Das Berghotel 225 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 225 E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Das Schicksal meint es gut mit der Greta, zumindest sehen das die Leute in St. Christoph so. Als ehemals mittelloses Madel hat sie den wohlhabenden Großbauern Hans Weidinger geheiratet und kennt keine finanziellen Sorgen mehr. Doch eines fehlt ihr zum Glück: die Liebe. Hans war ein kaltherziger, liebloser Mann. Darum war es für sie kein allzu harter Schlag, als er eines Tages bei einer Wanderung abstürzte und ums Leben kam.
Seither ist Greta allein auf der Welt. Vergeblich sehnt sie sich nach der Liebe. Sie ist wunderschön, doch es ist nicht leicht, einen Mann kennenzulernen, der sich nicht für ihr Aussehen und ihr Geld interessiert, sondern für ihren Charakter. Hedi ist gut mit ihr befreundet; sie blickt hinter die Fassade der wohlhabenden Großbäuerin und erkennt, wie unglücklich und einsam Greta ist. Um sie aufzumuntern, überredet Hedi sie dazu, am Sommermaskenball auf der Hotelterrasse teilzunehmen. Es ist ein Abend, der Gretas Schicksal verändert ...


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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover

Impressum

Vom Glück geliebt zu werden

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: wernerimages 2020 / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9890-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Vom Glück geliebt zu werden

Heimatroman um das Schicksalder schönen Greta

Von Verena Kufsteiner

Das Schicksal meint es gut mit der Greta, zumindest sehen das die Leute in St. Christoph so. Als ehemals mittelloses Madel hat sie den wohlhabenden Großbauern Hans Weidinger geheiratet und kennt keine finanziellen Sorgen mehr. Doch eines fehlt ihr zum Glück: die Liebe. Hans war ein kaltherziger, liebloser Mann. Darum war es für sie kein allzu harter Schlag, als er eines Tages bei einer Wanderung abstürzte und ums Leben kam.

Seither ist Greta allein auf der Welt. Vergeblich sehnt sie sich nach der Liebe. Sie ist wunderschön, doch es ist nicht leicht, einen Mann kennenzulernen, der sich nicht für ihr Aussehen und ihr Geld interessiert, sondern für ihren Charakter. Hedi ist gut mit ihr befreundet; sie blickt hinter die Fassade der wohlhabenden Großbäuerin und erkennt, wie unglücklich und einsam Greta ist. Um sie aufzumuntern, überredet Hedi sie dazu, am Sommermaskenball auf der Hotelterrasse teilzunehmen. Es ist ein Abend, der Gretas Schicksal verändert …

Warmes, goldenes Licht schien durch die Tür des Ochsenwirts, die einen Spaltbreit offen stand. Fröhliches Gelächter, laute Stimmen und das Klirren von Bierkrügen drangen ins Freie heraus.

Andi Kastler, der Chef des Sporthotels „Am Sonnenhang“, grinste vorfreudig. „Schaut so aus, als wär die Stimmung wieder gut.“

Seine Frau Hedi drückte seine Hand fester und lachte.

„Ist sie das net immer im ‚Ochsen‘?“

Von Zeit zu Zeit genossen die Hoteliers es sehr, den Abend entspannt und gesellig bei einem kühlen Bier oder Radler im Gasthof ausklingen zu lassen. Beide hatten sie sich ein wenig herausgeputzt: Hedi trug ein schickes Dirndl in Waldgrün, das ihre Kurven betonte, und Andi hatte sich in fesche Kniebundhosen mit roten Strümpfen geworfen.

„Jessas, das sind ja die Kastlers, die uns heut beehren!“, schallte es ihnen gut gelaunt entgegen. „Grüß euch! Kommt’s her, setzt’s euch.“

Der Einrieder-Lukas, der im Berghotel als Sporttrainer angestellt war, die Kosmetikerin Gerti Wachter und der Kroneder-Franz, der Gärtner, saßen an der Theke. Hedi und Andi zogen sich zwei weitere Hocker heran, nahmen Platz und schon wurden sie vom Wirt Joschi Althöfer und seiner Frau Anna über den neuesten Dorftratsch informiert.

