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Am Horizont ein helles Licht - Heimatroman um eine große Hoffnung in schwerer Zeit
Im Berghotel gibt’s große Sorgen: Nach einem Sturz hat Koch Leo schwere Rückenprobleme und fällt auf unbestimmte Zeit aus. Die Küche ohne Küchenchef - was für eine Katastrophe! Händeringend suchen die Kastlers nach einem Ersatz, bis Hedi im Dorf zufällig auf Franzi trifft. Die junge Frau lebt mit ihrem Ehemann Christian auf einem kleinen Hof am Rand von St. Christoph und hat vor ihrer Hochzeit als Köchin gearbeitet. Hedi zögert nicht lange und bittet Franzi um Hilfe. Die junge Bäuerin sagt sofort zu, sie kann die Ablenkung gut gebrauchen. Denn auf dem Hagleitner-Hof gibt es auch große Sorgen: Bauer Christian hat ein schweres Herzleiden. Sein Zustand verschlechtert sich zunehmend, und er kann die Arbeit auf dem Hof nicht mehr bewältigen. Hilfe erhalten die beiden durch Christians Bruder, doch nur für eine bestimmte Zeit. Und viel Zeit bleibt Christian sowieso nicht mehr, sollte er kein passendes Spenderherz erhalten. Muss das junge Ehepaar die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft aufgeben?
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Seitenzahl: 125
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Am Horizont ein helles Licht
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Anne von Sarosdy / Bastei Verlag
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-7392-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Am Horizont ein helles Licht
Heimatroman um eine große Hoffnung in schwerer Zeit
Von Verena Kufsteiner
Im Berghotel gibt’s große Sorgen: Nach einem Sturz hat Koch Leo schwere Rückenprobleme und fällt auf unbestimmte Zeit aus. Die Küche ohne Küchenchef – was für eine Katastrophe! Händeringend suchen die Kastlers nach einem Ersatz, bis Hedi im Dorf zufällig auf Franzi trifft. Die junge Frau lebt mit ihrem Ehemann Christian auf einem kleinen Hof am Rand von St. Christoph und hat vor ihrer Hochzeit als Köchin gearbeitet. Hedi zögert nicht lange und bittet Franzi um Hilfe. Die junge Bäuerin sagt sofort zu, sie kann die Ablenkung gut gebrauchen. Denn auf dem Hagleitner-Hof gibt es auch große Sorgen: Bauer Christian hat ein schweres Herzleiden. Sein Zustand verschlechtert sich zunehmend, und er kann die Arbeit auf dem Hof nicht mehr bewältigen. Hilfe erhalten die beiden durch Christians Bruder, doch nur für eine bestimmte Zeit. Und viel Zeit bleibt Christian sowieso nicht mehr, sollte er kein passendes Spenderherz erhalten. Muss das junge Ehepaar die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft aufgeben?
Der Herbst hielt Einzug in den Bergen. Vogelschwärme zogen über das Zillertal hinweg in Richtung Süden, und die Tage wurden merklich kürzer. Die sinkenden Temperaturen entzogen den Wäldern das Grün und tauchten das Tal in ein buntes Kleid. Der kühle Wind wirbelte die Blätter über die Straßen, als würden sie zu einer unhörbaren Melodie tanzen.
Auch auf dem Hagleitner-Hof bereitete man sich auf den Winter vor. Die junge Bäuerin sammelte die letzten Äpfel und Birnen dieses Jahres ein und kochte daraus Kompott und Marmelade. Der Wind zerrte kräftig an ihrem Rock, als Franziska die Leiter an den Birnbaum lehnte. Er neigte sich unter der Last seiner Früchte und versprach eine reiche Ernte.
Prüfend rüttelte die Bäuerin an der Leiter. Franziska wollte gerade die erste Sprosse erklimmen, als hinter ihr etwas krachte. Holz splitterte. Blätter rauschten. Etwas Schweres schlug auf der Erde auf.
