Das Berghotel 226 - Heimatroman - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 226 - Heimatroman E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Laurenz Schurer wurde in St. Christoph geboren und wuchs dort auf, bis er das Dorf mit fünfundzwanzig Jahren verließ, um als Diplomat im Ausland Karriere zu machen. Nun ist er alt, und die Sehnsucht nach der Heimat wächst in ihm. Er will noch einmal nach St. Christoph und seine Schwester besuchen. Da Laurenz nicht mehr der Gesündeste ist, sucht er per Zeitungsannonce eine Pflegerin, die ihn auf seiner Reise in die Vergangenheit begleitet. Diese Anzeige liest Lorena Caspar. Die junge Frau ist schon lange unglücklich und sucht eine neue berufliche Chance. Lorena bewirbt sich und hat tatsächlich Glück: Sie wird Laurenz nach St. Christoph begleiten! Für beide wird die Reise zum Schicksal ...

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Seitenzahl: 123

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Inhalt

Cover

Impressum

Lorenas Herzflimmern

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Chiemseer Dirndl & Tracht

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9891-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Lorenas Herzflimmern

Wenn man im Berghotel die große Liebe findet

Von Verena Kufsteiner

Laurenz Schurer wurde in St. Christoph geboren und wuchs dort auf, bis er das Dorf mit fünfundzwanzig Jahren verließ, um als Diplomat im Ausland Karriere zu machen. Nun ist er alt, und die Sehnsucht nach der Heimat wächst in ihm. Er will noch einmal nach St. Christoph und seine Schwester besuchen. Da Laurenz nicht mehr der Gesündeste ist, sucht er per Zeitungsannonce eine Pflegerin, die ihn auf seiner Reise in die Vergangenheit begleitet.

Diese Anzeige liest Lorena Caspar. Die junge Frau ist schon lange unglücklich und sucht eine neue berufliche Chance. Lorena bewirbt sich und hat tatsächlich Glück: Sie wird Laurenz nach St. Christoph begleiten! Für beide wird die Reise zum Schicksal …

„Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag, lieber Laurenz, zum Geburtstag viel Glück.“

Die einsame Stimme hallte durch das Wohnzimmer und verlor sich irgendwo hoch oben zwischen Kronleuchter und stuckverzierter Decke.

„Vielen Dank, Reni, das ist sehr lieb von Ihnen.“ Laurenz Schurers Augen schimmerten verdächtig. Normalerweise war er nicht nah am Wasser gebaut. Doch an diesem fünfundsiebzigsten Geburtstag erlaubte er sich diese kleine Sentimentalität. „Schön, dass wenigstens Sie an mich denken.“

Reni schnitt den Kuchen an – Käse-Sahne-Torte mit ordentlich Puderzucker drauf – und legte ein Stück auf Laurenz' Teller.

„Sagen Sie bloß, ich bin die Einzige?“

„Bis jetzt schon.“ Laurenz schob den Ärmel zurück. Die goldene Uhr blitzte im Sonnenlicht. Er musste die Augen zusammenkneifen, um das Zifferblatt zu erkennen. „Und es ist immerhin schon halb drei.“ Er seufzte tief. „Das habe ich nun davon, dass ich mein ganzes Leben lang unterwegs und immer nur für ein paar Jahre am selben Fleck geblieben bin.“

„Aber bestimmt haben Sie viele Freundschaften geschlossen“, warf die Haushälterin ein.

Laurenz winkte ab. „Das dachte ich früher auch. Aber Sie sehen ja, was von den sogenannten guten Freunden übrig geblieben ist.“ Er lachte bitter. „Im Grunde genommen sind das im Ausland nur Zweckgemeinschaften. Man teilt ein Schicksal, arbeitet in derselben Botschaft, trifft sich auf denselben Empfängen, spielt im selben Golfclub. Wenn man versetzt wird, verspricht man sich, den Kontakt zu halten und sich mindestens ein Mal im Jahr zu treffen. Aber kaum hat man das Land verlassen, geraten die guten Vorsätze in Vergessenheit. Neue Abenteuer locken, neue Bekanntschaften werden geschlossen. Und dann geht alles wieder von vorne los.“

Endlich war die Gelegenheit gekommen, all die Fragen zu stellen, die Reni schon auf der Seele brannten, seit sie für den Senior arbeitete.

