Das Berghotel 231 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 231 E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Ausgerechnet zu Beginn der Winterferien steht die Kabinenbahn zum Feldkopfgletscher still. Johann, der Junior-Chef der Firma Ortel-Gebirgsbahnen, reist mit seiner Chefkonstrukteurin Julia an, um sich den Fehler anzuschauen. Sie mieten sich im Berghotel ein und sind schon bei ihrer Ankunft in ein Streitgespräch vertieft, was Hedi und Andi Kastler etwas irritiert, doch zunächst denken die beiden sich nichts dabei.
Als Hedi jedoch Johann am nächsten Morgen beim Frühstück mitteilt, dass Julia das Hotel bereits verlassen habe, lässt dieser alles stehen und liegen und eilt auf schnellstem Wege zur Kabinenbahn. Julia ist nirgends zu sehen, obwohl ihr Auto auf dem Wanderparkplatz steht. Da entdeckt Johann die Kabine, die regungslos im äußeren Kupplungsbereich knapp über dem Boden hängt, keine hundert Meter von der Talstation entfernt.
Johann wird unruhig. Voller Sorge kämpft er sich durch den Schnee vorwärts, immer wieder Julias Namen rufend - bis er sie am Fenster der Kabine stehen und wild gestikulieren sieht.
As er mit einem kräftigen Ruck und einem Knall die Kabinentür öffnet, flüstert sie panisch: "Kein Mucks mehr! Da ist ein lockeres Schneebrett am Hang!"
Noch bevor Johann die Kabinentür hinter sich schließen kann, wird es zuerst schneeweiß und dann dunkel um sie herum ...

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover

Impressum

Verschüttet

Vorschau

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Bastei Verlag / Wolf

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7517-0539-4

www.bastei.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Verschüttet

Dramatischer Roman um das Schicksal zweier Liebender

Von Verena Kufsteiner

Ausgerechnet zu Beginn der Winterferien steht die Kabinenbahn zum Feldkopfgletscher still. Johann, der Junior-Chef der Firma Ortel-Gebirgsbahnen, reist mit seiner Chefkonstrukteurin Julia an, um sich den Fehler anzuschauen. Sie mieten sich im Berghotel ein und sind schon bei ihrer Ankunft in ein Streitgespräch vertieft, was Hedi und Andi Kastler etwas irritiert, doch zunächst denken die beiden sich nichts dabei.

Als Hedi jedoch Johann am nächsten Morgen beim Frühstück mitteilt, dass Julia das Hotel bereits verlassen habe, lässt dieser alles stehen und liegen und eilt auf schnellstem Wege zur Kabinenbahn. Julia ist nirgends zu sehen, obwohl ihr Auto auf dem Wanderparkplatz steht. Da entdeckt Johann die Kabine, die regungslos im äußeren Kupplungsbereich knapp über dem Boden hängt, keine hundert Meter von der Talstation entfernt.

Johann wird unruhig. Voller Sorge kämpft er sich durch den Schnee vorwärts, immer wieder Julias Namen rufend – bis er sie am Fenster der Kabine stehen und wild gestikulieren sieht.

Als er mit einem kräftigen Ruck die Kabinentür öffnet, flüstert sie panisch: »Kein Mucks mehr! Da ist ein lockeres Schneebrett am Hang!«

Noch bevor Johann die Kabinentür hinter sich schließen kann, wird es zuerst schneeweiß und dann dunkel um sie herum ...

»Ortel Seilbahnen ist das führende österreichische Seilbahnbau-Unternehmen. Wir bauen und reparieren Seilbahnen in der ganzen Alpenregion, aber auch in internationalen Gebirgen wie den Anden und den Rocky Mountains. Wir bei Ortel setzen auf Technik und Familientradition.«

Johann Ortel, Sohn des inzwischen achtundsiebzigjährigen Firmengründers Helmut Ortel, kannte diesen Text seit seiner Jugend in- und auswendig. Es waren genau diese zwei Sätze, die sein Vater stets benutzte, sobald sich eine Gelegenheit ergab. Voller Stolz präsentierte Helmut das florierende Unternehmen, das aus einer kleinen Werkstatt mit nur acht Angestellten gewachsen und zum österreichischen Marktführer geworden war. Und die Zuhörer zeigten sich jedes Mal beeindruckt.