Franziska warf einen schnellen Blick über ihre Schulter und zuckte zusammen. Der Pflaumenbaum, der über Generationen hinweg Wind und Wetter getrotzt hatte, war umgestürzt! Wie ein gefallener Riese lag er im Gras. Dabei hatten sie noch Glück im Unglück gehabt, denn der Baum hatte den Hühnerstall verfehlt. Trotzdem waren die Hennen in heller Aufregung. Gackernd spektakelten sie in ihrem Gehege.
Franziska schnappte nach Luft. Ihr Herz galoppierte erschrocken in ihrer Brust.
Zersplittertes Holz ragte da auf, wo eben noch der herrliche alte Baum gestanden hatte. Der jungen Bäuerin blutete das Herz. Ihr Mann hatte schon als Bub reife Pflaumen von dem Baum stibitzt. Vermutlich ebenso wie sein Vater und dessen Vater. Der Baum hatte viele Generationen der Familie gesehen. Und nun hatte der Herbststurm sein Ende besiegelt.
Der schwere Stamm hatte das Futterhaus unter sich begraben, in dem Franzi sommers wie winters die muntere Vogelschar in ihrem Garten mit Körnern versorgte. Ihr Mann hatte es selbst gezimmert, nun waren davon nur noch Trümmer übrig. Der Anblick fuhr ihr wie ein Stich ins Herz.
Ihr Hof stand am Rand von St. Christoph, einem Dorf in einem hoch gelegenen Seitenarm des Zillertals. Drei hohe Kiefern schienen das Bauernhaus wie treue Wächter zu beschützen. Der üppige Garten war Franziskas Lieblingsort. Hier zog sie nicht nur Obst, Gemüse und Kräuter für ihre Küche heran, sondern saß nach getaner Arbeit auch gern und erfreute sich an dem herrlichen Ausblick auf die Berge.
Eine weitere Windböe brauste heran und ließ buntes Laub auf Franzi herabrieseln. Irgendwo am Haus schlug polternd ein Fensterladen zu. Fröstelnd zog Franziska die Schultern hoch. Der Sommer hatte es heuer gut gemeint und wochenlang heiße Tage gesandt, aber nun streckte der Winter seine Fühler aus. Nicht mehr lange, dann würde der Schnee nicht nur die nahen Gipfel bedecken, sondern bis ins Tal vordringen.
»Grüß Gott!« Ein Wanderer näherte sich dem Hof und lüftete grüßend seinen Hut.
Er hatte freundliche braune Augen und ein verschmitztes Lächeln. Sein Alter war schwer zu schätzen, lag jedoch vermutlich irgendwo jenseits der sechzig. Flankiert wurde er von zwei Terriern, die munter neben ihm herliefen. Einer der beiden war schneeweiß, der andere hellbraun mit weißen Pfoten.
»Servus.« Franzi beschattete ihre Augen mit einer Hand. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Könnte ich bei Ihnen wohl was zu trinken bekommen? Ich hab einen langen Weg hinter mir und bin durstig. Leider ist mir das Wasser schon am Berg ausgegangen.«
»Freilich. Setzen Sie sich ruhig und ruhen Sie sich aus. Ich bring Ihnen gleich was heraus.« Franzi deutete einladend auf die Gartenbank. »Möchten Sie ein Glasl Milch? Einen Kaffee? Oder lieber ein Mineralwasser?«
»Am liebsten hätte ich ein Glasl Milch, wenn das möglich ist.«
Ihr Besucher sank mit einem leisen Aufatmen auf die Bank nieder und streckte die Beine aus. Seine Hunde rollten sich neben seinen Füßen zusammen. Sie schienen ebenso erschöpft zu sein wie er.
Franzi eilte ins Haus und füllte ein Glas mit kühler Heumilch. Das stellte sie zusammen mit einem Stück Apfelstrudel und einer Gabel auf ein Tablett. Anschließend gab sie Wasser in zwei Schüsseln und kehrte zu ihrem Gast zurück.