„Und Ihre Familie?“, erkundigte sie sich vorsichtig. „Frau? Kinder?“

Laurenz schüttelte den Kopf.

„Ich war nie verheiratet. Aber ich habe eine Schwester, Fanny. Ihre private Kunstsammlung ist sehr berühmt“, murmelte er versonnen, „dabei lebt sie mit ihrem Mann noch immer ganz bescheiden in St. Christoph. Obwohl ich unzählige Male versprochen habe, war ich seit Jahren nicht dort.“

Sein Gesicht nahm einen sehnsüchtigen Ausdruck an. Er musste noch nicht einmal die Augen schließen, um das malerische Dorf inmitten der Zillertaler Alpen wieder vor sich zu sehen. Bis auf den heutigen Tag führte nur eine einzige Bergstraße die steilen Serpentinen hinauf zu den gepflegten Bauernhäusern, die sich um die kleine, weiße Dorfkirche mit dem Zwiebelturm scharten. Ob sich wohl noch immer der goldene Wetterhahn auf der Spitze im Wind drehte?

„Warum nehmen Sie nicht Ihren Geburtstag zum Anlass und besuchen Ihre Schwester?“, fragte Reni und schenkte Kaffee nach. „Zeit haben Sie jetzt doch im Überfluss.“

Im ersten Moment wollte Laurenz ablehnen. Doch dann besann er sich eines Besseren. Warum eigentlich nicht? Als er sich nach der Zuckerdose streckte, fiel es ihm wieder ein.

„Alleine?“ Er schüttelte den Kopf. „Mit meiner Arthrose fallen mir ja schon die einfachsten Dinge schwer. Was sollte ich da in den Bergen anfangen?“ Doch dann kam ihm eine Idee in den Sinn und seine Augen blitzten. „Außer natürlich, Sie begleiten mich. Drei, vier Wochen inmitten von Almwiesen und Bergbauernhöfen, wie klingt das in Ihren Ohren?“

„Fantastisch. Leider kann ich nicht wegfahren. Meine Kinder und mein Mann brauchen mich.“

Laurenz verzog den Mund.

„Natürlich. Wie dumm von mir.“ Er winkte ab und griff nach der Kuchengabel. „Vielleicht ist es auch besser so. Vergangenes sollte man dort lassen, wo es ist: In der Erinnerung.“

Doch so leicht wollte sich Reni nicht geschlagen geben.

„Manchmal ist die Zukunft viel besser als die schönste Erinnerung. Warum suchen Sie sich nicht eine Reisebegleitung und besuchen Ihre Schwester. Sicher ist sie auch nicht mehr die Jüngste und freut sich, ihren Bruder nach so vielen Jahren wiederzusehen.“

Ihre Worte erinnerten Laurenz wieder an die Fotos, die Fanny ihm vor ein paar Monaten geschickt hatte. Damals war er erschrocken gewesen über ihre Blässe und die tiefliegenden Augen. Doch bei einem Telefonat hatte sie seine Sorgen zerstreut und Laurenz sich wieder um seine eigenen Wehwehchen gekümmert.

„Es findet sich bestimmt eine Betreuungsassistentin, die Zeit und Lust hat, Sie zu begleiten“, fuhr Reni in seine Gedanken hinein fort. „Wenn Sie wollen, gebe ich eine Anzeige für Sie auf.“

Renis Enthusiasmus wirkte ansteckend. Laurenz gab sich einen Ruck.

