Das Berghotel 134 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 134 E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Wo steckt Lisa nur schon wieder? Hedi Kastler bekommt noch graue Haare! Ihre Aushilfe soll sie eigentlich entlasten, aber stattdessen ist sie wieder einmal nicht aufzufinden. Schließlich stöbert die Hotelchefin das verträumte Madel in der Wäschekammer auf: ganz versunken in einen Liebesroman. Wie so oft hat Lisa völlig die Zeit vergessen. Lisas Freund sieht ihre Träumereien mit Besorgnis. Tino ist Schäfer und besitzt keine Reichtümer, nur ein gutes Herz. Doch das scheint der jungen Frau nicht genug zu sein. Sie träumt von einem Mann, der ihr alles bieten kann: weite Reisen, schöne Kleider und kostbaren Schmuck. Einmal nur möchte sie all das erleben, was sie in ihren Geschichten liest. Da kommt ein neuer Gast ins Berghotel. Seine elegante Garderobe, seine Weltgewandtheit und sein Auftreten bleiben nicht ohne Wirkung auf Lisa. Dieser Mann ist die Verkörperung all ihrer Träume. Schnell ist Tino vergessen. Lisa hat nur noch Augen für den attraktiven Clemens und schlägt alle Warnungen in den Wind ...

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Der Traum vom fernen Märchenprinz

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4400-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.

Der Traum vom fernen Märchenprinz

Selbst in den Armen ihres Freundes sehnte sich Lisa nach mehr

Von Verena Kufsteiner

Wo steckt Lisa nur schon wieder? Hedi Kastler bekommt noch graue Haare! Ihre Aushilfe soll sie eigentlich entlasten, aber stattdessen ist sie wieder einmal nicht aufzufinden. Schließlich stöbert die Hotelchefin das verträumte Madel in der Wäschekammer auf: ganz versunken in einen Liebesroman. Wie so oft hat Lisa völlig die Zeit vergessen.

Lisas Freund sieht ihre Träumereien mit Besorgnis. Tino ist Schäfer und besitzt keine Reichtümer, nur ein gutes Herz. Doch das scheint der jungen Frau nicht genug zu sein. Sie träumt von einem Mann, der ihr alles bieten kann: weite Reisen, schöne Kleider und kostbaren Schmuck. Einmal nur möchte sie all das erleben, was sie in ihren Geschichten liest.

Da kommt ein neuer Gast ins Berghotel. Seine elegante Garderobe, seine Weltgewandtheit und sein Auftreten bleiben nicht ohne Wirkung auf Lisa. Dieser Mann ist die Verkörperung all ihrer Träume. Schnell ist Tino vergessen. Lisa hat nur noch Augen für den attraktiven Clemens und schlägt alle Warnungen in den Wind …

»Das kann doch net so schwer sein!«

Lisa Jenewein klappte missmutig ihr Buch zu und starrte den Einband an, als hätte sie soeben eine Nacktschnecke darauf entdeckt.

»Was ärgert dich denn dermaßen?« Ihre Kollegin kam mit einem Kaffee auf die Terrasse des Berghotels und setzte sich auf den Rand der Brüstung. Sie drehte ihren Becher in den Händen und zog fragend die sorgfältig gezupften Augenbrauen hoch. »Taugt dein neues Buch nichts?«

»Doch, die Geschichte ist wunderschön …«

»Aber …?«

»Wenn ich noch einmal irgendwo das Wort ›Schmöcker‹ lesen muss, dann probe ich den Aufstand.«

»Den Aufstand? Das will ich sehen.« Bettina grinste von einem Ohr zum anderen. »Was stellst du dann an? Verbrennst du das Buch? Oder entsagst du dem Lesen gleich ganz?«

»Bestimmt net, aber ich kann es auch net länger hinnehmen, wie unsere Sprache malträtiert wird.«

»Ich werde auf jeden Fall meinen Fotoapparat bereithalten, um diesen Moment für die Nachwelt festzuhalten.«

