Das Berghotel 182 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 182 E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Zwölf Tage im Winter - Wie ein Urlaub im Berghotel ihre Freundschaft veränderte

Während Lissi auf dem Sofa sitzt, läuft ihre Mitbewohnerin Hannah wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Wohnzimmer. Gleich kommt ihr Schatzl, und dann wird sie ihm ihr besonderes Geschenk zum Jahrestag überreichen: Einen Gutschein für einen Urlaub im Berghotel. Da unterbricht das Klingeln des Telefons Hannahs nervöses Herumtigern. Wenige Minuten später ist sie nicht nur kreidebleich - sondern auch wieder Single.
"Er hat Schluss gemacht!", schluchzt Hannah auf und stürzt zu Lissi aufs Sofa. Und sie weint hemmungslos. Mehrere Stunden und ungezählte Weingläser später ist Hannah gefasster.
Nun verkündet sie: "Weißt du was, Lissi? Wir beide fahren ins Berghotel und machen uns zwölf unvergessliche Tage - ganz ohne Männer!"
Lissi lächelt schwach und stimmt halbherzig zu.
Dass diese Regel sie schon bald in große Schwierigkeiten bringen wird, ahnt sie nicht ...

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Zwölf Tage im Winter

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: AntonioGuillem / iStockphoto

Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-7493-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.

Zwölf Tage im Winter

Wie ein Urlaub im Berghotel ihre Freundschaft veränderte

Von Verena Kufsteiner

Während Lissi auf dem Sofa sitzt, läuft ihre Mitbewohnerin Hannah wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Wohnzimmer. Gleich kommt ihr Schatzl, und dann wird sie ihm ihr besonderes Geschenk zum Jahrestag überreichen: Einen Gutschein für einen Urlaub im Berghotel. Da unterbricht das Klingeln des Telefons Hannahs nervöses Herumtigern. Wenige Minuten später ist sie nicht nur kreidebleich – sondern auch wieder Single.

»Er hat Schluss gemacht!«, schluchzt Hannah auf und stürzt zu Lissi aufs Sofa. Und sie weint hemmungslos. Mehrere Stunden und ungezählte Weingläser später ist Hannah gefasster.

Nun verkündet sie: »Weißt du was, Lissi? Wir beide fahren ins Berghotel und machen uns zwölf unvergessliche Tage – ganz ohne Männer!«

Lissi lächelt schwach und stimmt halbherzig zu.

Dass diese Regel sie schon bald in große Schwierigkeiten bringen wird, ahnt sie nicht …

Vor lauter Aufregung ging Hannah Leonhard noch einmal die Mappe mit der Urlaubsplanung durch. Sie freute sich schon auf Thomas’ Gesicht, wenn sie ihm diese überreichte.

Zwölf Tage würden sie in einem ruhigen Nebental des Zillertals verbringen, und für jeden einzelnen Urlaubstag hatte Hannah etwas anderes geplant. Angefangen von der Silvesterparty am ersten Abend hatte das kleine St. Christoph, in dem das Sporthotel »Am Sonnenhang« gelegen war, allerlei Attraktionen zu bieten. Sie würden im hervorragenden Hotelrestaurant ein Candle-Light-Dinner genießen und mit einem Pferdeschlitten durch die verschneite Berglandschaft fahren. Außerdem standen ein Ausflug nach Innsbruck und ein eintägiger Snowboardkurs auf dem Programm – und vieles mehr.

Es war das perfekte Weihnachtsgeschenk für Thomas Maibach, der seit drei Jahren gleichzeitig ihr Chef und fester Freund war. Thomas gehörten, gemeinsam mit seinem Bruder, die Maibach-Werke in München, ein mittelständisches Unternehmen, das Autozubehör herstellte. Er war der Geschäftsführer, und Hannah war seine persönliche Assistentin, die jeden seiner Gedanken erriet, noch bevor er in ihm aufkam. Weil sie einfach so ein gutes Team waren.

