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Ellen Berger ist verzweifelt: Ihre Ehe steht vor dem Aus! Kilian, ihr Mann, ist als ein gefragter Kinderchirurg viel beschäftigt und kaum noch zu Hause. Nach zehn gemeinsamen Jahren haben sie sich entfremdet. Die angespannte Situation zu Hause hinterlässt auch bei den Zwillingen Leonie und Felix ihre Spuren: Die Schulnoten des kleinen Jungen haben sich drastisch verschlechtert, und Leonie erholt sich nicht mehr von einem Infekt.
Ellen weiß, wenn sie ihre kleine Familie retten will, muss sie jetzt die Reißleine ziehen. Sie sucht das Gespräch mit Kilian, und er zeigt sich sichtlich betroffen. Bei all seinem beruflichen Ehrgeiz hat er nicht bemerkt, wie er seine Frau und die Kinder vernachlässigt. So entscheiden sie, gemeinsam in den Urlaub zu fahren - ins idyllische St. Christoph soll die Reise gehen.
Doch der Urlaub startet denkbar schlecht, denn Kilian wird am Morgen der Abreise zu einem Notfall in die Klinik gerufen und schickt Ellen mit den Kindern allein voraus. Eine verhängnisvolle Entscheidung ...
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Seitenzahl: 125
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Zwei kleine Herzen und das große Glück
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: shutterstock / Oksana Trautwein
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-4590-2
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Zwei kleine Herzen und das große Glück
Im Berghotel erwartete Leonie und Felix eine besondere Überraschung
Von Verena Kufsteiner
Ellen Berger ist verzweifelt: Ihre Ehe steht vor dem Aus! Kilian, ihr Mann, ist als gefragter Kinderchirurg viel beschäftigt und kaum zu Hause. Nach zehn gemeinsamen Jahren haben sie sich entfremdet. Die angespannte Situation zu Hause hinterlässt auch bei den Zwillingen Leonie und Felix Spuren: Die Schulnoten des kleinen Jungen haben sich drastisch verschlechtert, und Leonie erholt sich nicht von einem Infekt.
Ellen weiß, wenn sie ihre kleine Familie retten will, muss sie jetzt die Reißleine ziehen. Sie sucht das Gespräch mit Kilian, und er zeigt sich sichtlich betroffen. Bei all seinem beruflichen Ehrgeiz hat er nicht bemerkt, wie er seine Frau und die Kinder vernachlässigt. So entscheiden sie, gemeinsam in den Urlaub zu fahren – ins idyllische St. Christoph soll die Reise gehen.
Doch der Urlaub startet denkbar schlecht, denn Kilian wird am Morgen der Abreise zu einem Notfall in die Klinik gerufen und schickt Ellen mit den Kindern allein voraus. Eine verhängnisvolle Entscheidung …
Gedämpftes Schluchzen drang durch die Gartenhecke. David Fankhauser hörte es in dem Augenblick, in dem er es sich unter dem Sonnenschirm mit der Abendzeitung gemütlich machen wollte. Es war Ellen. Ihre Verzweiflung schnürte ihm die Kehle zu.
Als Pilot war er höchst selten daheim. Umso schlimmer war es, dass er seine Nachbarin öfters weinen hörte, wenn sie sich allein in ihrem Garten glaubte. Anscheinend war ihr Mann wieder nicht nach Hause gekommen. Ahnte er eigentlich, wie tief er sie damit traf? Fühlte er sich im Recht, sie mit der Sorge für die beiden Kinder allein zu lassen, nur, weil er ein erfolgreicher Chirurg war?
Ellen war eine patente Frau, aber sie vermisste ihren Ehemann, und das konnte David ihr nicht verdenken. Er spähte zwischen den Blättern der Hecke hindurch und betrachtete die zierliche blonde Frau, die mit dem Rücken zu ihm saß. Ihre Schultern zuckten. Sie war barfuß und hatte die Zehen im Gras vergraben.
