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Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der "Bergdoktor" lebt und praktiziert, liegt das Hotel "Am Sonnenhang". Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird - und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Schockiert taumelt die schöne Hoftochter Hilda zurück, bis sie die Wand im Rücken spürt, und starrt ihr Gegenüber an. Sie hält sich die schmerzende Wange, auf die Manuela sie gerade geschlagen hat. In Hildas Augen brennen heiße Tränen. Sie stürmt ohne ein Wort an Manuela vorbei hinaus ins Freie - bloß weg von dieser boshaften Hexe!
Hilda läuft und läuft, tiefer und immer tiefer in den Wald. Ihre Gedanken kreisen unaufhörlich um Manuela, um ihren Vater und darum, wie sie ihm beibringen soll, was geschehen ist. Seit seine neue Freundin auf den Hof gezogen ist, ist er wie verwandelt, regelrecht verhext. Er glaubt alles, was sie ihm sagt. Doch hinter der schönen Fassade der Rothaarigen verbirgt sich ein boshafter Charakter, erfüllt von Neid - und Hilda hat ihr intrigantes Spiel schnell erkannt.
Plötzlich bleibt das Madel wie angewurzelt stehen. Der schmale Pfad hat sich längst unter ihren Füßen verloren, sie steht mitten im Wald. Hilflos dreht sie sich im Kreis, ringt verzweifelt das Schluchzen nieder, das in ihrer Kehle emporsteigen will. Da fällt ihr Blick auf einen dunklen Umriss zwischen den Bäumen. Es ist eine Hütte, die sich zwischen die hohen, dunklen Tannen duckt ...
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Das Schneewittchen aus St. Christoph
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Anne von Sarosdy / Bastei Verlag
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-6022-6
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Das Schneewittchen aus St. Christoph
Ein märchenhafter Heimatroman um eine bezaubernde Hoftochter
Von Verena Kufsteiner
Schockiert taumelt die schöne Hoftochter Hilda zurück, bis sie die Wand im Rücken spürt, und starrt ihr Gegenüber an. Sie hält sich die schmerzende Wange, auf die Manuela sie gerade geschlagen hat. In Hildas Augen brennen heiße Tränen. Sie stürmt ohne ein Wort an Manuela vorbei hinaus ins Freie – bloß weg von dieser boshaften Hexe!
Hilda läuft und läuft, tiefer und immer tiefer in den Wald. Ihre Gedanken kreisen unaufhörlich um Manuela, um ihren Vater und darum, wie sie ihm beibringen soll, was geschehen ist. Seit seine neue Freundin auf den Hof gezogen ist, ist er wie verwandelt, regelrecht verhext. Er glaubt alles, was sie ihm sagt. Doch hinter der schönen Fassade der Rothaarigen verbirgt sich ein boshafter Charakter, erfüllt von Neid – und Hilda hat ihr intrigantes Spiel schnell erkannt.
Plötzlich bleibt das Madel wie angewurzelt stehen. Der schmale Pfad hat sich längst unter ihren Füßen verloren, sie steht mitten im Wald. Hilflos dreht sie sich im Kreis, ringt verzweifelt das Schluchzen nieder, das in ihrer Kehle emporsteigen will. Da fällt ihr Blick auf einen dunklen Umriss zwischen den Bäumen. Es ist eine Hütte, die sich zwischen die hohen, dunklen Tannen duckt …
Es war an einem herrlichen Sommermorgen, als der Wind in Hildas Gesicht peitschte und ihre glänzenden rabenschwarzen Locken flattern ließ, die wallend unter dem Reithelm hervorlugten. Auf dem Rücken ihres prächtigen Pferdes flog die bezaubernde Hoftochter förmlich dahin, und die atemberaubende Zillertaler Landschaft verschwamm vor ihrem Blick.
Ein umgestürzter Baumstamm tauchte vor ihr auf dem Weg auf, doch sie dachte gar nicht daran, langsamer zu werden. Stattdessen trieb sie ihre schwarze Stute zu einem noch höheren Tempo an und hielt geradewegs auf das Hindernis zu.