Und das waren sie auch privat. Seit drei Jahren trafen sie sich, gingen miteinander aus, aßen zusammen und führten eine harmonische Beziehung, die nur dadurch beeinträchtigt war, dass Thomas darauf bestand, sie vor den Kollegen geheim zu halten. Bett und Arbeit seien zwei Paar Schuhe, die nichts miteinander zu tun hatten, pflegte er zu dem Thema zu sagen, und anfangs hatte auch Hannah ihm zugestimmt. Aus Angst, ihre Kolleginnen könnten vermuten, sie habe sich an den Chef herangeschmissen, um gewisse Vorzüge zu genießen.

Doch nun war die Beziehung nicht mehr ganz so frisch, und es wurde langsam Zeit für den nächsten Schritt. Also hatte sie sich diese Reise ausgedacht, um ihn sanft dahin zu drängen, dass er das, was zwischen ihnen war, endlich offiziell machte.

Ihr ganzes Weihnachtsgeld war dafür draufgegangen, aber das war es Hannah wert gewesen.

Wie üblich hatte sie alles bis ins kleinste Detail durchgeplant – ein Charakterzug, der ihre Mitbewohnerin Lissi in den Wahnsinn treiben konnte, den Thomas an seiner Assistentin jedoch schätzte. Denn Hannah überließ nie etwas dem Zufall, und so verlief jede Geschäftsreise, jedes Treffen mit einem Kunden vollkommen reibungslos, weil Hannah im Vorfeld alle Eventualitäten bedacht hatte. In der Firma war sie für Thomas unverzichtbar, und sie wollte es endlich auch im Privaten sein.

Als sie einen letzten Blick in ihren großen Spiegel warf, das dunkle Haar kontrollierte, das ihr vollkommen glatt über die Schultern fiel, und einen kleinen Klecks Mascara wegwischte, der sich auf ihr Augenlid verirrt hatte, hörte sie im Wohnungsflur das Telefon klingeln.

Das sollte getrost Lissi übernehmen. Sie hatte an den Feiertagen sowieso nichts vor – die Ärmste – und würde sich über einen Anrufer, der an sie dachte, sicher freuen. Zufrieden strich Hannah das wollweiße Strickkleid mit dem gemütlichen Zopfmuster glatt. Es sah kuschelig aus, schmiegte sich jedoch auch eng an ihren hoch aufgeschossenen, schlanken Körper, sodass es Thomas zweifellos gefallen musste, wenn er gleich eintraf.

Auch das Zimmer hatte sie hergerichtet. In der Mitte des glänzend polierten Parketts stand ein gedeckter Esstisch mit einem Gedeck für zwei – inklusive schneeweißem Tischtuch, Weingläsern und Kerzen in einem funkelnden mehrarmigen Leuchter aus altem Silber, den Hannah bei einem Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese ergattert hatte.

Hannah hatte Lissi das größere der beiden WG-Zimmer abgeschwatzt, als sie bei ihr eingezogen war – schließlich zahlte sie auch mehr Miete. Die beiden alten Sprossenfenster mit dem Rundbogenoberlicht boten einen unbezahlbaren Ausblick auf den Englischen Garten. Wie Lissis Exfreund, der nicht übermäßig talentierte Künstler Stefan, an diese Wohnung gekommen war, war Hannah bis heute schleierhaft. Inzwischen hatte er Lissi längst verlassen und tingelte durch Südamerika – auf einem Selbstfindungstrip, wie nur Künstler ihn sich erlauben konnten.

Als es leise an ihrer Zimmertür klopfte, fuhr Hannah zusammen. Sie hatte die Türglocke gar nicht bemerkt. Eilig schob sie eine letzte, verirrte Haarsträhne hinters Ohr und öffnete dann mit einem strahlenden Lächeln die Tür.

Doch auf der anderen Seite stand nicht Thomas, sondern Lissi, die das schnurlose Telefon in der Hand hielt.

»Für dich«, sagte sie und klang dabei verräterisch vorsichtig. »Thomas.«

Hannah musste ihren Unmut hinunterschlucken, als sie das Telefon entgegennahm. In letzter Zeit kam Thomas ständig zu spät, wenn sie sich verabredeten, und Hannah konnte es nicht leiden, wenn jemand sich nicht an ihre Pläne hielt. Außerdem war heute Weihnachten. Wer, bitteschön, war denn bei der romantischen Weihnachtsfeier mit seiner Liebsten unpünktlich?