Hedi nippte an ihrem Bier.

„Was, der Tim und die Ella? Verlobt?“, beteiligte sie sich eifrig am Gespräch. „Himmel Herrgott, wie die Zeit verfliegt! Der Tim war doch grad noch so ein kleiner Bub mit andauernd aufgeschlagenen Knien und die Ella ein sommersprossiges kleines Madel mit herzigen Zöpfen.“

„Wir werden alle net jünger“, sinnierte Kilian Garnreiter, der ebenfalls zur Hotelbelegschaft gehörte und der sich sonst eher schweigsam zurückhielt.

„Da ist ja die Weidinger-Witwe. Fesch schaut sie wieder aus, das muss man ihr lassen. Ich kann den Hans gut verstehen, dass er sich in sie verliebt hat“, sagte jemand mit unterdrückter Stimme.

Hedi reckte den Hals, und tatsächlich: Ihre gute Freundin Greta betrat den Gastraum. Ihre Haare, die sie wie eine Krone in zwei Zöpfen um den Kopf geflochten hatte, glänzten im warmen Kunstlicht wie gesponnenes Gold. Mit den zierlichen Schultern, dem schlanken Hals und der aufrechten Haltung hatte sie immer etwas Anmutiges an sich, beinahe wie eine Balletttänzerin. Sie war eine wahre Schönheit, die auf Anhieb alle Blicke auf sich zog, wenn sie einen Raum betrat. Ihre tiefblauen Augen sahen sich suchend um, und ein Lächeln trat auf ihre vollen, rosigen Lippen, als sie Hedi erblickte.

Doch der Hotelchefin entging nicht, dass Greta die gemurmelten Worte aufgeschnappt hatte und leicht zusammenzuckte. ‚Die Weidinger-Witwe‘… Diese Bezeichnung ging Greta gehörig gegen den Strich. Hedi wusste, wie sehr es Greta wurmte, dass jedermann im Dorf sie bloß als die hinterbliebene Gattin des reichen Weidinger-Bauern betrachtete. Was sie auch tat und vollbrachte: Man sah sie doch nur als die schöne Frau von Hans. Das war zu seinen Lebzeiten so gewesen, und auch nach seinem Tod hatte sich daran nichts geändert.

Doch schon hatte sich Greta wieder gefangen. Sie ließ sich nichts anmerken und setzte ihr strahlendstes Lächeln auf.

„Grüß euch! Na, wie geht’s euch? Habt’s ihr den herrlichen Tag auch an der Sonne genossen? Servus, Joschi – für mich bitte auch ein Bier!“, grüßte sie in die Runde und setzte sich neben Hedi.

Schon kam einer der neuangestellten Servierburschen mit dem gewünschten Bier herangeschnauft.

„Geht aufs Haus“, sagte er eifrig, obwohl die Wirtsfrau Anna streng die Augenbrauen hochzog.

„Womit hab ich das denn verdient?“, erkundigte sich Greta verblüfft.

Der Junge wurde doch tatsächlich ein wenig rot.

„Weil du so ein erfreulicher Anblick bist“, murmelte er.

Hedi musste schmunzeln. Die Greta hatte so manchen Verehrer im Dorf. Kein Wunder, so hübsch und sympathisch, wie sie war. Trotzdem blieb sie seit Hans’ Tod allein – und das lag nicht etwa daran, dass sie seit Jahren untröstlich über den Verlust gewesen wäre.

„Das Schicksal meint’s gut mit der Greta! So ein Glück muss man einmal haben“, raunte Anna einer Freundin zu. Hedi schnappte die Worte auf und merkte an Gretas Blick, dass auch sie die Bemerkung gehört hatte.