»Das ist net lustig.« Lisa drehte ihr Buch um und tippte energisch auf die untere Zeile des Klappentextes. »Hier. Lies mal.«

»Ein herrlicher Schmöcker«, las ihre Kollegin laut vor. »Na und? Jemand vom Fernsehen empfiehlt den Roman. Was ist denn so schlimm daran?«

»Im Grunde nichts, aber Schmöker schreibt man ohne ›c‹!«

»Tatsächlich? Das wusste ich net. Na schön, dann ist es also falsch geschrieben, aber das ist kein Weltuntergang. Sei net so pingelig. Man weiß doch, was gemeint ist.«

»Auf einem Buch sollte es richtig stehen. Findest du net?«

»Druckfehler können passieren. Du siehst das zu eng.«

»Eine korrekte Rechtschreibung ist wichtig«, beharrte Lisa. »Heutzutage nehmen sich viele Menschen keine Zeit mehr, darauf zu achten, was sie eigentlich schreiben. In der Zeitung häufen sich die Fehler, und von den Texten im Internet will ich gar net erst reden. Und jetzt hagelt es auch noch Fehler in den Büchern?«

Lisa drückte eine Hand an ihre Brust, weil es ihr beinahe körperliche Schmerzen zufügte, das verunstaltete Wort zu sehen. Bücher waren in ihre Augen ein Bollwerk, das gut von böse und richtig von falsch trennte. Bei einer fehlerhaften Rechtschreibung wurde sie aus ihrem Lesefluss gerissen. Das konnte sie nicht länger hinnehmen. Schmöcker. Also wirklich!

Sie wollte ihren Feierabend mit einer gemütlichen Lesestunde beginnen. In ihrer Kammer im Dachgeschoss des Berghotels war es drückend heiß, deshalb hatte sie sich einen schattigen Platz im Garten des Hotels gesucht. Nun jedoch überlagerte Entrüstung ihre Freude an dem Buch.

Ihre Kollegin nippte an ihrem Getränk.

»Findest du es wirklich so schlimm, wenn ein Wort falsch geschrieben ist?«

»Und ob. Das richtige Schreiben ist wichtig. Denk nur an den Satz: ›Wir essen, Papa.‹ Wenn du da das Komma weglässt, wird daraus: ›Wir essen Papa.‹ Das ist etwas ganz anderes!«

»So gesehen kann ein Komma tatsächlich Leben retten.«

»Siehst du.« Lisa nickte bekräftigend. »Ich könnte mit niemandem zusammen sein, der net richtig schreiben kann.«

»Also, mich würde es net stören, wenn mein Freund das Wort Küssen net korrekt buchstabieren kann. Die Hauptsache ist doch, er weiß, wie es geht.«

Bettina zwinkerte ihr zu.

Lisa neigte skeptisch den Kopf. Sie liebte Bücher, aber Fehler verhagelten ihr die Freude daran. Es ärgerte sie, wenn Worte falsch geschrieben waren.

Ebenso wie Bettina war sie als Aushilfe im Berghotel eingestellt. Während sie ihren Dienst für diesen Tag bereits beendet hatte, war ihre Kollegin für die Spätschicht eingeteilt worden und sollte später das Abendessen im Hotelrestaurant servieren. Bettina machte nur gerade eine Kaffeepause.

Das Berghotel »Am Sonnenhang« machte seinem Namen an diesem Tag wieder alle Ehre. Das rustikale Alpenhotel stand auf einer Anhöhe über St. Christoph – einem kleinen Dorf im Zillertal. Von den Balkons aus hatte man einen wunderbaren Ausblick auf die Gipfel, die sich in den Sommerhimmel reckten. Einige waren so hoch, dass sie sogar jetzt noch mit Schnee bedeckt waren.

Das Berghotel war im Sommer ebenso beliebt wie im Winter. Regelmäßig fanden Hochzeiten und Tagungen statt. Die herzliche Art, mit der Gäste im Berghotel umsorgt wurden, hatte sich herumgesprochen, und so stand keines der behaglich eingerichteten Zimmer lange frei.