„Sie sind ganz schön hartnäckig.“ Ein Lächeln spielte um seine Lippen. „Vielleicht ist das die letzte Gelegenheit, noch einmal in die alte Heimat zurückzukehren.“ Seine Augen füllten sich mit Erinnerungen. „Was wohl aus dem Burger-Pankraz geworden ist? Als ich fortgegangen bin, war sein Sohn Martin noch ein Kind. Und ob das Schlößl noch steht?“

Je länger Laurenz darüber nachdachte, umso größer wurde die Sehnsucht nach St. Christoph. Was hatte ihn nur so lange von einem Besuch abgehalten? Natürlich kannte er die Antwort auf diese Frage. Aber spielte das alles nach so vielen Jahren noch eine Rolle?

„Das ist ja alles schön und gut. Aber wo soll ich wohnen?“

Auch auf diese Frage hatte Reni eine Antwort. Sie war in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen und hatte mit ihrem Handy im Internet nach St. Christoph gesucht.

„Wie wäre es mit dem Sporthotel ‚Am Sonnenhang‘?“ Sie zeigte dem Senior die Bilder.

Der Anblick des schmucken Hauses im Tiroler Stil gab den Ausschlag.

„Abgemacht!“, erwiderte Laurenz und schob die letzte Gabel Torte in den Mund. „Sie suchen mir eine Begleitung, und ich buche das Hotel für den kommenden Monat. Altweibersommer in den Bergen. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk kann ich mir wohl kaum machen!“

***

Fröhlich pfiff Andi Kastler vor sich hin, während er einen Rettich in Spiralen schnitt und kunstvoll auf einem Teller drapierte. Frisches Bauernbrot, Salz und goldgelbe Butter dazu – und fertig war das leichte Abendessen. Zufrieden betrachtete er sein Werk. Er und seine Frau Hedi hatten zwar schon tagsüber im Berghotel gegessen, das sie gemeinsam leiteten, aber sie liebten es, die Sommerabende bei einer Brotzeit auf der Terrasse ihres Wohnhauses ausklingen zu lassen. Ein Stückerl vom Hotel entfernt lag es idyllisch im Grünen und bot eine fantastische Aussicht auf die umliegenden Gipfel, die St. Christoph umringen wie steinerne Wächter.

Mit Brotzeit und Getränken machte er sich auf den Weg nach draußen, wo Hedi über ihren Listen brütete. Sie war so vertieft in ihre Planungen, dass sie ihren Mann gar nicht bemerkte. Ein Lächeln spielte um Andis Lippen, als er sie musterte. Die vor Aufregung geröteten Wangen, die vorwitzige Strähne, die sich aus dem blondgefärbten Dutt gelöst hatte, die Hand mit den rot lackierten Fingernägeln, die über das Papier flog und schwungvolle Buchstaben auf das Blatt zauberte. Er wollte fast platzen vor Stolz, dass sich dieses Prachtweib ausgerechnet für ihn entschieden hatte und es bis auf den heutigen Tag tun würde, wie sie ihm tagtäglich bewies. Genau wie er.

Nach all den Ehejahren faszinierte es Andi immer noch, mit welcher Leidenschaft Hedi sich dem Wohl ihrer Gäste widmete. Sie wurde nie müde, sich immer neue Höhepunkte auszudenken, die aus einem gewöhnlichen Urlaub in den Bergen eine unvergessliche Erinnerung machten. Ein besonderes Faible hatte sie dabei für Feste, die sie zu jeder sich bietenden Gelegenheit feierte. Was für Ideen würde sie diesmal wieder aus ihrer Wundertüte hervorzaubern?

Um Hedi nicht zu stören, stellte Andi das Tablett leise auf dem Tisch ab, setzte sich auf den freien Stuhl und lehnte sich zurück. Die Abendluft duftete würzig nach Nadelholz und Alpenkräutern. Er war so vertieft in den Genuss, dass er nicht bemerkte, dass der Stift nicht mehr über das Papier kratzte.