Inzwischen hatte der Seniorchef sich mehr oder weniger aus dem Geschäft zurückgezogen und das Zepter an seinen achtunddreißigjährigen Sohn übergeben, der das Familienunternehmen mit Sitz in Graz mit ebenso viel Hingabe weiterführte wie sein alter Herr. Wenn man in der Familie Ortel aufgewachsen war, musste man sein Leben den Seilbahnen verschreiben. Das war gewissermaßen genetisch.

So ganz kann Vater sich aber doch noch nicht raushalten, dachte Johann schmunzelnd, während Helmut einige Vertreter der amerikanischen Botschaft in Wien durch die großen, luftigen Fertigungshallen führte. Unter hohen, gusseisernen Fenstern, die eine gleißende Wintersonne hereinließen, warteten Reihen elegant geschwungener Zehn-Mann-Kabinen auf ihren Einbau bei einer hochmodernen Seilbahn nördlich von Vancouver. Im nächsten Monat wollte man mit der Montage beginnen.

Die Amerikaner ließen sich von der futuristischen Formgebung der Gondeln gebührend beeindrucken und stellten überraschend fachspezifische Fragen. Johann konnte förmlich sehen, wie sein Vater sich in ihrer Bewunderung sonnte.

»Wie Sie sehen, verbinden wir Tradition und Erfahrung mit dem neuesten Stand der Technik«, schaltete sich Johann selbst in die Werksführung ein. »Nur wer sich ständig weiterentwickelt, kann dauerhaft Qualität erzeugen.«

Das war der Leitspruch von Ortels leitender Konstruktionsingenieurin Jule Katreiner, einer ebenso zierlichen wie tatkräftigen jungen Frau von siebenunddreißig Jahren. Obwohl Jule und Johann ansonsten ausgesprochen selten einer Meinung waren, imponierte ihm ihre nach vorn gerichtete Einstellung. Wer sich auf Geleistetem ausruhte, ging nicht voran, meinte sie stets, Stillstand bedeutete Rückschritt. Wahrscheinlich sah man sie auch deshalb unaufhörlich durch die Werkshallen wuseln, als wäre das Wort »Pause« für sie ein Fremdwort.

Die aktuellen Entwicklungen bei Ortel-Projekten, die einer Reparatur bedurften, waren der beste Beweis für Jules Theorie. Die Probleme betrafen durchweg ältere Seilbahn-Anlagen, die gewartet und modernisiert worden waren. Aber dieses leidige Thema wollte Johann freilich beiseitelassen, während er den interessierten Amerikanern die Erfolge der Firma präsentierte. Er leitete die Gruppe ein Stückerl weiter und erläuterte einige interessante Details zu dem Projekt in Vancouver.

Weiter hinten in der Werkshalle stand Jule und diskutierte mit ihren Monteuren. Johann konnte nur hoffen, dass sie nicht auf den Gedanken verfiel, sich zu ihnen zu gesellen und ihre Meinungen kundzutun. Denn so fesch Jule auch war mit ihren kastanienbraunen Haaren, der zierlichen Figur und dem leidenschaftlichen Funkeln in den Augen – sie hatte eine Neigung, die Dinge bereits auszusprechen, bevor sie darüber nachdenken konnte. Deshalb waren Johann und sie schon unzählige Male in Streit geraten. Ein unbedachtes Wort konnte schließlich ganze Geschäftsbeziehungen zerstören.

Wenn man die amerikanischen Diplomaten überzeugen wollte, Ortel Seilbahnen bei künftigen Bauprojekten in Betracht zu ziehen, musste diese Werksführung ein durch und durch positives Bild zeichnen. Da galt es, persönliche Differenzen zwischen Geschäftsführer und leitender Konstruktionsingenieurin tunlichst beiseitezulassen.

Trotzdem reizte es Johann schon wieder, als er sah, wie Jule auf die Monteure einredete. Das Madel hatte sich in der Firma von der Hilfskraft zur – wie sein Vater gerne betonte – genialen Konstrukteurin hochgearbeitet. Doch ihre penible Genauigkeit machte den Mitarbeitern das Leben schwer. Johann, dem ein freundliches Arbeitsklima am Herzen lag, ergriff in solchen Fällen gerne Partei für die Monteure, was freilich sein Verhältnis zu Jule nicht gerade verbesserte. Sie konnte es nicht leiden, wenn er sich in ihre Arbeit einmischte. Doch letztendlich blieb er der Geschäftsführer und damit ihr Chef.

Johann bemerkte den eingeschüchterten Blick von Fridtjof Laurenz, einem gestandenen Mann Mitte fünfzig, der zwar manchmal tatsächlich ungenau arbeitete, aber zu lange in der Firma war, um von Jule heruntergeputzt zu werden.