Bettina stellte ihren Kaffeebecher im Gras ab.

»Hast du dich eigentlich schon entschieden, was du zu deinem Klassentreffen nächste Woche anziehen wirst?«

»Erinnere mich bloß net daran!«

Lisa krauste die Nase, als hätte sie plötzlich einen üblen Geruch in der Nase. Sie wusste noch nicht einmal, ob sie überhaupt zu der Feier gehen würde. Geschweige denn, was sie anziehen sollte. Ihr Freund hatte ihr geraten, das neue Dirndl anzuziehen, das sie sich genäht hatte, aber sie war noch unsicher.

Würden ihre früheren Mitschüler dem Kleid nicht ansehen, dass es selbstgemacht war? Und sie deswegen hänseln? Wie früher?

In der Schule hatte sie oft Kleidung aus zweiter oder dritter Hand getragen, die ihre Mutter für sie angepasst hatte. Die anderen Kinder hatten sie deswegen schief angeschaut, sodass sie sich gefühlt hatte, als wäre sie weniger wert als die anderen. Dieses Gefühl hatte sie bis heute nicht vergessen.

Während sie noch grübelte, bog plötzlich eine dunkle Limousine auf den Parkplatz des Hotels ein und steuerte eine Parkbucht an. Im Schatten einer Fichte blieb der Wagen stehen, und ein hoch gewachsener Mann stieg aus. In seinem dunklen Anzug wirkte er, als wäre er auf dem Weg zu einem Geschäftstermin.

Seine dunklen Haare waren modisch kurz geschnitten. Er holte einen schwarzen Rollkoffer aus dem Kofferraum und steuerte damit den Eingang des Hotels an.

»Wow«, rutschte es Lisa heraus.

»Wow?« Die Stirn ihrer Kollegin runzelte sich. »Sag bloß, er gefällt dir? Dieser Mann ist doch mindestens zehn oder fünfzehn Jahre zu alt für dich.«

»Heutzutage spielt das Alter eines Menschen keine große Rolle mehr. Hast du sein Auftreten bemerkt? Als käme er geradewegs aus London oder New York. Bestimmt ist er erfolgreich und verfügt über Macht und Einfluss.«

»Und wenn schon. Ich gebe ja zu, dass er gut aussieht, aber manche Menschen verstecken ihr wahres Ich nur hinter teurer Garderobe. Lass dich davon net beeindrucken.«

Lisa folgte dem Fremden mit den Augen. Da blieb er unvermittelt stehen und schnürte seinen Schuh neu zu. Als er sich aufrichtete, wandte er den Kopf, und ihre Blicke trafen sich.

Sekundenlang schien die Zeit stehen zu bleiben. Ein Lächeln flog über sein markantes Gesicht, und er nickte ihr leicht zu.

Lisa schnappte nach Luft. Und ihre Haut prickelte, als würde sie in Champagner baden. Seine Augen hatten die Farbe von Bernstein – und sie schienen geradewegs in ihr Herz zu blicken.

Er setzte seinen Weg fort und war kurz darauf aus ihrer Sicht verschwunden. Doch ihr Herz flatterte noch immer wie ein gefangener Schmetterling in ihrer Brust. Diese Begegnung … sie war etwas Besonderes gewesen. Das spürte sie.

»Erde an Lisa.«

Ihre Kollegin stieß sie unsanft in die Seite.

»W-was?«

Nur schwer fand Lisa ins Hier und Jetzt zurück.

»Vergiss ihn lieber. Dieser Mann lebt vermutlich hunderttausend Euros von uns entfernt. Menschen wie er bemerken uns gar net. Für ihn sind wir wie ein Fahrstuhl oder das Handtuch neben dem Waschbecken. Recht nützlich im Gebrauch, mehr aber auch net.«

Autsch. Die Worte ihrer Kollegin holten Lisa auf den Boden der Tatsachen zurück. Es stimmte ja. Dass sich ein Millionär in ein mittelloses Dienstmädchen verliebte, geschah nur in ihren Romanen, aber doch nicht im echten Leben!