„Oh, du hast eine Jause hergerichtet. Du bist ein echter Schatz.“ Die Essensplanungen hatten Hedi hungrig gemacht. Flugs begann sie, sich eine Scheibe Brot zu schmieren. „Stell dir vor, über der ganzen Aufregung habe ich heute kaum was gegessen.“

„Dabei sollte man meinen, dass dir das Organisieren unserer Feste inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen ist“, erwiderte Andi und nahm einen kräftigen Schluck vom alkoholfreien Bier, das er sich und seiner Frau eingeschenkt hatte.

Hedi lehnte sich zurück und ließ sich Radi und Butterbrot schmecken. Ihr Blick schweifte über die dunklen Tannenwälder vor der traumhaften Kulisse der Berge. Dabei dachte sie an ihr neuestes Projekt.

„Natürlich ist es nützlich, auf ein paar Erfahrungswerte zurückgreifen zu können“, gab sie zu. „Nachdem aber auch die Stammgäste und unsere lieben Mitbürger ihren Spaß haben sollen, braucht es schon immer wieder neue Ideen.“ Ihre glitzernden Augen verrieten sie.

„Und was hast du dir diesmal ausgedacht?“, fragte Andi gespannt.

Hedi lehnte sich über den Tisch, ganz so, als hätte das Gras vor der Terrasse Ohren.

„Sagt dir der Name Laurenz Schurer was?“

„Schurer … Schurer“, murmelte Andi vor sich hin. Wie immer, wenn er nachdachte, kräuselte sich seine Stirn. „Hat er irgendwas mit der Fanny Holzmann zu tun? Ihr und ihrem Mann gehört doch der Kunsthandwerkladen Schurer in Mayrhofen.“

Hedi nickte zufrieden.

„Ich wusste, dass du ein kluger Mann bist. Laurenz ist der Bruder von der Fanny. Er hat St. Christoph vor fast fünfzig Jahren verlassen, um im Ausland sein Glück zu machen. Als Diplomat war er auf der ganzen Welt zu Hause. Aber jetzt, im Alter, zieht es ihn zurück zu seinen Wurzeln. Das hat er mir am Telefon verraten. Er will die alte Heimat noch einmal sehen und ein paar Wochen im Berghotel verbringen. Das hat mich auf die Idee gebracht, eine kleine Ausstellung über die erfolgreichen Töchter und Söhne unseres schönen Dorfes zu organisieren.“

„Und zu einer ordentlichen Ausstellung gehört natürlich eine Vernissage mit allem Drum und Dran“, sagte Andi seiner Frau auf den Kopf zu. „Lass mich raten: Du planst einen Sektempfang mit einer kleinen Kapelle. Als Chronist wird der Burger-Pankraz eine kleine Rede halten und ein paar Anekdoten unserer Berühmtheiten zum Besten geben. Nachdem die Gäste sich in aller Ruhe umgesehen haben, wirst du ihnen ein wunderbares Buffet kredenzen. Vielleicht spielt die Kapelle auch zum Tanz auf.“

„An Tanz hatte ich noch gar nicht gedacht“, gluckste Hedi vergnügt und griff wieder nach Stift und Papier, um ihre Notizen zu ergänzen. „Aber das ist eine blendende Idee.“

„Nachdem es über mich keine Schandtaten zu berichten gibt, kann der Pankraz ruhig seines Amtes walten.“

„Da wäre ich mir an deiner Stelle net so sicher“, neckte Hedi ihren Mann.

Einen Moment lang sah Andi aus, als würde er sich ernstlich Sorgen machen. Doch schnell kehrte das Strahlen in sein Gesicht zurück.

„Ich war dir immer treu ergeben. So schlimm kann es also gar net sein.“

„Da hast du recht, Anderl. Solange wir zwei zusammenhalten, ist alles in schönster Ordnung.“

Über den Tisch hinweg griff Hedi nach der Hand ihres Mannes. So saßen sie eine Weile da, ganz in den Augenblick versunken, bis die Kirchturmuhr neun Mal schlug und sie daran erinnerte, dass auch morgen wieder ein arbeitsreicher Tag auf sie wartete.