»Hier, bitteschön. Der Strudel ist vorhin erst fertig geworden. Vielleicht möchten Sie sich stärken?«
»Oh! Wie der duftet! Dazu sag ich net Nein. Vergelt’s Gott.« Er setzte das Glas an die Lippen und nahm einen Schluck. Dann probierte er den Strudel und verdrehte vor Wonne die Augen. »Der ist unglaublich köstlich. Man kann den warmen Sommer beinahe herausschmecken, der die Früchte hat reifen lassen. Sagen Sie, wollen Sie mich heiraten?«
»So schnell?«, fragte Franzi lachend. »Sie wissen ja net einmal meinen Namen.«
»Den bekomme ich schon heraus. Ein Madel, das so einen Strudel backen kann, muss man festhalten.«
»Ich freu mich, dass es Ihnen schmeckt. Aus dem Heiraten wird aber nichts. Ich bin nämlich schon glücklich vergeben.«
»Wie schade.« Er zwinkerte ihr zu. »Haben Sie dann vielleicht eine Schwester?«
»Leider net, aber ein zweites Stück Strudel können Sie bekommen.«
»Das eine muss reichen, aber ich danke Ihnen sehr.« Er nahm noch eine Gabel voll und seufzte vor Behagen.
Franzi stellte seinen Hunden inzwischen die Schalen mit dem Wasser hin. Die beiden Tiere erhoben sich und begannen, durstig zu trinken.
»Wo waren Sie denn wandern?«
»Wir sind zum Feldkopf gelaufen. Ich hatte von dem herrlichen Ausblick gelesen, den man vom Gipfel haben soll. Der hat mich gereizt. Allerdings hab ich die Entfernung ein bisserl unterschätzt. Ich bin froh, wenn ich wieder in meinem Quartier bin. Sagen Sie: Ist es noch weit bis zum Berghotel?«
»Nimmer sehr weit. Folgen Sie einfach dem Weg da drüben zwischen den Wiesen hindurch. Nach knapp zwanzig Minuten sind Sie da.«
»Noch zwanzig Minuten? Gibt es keine Abkürzung?«
»Das ist schon die Abkürzung …«
»Herrje.« Er leerte sein Glas.
»Soll ich Sie rasch hinfahren?«
»Das ist sehr lieb, aber das kann ich Ihnen net zumuten. Nun bin ich schon so weit gekommen, nun schaff ich den Rest auch noch. Auf jeden Fall wird mir heute Abend das Essen im Hotel besonders gut schmecken.« Er lächelte Franzi an, sodass sich zahlreiche Fältchen um seine Augen eingruben. Dann stemmte er sich von der Bank hoch, kramte in seinem Rucksack und legte ihr ein Buch hin. »Hier, das hab ich heute am Berg ausgelesen. Vielleicht macht es Ihnen Freude.«
»Almblut«, las sie den Titel. »Davon hab ich noch nie gehört.«
»Das ist ein Bergkrimi. Sehr spannend. Spielt hier im Zillertal. Ich bin bis zuletzt net auf den Täter gekommen. Und der Kommissar ist ein schräger Vogel. Es macht Spaß, der Geschichte zu folgen.«
»Super. Vielen Dank. Mit dem Buch werde ich’s mir heut Abend gemütlich machen.«
»Tun Sie das. Ich hoff, es wird Sie ebenso gut unterhalten wie mich. Auf Wiedersehen.«
Er lüftete noch einmal seinen Hut, dann marschierte er weiter. Die beiden Hunde folgten ihm brav.
Franziska räumte das Geschirr zurück in die Küche, ehe sie in den Garten zurückkehrte und auf die Leiter kletterte. Sie wollte zum Abendessen einen bunten Salatteller mit gebackenem Ziegenkäse zubereiten. In den Salat gehörten auch frische Birnen. Mit einem Weidenkorb erklomm sie Stufe um Stufe und war schon beinahe oben, als sie plötzlich unter sich etwas knirschen hörte. Unvermittelt sackte ihr Fuß weg.
