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Vanessa Ulrich atmet noch einmal tief durch, bevor sie die Bühne betritt. Der Edelweiß-Saal des Berghotels ist bis auf den letzten Sitz gefüllt, alle sind sie gekommen, um die Zillertaler Jodelkönigin einmal live zu sehen. Sie sind bezaubert von ihrer Schönheit, und insgeheim sind sich alle Gäste einig: Keine Fotos und Videoaufnahmen der Welt können ihr gerecht werden.
Als die Musik nun zu spielen beginnt, greift Vanessa routiniert zum Mikrofon, öffnet den Mund - doch kein Ton kommt heraus. Sie schließt ihren Mund, öffnet ihn wieder, schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ihre Augen weiten sich vor Entsetzen.
Ein Raunen und Murmeln geht durch das Publikum. Alle Blicke sind gebannt auf die Jodelkönigin gerichtet, die schluchzend von der Bühne flieht ...
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Sorge um die Jodelkönigin
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Chiemseer Dirndl und Tracht
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-5490-4
www.bastei-entertainment.de
Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Sorge um die Jodelkönigin
Eine Stimme, so strahlend und hell, verstummt
Von Verena Kufsteiner
Vanessa Ulrich atmet noch einmal tief durch, bevor sie die Bühne betritt. Der Edelweiß-Saal des Berghotels ist bis auf den letzten Sitz gefüllt, alle sind sie gekommen, um die Zillertaler Jodelkönigin einmal live zu sehen. Sie sind bezaubert von ihrer Schönheit, und insgeheim sind sich alle Gäste einig: Keine Fotos und Videoaufnahmen der Welt können ihr gerecht werden.
Als die Musik nun zu spielen beginnt, greift Vanessa routiniert zum Mikrofon, öffnet den Mund – doch kein Ton kommt heraus. Sie schließt ihren Mund, öffnet ihn wieder, schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ihre Augen weiten sich vor Entsetzen.
Ein Raunen und Murmeln geht durch das Publikum. Alle Blicke sind gebannt auf die Jodelkönigin gerichtet, die schluchzend von der Bühne flieht …
Raschelnd fuhr der Wind durch das trockene Laub, zupfte braune und goldene Blätter von den Zweigen und wirbelte sie herum. Hedi blickte lächelnd hoch zum blauen Himmel und zog ihr warmes gestricktes Schultertuch, das wunderbar mit dem waldgrünen Wolldirndl harmonierte, enger um sich.
Es war ein kühler, aber sonniger Herbsttag. Der goldfarbene Wetterhahn auf der Turmspitze der Dorfkirche drehte sich eifrig hin und her, funkelnd reflektierte er das Licht. Die gepflegten Bauernhäuser wurden von der Sonne beschienen und so ins beste Licht gerückt. Auf einem Hügel etwas abseits war der gelbe Barockbau des Schlössls zu sehen, in dem der Baron von Brauneck mitsamt seiner Familie lebte. Mei, das alles gäbe ein zauberhaftes Postkartenmotiv ab, dachte Hedi bei sich.
Eine Katze balancierte auf einem Gartenzaun und schnurrte zufrieden, als Hedi ihr sanft das getigerte Fell kraulte.
Die Hotelchefin liebte es, bei diesem Wetter draußen an der frischen Luft zu sein. Der Wind löste ein paar blondgefärbte Strähnen aus ihrer feschen Flechtfrisur, doch das störte sie nicht weiter. Auch die Kälte konnte sie nicht schrecken, immerhin hatte sie ihren Mann Andi dabei, der nun wärmend einen Arm um ihre Schultern legte.
»Das Wetter steht dir, Spatzl«, sagte er schmunzelnd, zog sie enger an sich und gab ihr ein Busserl auf die Stirn.
Sie lachte. »Das Wetter? Wie das denn?«
Ein warmer Glanz trat in seine Augen, als er sie ansah.
»Die Kälte macht deine Wangen rot, der Wind zerzaust deine Haare so hinreißend. Allerdings bist du freilich zu jeder Jahreszeit die schönste Rose im ganzen Zillertal.«
»Du alter Süßholzraspler.« Neckend kniff sie ihn in die Seite, konnte aber nicht verhehlen, dass sie sich geschmeichelt fühlte.