Innerlich seufzte Johann. Nach der Betriebsführung würde er Jule wieder einmal in sein Büro zitieren müssen. Wie oft hatte er ihr schon die Prinzipien einer positiven Mitarbeiterführung erklärt?

Doch fürs Erste konzentrierte er sich lieber auf seine Gäste und setzte ein beflissenes Gesicht auf.

»Nun zeigen wir Ihnen unser Kabelsystem, gell? Wir verwenden spezielle Stahlverbindungen mit hochmodernen Legierungen, um die Gondeln sicher und wetterfest am Seil zu verankern.«

Geschickt manövrierte er seinen Vater und die Besuchergruppe in einen abgeteilten Bereich der Werkshallen. Ihm war aufgefallen, wie neugierig einer der Amerikaner zu seiner Konstruktionsingenieurin und dem zerknirschten Laurenz hinübergesehen hatte. Er wollte nicht, dass der Mann ein falsches Bild von Ortel bekam.

»Sagen Sie, wer war denn diese taffe junge Dame?«, fragte der Amerikaner trotzdem.

Der Bursche war hochaufgeschossen, mit dunklen Haaren und einem Gesicht, das auffällig kantig wirkte. Die scharfen, hin und her huschenden Augen waren Johann gleich aufgefallen. Dieser Mann war mit einer anderen Aufmerksamkeit bei der Sache als die übrigen Diplomaten. Vorgestellt hatte er sich etwas vage als Wirtschaftsvertreter, und Johann fragte sich, welchem Wirtschaftszweig er wohl angehörte.

»Das Madel ist unsere leitende Konstruktionsingenieurin, Jule Katreiner. Ich nehm an, sie hatte noch etwas mit unseren Mitarbeitern zu klären. Lassen Sie sich von der kleinen Unstimmigkeit net irritieren. Wir legen Wert auf eine gutes Betriebsklima.«

Der Mann grinste. »Don't worry. Ich mag starke Frauen. Diese Konstrukteurin wäre in meiner Firma hochwillkommen. Wenn ich mir Ihre Gondeln anschaue, muss sie wohl ausgezeichnete Arbeit leisten.«

Aus irgendeinem Grund gefiel es Johann überhaupt nicht, wie dieser Mann über Jule sprach. Hörte er einen anzüglichen Unterton heraus? Fast spürte er so etwas wie Besitzerinstinkt in sich aufkeimen. Was natürlich absurd war, denn Jule gehörte ihm ja nicht. Nicht persönlich jedenfalls. Allerdings war sie eine wichtige Mitarbeiterin. Vermutlich reagierte er deshalb so allergisch auf die Unterstellung des Mannes, sie könne die Firma wechseln ...

Sich innerlich schüttelnd, setzte er ein geschäftsmäßiges Lächeln auf.

»Wir sind sehr stolz auf all unsere Mitarbeiter«, betonte er.

»Werden wir später noch Gelegenheit haben, mit Frau Katreiner zu sprechen?«, fragte der Amerikaner und legte den Kopf schief, als wolle er Johann genauer beobachten.

»Ja, sicher. Wenn Sie das möchten ...«, bestätigte dieser – und nahm sich vor, eine plausible Ausrede zu finden, warum ein Gespräch mit Jule unmöglich war. Wer wusste schon, was Jule alles ausplaudern würde? Seit Wochen lag sie Johann mit Anforderungen und Schuldzuweisungen in den Ohren. Diese Interna sollten nicht nach außen dringen.

»Oder haben Sie Angst, ich könnte Ihnen diese kleine Amazone ausspannen?«, setzte der Amerikaner mit einem süffisanten Grinsen nach.

Offensichtlich hatte er Johanns zurückhaltende Reaktion bemerkt.

Dieser rang sich ein schmales Lächeln ab. Der Tonfall des Mannes gefiel ihm gar nicht.

»Hätten Sie überhaupt Verwendung für eine Seilbahn-Konstrukteurin? Das Themenfeld ist ja recht speziell.«

»Oh, for sure. Aber natürlich habe ich mich gar nicht richtig vorgestellt ...« Der Amerikaner zog eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche. »Mein Name ist Fred Collins. Ich bin CEO bei Cableways International. Wir sind praktisch Kollegen.«

Johann starrte auf die Visitenkarte in seiner Hand und schluckte. Die vorgeschützte Kollegialität konnte ihn nicht hinters Licht führen. Cableways International war Ortels amerikanischer Konkurrent, ein Unternehmen mit einem deutlich größeren Budget und ganz anderen Möglichkeiten als Ortel –aber auch bekannt für eine Geschäftsführung, die nicht vor umstrittenen Maßnahmen zurückschreckte, um ihre Marktstellung zu verteidigen.