Plötzlich zwitscherte etwas in ihrer Rocktasche.

»Hast du da einen Vogel drin?«

Ihre Kollegin riss die Augen auf.

»Schmarrn. Das ist nur mein neuer Klingelton. Tino hat ihn für mich eingestellt.« Lisa holte das Handy hervor. »Hallo?«

»Griaß dich, Spatzerl.« In der dunklen Männerstimme schwang ein Lächeln mit. »Ich bin’s.«

»Tino? Ist alles in Ordnung bei dir?«

»Net so ganz, deshalb rufe ich an. Ich werde es leider net pünktlich zu unserer Verabredung heute Abend schaffen. Eines der Lämmer weggelaufen. Daisy. Ich muss die Kleine erst suchen und zur Herde zurückbringen, ehe ich hier wegkann. Es könnte also ein bisserl später werden.«

»Ich verstehe. Soll ich zu dir raufkommen und dir helfen?«

»Würdest du das tun? Das wäre großartig. Ehrlich. Vier Augen sehen mehr als zwei.«

»Freilich. Ich mache mich gleich auf den Weg und bin in einer Dreiviertelstunde an deiner Hütte.«

»Danke, Spatzerl. Ich suche in der Schwarzachklamm nach dem Ausreißer. Könntest du dich am Bach umschauen?«

»Freilich. Ich melde mich, sobald ich Daisy gefunden habe.«

»Du bist ein Schatz. Wenn wir sie bald aufspüren, können wir uns doch noch einen gemütlichen Abend zusammen machen.«

»Das wäre schön.«

Lisa nickte lächelnd, auch, wenn ihr Freund das durch das Telefon hindurch freilich nicht sehen konnte. Sie freute sich auf den Abend mit ihm. Gleichzeitig empfand sie jedoch auch eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das sie selbst nicht benennen konnte.

Eine Sehnsucht nach … mehr!

***

»Daisy? Wo bist du?«

Mit ausgreifenden Schritten folgte Lisa dem Pfad, der am Mühlbach entlangführte. Der Bach plätscherte ihr entgegen und rauschte munter über das Bett aus Kieselsteinen, und die Sonne schien auf ihren Rücken. Obwohl es bereits auf den Abend zuging, war es noch immer drückend heiß. Lisa schwitzte selbst in ihrem luftigen Sommerkleid.

Das Lamm, das weggelaufen war, gehörte zu der Herde, die ihr Freund hütete. Tino Wärtl war Schäfer und wachte mit seinen beiden Hunden über die Schafe, aber hin und wieder nutzte eines der Tiere einen unbeobachteten Moment, um sich davonzustehlen und auf Wanderschaft zu gehen. Die kleine Daisy war im Frühjahr geboren worden und hatte dünne Beinchen, die viel zu lang für ihren winzigen Körper schienen.

Doch was sie an Körpergröße noch nicht erreicht hatte, machte sie durch Abenteuerlust wett. Es war schon das dritte Mal, dass sie allein umherstreifte. Dabei waren die Berge voller Gefahren! Felsklüfte und reißende Wildbäche bedrohten das Leben des unerfahrenen Jungtiers.

Die Schafe weideten auf dem Rautenstein, einem Tafelberg südlich von St. Christoph. Mehrere Wege führten von oben herab, und auf jedem konnte das Lamm unterwegs sein. Zusätzlich gab es zahlreiche Höhlen, in denen es sich verstecken und verirren konnte. Die Chancen, es wohlbehalten wiederzufinden, sanken mit jeder Stunde, die verging.

Lisa hielt Augen und Ohren offen, während sie dem Bachlauf folgte. Doch sie sah nur die Libellen, die wie winzige Hubschrauber am Ufer kreisten, und die Rotschwänze, die in den Kiefern zwitscherten. Kein Lamm weit und breit.

