Das Berghotel 233 - Heimatroman - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 233 - Heimatroman E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Ein Jahr ist es her, dass Alice Preuß ihren Mann durch einen Skiunfall verloren hat. Er verbrachte jeden Winter zwei Wochen in seiner Skihütte oberhalb von St. Christoph. Nun kommt Alice mit ihrer fünfjährigen Tochter Leni ins Berghotel, um die Hütte zu verkaufen. Die kleine Leni ist ein fantasievolles Kind, das Märchen liebt. Eine Geschichte, die Alice nach dem Tod ihres Mannes für die Kleine erfunden hat, trägt den Titel "Im Zauberwald" und handelt von Bergfeen, die den geliebten Papa mit in ihr Reich genommen haben. Immer wieder verlangt das Madel, diese Geschichte zu hören. Am Heiligen Abend setzt Leni ihren lange gefassten Plan in die Tat um: Zu Weihnachten will sie ihren Papa im Zauberwald besuchen. Sie schlüpft heimlich aus dem Hotelzimmer und gelangt ungesehen zum Krähenwald. Unverdrossen stapft die Kleine durch den tief verschneiten Wald. Der Mond übergießt alles mit seinem silbernen Licht und lässt den Schnee geheimnisvoll funkeln. Leni ist ganz verzaubert von diesem Anblick. Immer tiefer und tiefer gerät sie in den Wald - und fällt urplötzlich in ein schneebedecktes Loch ...

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Seitenzahl: 122

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Inhalt

Cover

Impressum

Im Zauberwald

Vorschau

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manenok Svetlana / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7517-0639-1

www.bastei.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Im Zauberwald

Berührender Heimatroman um Lenis Weihnachtswunder

Von Verena Kufsteiner

Ein Jahr ist es her, dass Alice Preuß ihren Mann durch einen Skiunfall verloren hat. Er verbrachte jeden Winter zwei Wochen in seiner Skihütte oberhalb von St. Christoph. Nun kommt Alice mit ihrer fünfjährigen Tochter Leni ins Berghotel, um die Hütte zu verkaufen. Die kleine Leni ist ein fantasievolles Kind, das Märchen liebt. Eine Geschichte, die Alice nach dem Tod ihres Mannes für die Kleine erfunden hat, trägt den Titel »Im Zauberwald« und handelt von Bergfeen, die den geliebten Papa mit in ihr Reich genommen haben. Immer wieder verlangt das Madel, diese Geschichte zu hören.

Am Heiligen Abend setzt Leni ihren lange gefassten Plan in die Tat um: Zu Weihnachten will sie ihren Papa im Zauberwald besuchen. Sie schlüpft heimlich aus dem Hotelzimmer und gelangt ungesehen zum Krähenwald. Unverdrossen stapft die Kleine durch den tief verschneiten Wald. Der Mond übergießt alles mit seinem silbernen Licht und lässt den Schnee geheimnisvoll funkeln. Leni ist ganz verzaubert von diesem Anblick. Immer tiefer und tiefer gerät sie in den Wald – und fällt urplötzlich in ein schneebedecktes Loch ...

Der Winter hatte Einzug gehalten im Tiroler Land. Tief verschneit lag der kleine Ort St. Christoph ganz am Ende des Zillertals. Sechs Berge erhoben sich ringsum wie stumme, steinerne Wächter. Der Höchste, der Feldkopf, war zugleich das Wahrzeichen der Umgebung. Ein weites Netz von Höhenwanderwegen ermöglichte es in der warmen Jahreszeit, die majestätische Schönheit der Tiroler Alpen auf Schusters Rappen zu erkunden. Jetzt, im Winter, lockten rasante Abfahrten versierte Skifahrer mit feinstem Pulverschnee. Der war berühmt, weshalb jedes Jahr im Februar hier ein Abfahrtsrennen stattfand, zu dem sich die Elite des Skisports zusammen fand.