***

„Wenn Sie hier sind, scheint immer die Sonne.“ Zum Abschied drückte die alte Frau Witt die Hand ihrer Pflegerin. „Schade, dass Sie schon wieder gehen müssen.“

Lorenas Herz war schwer wie ein Stück Blei. Sie wusste, dass ihr Besuch der Höhepunkt eines jeden Tages für Anni Witt war. Daneben gab es nichts, was die Dame aus der täglichen Routine des Pflegeheims riss.

„Morgen versuche ich, ein bisschen länger zu bleiben. Dann spielen wir beide eine Partie Dame.“ Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Aber verraten Sie mich nicht. Das gehört nämlich nicht zu meinen Aufgaben.“

Anni kicherte wie ein kleines Mädchen.

„Ich werde schweigen wie ein Grab“, versprach sie und sah der Pflegerin nach, bis die Tür mit leisem Klicken hinter ihr Schloss fiel.

Tief in Gedanken versunken machte sich Lorena auf den Weg ins Stationszimmer. Weit kam sie allerdings nicht. Draußen auf dem Flur lief sie ausgerechnet Martin Jeschke in die Arme.

„Ihre Verweildauer in Zimmer zwölf hat exakt achtzehn Minuten betragen“, schimpfte der neue Verwaltungschef.

Er war von der Leitung angehalten worden, die Kosten der Einrichtung zu optimieren. Für diesen Posten schien er wie geschaffen zu sein. In gerade einmal drei Monate war es ihm gelungen, alles auf den Kopf zu stellen. Über diese Entwicklung war Lorena alles andere als glücklich.

„Aufgrund ihrer instabilen psychischen Verfassung benötigt Frau Witt besondere Zuwendung.“ Es gelang ihr nicht, ihren Missmut zu unterdrücken.

„Ich habe mir Frau Witts Akte angesehen, wie übrigens die Unterlagen all Ihrer Patienten. Anni Witt leidet an altersbedingten Verschleißerscheinungen. Keine Rede von psychischer Instabilität.“ Jeschkes Stimme knallte wie eine Peitsche.

Unwillkürlich zog Lorena den Kopf ein.

„Ich habe Sie gewarnt: Zehn Minuten pro Patient und keine Sekunde länger“, fuhr Jeschke fort. „Bisher habe ich ein Auge zugedrückt. Aber was genug ist, ist genug. Ich werde das zu Protokoll nehmen und der Klinikleitung vortragen.“

Lorena war den Tränen nahe. Nach jeder Standpauke nahm sie sich vor, sich nicht mehr so behandeln zu lassen. Nur um am nächsten Tag zerknirscht an die Arbeit zurückzukehren und noch weniger Zeit bei ihren Schützlingen zu verbringen. Doch selbst das Bisschen war zu viel, wie Martin Jeschkes Zurechtweisung verriet.

Sie murmelte eine Antwort, senkte den Kopf und ging davon. Eine halbe Stunde später strampelte sie auf dem Fahrrad tapfer durch den Regen nach Hause. Dort angekommen, zog sie die rosa Turnschuhe mit den türkisfarbenen Schnürsenkeln aus und schlüpfte in die Plüschhausschuhe mit dem aufgestickten Mäusegesicht. Sie kochte sich eine Tasse Vanilletee, mit der sie sich an den Küchentisch setzte. Dort lag noch die aufgeschlagene Zeitung vom Morgen. Sie blätterte bis zu ihrem Horoskop und suchte ihr Sternzeichen.

„Sie können heute noch eine Sache erfolgreich abschließen“, las sie halblaut vor. „Darüber sind Sie sehr erleichtert. Gönnen Sie sich eine Pause. Sie haben genug geleistet in den letzten Wochen.“