Doch dann atmete sie tief durch und zwang sie sich zu einem Lächeln.

»Thomas«, flötete sie, bevor sie vor den besorgten blauen Augen ihrer Freundin die Tür schloss. »Ich hab dich schon vermisst.«

Es stimmte. Heute war der zweite Feiertag, und sie hatte Heiligabend und den ersten Weihnachtstag mit Lissi verbracht, obwohl sie die wenigen freien Tage, die Thomas sich im Jahr gönnte, lieber in vollen Zügen genossen hätte.

Aber sie durfte sich nicht beklagen. Er hatte sicher seine Gründe, warum er erst heute mit ihr das Fest der Liebe begehen wollte – obwohl sie sich stirnrunzelnd eingestehen musste, dass er diese Gründe nicht mit ihr geteilt hatte. Und auch jetzt ließ er ihre leise Kritik unkommentiert.

»Grüß dich Hannah«, antwortete er stattdessen und klang schon bei der Begrüßung beinahe abwesend.

Auch das war in letzter Zeit häufiger vorgekommen, aber Hannah hatte es darauf geschoben, dass er überarbeitet war. Ein weiteres Argument für einen entspannenden Urlaub im Schnee, bei dem auch eine Kosmetikbehandlung im Wellness-Bereich des Hotels vorgesehen war.

»Was kann ich für dich tun, Schatzl?«, fragte sie. »Ich erwart dich schon sehnsüchtig. Wird es wieder einmal später bei dir?«

Sie hörte, dass die letzte Frage ein wenig spitz geklungen hatte, und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, aber Thomas schien es gar nicht mitbekommen zu haben.

»Es dauert mich, Hannah, aber aus unserer Verabredung wird nix«, stellte er so trocken fest, als sagte er einen lästigen Arzttermin ab.

»Nein? Ist dir was dazwischen gekommen?«

»Ja … Nein.« Jetzt schien er kurz ins Trudeln zu kommen, bevor sie ihn durchatmen hörte und er ruhiger fortfuhr: »Mei, Hannah, das mit uns, das ist vorbei.«

Hannah glaubte, sich verhört zu haben. Sicher spielte er ihr einen Streich.

»Was?«, fragte sie jedoch, als er den Witz nicht auflöste und beharrlich schwieg.

Er seufzte. »Geh, mach’s mir net so schwer, Hannerl. Wir hatten doch eine Menge Spaß miteinander. Aber jetzt ist’s einfach genug.«

Hannahs Herz pochte, und in ihren Ohren rauschte es unangenehm.

»Du nimmst mich auf den Arm.«

»Freilich net. Bei so was scherz ich net. Ich hab dir immer gesagt: Das mit uns, das ist nix für die Ewigkeit.«

»Das hast du net. Gerade letzten Monat noch …«

»Schmarrn! Das war doch nur Bettgeflüster!«

Hannah spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.

»Bettgeflüster, so. Und was war vor zwei Wochen …?«

»Du weißt, wie ich bin. Wenn meine Assistentin meine Rede net vorher für mich ausformuliert hat, verhau ich jede Vertragsverhandlung.«

Jetzt schien ihr der Kopf zu platzen. Er meinte es ernst!

»Das hier ist aber keine Vertragsverhandlung! Ich liebe dich, Thomas! Und du machst mit mir Schluss? Am Telefon?«

Wieder seufzte er, und wenn er jetzt hier gewesen wäre, hätte sie ihn dafür am liebsten geohrfeigt.

»Werd net so dramatisch! Mei, wir waren ja nie richtig zusammen.«

»Freilich waren wir das! Drei Jahre meines Lebens hab ich in diese Beziehung investiert! Nur du konntest dich nie dazu bekennen.«

»Na komm! Das war doch nur ein bisserl Spaß im Bett.«

»Spaß im Bett? Ist das so? Ich sag dir was, Thomas: Wenn du wirklich so denkst, dann hast mich eh net verdient. Dann mach ich Schluss mit dir. Und wenn du’s irgendwann doch noch kapierst, was du an mir verloren hast, dann werd ich nimmer da sein.«

»Wie du meinst …« Er klang gelangweilt. Wie konnte er gelangweilt klingen, während er ihr Herz in Stücke riss?