Eine der Sprossen war gebrochen!
Sie wollte sich festklammern, aber es war zu spät.
»Huch!« Mit einem erschrockenen Laut verlor sie das Gleichgewicht, kippte seitlich von der Leiter … und landete geradewegs in zwei starken Armen, die sie sicher auffingen.
»Hoppla.« Die dunkle Stimme war ihr so vertraut, dass ihr Herz weit wurde. Ihr Mann drückte ihr ein Busserl auf die roten Lippen und hielt sie weiterhin fest im Arm. »Da bin ich wohl gerade rechtzeitig aus dem Stall gekommen, was?«
»Und ob.« Allmählich beruhigte sich ihr galoppierender Puls. »Lass mich runter«, bat sie. »Ich bin zu schwer für dich.«
»Ach wo. Du wiegst net mehr als eine Feder.«
»Von wegen. Mein Kampfgewicht von achtundfünfzig Kilogramm hab ich schon.«
»Sag ich doch. Leicht wie eine Feder.« Christian setzte sie behutsam im Gras ab.
Dann beugte er sich vor und rieb sich mit unbehaglicher Miene die Brust. Sein Atem kam schwer und stoßweise, und seine Lippen färbten sich unversehens blau.
»Chris? Ist alles in Ordnung?« Alarmiert fasste sie nach seinem Arm. »Geht’s dir gut?«
»Es … geht … gleich … wieder«, ächzte er und lächelte schief. »Hab ich den Mund wohl doch zu voll genommen.« Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Mit einem leisen Ächzen sank er auf die nahe Gartenbank und rang um Atem.
Ein scharfer Schmerz fuhr ihr ins Herz. Früher war ihr Mann stark wie ein Baum gewesen. Ein Landwirt, der Wind und Wetter trotzte und sich von nichts unterkriegen ließ. Doch im letzten Winter hatte er sich einen schweren Infekt zugezogen und über Wochen verschleppt, weil er nichts davon hören wollte, sich zu schonen und die Arbeit einmal abzugeben. Die Entzündung hatte sich in seinem Körper ausgebreitet und schließlich auch sein Herz erreicht und es massiv geschädigt. Jetzt brachte ihn die kleinste Anstrengung an seine Grenzen.
Sein Zustand war ernst – und er wurde beständig schlimmer.
Christian tastete in seine Tasche, brachte eine Tablette hervor und schluckte sie. Wenig später kam sein Atem ruhiger, und sein Gesicht bekam wieder eine gesunde Farbe. Das Blau wich aus seinen Lippen.
»Schon besser«, schnaufte er. »Wollen wir es gleich noch mal versuchen?«
»Du meinst, ob ich mich noch mal von der Leiter stürzen möchte? Danke, aber heute nimmer«, erwiderte sie trocken.
»Oh, den Sturz können wir ruhig überspringen. Ich meinte eher das Busserl. Das mussten wir eben ja ziemlich abrupt abbrechen.« Zärtlich zog er sie in seine Arme und küsste sie.
»Hm-m. Das können wir gern jederzeit … und … immer.«
Sie versank in seinen Armen und vergaß alles rings um sich her. Bis zu ihrer Hochzeit hatte Franziska in Mayrhofen in einer Seniorenwohnanlage als Köchin gearbeitet. Nach den Flitterwochen hatte sie ihre Stellung aufgegeben, um gemeinsam mit ihrem Mann den Hof zu bewirtschaften. Diese Entscheidung hatte sie noch keine Sekunde lang bereut. Sie liebte es, sich um das Vieh zu kümmern, Früchte einzuwecken und selbst gemachten Käse im Hofladen zu verkaufen. Häufig versorgte sie vorbeikommende Wanderer mit einer Brotzeit. Und sie träumte von selbst gemachtem Honig, deshalb erwog sie, Bienen anzuschaffen und eine kleine Imkerei aufzubauen. Sie hatte sich schon ein Buch dazu gekauft und Kontakt zu einer Imkervereinigung aufgenommen, die auch Neulinge anlernte.