Hilda wusste genau, was sie tat. Sie hatte keine Angst; nicht, wenn sie auf dem Pferderücken saß. Im richtigen Moment verlagerte sie das Gewicht und duckte sich eng über den Hals des Pferdes. Unbeschwert lachte sie, als die Stute mit einem gewaltigen Sprung über den Baumstamm hinwegsetzte und weitergaloppierte.
Erst als der Boden unwegsamer wurde und sich immer wieder Geröll unter den Hufen des Pferdes löste, wurde sie dem Tier zuliebe langsamer. Aus dem rasanten Galopp wurde ein gemächlicher Schritt, doch Hildas Herz raste immer noch. Ihre Wangen leuchteten rosig aus dem ansonsten blassen, porzellanglatten Gesicht, die dunklen Augen funkelten vergnügt.
Jetzt konnte sie sich endlich wieder auf die Schönheit ihrer Umgebung konzentrieren, die vorhin nur wie im Rausch an ihr vorbeigezogen war. Sie ließ den Blick über die schroffen Berghänge und schier unermesslich hohen Gipfel schweifen, auf denen sogar jetzt im Sommer Schnee lag. Sie bewunderte einen Steinadler, der hoch über ihr am Himmel kreiste, und schmunzelte über ein Reh, das anmutig zwischen den großen, dunklen Bäumen auftauchte und gleich darauf wieder verschwand. Der Wind wirbelte ihr die Locken ins Gesicht und jagte die Wolken über den Himmel.
Hilda fühlte sich wunderbar frei und gelöst. Wenn sie auf ihrem Lieblingspferd ausritt, konnte sie ihren Gedanken freien Lauf lassen. Der Alltagsstress fiel einfach von ihr ab.
Wie sehr sie ihre Heimat, das Zillertal, liebte! Jeden Berg konnte sie benennen, jedes Tier und jede Pflanze identifizieren. Nirgends hätte sie lieber gelebt, als hier in Tirol.
St. Christoph war ein beschauliches kleines Örtchen, doch ihr wurde hier niemals langweilig, nie sehnte sie sich nach der Stadt. Die Natur war ihre Heimat. Als sie nun über die Berge und Täler blickte, wurde ihr Herz ganz weit und fühlte sich federleicht an.
Ihre Gedanken wanderten zu ihrer Mutter.
»Vier Jahre ist es schon her, dass du uns verlassen hast, Mama«, flüsterte sie.
Der Wind riss die Worte von ihren Lippen weg.
In diesen vergangenen vier Jahren hatte es keinen Tag gegeben, an dem ihre Mutter ihr nicht fehlte. Sie würde immer ein Teil ihres Herzens sein. Wenn Hilda mit dem Pferd hier draußen in der Natur war, den Wind auf ihrer Haut spürte und die traumhafte Landschaft bewunderte, fühlte sie sich ihr besonders nah.
Auch ihre Mutter Lissi hatte die Natur geliebt und war eine wilde, furchtlose Reiterin gewesen. Doch sie war noch etwas gewesen, was viel wichtiger war: die beste und liebevollste Mutter, die Hilda sich vorstellen konnte, und eine wunderbare Ehefrau für Hildas Vater Bernhard.
Hilda vermisste sie schmerzlich, und sie wusste, dass ihr Vater noch viel mehr unter Lissis Tod litt. An jenem schrecklichen Tag vor vier Jahren, als Lissi den Kampf gegen den Krebs verloren hatte, hatte sich das Leben von Hilda und Bernhard Förster ein für alle Mal auf traurige Weise verändert.
Hilda seufzte tief. Sie blickte zum Himmel empor, folgte den dahinziehenden Wolken mit ihrem Blick und beschattete die Augen mit der flachen Hand.
»Du fehlst, Mutti. Du fehlst uns jeden Tag«, murmelte sie leise, ehe sie langsam und gedankenverloren zu dem kleinen Gestüt zurückritt, das sie und ihr Vater gemeinsam leiteten.