»Wie kannst du nur …?«, wollte sie ansetzen, doch er unterbrach sie schroff.

»Hör zu, Hannah. Es dauert mich, dass du dir da mehr reinfantasiert hast. Das dauert mich wirklich. Aber da war nix, und da wird auch nie was sein. Und ganz ehrlich: Ich hab net die Zeit, mir hysterische Tiraden anzuhören. Ich werd jetzt auflegen. Trotzdem noch ein fröhliches Weihnachtsfest, Hannah.«

Sie schnappte nach Luft. Wie, um alles in der Welt, sollte sie jetzt noch ein fröhliches Weihnachtsfest haben? Wer konnte so herzlos sein, so etwas zu denken?

Doch noch bevor sie widersprechen konnte, hatte er schon aufgelegt, und im Telefon blieb nur ein unverbindliches Tuten zurück.

***

Lissi hatte am Esstisch in der winzigen WG-Küche gesessen, den Kopf mit dem dichten blonden Haar in die Hände gestützt, und die Weihnachtskarte von Stefan angestarrt, als das Telefon geklingelt hatte. Fassungslos hatte sie immer wieder die wenigen Zeilen gelesen, die er ihr nach so vielen Jahren Beziehung und allem, was sie für ihn getan hatte, sandte.

Liebe Lissi,

Südamerika ist der Hammer! Man nennt mich hier Estefan, und ich denke, dass ich endlich Kontakt zu meinem inneren Frieden habe.

Feliz Navidad!

Was sollte das überhaupt heißen? Kontakt zu seinem inneren Frieden? Pah! Stefan – Verzeihung, Estefan - war schon immer der entspannteste Mensch gewesen, den sie kannte. Vollkommen unbeeindruckt von solchen Kleinigkeiten, wie beispielsweise der ausstehenden Miete, hatte er in den Tag hinein gelebt und sich darauf verlassen, dass Lissi für seinen Lebensunterhalt aufkam.

Freilich nur, bis er vor einem halben Jahr entdeckt hatte, dass die Schaffenskrise, in der er sich seit Jahren befand, daher kam, dass er nicht im Einklang mit seinem inneren Frieden lebte. Lissi, die selbst ein ziemlich geregeltes Leben als Bibliothekarin führte, konnte seinen Künstler-Gedankengängen manchmal nicht ganz folgen.

Jedenfalls hatte er von einem Tag auf den anderen seine Sachen gepackt und war nach Südamerika aufgebrochen, wo er sich auf einer Rundreise durch verschiedene Länder selbst finden wollte. Als Lissi sich ihm nicht hatte anschließen wollen, weil ihre Ersparnisse schlicht zur Neige gingen, hatte er kurzerhand Schluss gemacht, ihr aber gnädigerweise die gemeinsame Wohnung überlassen. Für die sie im Übrigen schon seit Jahren die Miete zahlte, wenn er nicht gerade etwas beisteuerte, weil er ausnahmsweise ein Gemälde verkauft hatte – was allerdings selten genug vorkam.

Lissi war mit einem gebrochenen Herzen aus dieser Beziehung hervorgegangen – und mit einem Bankkonto, das so geschröpft war, dass sie die hübsche Wohnung in der teuren Münchner Innenstadt niemals hätte halten können, wenn Hannah nicht spontan bei ihr eingezogen wäre. Jetzt war es hier zwar etwas eng – denn sie hatten das geräumige Wohnzimmer zu Hannahs Zimmer umfunktioniert – aber immerhin nicht einsam.

Doch Weihnachten war eine andere Hausnummer. Sie wusste, dass Hannah ein romantisches Abendessen und eine große Überraschung für Thomas plante, und Lissi hätte sich am liebsten bis zum ersten Arbeitstag im neuen Jahr in ihrem Zimmer verkrümelt und leise vor sich hin geweint. Aber das durfte sie sich nicht erlauben.

Also klappte sie ihren alten Laptop auf, nachdem sie das Telefon – und damit einen wenig zerknirschten Thomas, der ja doch nur wieder zu spät kommen würde – an Hannah weitergereicht hatte, und durchforstete die einschlägigen Jobbörsen.