Sie wirkte so verletzlich, dass in ihm ein Entschluss heranreifte: Er würde sie nicht länger mit ihren Sorgen allein lassen. Anders als ihr Mann würde er für sie da sein, damit die einzigen Tränen, die sie in Zukunft vergoss, Tränen des Glücks waren. Mit ihm würde sie besser dran sein als mit ihrem Ehemann.
***
»Warum habt ihr mich hergerufen?«
Mit langen Schritten betrat Dr. Kilian Berger die Intensivstation für Neugeborene. Sein Kollege winkte ihn zu einem Inkubator. Darin lag ein Baby, das noch keine Stunde alt sein konnte. Das zerknautschte Gesichtchen war blass, die Lippen leicht bläulich verfärbt.
»Zehn Minuten altes Neugeborenes«, informierte ihn sein Kollege Johann. »Der Kleine wurde spontan in der neununddreißigsten Schwangerschaftswoche geboren. Die Entbindung verlief ohne Komplikationen. Alles schien gut zu sein, aber in den ersten Lebensminuten setzte eine ausgeprägte Atemnot bei dem Buben ein.«
»Ich verstehe.« Kilian beugte sich über das Baby.
Sein routinierter Blick erfasste die wichtigsten Symptome sofort: Blasse Haut. Zyanose. Stöhnende Atmung. Er schob sein Stethoskop in die Ohren. Die Herztöne des Babys klangen rein und rhythmisch. Das Atemgeräusch war auf der linken Seite jedoch abgeschwächt.
Außerdem vernahm er Rasselgeräusche über den Lungen. Er nahm das Instrument aus den Ohren und tastete den Leib des Babys ab. Das Abdomen war weich.
»Irgendwelche Komplikationen in der Schwangerschaft?«
»Nur einen leicht erhöhten Blutdruck. Die Neugeborenen-Reflexe bei dem Kleinen sind unauffällig. Die Motorik ist allerdings abgeschwächt.«
»Weil der Kleine nicht genügend Luft bekommt.«
Kilian ging in Gedanken die möglichen Ursachen durch. Eine Lungenentzündung und ein Atemnotsyndrom kamen infrage, aber auch angeborene Fehlbildungen. Letztere fielen in sein Gebiet. Er war Kinderchirurg und arbeitete seit fünf Jahren in der Waldner-Klinik im Zentrum von München. Er hatte sich einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet und war auf dem besten Weg, trotz seiner erst vierunddreißig Jahre der nächste Chefarzt auf seiner Station zu werden.
Das Baby verzog das Gesicht, schnappte rasselnd nach Luft und drängte damit zum Handeln.
»Wir müssen intubieren.« Kilian nickte einer Schwester zu, die ihm alles Erforderliche brachte. Wenig später hatte er das Baby an die Beatmung angeschlossen. »Wie ist die Sauerstoffsättigung jetzt?«
»Zweiundneunzig Prozent unter vierzig Prozent Sauerstoff«, erwiderte sein Kollege nach einem Blick auf die Instrumente.
»Das ist eine für Neugeborene ausreichende Sättigung. Gut. Das verschafft uns ein wenig Zeit. Was sagt das Labor?«
»Er hat eine leichte Übersäuerung, ansonsten unauffällig.«
»Ich brauche ein Röntgenbild vom Thorax.«
»Schon geschehen.« Sein Kollege reichte ihm ein Tablet. Darauf war das Röntgenbild des winzigen Brustkorbs zu sehen.
Kilian nickte, als er seinen Verdacht bestätigt sah.
»Auf der linken Seite lässt sich keine Lungenstruktur erkennen. Wir haben es mit einer Zwerchfellhernie zu tun.«
Diese Fehlbildungen kamen recht selten vor. Das Risiko, dass ein Baby damit geboren wurde, stand eins zu dreitausend. Wenn es jedoch dazu kam, konnten die Folgen dramatisch sein.
Durch eine Lücke im Zwerchfell gelangten innere Organe in den Bauchraum und die Brusthöhle. Bei dem Baby war der Darm in die Lunge geraten, deshalb konnte sich seine Lunge nicht vollständig entfalten, was seine Atemnot erklärte.