Wenn der Geschäftsführer sich unter dem Deckmantel einer Werksführung der amerikanischen Botschaft einen Eindruck von Ortels Arbeitsweisen verschaffte, dann hatte das sicher etwas zu bedeuten. Zumal Cableways International ihnen schon häufiger geschrieben hatte ...

Auf gar keinen Fall durfte Johann zulassen, dass dieser Mensch Jule wohlmöglich ein Angebot machte, das sie nicht ausschlagen konnte. Was wäre Ortel ohne Jule Katreiner?

Johann lächelte kalt. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Collins. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.« Und nichts Gutes.

»Ich von Ihnen auch«, gab dieser gelassen zurück und lachte derart raubtierhaft in sich hinein, dass es Johann kalt den Rücken hinunter lief.

***

Bereits am Montagmorgen lag das nächste Angebot auf Johanns Tisch. Er hielt das nüchterne Schreiben, das seine Sekretärin mit der Post hereingebracht hatte, in den Händen und starrte die atemberaubende Summe an, die Cableways International dieses Mal für eine Übernahme von Ortel Seilbahnen bot. Wahrscheinlich hätte er den Brief ungeöffnet in den Müll werfen sollen.

Es war nicht Collins' erster Versuch. Seit Monaten buhlte er um Johanns Interesse, und mit jedem Schreiben wurden die Summen, die er bot, größer. Nach der erfolgreichen Werksführung schien er noch einmal etwas draufgelegt zu haben.

Nicht, dass Johann in Versuchung geraten wäre, das Familienunternehmen zu verkaufen. Aber anders als sein Vater, der die aktuellen Zahlen ignorierte und Ortel in einem durch und durch rosigen Licht sah, wusste Johann um die Summen, die die Ausbesserungen an einigen unglücklichen Projekten der letzten Zeit kosteten. Freilich hatten sie nur eine kleine Durststrecke, aber die großzügige Finanzspritze eines Großinvestors klang mit jedem schlechten Monat ein wenig verlockender.

Johann schüttelte unwillig den Kopf. Auf was für Ideen dieser Collins ihn brachte! Niemals würde er sich auf den Zusammenschluss mit einer Firma einlassen, deren Geschäftspraktiken fragwürdig waren. Selbstständigkeit und Integrität waren in diesen unbeständigen Zeiten ein hohes Gut.

Dann also rasch den Brief zerknüllen und in den Papierkorb befördern, bevor irgendjemand Wind von diesem unmoralischen Angebot bekam.

Bevor er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, kam Jule Katreiner ins Büro gestürmt. Überrascht ließ Johann das Schreiben sinken.

Jule wirkte erhitzt. Rote Flecken auf ihren leicht gebräunten Wangen verrieten, dass sie sich wieder einmal aufgeregt hatte, und Johann vermutete, dass es nicht mit ihrem Streit am Freitagnachmittag zusammenhing, bei dem er ihr erklärt hatte, sie möge nachsichtiger mit den Monteuren sein.

Wenn Johann an dieses Gespräch zurückdachte, stieg automatisch sein Puls. Wie uneinsichtig sie sich wieder einmal gezeigt hatte! Vollkommen beratungsresistent! Dabei hatte er es dieses Mal wirklich mit Geduld und gutem Zureden versucht.

Er atmete tief durch und grüßte umso freundlicher.

»Servus, Jule. Was führt dich zu mir?«

»Es ist schon wieder passiert!«, platzte diese heraus, ohne seinen Gruß zu erwidern oder auf dem angebotenen Stuhl Platz zu nehmen.

Aufgebracht trat sie vor seinem massiven Eichenholzschreibtisch von einem Fuß auf den anderen, als könne sie ihre aufgestaute Energie nicht in Schach halten.

Johann seufzte. Das Madel war für eine Führungskraft viel zu impulsiv, und er hatte wahrlich Besseres zu tun, als ihr dabei zuzusehen, wie sie in seinem Büro auf und ab lief.