***
Als Hilda die Weiden mit den edlen Zuchtpferden sah, trat ein Lächeln auf ihr Gesicht. Stolz erfüllte ihr Herz. Das Gestüt hatten sich ihre Eltern gemeinsam aufgebaut und sich einen Namen gemacht. Die kostbaren Tiere waren begehrt, die hier gezüchtet wurden. Eines Tages würde Hilda das alles übernehmen und weiterführen. Jetzt schon stand sie ihrem Vater tatkräftig zur Seite.
Förster-Hof stand in großen Lettern über dem schmiedeeisernen Tor. Gepflegte Stallgebäude und das stattliche Wohnhaus bildeten einen Halbkreis um den großen Vorplatz. Eine Reithalle, die weitläufige Reitbahn und eine Scheune machten die Anlage komplett.
Hilda stieg vom Pferd, sattelte die Stute ab und tätschelte ihr glattes Fell. Erst als das Tier versorgt war, ging sie in die Stube, in der sie und ihr Vater den Papierkram erledigten.
Bernhard Förster saß am schweren hölzernen Schreibtisch, doch er arbeitete nicht. Stattdessen betrachtete er ein Foto und schien tief in Gedanken versunken zu sein. Als er sie bemerkte, verstaute er das Bild rasch in einer Schublade, doch es war ihr gelungen, einen Blick darauf zu erhaschen: Es war ein Porträt ihrer Mutter.
Der Anblick versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Ihr Vater tat ihr unendlich leid. Seine Augen waren gerötet, als hätte er geweint.
»Papa«, murmelte Hilda leise.
Er zwang sich zu einem Lächeln. »Alles in Ordnung, mein Madel. Wie war der Ausritt?«
Das Lächeln erreichte nicht seine Augen, die seit vier Jahren immer etwas melancholisch dreinblickten. Es tat ihr im Herzen weh, ihm nicht helfen zu können. Er war tief in seiner Trauer gefangen. Seit dem Tod seiner geliebten Lissi sah er keinen Lichtschimmer mehr, seine Welt war dunkel und kalt geworden.
»Mein Lieserl war meine Sonne«, sagte er manchmal trübsinnig. »Seit sie nimmer bei mir ist, wird es überhaupt nimmer Tag. Es bleibt einfach Nacht, solang ich am Leben bin.«
Eigentlich hatte Hilda vorgehabt, sich heute einen wohlverdienten freien Tag zu gönnen, aber sie wollte ihren Vater nicht allein lassen, wenn er ganz besonders niedergeschlagen war.
»Ist heut noch viel Papierkram zu erledigen?«, fragte sie und bemühte sich, ihrer Stimme einen leichten Klang zu verleihen. »Und, wie sieht’s im Stall aus? Ich glaub, ich kümmer mich gleich ums Ausmisten.«
Energisch schüttelte Bernhard den Kopf. »Kommt gar net infrage. Glaub net, dass ich vergessen hab, dass du heut freihast. Man kann net immer nur arbeiten, Dirndl.«
»Mir macht’s nix aus«, versicherte Hilda eilig.
Liebevoll sah er sie an. »Du solltest das Leben ein bisserl genießen, Hilda. Heut sind alle drei Stallburschen da, die kümmern sich ums Ausmisten und um die Pferde, während ich hier den restlichen Papierkram erledige. Wir kommen schon klar. Mach du dir einen schönen Tag, das hast du dir wahrlich verdient.«
Hilda zögerte kurz, doch sein Tonfall duldete keine Widerrede. Also nickte sie schließlich seufzend. Er hatte ja nicht unrecht: Seit dem Tod ihrer Mutter gönnte sie sich viel zu wenig Freizeit. Sie fühlte sich für den Hof und die Pferde verantwortlich und versuchte, ihren Vater so gut wie möglich zu unterstützen. Ihr Pflichtbewusstsein ließ sie manchmal ihre eigenen Bedürfnisse vergessen.
»Na schön«, willigte sie widerstrebend ein. »Aber wenn ich gebraucht werde, rufst du mich an, gell?«
»Freilich«, behauptete er, doch sein Tonfall machte klar, dass er das ganz gewiss nicht tun würde.