Nicht nur zu diesem Ereignis stieg man im Sporthotel »Am Sonnenhang« ab. Das schöne Haus, im alpenländischen Stil erbaut und stets sorgsam renoviert, gehörte dem Ehepaar Hedi und Andi Kastler. Die hübsche, blonde Hoteliersfrau und ihre bodenständige bessere Hälfte führten eine glückliche Ehe, die aber kinderlos geblieben war. So kam es, dass sie all ihre Kraft, Energie und Leidenschaft ins Berghotel steckten, wie ihr Haus in dieser Gegend genannt wurde.

Auf einer leichten Anhöhe, direkt am Ortsrand von St. Christoph gelegen, lud das Berghotel das ganze Jahr über zu einer Auszeit vom Alltag ein. Hinter der traditionellen Fassade mit dem tief gezogenen Schindeldach, den umlaufenden Holzbalkonen und der Blumenpracht davor verbarg sich ein luxuriöses Landhotel mit Spitzengastronomie.

Hedi und Andi Kastler wohnten nur einen Steinwurf entfernt in einem gemütlichen Häusel, waren stets präsent und zudem das Aushängeschild des Berghotels. Mit ihrer offenen und herzlichen Art zeigten sie den Gästen, was echte Tiroler Gastfreundschaft war. So kamen viele Stammgäste Jahr für Jahr wieder, und das gepflegte Haus war meist ausgebucht.

Durch die großzügig bemessene Empfangshalle gelangte man zu den gemütlich eingerichteten Einzel- und Doppelzimmern, sowie den so genannten Appartements. Überall fand sich das heimische, angenehm duftende Zirbelholz, an den Stubendecken, Wandvertäfelungen und den Möbeln.

Im Souterrain gab es ein großes Hallenbad, Fitness- und Ruheräume sowie die Rosenstube, wo eine gelernte Kosmetikerin die Gäste mit Behandlungen von echtem Wildrosenöl verwöhnte.

Rings um das Hotel gab es Außenpool, Tennisplätze und einen gemütlichen Biergarten, welche in der warmen Jahreszeit rege genutzt wurden. Lukas Einrieder, der Fitnesstrainer des Berghotels, hatte aber auch im Winter gut zu tun, denn er gab Skikurse für Anfänger und Fortgeschrittene und organisierte Schneewanderungen, die bei den Gästen sehr beliebt waren.

Neben den Gastzimmern hatte das Berghotel auch Säle zu bieten, für kleinere und größere Feiern und für die zahlreichen Veranstaltungen, die hier übers Jahr angeboten wurden.

Berühmt war das Haus für seine regionale Küche. Die beiden Köche Rosi Stadler und Leo Hofbacher verwöhnten die Gäste mit dem Besten, was Küche und Keller zu bieten hatten.

Nun, in der Adventszeit, war die Hotelhalle festlich geschmückt. Überall roch es nach frischen Tannenzweigen, hier und da funkelte es golden, und die hangeschnitzte Krippe, die ihren Platz in der Nähe der Rezeption gefunden hatte, wurde stets sehr bewundert. Einen Christbaum suchte man vor dem 24. Dezember hier allerdings vergebens. Da war Andi Kastler eisern. Für ihn gehörte es sich einfach so, dass der Baum erst am Weihnachtsabend aufgestellt und geschmückt wurde. Zu diesem Anlass beschenkten die Kastlers dann auch ihre Angestellten, und die Gäste, die über Weihnachten blieben, erhielten ebenfalls eine kleine Aufmerksamkeit. Man sollte sich eben wohlfühlen im Berghotel, egal ob Gast oder Stubenmadel. Die Kastlers gaben ihren Angestellten das Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören. Das motivierte jeden, sein Bestes zu geben, und so blieb der Standard in Service und Unterbringung für die Gäste gleichbleibend hoch.

An diesem sonnigen, aber kalten Wintermorgen rührten sich bereits überall im Berghotel fleißige Hände. Ilsa Schmidinger, die erst vor Kurzem eine Stelle als Stubenmadel im Berghotel angetreten hatte, stand mit unsicherer Miene vor dem Büro und traute sich nicht so recht, zu klopfen. Obwohl sie wusste, dass die Kastlers nette Leute waren, scheute sie sich doch, ihnen gleich mit einer Bitte zu kommen. Doch es musste sein, es ging leider nicht anders.