»Wir müssen operieren«, sprach Kilian aus, was sein Kollege bereits wusste.
»Das hatte ich befürchtet. Tut mir leid, dass ich dir den Feierabend vermassle.«
Kilian winkte ab. Er hatte seit zwei Stunden Feierabend. Genau genommen seit zwei Stunden und fünfzehn Minuten. Er hatte jedoch noch keine Gelegenheit gehabt, damit zu hadern. Er war schon fast auf dem Heimweg gewesen, als ein Dreijähriger mit einem Darmverschluss hereingekommen war und er notoperieren musste. Danach war ein Zehnjähriger nach einem Sturz vom Skateboard mit einem Kreuzbandriss eingeliefert worden. Und nun lag das Neugeborene vor ihm und brauchte dringend seine Hilfe.
»Du hast heute Hochzeitstag, oder?«
»Danke, dass du mich daran erinnerst«, brummte Kilian.
»Vielleicht solltest du den Eingriff jemand anderem übertragen.«
»Kommt nicht infrage. Ich habe diesen Eingriff schon mehrmals gemacht. Ich bin die beste Chance, die der Kleine im Augenblick hat. Ich muss operieren – und das werde ich auch.«
»Und deine Frau? Wartet sie heute Abend nicht auf dich?«
»Natürlich wartet sie auf mich, aber sie wird es verstehen, wenn ich später komme.«
»Das wird sie nicht.«
»Was meinst du damit?« Verblüfft schaute Kilian zu seinem Kollegen auf.
Johann legte die Stirn in sorgenvolle Falten.
»Meiner Erfahrung nach ist so ein Jahrestag wichtig für Frauen. Glaub mir. Ich habe vier Ex-Partnerinnen, die das beweisen.«
»Ellen ist anders. Sie weiß, wie wichtig mir meine Arbeit ist.«
»Bist du dir da sicher?«
Kilian schwieg sekundenlang. »Mein Beruf ist mein Leben. Ich bin nicht wie mein Vater und lasse alles stehen und liegen, weil es mir gerade so gefällt. Ellen weiß das, zumindest hoffe ich das.«
»Du hoffst das?« Johanns Brauen wanderten ein Stück nach oben. »Darum bin ich inzwischen ganz gern Single. Es gibt keine bösen Überraschungen, wenn ich nach Hause komme. Keine Vorwürfe und auch kein eisiges Schweigen. Ich kann ausgehen und heimkommen, wie es mir beliebt.«
»Und das beliebt dir ziemlich häufig, habe ich gemerkt. Wann schläfst du eigentlich?«
»Wer kann schlafen, wenn es so viele schöne Frauen gibt, mit denen man eine Nacht verbringen kann? Ganz unverbindlich natürlich.« Johann winkte ab. »Ich habe lieber zwei Ringe unter den Augen als einen am Finger.«
Kilian dachte an seine Familie. Ellen und ihre beiden Kinder waren sein Ein und Alles, aber sie mussten oft genug hinter seinem Beruf zurückstehen. Er war ein gefragter Kinderchirurg, und darauf war er stolz. Er hatte es geschafft und sich etwas aufgebaut.
Niemand fragte ihn noch, woher er kam oder wie er sich durch sein Studium gehungert hatte. Damals hatte er jeden noch so schmutzigen Job angenommen, um sein Studium zu finanzieren. Inzwischen lebte er mit seiner Familie in einem hübschen Reihenhaus in Grünwald, und er war fest entschlossen, auf der Erfolgsleiter nach oben zu klettern.
Doch der Preis für seinen Erfolg war hoch: Er war selten daheim und sah seine Kinder oft erst, wenn sie längst im Bett lagen und schliefen. Aber im Leben gab es nichts umsonst, das hatte er auf die harte Tour lernen müssen.
»Bringen Sie den Kleinen bitte in den OP«, wies er die Pflegerin an und wandte sich um, um sich für den Eingriff umzuziehen. Es würde wieder einmal später werden.
