Das Berghotel 139 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 139 E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Antonia summt leise vor sich hin, während sie am Laptop die Unterlagen für ihre Flitterwochen-Reise noch einmal überprüft. Sie kann kaum erwarten, dass es endlich losgeht! Nur ein Mausklick - schon ist das E-Mail-Programm geöffnet.

Antonia hält jäh den Atem an. Im Posteingang sind unzählige E-Mails von Silvia. Noch nie hat Nils von einer Silvia erzählt. Ein ungeheuerlicher Verdacht drängt sich in ihr auf. Sie muss Gewissheit haben. Mit zitternden Fingern klickt sie eine Nachricht an. Ihr Herz schlägt wie wild, als sie liest:

Nils, drück dich net vor deiner Verantwortung. Es geht net um mich, sondern um deinen Sohn. Du musst dich um Tim kümmern! Was könnte wichtiger sein als dein Kind?

Antonia zuckt zurück, als hätte sie sich verbrannt. Der Bildschirm verschwimmt vor ihrem Tränenschleier, und sie stürzt in ein tiefes schwarzes Loch ...

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Zweite Chance für die Liebe

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4591-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.

Zweite Chance für die Liebe

Kann Antonia ihrem Ehemann verzeihen?

Von Verena Kufsteiner

Antonia summt leise vor sich hin, während sie am Laptop die Unterlagen für ihre Flitterwochen-Reise noch einmal überprüft. Sie kann kaum erwarten, dass es endlich losgeht! Nur ein Mausklick – schon ist das E-Mail-Programm geöffnet.

Antonia hält jäh den Atem an. Im Posteingang sind unzählige E-Mails vonSilvia. Noch nie hat Nils von einer Silvia erzählt. Ein ungeheuerlicher Verdacht drängt sich in ihr auf. Sie muss Gewissheit haben. Mit zitternden Fingern klickt sie eine Nachricht an. Ihr Herz schlägt wie wild, als sie liest:

Nils, drück dich net vor deiner Verantwortung. Es geht net um mich, sondern um deinen Sohn. Du musst dich um Tim kümmern! Was könnte wichtiger sein als dein Kind?

Antonia zuckt zurück, als hätte sie sich verbrannt. Der Bildschirm verschwimmt vor ihrem Tränenschleier, und sie stürzt in ein tiefes schwarzes Loch …

Antonias Herz pochte so heftig, als wollte es explodieren. Mit zitternden Händen strich sie den weitschwingenden Seidenrock ihres blütenweißen Kleides glatt. Sie atmete tief durch, dann betrat sie mit langsamen Schritten die Kirche.

Blüten bedeckten den Mosaikboden, zarte Bänder und Blumengestecke zierten die Sitzbänke. Sobald sie den Mittelgang betrat, setzte die Orgelmusik ein. Die bekannten Klänge von Wagners Hochzeitsmarsch erklangen.

Lächelnde Gesichter blickten ihr aus allen Sitzreihen entgegen, alle Freunde und Verwandten hatten sich hier eingefunden und sahen die strahlende Braut nun staunend an. Doch Antonia hatte nur Augen für einen: Nils.

Er stand vorne beim Altar und erwartete sie. Sein Anblick zauberte ein Kribbeln in ihren Bauch, als tanzten tausend Schmetterlinge durch ihren Körper. Immer noch konnte sie kaum glauben, dass sie mit diesem wunderbaren Mann den Rest ihres Lebens verbringen würde.

Wie gut er aussah! Der dunkle Anzug mit der cremefarbenen Weste und dem passenden Plastron saß perfekt, die schwarzen Haare hatte er elegant in Form gebracht. Wie so oft umspielte ein unwiderstehliches Lächeln seine Lippen, dem kaum eine Frau widerstehen konnte. Seine dunklen Augen, die ihr auch jetzt noch ein wenig geheimnisvoll erschienen, blickten ihr voll Zärtlichkeit entgegen.

Doch freilich hatte sie sich nicht wegen seines guten Aussehens in ihn verliebt. Von dem Tag an, als sie in der Straßenbahn das Gleichgewicht verloren hatte und sicher in seinen starken Armen gelandet war, hatte er ihr Herz erobert. War sie bei ihm, erschien ihr die Welt so viel schöner, die Farben strahlender, das Licht der Sonne wärmer. Ein Leben ohne ihn konnte und wollte sie sich nicht mehr vorstellen.

Als der Pfarrer feierlich zu sprechen begann, griff Nils nach Antonias Hand. Zärtlich verschlangen sich ihre Finger ineinander. Glück durchflutete sie wie eine warme, prickelnde Woge.