Ilsa stammte aus St. Christoph. Sie hatte die Eltern früh verloren und war bei Tante und Onkel aufgewachsen. Vor ein paar Jahren war der Onkel verstorben, die Tante reiste seither viel. Als Ilsa auf einen Hallodri hereingefallen und schwanger geworden war, hatte die Tante ihr zwar finanziell unter die Arme gegriffen, doch gekümmert hatte sie sich nicht um das Kind.

»Ich hab schon dich aufziehen müssen, das langt mir. Schau zu, dass du auf eigenen Beinen stehst«, hatte sie Ilsa geraten.

Nun war das kleine Reserl fünf und ging in den Kindergarten. Ilsa konnte arbeiten und war endlich unabhängig. Doch die Kleine hatte sich eine Erkältung geholt und durfte für eine Weile nicht in den Kindergarten kommen, damit sie die anderen Kinder nicht ansteckte. Ilsa wollte Hedi Kastler deshalb bitten, Reserl mit zur Arbeit bringen zu dürfen. Das Kind war lieb und würde gewiss niemanden stören. Es war einfach die einzige Möglichkeit, und Ilsa hoffte sehr, dass die Kastlers nichts dagegen hatten.

Als sie schließlich die Hand hob, um gegen die Tür hinter der Rezeption zu klopfen, wurde diese geöffnet und Hedi Kastler erschien. Wie meist trug sie eines ihrer Dirndlkleider mit recht offenherzigem Ausschnitt.

Sie grüßte Ilsa überrascht, als diese knickste und bat: »Ich müsste Sie kurz sprechen, Chefin.«

»Ja, komm nur herein, Ilsa«, erwiderte diese freundlich und machte eine einladende Geste.

Die junge Frau betrat das Büro, in dem die Kastlers sich mit der Arbeit abwechselten. Hedi holte einige Unterlagen von der Rezeption und schloss die Tür dann hinter sich. Sie deutete auf einen Stuhl.

»Setz dich nur. Magst vielleicht ein Haferl Kaffee?«

»Oh, nein danke, ich hab schon gefrühstückt. Und ich will Sie auch net lange aufhalten, Frau Kastler.«

»Hast du was auf dem Herzen? Wie gefällt es dir denn bei uns?«

»Sehr gut. Ich bin zufrieden und sehr froh, dass ich die Stelle bekommen hab. Endlich bin ich finanziell unabhängig und kann mich und meine kleine Tochter allein durchbringen.«

»Wie alt ist dein Töchterl denn?«, wollte Hedi mit freundlichem Interesse wissen.

»Mein Reserl ist letzten Monat fünf geworden.«

»Dann geht sie wohl schon in den Kindergarten.«

»Ja, und deswegen hab ich Sie fei sprechen wollen, Chefin. Das Reserl hat sich nämlich eine Erkältung eingefangen und darf deshalb im Moment net hingehen.«

»Ist's arg? Warst beim Doktor mit ihr?«

»Ja, der Bergdoktor sagt, sie hat das Ärgste schon hinter sich, das Fieber ist auch weg. Aber sie darf halt noch net wieder in den Kindergarten, solange die anderen Kinder sich bei ihr anstecken können. Ein paar Tage wird das noch dauern. Und dann schließt der Kindergarten eh über die Weihnachtsfeiertage. Bis dahin muss ich die Zeit überbrücken und mich selbst um mein Reserl kümmern.«

»Dann magst Urlaub nehmen?«

»Nein, das net. Ich bin ja erst so kurz da, hab gewiss noch keinen Urlaubsasnspruch.«

Hedi lächelte verständnisvoll. »Das ist doch was anderes, eine Ausnahmesituation. Wenn ich den Dienstplan ein bisserl umstelle, kriegen wir das schon hin.«

»Nein, das muss net sein. Ich will Ihnen doch keine Umstände machen. Eigentlich hab ich nur fragen wollen, ob ich das Reserl zur Arbeit mitbringen darf. Es ist ein liebes Kind, wird gewiss keinen stören.«

»Ja, das ginge schon. Aber wird es der Kleinen denn net langweilig werden?«, gab Hedi zu bedenken.