Auch wenn die beiden Hoteliers schon seit einer ganzen Weile verheiratet waren, tat es immer noch gut, liebe Komplimente zu hören. Aufmerksamkeiten hielten die Liebe nun einmal frisch und jung.
Seite an Seite flanierten sie durch das Dörfchen St. Christoph, genossen den schönen Herbsttag und plauderten mit Bekannten, die ihnen auf der Straße begegneten. Dabei schauten sie sich neugierig um, denn heute gab es allerhand zu entdecken.
Eigentlich war St. Christoph ein verschlafenes kleines Örtchen in Tirol, umgeben von den imposanten Gipfeln der Zillertaler Alpen und fern von Stress und Trubel. Doch heute war von der üblichen Ruhe nichts zu bemerken, stattdessen herrschte große Aufregung, denn die Vorbereitungen für den Kirtag und das Erntedankfest waren schon in vollem Gange.
Am nächsten Sonntag würde sich die Gemeinde in der Kirche versammeln, danach war tagelang Trubel und Gaudi angesagt. Niemand hier im Dorf ließ sich die Feierlichkeiten entgehen. Es würde wie jedes Jahr ein Festzelt und zahlreiche Standeln geben, Tanz und Musik. Am Kirchplatz wurde sogar ein Riesenrad aufgestellt, auf das sich vor allem die Kinder, aber auch so manche Erwachsenen sehr freuten.
»Das wird wieder ein schöner Tumult«, schwärmte Hedi voll Vorfreude.
Einerseits genoss sie den Frieden und die Ruhe, die normalerweise in St. Christoph herrschten – hier hatte man immer ein wenig das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Doch ebenso liebte sie es, wenn hin und wieder Leben ins allzu beschauliche Dorfleben kam. So wurde es einem nie fad.
»Ja, herrlich wird’s«, stimmte Andi ihr zu, während er dem Dorfgendarm Ludwig Sirch zuwinkte, der gerade auf seinem Motorrad vorbeituckerte.
Am liebsten wären sie noch eine Weile herumspaziert, doch im Hotel wartete die Arbeit schon auf sie. Hedi musste die Hausdame Gerda Stahmer an der Rezeption ablösen, Andi hingegen musste sich noch mit der Buchhaltung herumschlagen. Es gab immer etwas zu tun, Freizeit hatten die beiden Hotelchefs nur selten, doch die viele harte Arbeit lohnte sich.
Ein warmes Gefühl breitete sich in Hedis Brust aus, als sie zum Sporthotel »Am Sonnenhang« blickte, das über dem Örtchen auf einem Hügel thronte. Das wunderschöne, im alpinen Stil gehaltene Gebäude, das als eines der besten Hotels in der Region galt, war ihr und Andis ganzer Stolz.
»Komm, lass uns zurückkehren«, schlug sie lächelnd vor. »Wir haben noch genug zu tun.«
»Du Sklaventreiberin«, stöhnte er gespielt leidend.
Als sie ihren Spaziergang beendet hatten und das Hotel wieder erreichten, kam ihnen Vroni, eines der Serviermadeln, aufgeregt entgegengelaufen. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen glänzten.
»Ist es wahr?«, rief sie atemlos. »Stimmt es, was man sich erzählt – die Jodelkönigin wird hier bei uns in St. Christoph auftreten?«
Hedi lachte herzlich. »Ach Vroni, da kommst du jetzt erst drauf? Lebst du denn hinterm Mond? Das wurde ja schon lang bekannt gegeben. Überall im Ort hängen die Plakate. Sogar vorm Hotel ist eines.«
Vroni errötete bis über beide Wangen. »Das hab ich ganz übersehen«, gestand sie. »In letzter Zeit war ich … ein bisserl abgelenkt.«
Die Hotelchefin musste schmunzeln. Ihr entging nichts, und so wusste sie, warum Vroni so abgelenkt gewesen war. Das hübsche Serviermadel bandelte mit einem feschen Burschen aus dem nahe gelegenen Ort Bergfelden an. Da war es nicht weiter verwunderlich, dass die junge Frau keinen Blick für Plakate und kein Ohr für Klatsch hatte.