Ausgerechnet heute. Himmel noch mal. Hatte Johann etwa recht? Aber was sollte er machen? Er konnte nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Bei der Operation ging es um Leben und Tod. Den Hochzeitstag konnten sie nachholen.
Natürlich würde seine Frau das verstehen …
***
»Ich verstehe das net.« Ellen trat ans Fenster und spähte hinaus.
Auf der Straße rollte der Feierabendverkehr vorbei. Über einigen Vorgärten stiegen Rauchwolken auf, wo Nachbarn beim Grillen saßen. Von ihrem Mann war jedoch noch keine Spur zu sehen. Wo blieb er nur?
Kilian hatte sie nachmittags angerufen und ihr gesagt, dass es ein wenig später werden würde. Ein wenig! Das war inzwischen mehrere Stunden her – und er war immer noch nicht da!
Traurig strich Ellen den Rock glatt, den sie sich extra für diesen Abend gekauft hatte. Ihr zehnter Hochzeitstag sollte ein Grund zum Feiern sein, und der frühlingsgrüne Rock mit dem Tupfenmuster passte wunderbar zu ihrer Lieblingsbluse. Sie trug ihre blonden Haare offen und hatte ein paar Tropfen des sündhaft teuren Parfüms hinter ihren Ohrläppchen verteilt, das so herrlich nach Jasmin duftete. Und wofür die ganze Mühe?
Ihr Mann kam nicht nach Hause. Inzwischen hatte sie dem Babysitter abgesagt, weil es zum Ausgehen längst zu spät war.
Die Enttäuschung nagte an Ellen. Sie hatte so viele Hoffnungen auf diesen Abend gesetzt. Zwischen Kilian und ihr lief es schon seit Monaten nicht gut. Er war kaum noch daheim.
Die Klinik verschlang ihn mit Haut und Haaren und spuckte nur noch einen Schatten von ihm aus – und auch das immer seltener. Hin und wieder schlief er sogar im Krankenhaus, um die Zeit für den Arbeitsweg zu sparen, wie er ihr erklärte, wenn es einmal wieder später wurde.
Manchmal befürchtete sie schon, dass er eine Affäre hatte, aber vermutlich hatte er dafür gar keine Zeit. Sie musste mit keiner Frau konkurrieren, sondern mit seinem Beruf! Und dieses Rennen konnte sie nicht gewinnen. Dafür bedeutete ihm seine Arbeit viel zu viel.
Kilian war einer der besten Kinderchirurgen in München. Sie war stolz auf ihn, aber sie wünschte sich auch, er würde wenigstens einen Teil der Energie, die er in seinen Beruf investierte, seiner Familie schenken. Sie wäre schon mit einem Drittel davon zufrieden. Oder einem Viertel. Doch davon waren sie weit, sehr weit entfernt.
Ellen lief unruhig in der unteren Etage ihres Reihenhauses auf und ab. Sie fühlte sich rastlos. Gefangen in einem Leben, das sie sich anders erträumt hatte.
Von außen betrachtet, führte sie ein wunderbares Leben: Sie hatte einen klugen, erfolgreichen Ehemann, zwei Kinder und ein schönes Zuhause. Halbtags arbeitete sie in einer Buchhandlung, was es ihr ermöglichte, nachmittags daheim zu sein, wenn ihre Kinder aus der Schule kamen.
Es schien eine Familie wie aus dem Bilderbuch zu sein.
In letzter Zeit ertappte sie sich jedoch immer öfter bei dem Wunsch, ihr Leben wäre weniger perfekt und dafür gäbe es mehr Nähe und Stunden, die sie gemeinsam verbrachten.
Aus dem Garten drang bellendes Husten.
Leonie hatte gerade erst eine Erkältung überstanden und war noch nicht wieder völlig hergestellt. Ihr Husten hielt sich hartnäckig. Trotzdem hatte sie so lange gebettelt, bis Ellen ihr erlaubt hatte, eine halbe Stunde im Garten zu werkeln. Die frische Luft sollte ihr guttun. Zumindest hoffte Ellen das von ganzem Herzen.