»Was ist denn los?«

»Schon wieder steht eine Seilbahn, die wir kürzlich erst repariert haben! Dieses Mal ist's die Kabinenbahn am Feldkopfgletscher im Zillertal. Erst im Sommer haben wir die Anlage rundüberholt. Ich war dabei! Sie lief einwandfrei, kein Knarren, kein Knirschen! Und nun geht nix mehr!«

Johann erstarrte in seinem Bürostuhl. Das waren wirklich schlimme Neuigkeiten. Noch ein Ausfall und zusätzliche Montagekosten konnten für Ortel problematisch werden. Dazu dann noch mögliche Schadensersatzforderungen des örtlichen Betreibers, und die Katastrophe war perfekt. Im Zillertal lief die Skisaison auf vollen Touren. Gerade erst hatten die Winterferien begonnen. Wenn dann eine Seilbahn stand, würde man ihnen die Einnahmenausfälle zur Last legen.

»Wie schlimm ist es?«, fragte er nervös.

»Ganz übel! Sie sagen, sie können net einmal die Transporträder in Gang setzen, weil die Elektronik net mitspielt. Der Teamleiter wirkte, gelinde gesagt, ein bisserl hysterisch.«

Johann hatte zwar weniger Ahnung von den technischen Abläufen als Jule, die neben ihrer langjährigen Arbeit für Ortel auch noch ein Ingenieursstudium absolviert hatte, während er »nur« Wirtschaft studiert hatte. Sie rühmte sich, jede einzelne Seilbahn in- und auswendig zu kennen, die Ortel je gefertigt hatte. Aber auch er verstand sofort, vor welch einem Riesenproblem sie jetzt standen.

Allerdings durfte er nicht in Panik verfallen. Er blickte auf den Brief, der noch immer auf seinem Schreibtisch lag. Jetzt nur nicht nervös werden. Ein Geschäftsführer – und sei er auch erst seit einem Jahr im Amt – musste stets einen kühlen Kopf bewahren.

»Dann schicken wir jemanden, den Fehler zu finden und umgehend zu beheben«, setzte er trocken fest. »Am besten einen der Burschen, die im Sommer bei der Wartung dabei waren.«

»Ha!« Jule warf die Hände in die Luft. »Bei dir klingt das so, als müsste man bloß ein paar Schrauberl nachziehen.«

Johann schnaubte. »Vielleicht reicht das sogar. Da hat's schon die narrischsten Situationen gegeben. Denk nur an die Seilbahn über diesen Fjord in Norwegen. Da war's im Grunde ein winziges Bauteil, das störte.«

Nun blieb Jule stehen und beugte sich über seinen Schreibtisch, um ihm direkt in die Augen zu blicken. Wäre ihr Gesichtsausdruck dabei nicht so feindselig gewesen, hätte es durchaus ein verwirrender Moment sein können. Ihm stieg ihr Parfüm in die Nase – ein leichter, blumiger Duft, unaufdringlich und frisch – und ihre rosigen Lippen hatten etwas Verführerisches an sich.

Aber da war schließlich auch noch das wütende Funkeln in ihren Augen, und sie verzog den sinnlichen Mund zu einer dünnen Linie.

Nein, so fesch Jule auch war: Charakterlich hätten sie niemals zusammengepasst. Sie war aufbrausend und laut, während Johann es eigentlich eher ruhiger mochte. Und so bemühte er sich seit Jahren nach Kräften, zu ignorieren, wie attraktiv er sie äußerlich fand.

»Du willst's net verstehen, oder?«, ätzte sie und brachte ihn damit weiter gegen sich auf. »Deine Sparpolitik – immer die billigsten Bauteile zu beschaffen, um nur ja net Qualität bezahlen zu müssen ... Das rächt sich jetzt! Ortels Technik ist veraltet! Eine nach der anderen fallen uns Seilbahnen aus – ausgerechnet direkt nach der Wartung!«

Johann erhob sich aus seinem Bürosessel. Er hatte es satt, sich von oben herab anfahren zu lassen. Wenn er aufstand, überragte er Jule um einen ganzen Kopf. Dann war sie es, die zu ihm aufschauen musste. Bedrohlich kam er um den Schreibtisch herum und baute sich in voller Größe vor ihr auf.

»So ein Schmarrn! Freilich acht ich beim Einkauf auf einen fairen Preis. Ich glaub, dir ist net klar, wie wirtschaftliches Arbeiten geht! Aber die Qualität unserer Bauteile liegt mir genauso am Herzen wie dir. Also verschon mich mit deinen Unterstellungen und schau dir lieber deine Konstruktionspläne an! Wahrscheinlich hast du bei der Wartung der Anlage was übersehen. Bei der Seilbahn in den französischen Pyrenäen vor zwei Monaten lag's auch an einem Konstruktionsfehler.«