»Ja, es stimmt«, gab sie also bereitwillig Auskunft. »Die Vanessa Ulrich wird einen Auftritt im Dorf haben. Das wird sicherlich wunderbar! Und nun rate, wo sie für die Zeit ihres Zillertal-Aufenthalts wohnen wird: hier bei uns im Berghotel!«
Vanessa Ulrich war eine bekannte volkstümliche Sängerin, die mit ihrer glockenhellen Sing- und Jodelstimme und den romantischen, bodenständigen Texten die Herzen der Menschen erwärmte. Vor allem in Tirol, aber auch im Rest von Österreich war sie als Jodelkönigin bekannt. Hedi mochte ihre Musik sehr gern und besaß mehrere CDs von ihr. Entsprechend aufgeregt war sie gewesen, als Vanessa Ulrichs Management Kontakt aufgenommen und eine Zimmeranfrage gestellt hatte.
Freudig klatschte Vroni in die Hände. »Oh, ich freu mich ja so. Die Vanessa war immer ein Idol von mir.« Ihre Wangen wurden noch etwas röter, als sie zugab: »Vor ein paar Jahren hab ich sogar selbst drüber nachgedacht, ihr nachzueifern und mich als Sängerin zu versuchen. Aber ich fürchte, mir fehlt das Talent.«
Es gab viele junge Frauen, die ähnlich dachten wie Vroni. Die Jodelkönigin war eine echte Berühmtheit. Seit ihrer Kindheit stand sie im Rampenlicht. Jahrelang war sie gemeinsam mit ihrer Mutter Linda Ulrich aufgetreten. Das liebreizende Mutter-Tochter-Duo hatte schon bald eine große Fangemeinde gehabt. Hedi konnte sich noch gut daran erinnern, wie groß die Medien damals darüber berichtet hatten, dass Linda nach einer schweren Kehlkopfentzündung ihre Gesangskarriere aufgeben musste.
Seitdem stand Vanessa allein auf der Bühne, doch das tat ihrer Karriere keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Die wunderhübsche junge Frau, die mit ihren blonden Locken an ein Engerl erinnerte, hatte eine große Fangemeinde.
»Es ist zwar noch net hundertprozentig bestätigt, weil er viele andere Termine hat, aber hoffentlich wird auch der Simon Graf auftreten«, schaltete sich Andi ein. »Angedacht ist’s jedenfalls.«
Vroni quietschte aufgeregt. »Oh, wirklich? Das wird ja immer besser!«
Hedi grinste breit. Aber so ging es vielen Leuten. Wenn Vanessa Ulrich und Simon Graf gemeinsam auf der Bühne standen, schlugen die Herzen der Fans höher.
Simon Graf war ein bekannter Schlagersänger – nicht ganz so erfolgreich wie Vanessa, doch auch er hatte sich einen Namen gemacht. Vor etwa einem Jahr hatten die beiden begonnen, zusammenzuarbeiten. Immer wieder traten sie gemeinsam auf, hatten kürzlich sogar ein Musikalbum gemeinsam aufgenommen, das sich hervorragend verkaufte.
Zufrieden lächelte sie. Dass die Jodelkönigin für ihren Aufenthalt ausgerechnet das Hotel »Am Sonnenhang« ausgewählt hatte, ehrte sie sehr. Doch auf der anderen Seite wunderte es sie gar nicht, dachte sie vergnügt: Für eine Jodelkönigin war nur das allerbeste Hotel gut genug, und da kam freilich nur eines infrage! Sie konnte es kaum erwarten, die bekannte Sängerin hier zu begrüßen.
***
Gedankenverloren blickte Vanessa Ulrich aus dem Autofenster und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft. Ihre Mutter steuerte den Wagen nach St. Christoph. Vanessa saß auf dem Beifahrersitz, wo sie den Blick schweifen- und ihre Gedanken treibenlassen konnte.
Wie schön es hier war! Die Landschaft mit den schroffen Bergen und den sanft geschwungenen Hügeln hatte etwas Märchenhaftes an sich. Zu diesem Eindruck trug das Herbstlaub bei: Das Zillertal leuchtete in allen erdenklichen Schattierungen von flammendem Rot über intensives Orange und sattes Braun bis hin zu leuchtendem, warmen Gold. Vanessa konnte sich daran gar nicht sattsehen.
