Das Berghotel 236 - Heimatroman - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 236 - Heimatroman E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Ein Jahr ist es nun her, dass die Köchin Sarah Moser im Berghotel ihren Traummann geheiratet hat. Damals war sie noch in der Ausbildung, Rosi Stadler hatte die talentierte junge Frau unter ihre Fittiche genommen. Auch nach der Hochzeit und dem Umzug nach Graz haben die beiden weiter Kontakt gehalten. So kommt es, dass Rosi über Sarahs Sorgen Bescheid weiß. Nach einer Fehlgeburt kriselt es in ihrer Ehe. Sarah fühlt sich von ihrem Mann allein gelassen und ist unglücklich. Die tatkräftige Rosi beschließt, Sarah zu helfen, und schlägt ihr vor, für eine Weile nach St. Christoph und sich verwöhnen zu lassen. Doch wenn sie insgeheim gehofft hat, dass Sarah bald vor Sehnsucht nach ihrem Mann vergeht und zu ihm zurückkehrt, dann hat sie sich geirrt ...

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Inhalt

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Impressum

Kein Weg zurück

Vorschau

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

© 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Bastei Verlag / Anne von Sarosdy

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7517-0799-2

www.bastei.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Kein Weg zurück

Heimatroman um ein gefährliches Spiel mit der Liebe

Von Verena Kufsteiner

Ein Jahr ist es nun her, dass die Köchin Sarah Moser im Berghotel ihren Traummann geheiratet hat. Damals war sie noch in der Ausbildung, Rosi Stadler hatte die talentierte junge Frau unter ihre Fittiche genommen. Auch nach der Hochzeit und dem Umzug nach Graz haben die beiden weiter Kontakt gehalten. So kommt es, dass Rosi über Sarahs Sorgen Bescheid weiß. Nach einer Fehlgeburt kriselt es in ihrer Ehe. Sarah fühlt sich von ihrem Mann allein gelassen und ist unglücklich.

Die tatkräftige Rosi beschließt, Sarah zu helfen, und schlägt ihr vor, für eine Weile nach St. Christoph zu kommen und sich verwöhnen zu lassen. Doch wenn sie insgeheim gehofft hat, dass Sarah bald vor Sehnsucht nach ihrem Mann vergeht und zu ihm zurückkehrt, dann hat sie sich geirrt ...

»Also dann, pfüat di, Roserl. Und grüß die Sarah von uns!« Wally lächelte ihrer Tochter vielsagend zu. »Wenn sie mag, kann sie gern wieder bei uns wohnen, wie im letzten Jahr. Wir haben ja schließlich genug Platz, net wahr?«

Rosina Stadler, genannt Rosi, hob die runden Schultern. Die Köchin vom Berghotel in St. Christoph erinnerte ihre Mutter: »Die Sarah ist aber nimmer in der Ausbildung, sie mag ein bisserl Urlaub hier bei uns machen, sich entspannen. Deshalb hat sie auch ein Zimmer im Berghotel gebucht.«

»Na, wie sie will. Aber unser Haus steht ihr allerweil offen, das soll sie wissen.«

»Ist schon recht, Mama, ich sag's ihr. Dann bis heut Abend.«

Rosi machte sich nun rasch auf den Weg zur Arbeit, denn sie war bereits spät dran und wollte sich nicht wieder die Vorträge ihres Kollegen Leo Hofbacher zum Thema Pünktlichkeit anhören müssen. Eigentlich kamen die Kollegen ganz gut miteinander aus, aber Leo hatte manchmal so eine belehrende Art, die Rosi schlicht auf die Palme trieb.

