
»Spaß?«, echote sie und merkte selbst, dass sie sich gerade anhörte, als hätte er ihr vorgeschlagen, barfuß auf einen Berg zu steigen. »Irgendwann werde ich mir auch wieder ein freies Wochenende genehmigen, aber im Augenblick ist das absolut ausgeschlossen. Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Wir stecken mitten in wichtigen Verhandlungen.«
»Wann war das in den letzten Jahren je anders?« Ihr Bruder seufzte hörbar. »Hör zu, du hast dir bereits ein Halswirbelsyndrom eingefangen. Was glaubst du, woher das kommt? Von dem ständigen Sitzen vor dem Computer und dem Stress!«
Unwillkürlich rieb sich Caroline über den schmerzenden rechten Arm, in dem sich ein Ziehen hartnäckig hielt. Ihr Bruder hatte ihr erklärt, dass die Beschwerden aus der Halswirbelsäule über den Nacken- und Schulterbereich bis in den Arm ausstrahlen konnten, weil ihre Nervenwurzeln geschädigt waren. Nachts wusste sie manchmal nicht, wie sie liegen sollte, weil die Schmerzen sie fast die Wände hochtrieben. Dann war an Ruhe nicht einmal zu denken.
Dazu kam, dass zwei Finger ihrer rechten Hand taub waren. Caroline verdrängte die Beschwerden bei der Arbeit so gut es ging, aber das wurde immer schwerer, weil die Schmerzen immer stärker wurden, anstatt besser.
»Wenn du dir keine Auszeit nimmst, werden deine Beschwerden weiterhin zunehmen. Deine Arbeit ist eine Katastrophe für deinen Rücken. Stell dir vor, du haust dir mit dem Hammer auf den Daumen. Das tut erst einmal weh, wird jedoch mit der Zeit abheilen. Aber was glaubst du wohl, wird passieren, wenn du dir immer wieder auf den Daumen haust?«
»Dann heilt es niemals.«
Caroline schluckte. Sie verstand die Botschaft, aber im Augenblick hatte sie wirklich keine Zeit, um sich ein paar Stunden freizunehmen. An mehrere Tage am Stück war überhaupt nicht zu denken!
»Du könntest dich krankschreiben lassen.«
»Und wer erledigt dann meine Arbeit? Nein, das geht net.«
Die Gegensprechanlage auf ihrem Schreibtisch knackte.
Eine sonore Männerstimme bat sie: »Können Sie bitte zu mir herüberkommen, Frau Burgstaller?«
Sie drückte auf den Sprechknopf. »Natürlich.«
»Es eilt!«
»Ich bin sofort da.« Caroline ließ den Knopf los. »Erik? Ich muss aufhören. Mein Chef braucht mich.«
»Verstanden. Ich muss auch wieder an die Arbeit. Lass uns bald einmal zusammen essen, ja? Es kann doch net sein, dass wir in derselben Stadt wohnen und uns nie sehen.«
»Ist gut. Ich muss in meinem Terminplaner nachschauen, dann melde ich mich bei dir, und wir machen etwas aus, ja?«
»Vergiss es nur net wieder. Und pass gut auf dich auf!«
»Du auch, Erik, du auch.«
Caroline stellte das Telefon zurück in die Ladestation und rieb sich über den rechten Daumen und Zeigefinger. Es fühlte sich seit Wochen an, als wären die Finger eingeschlafen. Dazu kam das Ziehen in ihrem Arm, das sich ausgerechnet jetzt wieder in den Vordergrund drängte …
Sie kramte nach den Tabletten in ihrer Handtasche. Ibuprofen und Paracetamol halfen ihr schon lange nicht mehr. Seit einer Weile schluckte sie Tramal, ein opiathaltiges Mittel, das ihr Arzt ihr höchst widerstrebend verschrieben hatte, weil es zur Abhängigkeit führen konnte.
Es machte sie müde, aber was sollte sie tun? Er hatte ihr auch nahegelegt, wieder zur Physiotherapie zu gehen, aber wann sollte sie das einrichten, wenn sie von früh bis spät im Büro war?
Caroline stand auf und strich den Rock ihres Kostüms glatt. Dann ging sie über den langen Flur zum Büro ihres Chefs.
Auf ihr Klopfen erklang ein mürrisches »Herein!«
Josef Eckstein saß hinter seinem Schreibtisch aus dunklem Mahagoni und blickte nicht auf, als sie eintrat. Stattdessen tippte er etwas in seinen Computer.
Caroline schloss die Tür hinter sich und widerstand dem Impuls, mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen, als sie an den Stapel Arbeit dachte, der sich auf ihrem Schreibtisch häufte und nicht erledigt wurde, solange sie hier tatenlos herumstand.
Endlich richtete sich ihr Chef auf und nahm seine Lesebrille ab. Er rieb sich die Nasenwurzel, ehe er Caroline ansah.