Es war fast so, als hätte sie die Realität hinter sich gelassen. Eine schmale Bergstraße, die sich in Serpentinen aufwärtswand, führte in das entlegene Seitental, welches das Ziel ihrer Reise war. Die hohen Berge wirkten wie Wächter, die sie in eine zauberhafte Märchenwelt einließen, und die hektische Außenwelt aussperrten.
Als Sängerin war Vanessa freilich schon viel herumgekommen in Österreich, hatte in allen möglichen Städten und Dörfern Konzerte gegeben und Pressetermine absolviert. So hatte sie zahlreiche reizvolle, idyllische Orte kennengelernt. Doch in St. Christoph war sie noch nie zuvor gewesen. Es schien eine besonders hübsche Ecke zu sein, das fand sie jetzt schon, obwohl sie noch gar nicht viel davon gesehen hatte.
Sie wünschte, sie könnte einfach aus dem Auto steigen, in irgendeine beliebige Richtung laufen und die wunderbare Landschaft erkunden, die sie nun nur durch die Glasscheibe hindurch bestaunte. Hier konnte man gewiss großartig wandern gehen und die Natur genießen.
Der große Kirtags-Auftritt war erst in über einer Woche, dennoch reisten sie und ihre Mutter jetzt schon an. Als sie von dieser Planung erfahren hatte, hatte Vanessa gehofft, den Zillertal-Aufenthalt für einen kleinen Urlaub nutzen zu können, doch da hatte sie ihre Mutter unterschätzt. In den nächsten Tagen würde sie nicht allzu viel Freizeit haben. Dafür sorgte ihre Mutter, die all ihre Termine verwaltete und ein strenges Regiment führte. Fast alle Tage waren strikt durchgeplant.
In dem Moment räusperte sich ihre Mutter, als hätte sie Vanessas Gedanken gelesen.
»Sag mal, Madame, hörst du mir überhaupt zu? Ignorierst du etwa deine Managerin?«
Vanessa zuckte ertappt zusammen. Sie hatte tatsächlich nicht zugehört, sondern war gedanklich abgeschweift, als ihre Mutter all die Termine aufgezählt hatte, die in den nächsten Tagen anstanden.
Früher, als sie noch gemeinsam aufgetreten waren, hatten sie einen Manager gehabt, der ihre geschäftlichen und organisatorischen Belange koordinierte. Seit Lindas Kehlkopfentzündung, die ihrer Gesangskarriere ein trauriges Ende bereitet hatte, übernahm sie das Management für Vanessa. Diese Aufgabe nahm sie sehr ernst.
»Entschuldige, Mutti«, sagte Vanessa nun beschämt. »Was hast du gesagt?«
Linda schnalzte tadelnd mit der Zunge. »Ein Journalist hat angefragt: Sie wollen dich für eine kleine Lokalzeitung interviewen. Immerhin ist’s was Besonderes, wenn die Jodelkönigin ins Zillertal kommt. Ein paar Fotos werden dann auch gemacht. Freilich ist’s wichtig, dass du dich von deiner besten Seite zeigst.«
Vanessa seufzte und lehnte die Stirn gegen die kühle, vibrierende Seitenscheibe.
»Schon klar, Mutti. Das tu ich doch eh immer.«
Sich stets von ihrer besten Seite zu zeigen, schien ohnehin das Wichtigste in ihrem Beruf zu sein, dachte sie schicksalsergeben. Noch wichtiger als das Singen und Jodeln. Es war ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen: Immer schön brav lächeln, stets adrett aussehen, skandalfrei leben, ein perfektes Vorbild sein. Diese Richtlinien konnte sie gar nicht vergessen, denn ihre Mutter erinnerte sie unentwegt daran.
Linda warf ihr einen kritischen Blick von der Seite zu, bevor sie sich wieder auf die Straße konzentrierte.
»Alles in Ordnung, Madel? Du wirst mir doch wohl net krank, oder?«
Vanessa schüttelte leicht den Kopf. »Aber nein, ich bin nur müd«, murmelte sie.