»Freilich net. Reserl malt sehr gern und kann sich damit stundenlang beschäftigen. Wenn ich sie im Aufenthaltsraum lassen darf, kann ich in Ruhe meine Arbeit erledigen, und das Madel wird niemanden belästigen.«

»Ich glaub, unsere Gerda wird die Kleine gerne hinter die Rezeption holen. Und ich pass auch mal auf, wenn ich darf.« Hedi schmunzelte ein wenig wehmütig. »Auch wenn ich selbst keine hab, ich mag Kinder sehr gern. Die Kleine wird hier bei uns ganz bestimmt niemanden stören, davon bin ich fest überzeugt.«

Ilsa atmete erleichtert auf.

»Ich danke Ihnen sehr, Frau Kastler! Da rollt mir gleich ein Stein vom Herzen.«

»Keine Ursache, du sollst dich ja bei uns wohlfühlen. Nur wenn es einem gefällt und man gerne zur Arbeit geht, kann man auch was leisten. Das ist unsere Philosphie und damit sind wir bislang allerweil gut gefahren. Also, wenn du einen Babysitter brauchst, sag nur Bescheid.«

Die junge Frau wusste kaum, wie ihr geschah. Mit so viel Großzügigkeit und Entgegenkommen hatte Ilsa nicht gerechnet. Sie fing an zu begreifen, warum das Berghotel im Zillertal einen so guten Namen hatte. Hier wurde eben jeder fair behandelt, das machte das besondere Arbeitsklima aus. Was für ein Glück, dass sie im Berghotel eine Anstellung bekommen hatte!

Reserl saß im Aufenthaltsraum des Servicepersonal brav auf einem Stuhl und wartete, wie seine Mama es gesagt hatte. Als Ilsa dann mit guten Neuigkeiten erschien, strahlte das kleine Madel mit den dunklen Locken und den samtbraunen Augen und versicherte: »Ich bin auch ganz lieb Mama, Ehrenwort!«

»Ich weiß, Hasi, bist meine Beste.« Ilsa herzte ihre kleine Tochter, drückte ihr ein Busserl aufs glänzende Haar und erklärte dann: »Ich muss jetzt arbeiten. Und du beschäftigst dich da mit etwas Sinnvollem, versprochen?«

»Ich male das Bild fertig, das ich gestern angefangen hab«, beschloss Reserl und packte geschäftig Papier und Buntstifte aus. Ilsa lächelte zufrieden. Eine Sorge weniger! Mit Schwung ging sie an die Arbeit und gab ihr Bestes.

***

Wie Hedi Kastler vermutet hatte, wurde das kleine Reserl rasch zum Liebling aller Angestellten im Berghotel. Als Kilian Garnreiter, der Mann für alle Fälle, einige Glühbirnen in der Hotelhalle und im Fitnessbereich des Hotels austauschte, half Reserl ihm emsig dabei. Wie ein Eichkatzerl kletterte die Kleine die Leiter hinauf und hinunter, reichte Kilian die neuen Birnen und betrachtete das Ganze als lustiges Spiel und großen Spaß. Franz Kroneder, der für die Außenanlagen zuständig war und jeden Morgen die Wege vom über Nacht gefallenen Schnee befreite, schob für Reserl genug der weißen Pracht zusammen, damit die Kleine einen schönen Schneemann bauen konnte.

Auch in die Küche spitzte Reserl und freute sich wie ein Schneekönig, als Rosi Stadler ihr ein Stück von ihrem berühmten Tiroler Zelten schenkte, der im Berghotel unverzichtbar zur Adventszeit dazu gehörte, wie Vanillekipferln oder Glühwein.Am liebsten hielt Reserl sich aber an der Rezeption auf. Andi Kastler hatte seine Freude an dem aufgeweckten Kind, das rasch die Herzen der Gäste eroberte. Und die Hausdame Gerda Stahmer freute sich sehr, wenn die Kleine ihr Gesellschaft leistete.