Ihm lag am Herzen, dass Hilda sich wirklich ein bisschen Freizeit gönnte.
Also gab sie ihm noch ein Busserl auf die Wange, verabschiedete sich und beschloss kurzerhand, einen ihrer Lieblingsorte aufzusuchen: das Berghotel.
***
Als Hilda die Stube verließ und hinaus auf den Hof trat, kamen die drei Stallburschen gerade an. Seppi, Josef und Michael winkten ihr gut gelaunt zu.
»Grüß dich, Schneewittchen«, rief der Michael. »Wohin des Wegs?«
»Rüber zum Berghotel«, erwiderte sie und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Den Spitznamen werd ich wohl nie los, gell?«
»Sicherlich net«, antwortete Michael feixend. »Der Name passt einfach perfekt zu dir. Du bist und bleibst unser Schneewittchen.«
»Schad, dann sehen wir dich heut wohl gar net mehr, gell?«, fragte Seppi betrübt.
»Leider net«, entgegnete sie bedauernd. »Es wird wohl ein bisserl dauern. Ich glaub, ich komm erst am Abend zurück.«
»Das wird ein trauriger Tag, wenn wir unser Schneewittchen net bewundern dürfen«, fügte Josef augenzwinkernd hinzu.
Sie musste lachen. »Aber geh, jetzt tu halt net so. Ihr werdet’s schon überleben. Ich wollt mir dringend wieder einmal eine Gesichtsbehandlung bei der Gerti in der Rosenstube gönnen. Manchmal muss man es sich gut gehen lassen.«
»Eine Gesichtsbehandlung? Das brauchst du gar net, du bist ja eh schon das schönste Madel im ganzen Dorf«, versicherte Michael im Brustton der Überzeugung.
Hildas Wangen röteten sich vor Verlegenheit, aber sie lächelte.
»Du alter Charmeur«, erwiderte sie amüsiert. »Du solltest deine Komplimente für die Mariella aufsparen, die hat dich gestern so lieb angelächelt. Ich glaub, du gefällst ihr.«
Mit diesen Worten sprang sie leichtfüßig davon und machte sich auf den Weg zum Sporthotel »Am Sonnenhang«, das bei den Bewohnern in St. Christoph nur als Berghotel bekannt war.
Es war nicht sonderlich weit vom Förster-Hof dorthin, also beschloss sie, zu Fuß zu gehen, und dabei das herrliche Wetter zu genießen. Sie schlenderte durchs Dorf, grüßte die vielen Leute, die sie kannte, und bummelte über den Kirchplatz. Der Wetterhahn auf dem Kirchturm drehte sich munter im Wind und glänzte goldfarben in der Sonne.
Einige Burschen riefen ihr Komplimente und nette Worte hinterher, mehr als einmal fiel das Wort »Schneewittchen«. Hilda konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Freilich schmeichelte ihr die Aufmerksamkeit ein wenig. Sie konnte die Burschen aus St. Christoph gut leiden, mit einigen war sie befreundet. Mit der schönen Märchenfigur verglichen zu werden, nahm sie als liebes Kompliment.
Eine gewisse Ähnlichkeit bestand wohl, das erkannte sie selbst: Ihre Locken glänzten lackschwarz – schwarz wie Ebenholz, wie ihr manchmal gesagt wurde – ihr Porzellanteint war hell und ebenmäßig, die Lippen glänzten von Natur aus rosig.
Hilda bog um die Ecke, um den Weg einzuschlagen, der hoch zum Hotel führte – und verschluckte sich vor Schreck, als sie beinahe gegen einen Mann prallte, der ihr entgegenkam. Unwillkürlich schlug sie sich die Hand vor den Mund, wich zurück und stammelte eine Entschuldigung. Ausgerechnet der Johannes!