Unauffällig legte Hedi der feschen Bäuerin für einen Moment die Hand auf die Schulter, sie tauschten einen Blick miteinander aus. Ja, fast jeder im Dorf glaubte, die Greta habe alles Glück der Erde für sich gepachtet. Einst ein mittelloses Madel, hatte sie dem wohlhabenden Großbauern Hans mit ihrem hübschen Gesicht und ihrer reizenden Art den Kopf verdreht. Die Tage der Armut waren damit gezählt gewesen, finanzielle Sorgen gab es für Greta nicht mehr. In prachtvollen Dirndln und mit Schmuck, den Hans ihr geschenkt hatte, war Greta von da an durchs Dorf stolziert, immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen.

Hans’ Tod war dann freilich ein herber Schicksalsschlag gewesen, darüber herrschte in St. Christoph Einigkeit. Ein Jahr lang hatte die Witwe sich in angemessenes Schwarz gehüllt, aber jetzt schien sie über den Verlust hinweg zu sein.

Doch Hedi kannte Greta besser. Sie wusste, dass hinter der Fassade nicht alles so war, wie es erschien. So manches Mal hatte die Hotelchefin erlebt, wie unfreundlich, sogar grausam, der Hans sein konnte, wenn er betrunken oder einfach schlecht gelaunt war. Und die Art und Weise, wie Greta in seiner Gegenwart manchmal zusammengezuckt war, wenn er eine schnelle Bewegung machte, würde Hedi wohl nie vergessen.

Nein, es war sicherlich nicht alles so rosig gewesen, wie die Leute dachten. Es war keine glückliche Ehe gewesen, und in manchen Momenten dachte Hedi sogar insgeheim, es war nicht das allergrößte Unglück gewesen, dass es den Hans erwischt hatte. Eilig bekreuzigte sie sich, als sie sich bei diesem Gedanken ertappte. Über die Toten sollte man nichts Böses denken, ganz gleich, wie sie zu Lebzeiten gewesen waren.

„Was stimmt denn nicht?“, fragte Greta mit unterdrückter Stimme, die über der Geräuschkulisse des Ochsenwirts kaum zu hören war.

„Nichts, nichts“, antwortete Hedi gedankenverloren und trank einen großen Schluck von ihrem Bier.

***

Kalte Augen schauten auf Greta herab. Sie spürte den Blick wie eine eisige Berührung in ihrem Nacken. Unbehaglich wandte sie sich ab, änderte ihre Sitzposition, drehte sich auf der Couch in die andere Richtung, doch das beklemmende Gefühl ließ nicht nach.

Seufzend stand sie auf, stellte sich vor das Porträt und schaute empor. Streng und kühl blickte Hans von dem überlebensgroßen Bild auf sie herab. Genau so hatte er sie schon zu Lebzeiten immer angeschaut, und damals wie heute jagte sein Blick ihr einen Schauer über den Rücken.

„Ich sollte das Bild endlich abhängen“, murmelte sie in die Stille des Wohnzimmers.

Aber das hatte sie in den vergangenen Jahren so oft gedacht, und brachte es doch nicht über sich. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie es nicht schaffte. Der Hans war schließlich nicht mehr da, er konnte sie nicht daran hindern. Das Wohnzimmer gehörte jetzt ihr, ebenso wie alles andere, was er ihr hinterlassen hatte.

Und doch hatte er immer noch Macht über sie. Sie brachte es nicht über sich, das Bild zu entfernen, das so unangenehme Erinnerungen in ihr wachrief. Ebenso, wie sie sich aus dem Arbeitszimmer fernhielt, das immer sein Bereich gewesen war. Sie betrat den Raum nur hin und wieder, um kurz Staub zu wischen, und hatte sonst nichts daran geändert.

Vielleicht würde das Bild immer da hängen, neben der antiken Mistgabel und den anderen traditionellen Werkzeugen, die dekorativ die Wand zierten und dem Raum etwas Rustikales verliehen.