Alles ging so schnell: Sie kannten einander erst seit wenigen Monaten, zwei Wochen nach dem Kennenlernen war sie schon zu ihm gezogen, und nun standen sie vor dem Traualtar. Nach den Flitterwochen wollten sie bereits mit dem gemeinsamen Hausbau beginnen.

Ein paar ihrer Freunde hatten vorsichtig angemerkt, ihre stürmische Romanze hätte ein ganz schön rasantes Tempo drauf, doch Antonia hatte überhaupt keine Zweifel. Mit Nils zusammen zu sein, fühlte sich absolut richtig an. Sie glaubte felsenfest daran, dass sie miteinander alt werden würden, und sie wusste, dass auch er das so sah.

Doch als sie ihn nun von der Seite ansah, fand sie mit einem Mal, dass er angespannt aussah. Plötzlich wurde ihr eiskalt. Hatte er etwa im letzten Moment doch noch zu zweifeln begonnen? Dachte er gerade darüber nach, ob es eine gute Idee war, sie zu heiraten?

Er blickte starr nach vorne, Sorgenfalten malten feine Linien auf seine Stirn. Unangenehme Gedanken schienen ihn zu quälen, er wirkte bedrückt.

»Nils! Stimmt was net?«, wisperte sie so leise, dass es niemand außer ihr hören konnte.

Ihre Frage holte ihn in die Realität zurück, er zuckte leicht zusammen und lächelte sie an.

»Alles bestens«, flüsterte er. »Ich lieb dich über alles, Liebling. Das ist der schönste Tag in meinem Leben.«

Sein Lächeln vertrieb ihre Sorgen. Nichts und niemand konnte ihr gemeinsames Glück zerstören!

»Antonia, ich frage dich vor Gottes Angesicht: Nimmst du deinen Bräutigam Nils als deinen Mann und versprichst du, ihm die Treue zu halten in guten und schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, und ihn zu lieben und zu achten und zu ehren, bis der Tod euch scheidet?«, fragte der Pfarrer.

Antonia zögerte keine Sekunde. »Ja, mit Gottes Hilfe«, erwiderte sie überglücklich und schaute Nils dabei tief in die Augen.

***

Leise summte Antonia vor sich hin, während sie in den Reiseprospekten blätterte. Für ihre Flitterwochen hatten sie und Nils sich etwas ganz Besonderes überlegt und eine zweiwöchige Karibik-Kreuzfahrt gebucht. In ein paar Tagen sollte es bereits losgehen, und sie konnte es jetzt schon kaum erwarten.

Schwungvoll schob sie die Prospekte zu einem Stapel zusammen und stand auf. Übermütig drehte sie sich um die eigene Achse, bevor sie den Katalogstapel auf den Schreibtisch legte. Dann begann sie, die anderen Papiere zu sortieren, die darauf lagen.

Ihre Gedanken waren dabei die ganze Zeit bei Nils. Was für ein Glück, dass sie diesen Traummann kennengelernt hatte! Wäre sie in der Straßenbahn nicht zufällig gegen ihn gestolpert, dann wäre alles ganz anders gekommen.

»Ist es nicht verrückt, dass solche kleinen Zufälle das ganze restliche Leben beeinflussen können?«, flüsterte sie lächelnd.

Als ihr ein Zettel entgegen rutschte, wollte sie ihn einfach wieder unter die anderen Papiere schieben, doch dann erstarrte sie in der Bewegung. Es schien sich um einen Brief zu handeln – und die geschwungene Handschrift gehörte offensichtlich einer Frau!

Sie presste die Lippen zusammen und hielt den Zettel unschlüssig in der Hand, ohne zu lesen, was darauf stand. Auf keinen Fall wollte sie ihrem frischgebackenen Ehemann hinterher spionieren, indem sie seine Post las. Gewiss handelte es sich um etwas ganz Harmloses, Belangloses – oder?

Die Tatsache, dass er den Brief nicht vor ihr versteckte oder in einem Umschlag aufbewahrte, sondern ihn bloß achtlos inmitten seines anderen Papierkrams aufbewahrte, gab schließlich den Ausschlag. Bestimmt hätte Nils nichts dagegen, wenn sie einen Blick riskierte – zumindest redete sie sich das ein.

Blitzschnell überflog sie den Text. Als sie damit fertig war, wurde ihr übel. Schwer atmend ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. Der Brief war tatsächlich von einer Frau, von einer gewissen Silvia. Eifersucht brodelte in Antonia auf und nahm ihr die Luft zum Atmen.

Doch schlimmer als die Tatsache, dass Nils mit einer anderen Frau in Briefkontakt stand, fand sie den letzten Satz: Nils, der kleine Tim braucht dich, stand da in der schönen, geschwungenen Handschrift geschrieben.