Er war der einzige Mensch im Ort, mit dem sie nicht gut auskam. Genau genommen hatten sie bisher kaum je ein Wort miteinander gewechselt. Der große dunkelhaarige Mann mit den stechend blauen Augen erfüllte sie mit Scheu. Er hatte etwas Düsteres an sich – fast so, als sei er von einer Gewitterwolke umgeben, während ringsumher Sonnenschein herrschte. Sie wusste gar nicht, ob sie ihn jemals lächeln gesehen hatte, zweifelte aber sehr daran. Die grimmige Miene schien sein Gesicht nie zu verlassen.
Eigentlich wusste sie fast gar nichts über ihn, musste sie sich eingestehen. Er wohnte seit einer Weile in der Gegend, allerdings nicht direkt im Dorf, sondern irgendwo außerhalb. Immer wieder machten negative Gerüchte über ihn die Runde. Letztes Jahr erst war er verdächtigt worden, als Wilderer sein Unwesen zu treiben. Soweit Hilda wusste, hatten sich die Anschuldigungen als haltlos herausgestellt, aber Gerüchte hielten sich oft hartnäckig, auch wenn sie ihrer Grundlage beraubt worden waren. Viele Leute beäugten Johannes immer noch kritisch, und wenn Hilda ganz ehrlich war, glaubte auch sie nicht gänzlich an seine Unschuld.
Jetzt nickte Johannes ihr nur knapp zu, ohne etwas zu sagen, und ging weiter. Erst als er an ihr vorbei war, bemerkte sie, dass sie automatisch den Atem angehalten hatte. Jetzt erst ließ sie die Luft wieder in ihre Lungen strömen, schüttelte die leichte Benommenheit ab, die sie ergriffen hatte, und lief eilig weiter.
Ein Lächeln zog sich über Hildas Gesicht, als das Berghotel vor ihr auftauchte. Das gepflegte, im alpinen Stil gehaltene Gebäude thronte auf einem sanft geschwungenen Hang über dem Ort, direkt gegenüber von dem Schlössl des Barons von Brauneck. Es machte einen einladenden Eindruck. Mit der hübschen Fassade, die abends beleuchtet wurde, und den schönen Grünanlagen war es ein echter Blickfang.
Wie viele Einwohner von St. Christoph verspürte Hilda Stolz auf das schöne Hotel, das eine Zier für den Ort war und das ganze Jahr über Urlauber anzog. Aber nicht nur deswegen kam sie seit jeher gerne hierher. Schon in ihrer Kindheit war sie mehr oder weniger regelmäßig hierher spaziert, weil viele Einrichtungen des Hotels nicht nur den Gästen, sondern auch den Dorfbewohnern zur Verfügung standen.
Hilda erinnerte sich gern daran, als kleines Madel manchmal mit ihrer Mutter hierhergekommen war, einfach nur, um Hedi Kastler zu besuchen. Lissi Förster war zu Lebzeiten gut mit der warmherzigen Hotelchefin befreundet gewesen. Hilda hatte schon als Kind einen Narren an Hedi gefressen; auch jetzt, als Erwachsene, verstand sie sich prächtig mit ihr und schaute gerne auf einen kleinen Tratsch vorbei.
»Grüß dich, Hedi«, rief Hilda herzlich, als sie den gemütlich eingerichteten Eingangsbereich des Hotels betrat und Hedi erblickte, die an der Rezeption saß.
Die Hotelchefin sah in ihrem tief ausgeschnittenen, aber dennoch stilvollen Dirndl wieder einmal ganz besonders fesch aus. Die blonden Haare hatte sie zu einer zünftigen Zopffrisur eingeflochten.
»Servus, Hilda!« Schon war Hedi aufgesprungen, ging ihr entgegen und gab ihr je ein Busserl links und rechts auf die Wange. »Na, wie geht’s? Wie läuft’s am Hof? Was macht der Herr Papa?«
»Alles ganz gut – na ja, den Umständen entsprechend.« Hilda seufzte.
Hedi blickte mitfühlend drein. Sie kannte die Försters gut genug, um zu wissen, was Hilda meinte: Seit Lissis Tod war eben nichts mehr wie zuvor.
»Wenn ich helfen kann …«, begann sie.