Der Trubel des Ochsenwirts hallte noch in ihr nach, sie hatte das fröhliche Gelächter und die lauten Stimmen noch im Ohr. Der Kontrast machte ihr die Stille des großen Bauernhauses, die nur vom Ticken der großen Standuhr durchbrochen wurde, umso deutlicher bewusst. Innerlich fühlte sie sich allein und leer und das Lächeln, das sie in der Öffentlichkeit immer aufsetzte, fühlte sich an, als sei es auf ihrem Gesicht festgefroren.

„Glückskind“, so nannte man sie im Dorf hinter ihrem Rücken, „vom Schicksal begünstigt“. Die Leute meinten es nicht bös, und nach außen hin musste es auch wirklich so aussehen, als hätte sie im Leben großes Glück gehabt. Sie hatte zwar ihren Mann verloren, aber zumindest lebte sie im Wohlstand, besaß einen großen Bauernhof, wohnte in einem tollen Haus, trug schöne Kleider und Schmuck. Die Armut, in die sie hineingeboren worden war, hatte sie ein für alle Mal hinter sich gelassen.

„Wenn es hier bloß net immer so scheußlich leise wär!“, sagte sie laut in die Stille hinein.

Energisch drehte sie das Radio auf, dessen Gedudel jetzt durch das große Bauernhaus hallte. Aber es half ihr nicht, sich besser zu fühlen.

Tagsüber war hier alles mit Leben und manchmal auch Arbeitslärm erfüllt, und sie konnte ihre Einsamkeit verdrängen. Auf einem Bauernhof gab es freilich immer eine Menge zu tun. Man hörte Stimmen, Scheppern, Motoren, das Muhen der Kühe, Hundegebell.

Greta selbst musste sich kaum die Hände schmutzig machen. Das war schon zu Hans’ Lebzeiten so gewesen. Sie hatten genug Angestellte, die die harte, körperliche Arbeit erledigten. Greta hatte in erster Linie den Papierkram zu erledigen, seit sie vor Jahren nach der Heirat hierhergezogen war, und behielt seit Hans’ Tod den Überblick über alle Abläufe.

Obwohl die Küche sauber war, ging sie jetzt dorthin, schnappte sich einen Lappen und begann, die Arbeitsplatten zu putzen. Dazu summte sie zur Musik aus dem Radio. Sie wollte sich selbst nicht eingestehen, dass sie Hans’ Blick, der im Wohnzimmer so streng von seinem Porträt an der Wand schaute, einfach nicht länger ertrug.

Ja, die Leute hielten sie für glücklich, aber eines fehlte ihr seit jeher zum Glück: die Liebe. Jetzt noch schnürte es ihr die Kehle zu, wenn sie an Hans dachte. Er war ein kaltherziger, emotionsloser Mann gewesen. Er hatte sie nicht aus Liebe geheiratet, auch wenn sie sich das damals als blutjunges Madel, hoffnungsfroh eingeredet hatte.

Alles, was er von ihr gewollt hatte, war ein Kind gewesen. Einen Sohn, dem er seinen ertragreichen Bauernhof und das ganze dazugehörige Land eines Tages vererben konnte. Bald hatte Greta begriffen, dass es ihre einzige Aufgabe war, ihm dieses Kind zu gebären.

Doch sie war nicht schwanger geworden, ganz egal, wie oft sie es versucht hatten. Hans’ Einstellung dazu war klar gewesen: Greta hatte in der einen Aufgabe, die er ihr gegeben hatte, versagt. Von da an hatte sie von ihm wenig Freundlichkeit zu erwarten gehabt.

Im besten Fall war er ihr gegenüber einfach nur gleichgültig gewesen. Im schlimmsten Fall boshaft. Und besonders niederträchtig war er gewesen, wenn er ein, zwei Bier zu viel intus hatte – und das war gegen Ende immer häufiger vorgekommen.

Sie hatte gelernt, die Abende, an denen er spät aus dem Ochsenwirt nach Hause kam, zu fürchten. Meistens hatte sie so getan, als schliefe sie bereits, aber das hatte sie nicht immer vor seinen Launen bewahrt: vor seinen Gemeinheiten, und schließlich auch manchmal vor seinen Schlägen.