Noch nie hatte Nils ihr von einer Silvia oder einem Tim erzählt. Ein ungeheuerlicher Verdacht drängte sich Antonia auf, den sie am liebsten sofort beiseitegeschoben hätte. Hatte Nils eine Liebesbeziehung mit dieser Silvia – und war Tim sein Sohn? Nein, das konnte und durfte einfach nicht wahr sein. Doch um Gewissheit zu erlangen, musste sie unbedingt weiterforschen.

Mit zitternden Händen blätterte sie die Papiere weiter durch, bis sie tatsächlich einen weiteren Brief fand. Aus Angst, was darin stehen mochte, wurde ihr ganz schwindelig, doch sie überwand ihre Furcht und las die wenigen Zeilen. In dieser Nachricht bat Silvia ihn dazu, von Briefen auf E-Mails umzusteigen und von nun an digital zu kommunizieren, weil das viel schneller ging.

Unwillkürlich zuckte Antonias Blick zu Nils’ Laptop, der auf dem Sofatisch lag. Hatte er Silvias Bitte erfüllt und mit ihr E-Mails ausgetauscht? Es gab nur einen Weg, um das auf der Stelle herauszufinden, ohne ihn bei der Arbeit anzurufen und ihn direkt darauf anzusprechen.

»Nein, das darf ich net tun«, murmelte sie.

Sie konnte unmöglich an seinen Computer gehen und in seinen E-Mails stöbern. Indem sie seine Briefe gelesen hatte, war sie bereits in seine Privatsphäre eingedrungen und war damit eigentlich viel zu weit gegangen. Das Klügste wäre es wohl, sich jetzt zu beruhigen und abzuwarten, bis er von der Arbeit nach Hause kam, um ihn dann ganz gefasst auf die merkwürdigen Briefe anzusprechen.

Aber an Ruhe war nicht zu denken. Plötzlich hatte sie das Gefühl, unter ihrer Haut krabbelten Ameisen umher, deren Jucken sie ganz verrückt machte. Nervös sprang sie auf, lief im Zimmer hin und her und kämpfte gegen die Übelkeit an. Ihr war furchtbar schlecht und sie zitterte am ganzen Körper.

»Der Nils würd mir das net antun«, murmelte sie, um sich selbst davon zu überzeugen. Doch ihre Stimme bebte und klang nicht gerade glaubwürdig.

Sie hatte das Gefühl, sie stünde auf einem Drahtseil oder am Rande eines Abgrunds. Ein falscher Schritt, und sie würde in bodenlose Tiefen stürzen. Ihr Leben wäre dann nicht mehr dasselbe; die schöne Zukunft, die sie sich in den herrlichsten Farben ausgemalt hatte, würde in sich zusammenstürzen wie ein Kartenhaus.

Und doch musste sie Gewissheit haben und schaffte es einfach nicht, auf ihren Mann zu warten. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, ging sie auf den Laptop zu. Ehe sie es sich anders überlegen konnte, griff sie blitzschnell danach und klappte das Gerät auf.

»Vielleicht ist das Ding ja passwortgeschützt oder gar net an«, versuchte sie, sich zu beruhigen.

Aber ein leises Summen verriet, dass der Laptop nicht richtig ausgeschaltet, sondern nur im Stand-by-Modus gewesen war. Schon wich der schwarze Bildschirm einem bunten Hintergrundbild, das sie beide auf der Hochzeit zeigte.

Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie daran dachte, wie glücklich sie an jenem Tag gewesen war, der kaum eine Woche zurücklag. Sie hatte sich an dem Ziel ihrer Träume gefühlt und hatte nicht daran gezweifelt, dass die Liebe zwischen ihr und Nils echt und aufrichtig war. Nun musste sie sich allen Ernstes fragen, ob der Mann, der ihr so viel bedeutete, ein dunkles Geheimnis hatte und sie hinterging.

»Nein, nein, er hintergeht mich net«, flüsterte sie. »Er liebt mich und würd mir niemals wehtun. Ich muss mir bloß ganz rasch Gewissheit verschaffen, danach denk ich nie mehr über die seltsamen Briefe nach.«

Langsam fuhr der Mauszeiger über den Bildschirm. Antonia hielt den Atem an, als sie das E-Mail-Programm anklickte. Das Passwort war automatisch eingespeichert, sodass sie es nicht eingeben musste. Und tatsächlich sah sie auf Anhieb eine Nachricht von Silvia.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie die Mail öffnete. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dann begann sie, zu lesen.

Nils, drück dich net vor deiner Verantwortung, hatte Silvia geschrieben. Es geht net um mich, sondern um deinen Sohn. Du musst dich um Tim kümmern! Die Familie ist doch das Wichtigste, gell? Und was könnte wichtiger sein als dein Kind?