Denn das war Lissis vordringlichstes Problem: Sie war pleite, und ihre Stelle bei der Münchner Stadtbibliothek war nur noch auf wenige Monate befristet. Wenn sie nicht bald etwas Neues fand, würde sie schon in Kürze nicht mehr wissen, wovon sie ihren Teil der Miete zahlen sollte.

Doch die gut bezahlten Stellen für Bibliothekare waren rar gesät, und Lissi hätte nur zu gern einmal eine Festanstellung gehabt, die nicht wieder auf zwei Jahre begrenzt war. Aber so etwas zu finden und dann noch in München bleiben zu können, war utopisch. Und wo sollte sie hin, wenn sie nicht einmal mehr bei Hannah bleiben konnte?

Andererseits würde Hannah demnächst vielleicht sowieso mit Thomas zusammenziehen und sie allein in der teuren Wohnung zurücklassen, wenn alles so lief wie geplant.

Als die Stimme ihrer Freundin hinter der geschlossenen Zimmertür lauter und schriller wurde, stellte sich in Lissis Magengegend eine ungute Vorahnung ein. Aus einem dumpfen Gefühl heraus konnte sie Hannahs Freund nicht besonders leiden. Vielleicht, weil er ihr Boss war und sie gnadenlos herumkommandierte, was der Beziehung einen einseitigen Geschmack verlieh – vielleicht aber auch, weil er so unverbindlich blieb und Hannah nicht erklären konnte, warum er nicht zu der Beziehung stand.

Beinahe dankbar für die Ablenkung von ihren eigenen Sorgen, ließ Lissi den Laptop auf dem Küchentisch stehen und schlich näher an Hannahs Tür heran, weil sie ein leises Schluchzen vernommen hatte.

Hatte Hannah das Gespräch inzwischen beendet? Sie hörte keine Worte mehr, war aber sicher, dass Hannah hinter der Tür weinte.

Der Lackel hatte sie schon wieder versetzt!

Doch als die Tür genau in dem Moment aufging, als Lissi leise hatte klopfen wollen, erkannte sie an Hannahs kreidebleichem Gesicht, dass es nicht nur um heute Abend ging.

»Er hat Schluss gemacht!«, schluchzte Hannah auf und fiel Lissi in die Arme.

Vorsichtig bugsierte Lissi ihre hemmungslos weinende Freundin zurück ins Zimmer und schob sie zu dem kleinen Sofa, das eingeklemmt zwischen Regal und Kleiderschrank gerade genug Platz für zwei Freundinnen bot.

»Erzähl in Ruhe«, bat sie, und Hannah schnäuzte sich geräuschvoll, bevor sie zu reden begann.

***

Mehrere Stunden und ungezählte Weingläser später war Hannah endlich gefasster.

Wenn man denn so wollte, denn sie hatten inzwischen das vorbereitete Abendessen, den Wein und den vorzüglichen Sekt, den Hannah für Thomas kalt gestellt hatte, weitestgehend vernichtet und fühlten sich zwar gesättigt, aber auch ziemlich angetrunken.

Lissi hatte noch versucht, einen klaren Kopf zu bewahren, aber Hannah hatte so inständig auf sie eingeredet, sie könne sie doch jetzt nicht allein ihrem Elend überlassen und was habe sie denn schließlich noch Besseres vor?, dass Lissi letztendlich mitgetrunken hatte.

Nun verkündete Hannah mit schwerer Zunge: »Weißt du was, Lissi? Wir brauchen gar keine Männer!« Dabei wischte sie sich die verlaufene Wimperntusche aus den Augenwinkeln, wodurch allerdings ein noch breiterer schwarzer Streifen auf ihrem rechten Wangenknochen landete.

Lissi reichte ihr ein weiteres Taschentuch und versuchte ein Lächeln, von dem sie selbst merkte, dass es ein wenig schief geriet. »Ach nein?«

»Nein«, lallte Hannah, die mit dem Taschentuch noch mehr Mascara in ihrem Gesicht verteilte. »Ich hab ja dich. Und du hast mich. Versprech ich dir. Du bist meine allerliebste Freundin.«

Wenn der Moment nicht so ausgesprochen traurig gewesen wäre, hätte Lissi sich wahrscheinlich geehrt gefühlt. »Du auch meine.«