***

So war es auch ein paar Tage später, als neue Gäste eintrafen. Alice Preuß reiste mit ihrer kleinen Tochter Leni aus Oberösterreich aus, genauer gesagt aus Linz an der Donau. Die junge Anwältin war seit einem Jahr Witwe.

Ihr Mann Thomas, ebenfalls Jurist, war passionierter Tiefschneewedler gewesen und hatte jedes Jahr zwei Wochen in seiner Skihütte in St. Christoph verbracht. Alice hatte diesem Sport nichts abgewinnen können. Zudem war sie eine echte »Frostbeule«. Sie zog es eher in den Süden, die winterliche Kälte in Tirol konnte sie nicht locken.

Im letzten Winter war Thomas von einer Lawine verschüttet worden. Die Bergungsarbeiten waren schwierig gewesen, denn der junge Jurist war wieder einmal abseits der Pisten im Tiefschnee unterwegs gewesen. Bei den starken Schneefällen der vergangenen Saison hatten es die Bergretter mit drei oder vier Metern Schnee zu tun bekommen. Erst Tage nach dem Unglück war der Verschüttete tot geborgen worden. Für Alice ein schlimmer Schock, der noch immer nachwirkte. Erst jetzt, fast ein Jahr nach dem Unglück, war sie in der Lage gewesen, hierherzukommen, um die Skihütte zu verkaufen. Sie tat es mit wehem Herzen und wäre diesem für sie sehr schmerzlichen Unterfangen lieber noch länger ausgewichen. Doch sie ahnte, dass es nichts geändert hätte. Die Trauer hielt ihr Herz gefangen, sie musste mit ihr leben und sich den Tatsachen stellen. Thomas war tot, niemand würde die Hütte mehr benutzen. Sie musste also verkauft werden.

Ihr Vater, der ebenfalls Anwalt war, hatte ihr geraten, dies nun zu erledigen, da in ihrer Kanzlei nicht viel zu tun war. Sie sollte ein paar Tage ausspannen und zugleich einen Strich unter die Vergangenheit ziehen. Ob ihr das aber gelingen würde, wagte sie zu bezweifeln. Sie vermisste ihren Mann jeden Tag und konnte noch immer kaum begreifen, dass sie ihn verloren hatte. Die Wunde in ihrem Herzen war zu tief, um bereits zu heilen. Aber vielleicht hatte ihr Vater ja doch recht, zumindest was die Erholung anging, denn die konnte Alice dringend brauchen. Sie hatte viel gearbeitet, um ihren Verlust ertragen zu können, und fühlte sich ziemlich ausgelaugt.

Leni freute sich sehr auf den »Schneeurlaub«, wie sie ihn nannte. Sie kam ganz nach ihrem Vater, liebte das Schlittenfahren und das Toben in der weißen Pracht. Zumindest die Kleine, die in diesem Jahr fünf geworden war, würde den Urlaub sicher genießen.

Während die schlanke Blondine mit den tiefblauen Augen eincheckte, hatte Leni bereits Reserl entdeckt, die über die Anmeldung lugte und sie neugierig beobachtete.

»He, du, wer bist du?«, fragte Leni direkt.

»Ich heiß Reserl. Und du?«

»Ich bin die Leni aus Linz. Und das ist meine Mama!«

Gerda Stahmer lächelte Alice entschuldigend zu.

»Die Kleine gehört einem unserer Stubenmadel. Ich hoffe, es stört Sie net.«

»Gewiss net. Ist ein liebes Madel.«

Reserl lächelte und kam zutraulich hinter der Anmeldung hervor.

»Magst meinen Schneemann sehen?«, fragte sie Leni. »Den hab ich heut Morgen ganz allein gebaut. Da schau!« Sie nahm Lenis Hand und lief mit ihr zusammen zum Fenster.

Leni bekam große Augen. »Ganz allein? Wie hast du denn das gemacht?«

»Ich kann halt gut Schneemänner bauen. Und du? Was kannst du?«, forschte Reserl neugierig.