Das geräumige Haus in der Ortsmitte von St. Christoph gehörte Rosis Eltern. Sie war hier aufgewachsen und hatte sich immer wohlgefühlt. Erst zur Ausbildung hatte sie ihr Heimattal verlassen und war nach Baden bei Wien gezogen. Dort im Kurhotel Meiser hatte sie ihren Mann Bernd kennengelernt, der als Portier gearbeitet hatte. Vor fünf Jahren war Bernd im Urlaub tödlich verunglückt. Danach hatte Rosi nicht mehr in Baden bleiben können, denn alles dort hatte sie an den schweren Verlust erinnert, den sie erlitten hatte. Sie hatte ihre Anstellung im Kurhotel gekündigt und war ins Zillertal zurückgekehrt. Nun arbeitete sie seit einer ganzen Weile im Sporthotel »Am Sonnenhang« in St. Christoph, das bei den Einheimischen als Berghotel bekannt war.

Rosi war Köchin mit Leib und Seele, ging ganz auf in ihrem Beruf und führte nun wieder ein zufriedenes Leben. Obwohl der Gedanke an eine neue Liebe doch manchmal durch ihren Hinterkopf spukte. Aber die musste sich schon von selbst einstellen, denn von arrangierten Bekanntschaften hielt Rosi nichts. Und die Dating-Platformen im Internet waren ihr dann doch irgendwie suspekt...

Mit flottem Schritt folgte Rosi der Dorfstraße Richtung Berghotel. St. Christoph lag abgeschieden in einem schmalen Seitenteil des bekannten Zillertals. Landschaftlich einmalig und imponierend eingebettet inmitten der Zillertaler Alpen.

Sechs Berggipfel erhob sich rund um den schönen Flecken mit den gepflegten Bauernhäusern und großen Aussiedlerhöfen ringsum. Der Höchste unter ihnen war der Feldkopf. In der warmen Jahreszeit führte eine Kabinenbahn zu seinem Gipfel mit der Feldkopfhütte. Hier fand der Gast eine urige Gemütlichkeit vor, praktische Übernachtungsmöglichkeiten und eine deftige, regionale Küche. Jetzt im Januar versteckte sich der Feldkopf unter einer dicken Schneemütze. Im kommenden Monat fand wieder das alljährliche Abfahrtsrennen statt, bei dem die Größen des Skisports sich ein Stelldichein gaben.

Neben dem Feldkopf fand sich der Hexenstein, charakteristisch seine beiden schrundigen Gipfel, umgeben vom Krähenwald. Darauf folgten noch Frauenhorn, Achenkegel, Rautenstein und Beerenhalde. An einem sonnigen und kalten Wintermorgen wie diesem bildeten sie ein winterliches Panorama wie aus dem Bilderbuch. Viele Gäste des Berghotels nutzten nun wieder die Skihänge und gespurten Loipen, die durch die gesunden und märchenhaft schönen Mischwälder der Region führten. Auch ohne Skizirkus und Bettenburgen war St. Christoph für den passionierten Wintersportler stets eine Reise wert. Die Reize der majetätischen Bergwelt zogen zahlreiche Stammgäste immer wieder an. Und der hervorragende Service im Berghotel war sowieso unvergleichlich.

Hedi und Andi Kastler führten das schöne Haus mit vollem Engagement und Herzblut. Das bodenständige Ehepaar, das keine eigenen Kinder hatte, betrachtete das Berghotel als sein »Baby«.

Vor einer Weile von Grund auf renoviert, lud das im regionalen Stil erbaute Haus mit urigem Ambiete, bestem Service und einer Spitzengastronomie zum Verweilen ein.

Auf einer kleinen Anhöhe am Ortsrand gelegen, strahlte das Berghotel schon von Weitem Gemütlichkeit und Gastfreundschaft aus. Die Kastlers verbrachten die meiste Zeit hier, obwohl sie ganz in der Nähe ein ebenso gemütliches Haus besaßen. Aber es gab eben immer etwas zu tun im Hotel, denn die Gäste sollten ja stets zufrieden sein.

Die Zimmer waren allesamt mit einheimischem Zirbelholz eingerichtet, das Wärme und einen besonderen Duft ausstrahlte. Es gab zudem größere und kleinere Säle für jede Gelegenheit und alle nur denkbaren Veranstaltungen, von denen im Jahreslauf zahlreiche im Berghotel stattfanden.