Das war noch untertrieben: Sie fühlte sich schrecklich erschöpft und ausgebrannt. Der ewige Kreislauf aus Stimmtraining, Proben, Studioaufnahmen, Konzerten und Presseterminen raubte ihr allmählich jegliche Kraft. Sie hatte das Gefühl, in einem Hamsterrad gefangen zu sein, aus dem es kein Entkommen gab – immer weiter und weiter zu hasten, ohne jemals irgendwo anzukommen.
Erneut erntete sie ein tadelndes Zungenschnalzen von ihrer Mutter. Schon prasselte eine Predigt über sie herein: »Aber wenn wir gleich ankommen, musst du dich schon ein bisserl zusammenreißen, gell? Ein Star von deinem Format schaut niemals müd und zuwider drein, von dir wird ein strahlendes Lächeln erwartet. Das bist du deinen Fans schuldig. Immer, wenn du in der Öffentlichkeit bist, musst du deinem Image gerecht werden.«
Vanessa unterdrückte ein gequältes Stöhnen. Diese Vorträge und Ermahnungen kannte sie längst in- und auswendig, seit ihrer Kindheit wies ihre Mutter sie zurecht. Das freundliche, strahlende Sauberfrau-Lächeln hatte sie vor dem Spiegel geübt und perfektioniert. Niemals war sie in der Öffentlichkeit mit mürrischem Gesichtsausdruck anzutreffen, wenngleich ihr das Lächeln in letzter Zeit zunehmend schwerfiel.
Linda wirkte, als wollte sie noch etwas sagen, doch dann lachte sie plötzlich freudig auf und drehte das Radio lauter. Sie hörten schon während der ganzen Fahrt einen Volksmusik- und Schlagersender, auf dem jetzt gerade ein Lied gespielt wurde, das Vanessa und Linda nur allzu gut kannten: Es war eines der Musikstücke, mit denen sie damals häufig aufgetreten waren.
Das Lied handelte vom Heimweh, das einen befiel, wenn man die Berge verließ, um in die Stadt zu ziehen. Die Kritiker waren damals ganz begeistert gewesen von Vanessas hellem Kinderstimmchen, das den Text inbrünstig und gefühlvoll gesungen hatte; begleitet von der sympathischen Linda, die zu dem Zeitpunkt als Liebling der Schlager-Fans galt. Vor allem wenn die kleine Vanessa im Refrain glockenhell gejodelt hatte, war der Applaus stets groß gewesen.
Als Linda das Lied nun hörte und sich an die Anfänge ihrer Karriere erinnerte, als sie selbst noch auf der Bühne stand, hatte sie sofort glänzende Laune. Sie vergaß, dass sie ihre Tochter gerade noch zurechtweisen wollte. Stattdessen begann sie, fröhlich mitzuträllern. Auffordernd stupste sie Vanessa mit dem Ellenbogen an, bis auch diese mitsang.
Die Stimmen von Mutter und Tochter harmonierten immer noch wunderbar und waren sehr hübsch anzuhören. Doch es ließ sich nicht leugnen, dass Lindas Stimme seit der Erkrankung stark gelitten hatte: Sie klang rauer, nicht mehr so klar, und nach zwei Strophen war ihr die Anstrengung deutlich anzuhören.
»Heut sehen wir endlich den Simon wieder. Freust du dich schon?«, fragte Linda, nachdem sie das Radio wieder leiser gedreht hatte.
»Freilich«, erwiderte Vanessa lächelnd.
Sie und Simon kamen gut miteinander aus. Auf der Bühne harmonierten sie prächtig, aber auch privat verstanden sie sich gut. Er war ein netter Kerl.
Nur eines störte sie: Sie hatte das Gefühl, es wurde von ihr erwartet, dass sie ihn lieber mochte, als sie es tat. Zwei Schlagersänger – ein fescher Bursche und ein hübsches Madel, die gemeinsam auftraten und romantische Lieder sangen? Da war es kein Wunder, dass in den Medien gern darüber spekuliert wurde, ob sie ein Paar waren. Beim Publikum kam diese Theorie gut an.
Vanessa und Simon taten nichts, um mit diesem Irrglauben aufzuräumen. Ganz im Gegenteil: Indem sie auf der Bühne ein wenig herumturtelten, heizten sie die Gerüchteküche an.