Und dann war der verhängnisvolle Tag gekommen. Unwillkürlich rieb Greta mit dem Putzlappen immer wieder krampfhaft über dieselbe, saubere Stelle, ohne es wahrzunehmen. Ihr Blick ging starr ins Leere, als die Erinnerungen sie einholten …

Hans hatte sich einer Wandergruppe angeschlossen, die zu einem ganztägigen Ausflug aufgebrochen war. Viele erfahrene Wanderer, die das Gelände gut kannten, waren mit von der Partie gewesen: Der Kastler-Andi aus dem Berghotel, der sportliche Einrieder-Lukas, sogar der Martin Burger, der hier in St. Christoph als Bergdoktor arbeitete. Aber keiner von ihnen hatte Hans retten können, als er an einer steilen Felswand viel zu unvorsichtig voranging und viele Meter in die Tiefe stürzte.

Jetzt noch konnte sich Greta ganz genau daran erinnern, wie der Gendarm Ludwig Sirch vor ihrer Haustür gestanden hatte, den Blick gesenkt, die Kappe nervös in den Händen knetend, die Wangen ganz bleich und blutleer.

„Es ist schnell gegangen“, hatte Ludwig Sirch erklärt, „er war auf der Stelle tot und hat net gelitten.“

Noch bevor er die Worte aussprach, hatte sie es gewusst: Ihr Mann war verstorben. Sie war nicht einmal wirklich überrascht gewesen. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ihm sein Leichtsinn zum Verhängnis wurde. Und trotzdem hatten in diesem Moment ihre Beine unter ihr nachgegeben und sie war zusammengebrochen.

Das ganze Vermögen war schließlich auf sie übergegangen. Hans’ Eltern waren bereits verstorben, ebenso wie ihre, und sonst gab es keine weiteren Angehörigen.

Manchmal dachte Greta, sie sollte ihn vermissen, immerhin war er ihr Mann gewesen. Aber die Wahrheit war, dass sie nicht einmal richtig um ihn getrauert hatte. Ein Teil von ihr war wohl sogar erleichtert gewesen. Das Leben an Hans’ Seite war alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen.

Abrupt warf sie den Lappen in die Spüle und ging mit großen Schritten zurück ins Wohnzimmer. Eines musste man dem Fotografen lassen, der das übergroße Bild gemacht und so bearbeitet hatte, dass es an ein Ölgemälde erinnerte: Es wirkte so lebendig, als könnte Hans jeden Moment aus dem Rahmen herabsteigen. Der Blick schien einem zu folgen, wohin auch immer man sich im Wohnzimmer bewegte.

Er war ein attraktiver, stattlicher Mann mit kantigem Kinn und breiten Schultern gewesen. Seine Haare hatten die Farbe von nassem Sand. Als sie ihn kennengelernt hatte, hatte sie ihn fesch gefunden, aber dieser Eindruck war rasch verflogen, als sie ihn nach der überstürzten Hochzeit von seinen unangenehmen Seiten kennenlernte.

Und als er mehr und mehr Alkohol trank, machte es sich schließlich auch an seinem Aussehen bemerkbar. Sein Gesicht wurde schwammiger, von einigen geplatzten Adern durchzogen. Sein Körper wirkte aufgedunsen und verlor die bisherige sportliche Drahtigkeit. Nur das Porträt an der Wand blieb unverändert.

„Ich wollte doch immer nur, dass du mich liebst und gut zu mir bist“, murmelte sie. „Warum konntest du mir das nicht geben? Warum konntest du mich nicht glücklich machen? Und jetzt bist du weg – und ich bin ganz allein.“

Die Einsamkeit lag wie eine schwere, erdrückende Decke über ihr, als sie sich wenig später in ihr kaltes, breites Bett legte. Es dauerte eine Weile, bis sie Schlaf fand.

***