Christian unterstützte sie in allem – ebenso wie sie ihn. Sie harmonierten wunderbar zusammen. Seine Erkrankung warf jedoch einen Schatten auf ihr Glück. Franzi sorgte sich sehr um ihn. Bisher hatten alle Behandlungen seine Beschwerden nur für kurze Zeit gelindert, danach war es ihm wieder schlechter gegangen als zuvor. Er war abgemagert und schaffte bei der Arbeit lange nicht mehr so viel wie früher.
Wo sollte das denn nur noch hinführen? Irgendwann musste die Talsohle überschritten sein und es wieder aufwärtsgehen. Oder etwa nicht?
Sie wünschten sich Kinder, aber diesen Traum hatten sie erst einmal hintenangestellt. Ein Baby würde warten müssen, bis es Christian besser ging.
Hand in Hand gingen sie ins Haus. Die rustikale Bauernküche hatten sie gemeinsam renoviert und so gemütlich eingerichtet, dass sie nun das Herzstück ihres Hauses war. Auf der Fensterbank grünten Kräutertöpfe, und über der Kochinsel in der Mitte des Raumes hingen Töpfe und Pfannen griffbereit.
Auf dem Tisch lag eine bunte Postkarte aus Island. Unterschrieben von Alex, Franziskas Schwager. Er reiste gern und viel. Obwohl sie schon seit drei Jahren mit seinem Bruder verheiratet war, kannte sie ihn kaum. Die Gelegenheiten, bei denen sie ihn getroffen hatte, konnte sie an einer Hand abzählen. Auf ihrer Hochzeit war Alex zu Gast gewesen, aber schon am nächsten Morgen wieder abgereist. Er war ein Weltenbummler, stets braun gebrannt und mit bunten Bändern an den Handgelenken. In seinen leuchtend blauen Augen stand stets eine unbändige Neugier auf die Welt. Wovon er lebte, war ihr ein Rätsel.
Mein Bruder konnte sich immer irgendwie durchbringen, er braucht net viel zum Leben, und das verdient er sich immer irgendwie, erklärte ihr Mann, wenn sie ihn danach fragte, und sein Lächeln verriet, wie sehr er seinen Bruder trotz all ihrer Unterschiede liebte.
Neben der Postkarte reihten sich mehrere Einmachgläser aneinander. Sie hatten eine gute Ernte in diesem Jahr. Der heiße Sommer hatte ihnen viele Früchte eingebracht: Marillen, Äpfel, Kürbisse und Gemüse. Über den Winter würden sie nicht darben müssen. Nur an die Wasserrechnung für das viele Gießen wollte Franziska lieber nicht denken.
»Magst du …«
Weiter kam sie nicht, denn ihr Mann fasste sich neben ihr an die Brust, stieß einen leisen Wehlaut aus und brach vor ihren Augen zusammen. Dabei war es ihm doch eben noch wieder besser gegangen! Nun jedoch lag er verkrümmt auf dem Küchenboden und rührte sich nicht mehr!
»Christian?« Erschrocken beugte sie sich über ihn und tastete nach seinem Puls. Sein Herz schlug schwach und flattrig. Ihr Mann war aschfahl und schien sie nicht zu hören, denn er antwortete nicht auf ihren Ruf. »Um Himmels willen!« Sie wirbelte herum, nahm das Telefon aus der Ladestation und wählte mit zittrigen Fingern den Notruf.
»Halt durch«, flehte sie leise, während sie auf das Freizeichen im Hörer wartete. »Bitte, bitte, halt durch!«
***
Franziska lag das Herz bleischwer in der Brust. In ihrem Magen rumorte es. Und sie hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Die Angst flattert in ihrem Inneren wie ein gefangenes Vogeljunges. Und der typische Klinikgeruch nach Desinfektionsmitteln machte alles noch schlimmer.
Warum nur dauerte das so lange?