Antonia zuckte zurück, als hätte sie eine gefährliche Giftschlange vor sich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, doch das spürte sie kaum. Der Boden schien sich schlagartig unter ihr aufzutun – sie stürzte in ein endlos tiefes schwarzes Loch.

***

Antonia wusste nicht, wie lang sie so dasaß, stocksteif und reglos wie eine Statue. Die Zeit hatte jegliche Bedeutung verloren. Im ersten Moment fühlte sie sich wie betäubt, sodass sie gar keinen Schmerz, keine Wut und keine Enttäuschung fühlen konnte.

Immer noch starrte sie auf den Bildschirm, doch ohne etwas zu sehen. Die Buchstaben auf dem weißen Hintergrund verschwammen vor ihren Augen zu einer grauen, nichtssagenden Masse. Das Ticken der Uhr kam ihr dröhnend laut vor, es schien sich mit dem Pochen ihres Herzens zu mischen und durch ihren Körper zu pulsieren.

Nein, nicht Nils, hämmerte es wieder und wieder durch ihren Kopf. Das darf nicht wahr sein, das ist ein böser Traum. Nils tut so etwas nicht.

Am liebsten wollte sie die Augen verschließen, alles vergessen und ihm bedingungslos vertrauen. Doch die Dinge, die sie gerade schwarz auf weiß gelesen hatte, konnte sie nicht ungesehen machen.

Er hatte ein Kind!

Warum hatte er ihr das nie gesagt? Und diese Silvia – war das seine heimliche Liebe? Wenn die beiden ein kleines Kind hatten, musste er sie viel länger kennen als Antonia.

Fuhr er zweigleisig? Führte er ein Doppelleben? Einerseits erschien ihr das völlig ausgeschlossen, doch andererseits klang alles so klar und eindeutig, dass es keine andere Interpretation zuließ.

Ihre Hände ballten sich so fest zu Fäusten, dass sich die Fingernägel schmerzhaft in die Handballen bohrten.

»Warum, Nils, warum bloß?«, presste sie rau hervor.

Heiße Tränen kullerten ihr über die Wangen und tropften von ihrem Kinn.

Seit sie ihn kennenlernte, war alles so perfekt gewesen – zu perfekt, um wahr zu sein? Hätte sie damit rechnen können, dass es ein solches Glück nur in Märchen gab, und dass es irgendeinen Haken geben musste?

Doch mit einem so gewaltigen Haken hätte sie im Traum nicht gerechnet. Nils hatte eine andere Frau neben ihr, sogar eine ganze Familie mit einem Kind! Wie sollte sie ihm je wieder vertrauen? Ein solcher Betrug war nichts, was man vergeben und vergessen konnte.

Verzweifelt fragte sie sich, was sie nun tun sollte. Die Vorstellung, ihm zu begegnen und ihn auf die Sache anzusprechen, ließ sie beinahe hyperventilieren. Nein, sie konnte ihm jetzt nicht gegenübertreten, ihm nicht in die Augen sehen und schon gar nicht das Undenkbare aussprechen. Sie hatte jetzt einfach nicht die Kraft, sich damit auseinanderzusetzen.

Ich muss hier weg, schoss es ihr durch den Kopf. Raus aus seiner Wohnung, in die er bald zurückkommen würde – bloß fort. Statt mit ihm zu reden, wollte sie erst ihre Gedanken sortieren und sich beruhigen.

Mit einem Mal ging ein Ruck durch ihren Körper, plötzlich war sie von hektischer Unruhe erfüllt. Die unnatürliche Starre, die von ihr Besitz ergriffen hatte, fiel schlagartig von ihr ab.

Sie lief in ihr Schlafzimmer und stopfte eilig die nötigsten Sachen in eine Reisetasche: ein paar Kleidungsstücke, Unterwäsche, eine Zahnbürste. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie fühlte sich wie auf der Flucht.

Sobald sie alles gepackt hatte, hetzte sie zur Tür. Erst als ihre Hand die Klinke umfasste, fiel ihr ein, dass sie gar nicht wusste, wohin sie wollte. Unschlüssig stand sie da, zitterte am ganzen Leib und fühlte sich so verloren wie nie zuvor in ihrem Leben.

Ihre glückliche Seifenblase war geplatzt. Alles, was gerade noch in den schönsten Farben geschillert hatte, schien nun grau und trostlos. Vorhin hat sie noch im siebten Himmel geschwebt – entsprechend brutal war der Aufprall auf dem harten Boden der grausamen Realität.

Plötzlich kamen ihr nostalgische Bilder in den Sinn; Erinnerungen an glücklichere Tage. Seit Jahren hatte sie nicht mehr an jenen Urlaub gedacht, doch nun meinte sie die Berge und Almwiesen förmlich vor sich zu sehen und den Duft frischen Heus zu riechen.