Die kleine Daisy fraß mit Hingabe Gänseblümchen. In der Nähe des Bachs blühten zahllose Gänseblümchen, deshalb hoffte Lisa, das Lamm hier zu finden.

»Daisy!«

Sie legte die Hände wie einen Trichter an ihr Ohr.

Doch das Lamm war weder zu sehen noch zu hören.

Lisa schritt kräftig aus. Sie war in den Bergen aufgewachsen und die steilen Anstiege ebenso gewohnt wie die frische Luft und die langen Stunden auf den Beinen. Sie kannte die Berge und liebte sie heiß und innig.

Ihr Blick richtete sich nach oben. Unterhalb der schroffen Felsen, auf denen kaum mehr wuchs als Flechten und Moos, blühten die Almrosen: ein Meer aus roten Blüten auf den Hängen. Für die Kühe waren sie giftig, aber für das Auge des geneigten Betrachters waren sie ein Labsal.

Lisas Freund war für mehr als zweihundert Schafe verantwortlich. Den Sommer über lebte er in einer Hütte oben am Berg. Es gab alle Hände voll zu tun für ihn. Er musste die Schafe nicht nur bewachen, sondern auch dafür sorgen, dass sie gesund blieben, ihre Hufe pflegen und sie auf frische Weiden treiben, wenn das Gras abgefressen war. Wasser musste für die Herde bereitstehen, und dann kam natürlich die Schur, bei der er vierzehn und mehr Stunden am Tag nichts anderes tat, als die Schafe zu scheren.

Lisa leistete ihm gern dabei Gesellschaft. Sie mochte die sanften Tiere, die so fest in der Herde zusammenhielten wie die Familie, von der sie insgeheim träumte und die sie sich für die Zukunft wünschte.

Plötzlich hörte sie rechts von sich ein klägliches »Mäh«. Sie drehte den Kopf und entdeckte das Lamm auf einem Felsvorsprung, der so schmal war, dass sie unwillkürlich die Hände vor der Brust zusammenschlug.

»Mei, wie bist du nur da raufgekommen?«

Das Lamm stieß einen verzweifelten Ruf aus.

»Warte! Ich komme und hole dich.«

Lisa raffte ihren Rock und machte sich an den Aufstieg. Sie war eine geübte Kletterin. Doch Felszacken und spitze Steine bohrten sich in ihre Hände und fügten ihr blutende Wunden zu. Sie achtete nicht weiter darauf, weil die Zeit drängte, und kletterte weiter, bis sie auf derselben Höhe war wie das Lamm.

Sie umklammerte eine Felsnase mit der linken Hand und streckte die Rechte nach dem Jungtier aus. Ihre Fingerspitzen berührten die weiche Wolle, aber sie bekam das Lämmchen noch nicht zu fassen.

»Komm, Daisy«, lockte sie. »Du musst einen Schritt auf mich zu machen. Nur einen. Sonst erreiche ich dich net. Für mich ist der Vorsprung zu schmal.«

Das Tier blickte unsicher in ihre Richtung.

Lisa machte sich so lang wie möglich, aber es reichte noch nicht. Verzweifelt beugte sie sich noch ein kleines Stück vor, während sie gleichzeitig das Gefühl hatte, der linke Arm, mit dem sie sich festhielt, würde ihr aus dem Gelenk gerissen.

Da stakste Daisy unsicher einen Schritt auf sie zu.

»Gut so!«

Lisa umklammerte das Lamm entschlossen. Geschafft!

Das zitternde Jungtier fest an sich gepresst, machte sie sich vorsichtig an den Abstieg. Der Schweiß strömte ihr aus allen Poren, und vor Anstrengung zitterten ihr die Knie. Doch sie konzentrierte sich darauf, festen Halt zu finden, und atmete auf, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

»Mach das nimmer«, schnaufte sie und streichelte das Lämmchen. »Für solche sportlichen Einlagen ist es heute eindeutig zu heiß, hast du gehört?«