Ihre Tochter liebte es, zu gärtnern, deshalb hatten sie ihr erlaubt, ein eigenes Beet anzulegen. Leonie hatte Petersilie ausgesät, ein halbes Dutzend Tomaten und Erdbeeren gepflanzt. Jeden Tag kümmerte sie sich nach der Schule um ihren Garten.
Sie goss, zupfte Unkraut oder saß einfach nur im Schneidersitz im Gras und schaute den Pflanzen beim Wachsen zu. Darin erinnerte sie Ellen an ihre viel zu früh verstorbene Mutter, die ihren Garten ebenfalls geliebt hatte.
Wo bleibt Kilian denn nur?
Ellen spähte noch einmal aus dem Fenster. Nichts. Keine Spur von ihrem Mann oder seinem Wagen. Die Straße war verlassen. Nur ein Eichhörnchen huschte über den Asphalt und sauste flink am Stamm der Linde vor ihrem Haus empor und verschwand im dichten Blattwerk.
Im Magen der Neunundzwanzigjährigen bildete sich ein Knoten, deshalb beschloss sie, sich einen Kräutertee aufzubrühen. Sie musste sich beschäftigen, vielleicht würde sie dann ruhiger werden.
Ellen ging in die Küche, setzte den Wasserkocher in Gang und gab einen Teebeutel in einen Becher. Dabei fiel ihr Blick auf einen Umschlag, der vorhin noch nicht auf dem Küchentisch gelegen hatte. Wo kam der denn auf einmal her?
Für die Eltern von Felix Berger, stand in einer nach rechts geneigten Handschrift auf dem Umschlag.
Oha! Ellen hatte schon einige dieser Briefe bekommen, deshalb erkannte sie die Handschrift der Klassenlehrerin ihrer Kinder. Wie es aussah, hatte ihr Sohn wieder Ärger in der Schule. Dieser Abend wurde ja besser und besser … Seufzend riss sie das Kuvert auf und faltete das darin enthaltene Papier auseinander.
Sehr geehrte Familie Berger, Felix arbeitet im Unterricht kaum noch mit. Seine Leistungen haben sich drastisch verschlechtert. Ich bitte Sie deshalb dringend, zur nächsten Elternsprechstunde zu mir zu kommen. Als Termin schlage ich vor …
Drastisch verschlechtert? Ellen schüttelte verwundert den Kopf. Wie war das möglich? Felix brachte keine schlechten Noten mit nach Hause. Er … Moment mal! Wenn sie es recht bedachte, hatte er ihr schon seit einiger Zeit keine Arbeiten mehr zur Unterschrift vorgelegt. Hatte er sie vor ihr versteckt?
Das erforderte eine rasche Aufklärung. Sie wirbelte herum.
»Felix?« Sie hob den Kopf und lauschte.
Ihr Sohn antwortete nicht, deshalb stieg sie in die erste Etage hinauf und stieß die Tür zum Kinderzimmer auf.
Der Raum war leer.
»Felix?« Sie warf einen Blick ins Bad.
Dann eilte sie wieder nach unten und trat hinaus in den Garten. Hier ließ ihre Tochter gerade einen Marienkäfer von ihrem Finger auf ein Tomatenblatt wandern und schaute ihm versonnen zu.
»Leonie, weißt du, wo dein Bruder ist?«
»Da oben.« Ihre Tochter setzte den Käfer ab und deutete mit ihrer kleinen Schaufel zum Apfelbaum. Ein paar Krümel Erde bröckelten von ihrem Werkzeug ab.
Das Baumhaus! Freilich! Dorthin zog sich ihr Sohn immer zurück, wenn sich Ärger zusammenbraute. Ellen packte die Strickleiter und kletterte daran empor, immer hoffend, dass ihr enger Rock den Aufstieg unbeschadet überstehen würde.
Oben angekommen kroch sie in das liebevoll gezimmerte Baumhaus, das Kilian im vergangenen Sommer für die Kinder gebaut hatte. Er hatte mehrere Urlaubstage dafür geopfert. Damals schien ihre Ehe noch heil zu sein …