»Ich habe vorhin eine Zahlungsaufforderung unseres Zulieferers erhalten. Sie verlangen die Bezahlung der Sendung, die wir als fehlerhaft deklariert hatten.«
»Sie meinen die Fässer mit dem verdorbenen Methylamin?«
»Ganz genau. Der Wirkstoff war kontaminiert. Wir konnten ihn net verwenden. Ich hatte Sie beauftragt, den Zulieferer zu kontaktieren, Frau Burgstaller. Leider finde ich den Widerspruch net in unseren Unterlagen, und der Lieferant behauptet, ihn nie erhalten zu haben, deshalb besteht er nun auf der Bezahlung.«
»Aber ich habe die Lieferung telefonisch beanstandet und darum gebeten, unverzüglich Ersatz zu schicken, damit unsere Produktion net ins Stocken gerät. Die nächste Lieferung kam auch zwei Tage später hier an. Außerdem habe ich …«
Caroline kramte in ihrem Gedächtnis und überlegte, wann sie das Reklamationsschreiben verfasst und abgeschickt hatte. Sie hatte so viel zu tun, dass es ihr nicht einfallen mochte. Moment – ja, doch: Sie hatte das Schreiben begonnen, aber dann hatte es einen Zwischenfall in der Werkhalle gegeben. Sie war weggerufen worden und hatte die Erledigung des Schreibens verschoben, bis …
Hitze flutete durch ihren Körper und ließ ihre Wangen brennen.
»Ich habe das Schreiben noch net rausgeschickt«, gestand sie. »Das hole ich gleich noch nach.«
»Warten Sie: Sie haben die erste Lieferung net schriftlich reklamiert? Sind Sie sicher?«
»Ja, ich wurde weggerufen, aber ich erledige das umgehend noch.«
»Dafür ist es zu spät!« Das Gesicht ihres Chefs färbte sich dunkelrot. Er hieb mit der Faust auf seinen Schreibtisch, dass die Bleistiftbox gefährlich schwankte. »Die Einspruchsfrist ist bereits vorbei. Das bedeutet, wir können den Zulieferer nimmer haftbar machen und müssen für eine Lieferung bezahlen, die wir net verwenden können. Ihr Versäumnis kostet die Firma ein Vermögen, Frau Burgstaller! Ist Ihnen das klar?!«
Seine Worte gellten in ihren Ohren nach. Nein! Das durfte nicht wahr sein!
Der Schock fuhr Caroline in alle Glieder. Wie hatte ihr so ein Fehler unterlaufen können? Sie achtete immer auf Details, aber diesmal offensichtlich nicht. Das war eine Katastrophe! Das Fristversäumnis würde die Firma ihres Chefs teuer zu stehen kommen. Caroline wurde es plötzlich speiübel.
Ihr Chef ballte die Hände zu Fäusten.
»Ich habe Sie immer gefördert und unterstützt, das wissen Sie. Aber das hier … Ich weiß net, wie wir das ausbügeln sollen. Gehen Sie, bitte. Ich muss schauen, was ich tun kann. Ob ich überhaupt noch etwas tun kann.«
Gehen Sie – bei diesen Worten wurden Carolines Knie ganz weich. Er meinte hoffentlich, sie sollte zurück in ihr Büro gehen und nicht, dass sie entlassen war. Oder würde sie wegen dieses einen Fehlers alles verlieren, wofür sie so hart gearbeitet hatte?
***
Im einhundertfünfzig Kilometer entfernten Zillertal zeigte sich der Sommer von seiner besten Seite. Strahlend blau wölbte sich der Himmel über den Bergen, und auf den Hängen blühten die Almrosen. Das Summen wilder Hummeln füllte die Luft, und es duftete nach frisch gemähten Wiesen. Während die Bauern über die Hitze stöhnten, freuten sich die Urlauber über das schöne Sommerwetter.
Nach dem letzten Gewittersommer haben wir heuer eine gute Saison, dachte Hedi Kastler zufrieden. Die Chefin des Hotels »Am Sonnenhang« kniete zwischen den Rosenbeeten und zupfte Unkraut aus. Nun nahm sie ihren Hut ab und strich sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn.
Mei, ist das eine Hitze! Ich muss nachher noch die Rosen gießen. Das Wasser von heute Morgen ist längst verdunstet.
Die Hotelchefin setzte ihren Hut wieder auf und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Die Sonne schien ihr auf den Rücken und trieb ihr das Wasser aus den Poren, deshalb beschloss sie nach einer Weile, dass es für diesen Tag genug war.
Hedi entleerte den Topf mit Unkraut hinter dem Hotel auf dem Kompost. Dann kehrte sie in die Lobby zurück. In der Hotelhalle war es angenehm kühl. Sie machte sich kurz frisch und nahm ihren Posten am Empfang wieder ein.
Es war später Nachmittag. Um diese Stunde ging es ruhig zu im Hotel. Die meisten der erwarteten Gäste waren bereits angereist und nutzten die Zeit für erste Erkundungen in den Bergen. Hedi wollte gerade in ihrem Computer nachschauen, ob Buchungsanfragen eingetroffen waren, als sich die Drehtür in Bewegung setzte und einen Bauern hereinführte.
Kilian Brandstetter war ein braun gebrannter Mann in den Vierzigern, der immer zu einem Scherz aufgelegt war.
»Grüß dich, Hedi. Mei, was für eine Hitze. Daheim fällt mir das Gras gleich als Heu von der Sichel, wenn es noch wärmer wird.«
»Viel fehlt wirklich nimmer, was?« Hedi lächelte den Besucher an. »Was führt dich her? Brauchst du ein Zimmer?«
»Nein, nein, ich wollte dich nur fragen, ob du die Wolle von meinem Hof bei euch verkaufen würdest. Sie stammt von meinen eigenen Schafen und ist warm und herrlich weich. Du wirst nichts Besseres finden.«
Kilian stellte einen Korb vor sie hin und zog das Tuch weg. Darunter kamen mehrere Knäuel in verschiedenen Naturtönen zum Vorschein.
Hedi strich über die cremefarbene Wolle.