Neben den kulinarischen Schmankerln der Region hatte das Berghotel aber auch zahlreiche Sportmöglichkeiten im Angebot. Hallenbad, Außenpool, Tennisplatz, Sauna und Fitnessräume standen da zur Verfügung. Und in einem kleinen Kosmetikstudio konnte man sich sogar mit wunderbar duftemdem Wildrosenöl massieren lassen. Das Berghotel war eine wahre Wellness-Oase, ein Ort, an dem Körper und Geist zur Ruhe kamen und die Seele zudem entspannt baumeln konnte. So sahen es nicht nur die Gäste, das war auch die Meinung des Personals. Man fühlte sich wie in einer großen Familie. Die Zusammenarbeit war harmonisch und jeder gab sein Bestes. Auch das ein Verdienst der Kastlers und ihres unermüdlichen Engagements.

Rosi fühlte sich im Berghotel sehr wohl. Hedi Kastler war für sie nicht nur ihre Chefin, sie war auch eine gute Freundin. Über die Jahre hatte die Köchin mit vielen Menschen im Berghotel Freundschaft geschlossen, so auch mit Sarah Bergmann, die Wally eben beim Abschied erwähnt hatte.

Vor zwei Jahren war Sarah Moser, wie sie damals noch geheißen hatte, ins Berghotel gekommen, um das letzte Jahr ihrer Ausbildung zur Köchin hier zu absolvieren. Sarah war klug, witzig und Köchin aus Leidenschaft. Sie hatte in einem großen Hotel in Linz gelernt, sich aber in der Stadt nicht wirklich wohlgefühlt, denn sie war gebürtig von hier. Deshalb hatte sie sich in St. Christoph rasch wieder eingelebt und war zu einer echten Bereicherung des Küchenteams im Berghotel geworden.

Rosi und Sarah hatten Freundschaft geschlossen, und Sarah, die früh die Eltern verloren hatte, war in Rosis Elternhaus bald heimisch geworden. Dann hatte sie sich kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung heftig in einen Hotelgast verliebt, der ihre Gefühle erwidert hatte.

Tim Bergmann, ein gut aussehender Gastronom aus Graz, war schlichtweg ihre große Liebe gewesen. Über Wochen waren die beiden unzertrennlich, und nach Sarahs Abschluss hatten die beiden im Berghotel geheiratet.

Gut ein Jahr war seither vergangen. Rosi hatte mit Sarah Kontakt gehalten und wusste deshalb, dass sich deren Wünsche und Träume nicht wirklich erfüllt hatten.

Tim war ein ehrgeiziger Geschäftsmann, viel unterwegs und immer darauf bedacht, mit seinem Restaurant erfolgreich zu sein. Als Chef war er streng, machte keinen Unterschied zwischen den angestellten Kräften und seiner Frau. Das junge Ehepaar hatte kaum Freizeit. Vieles war ganz anders gekommen als geplant. Und als Sarah dann eine Fehlgeburt erlitten hatte, war die junge Ehe in eine ernste Krise geraten.

Sarah fühlte sich allein gelassen. Tim war nach einer Weile zum Alltag zurückgekehrt und hatte von ihr das Gleiche erwartet. Doch Sarah war dazu nicht bereit. Die Gründe, warum sie ihr Baby verloren hatte, schienen auf der Hand zu liegen. Aber Tim wollte das nicht sehen, redete von Pech, einem Zufall oder dem eben unabwendbaren Schicksal. Er brachte kein Verständnis mehr für die Trauer und den Schmerz seiner Frau auf. Und so entfremdeten sie sich mit jeden Tag, der verging, ein wenig mehr.

Sarah hatte Rosi in den letzten Wochen oft angerufen. Dann hatten sie stundenlang geredet. Das Verständnis der Freundin, der Trost, der in ihrer Anteilnahme lag, bauten Sarah wieder ein wenig auf, wenn sie ganz verzweifelt war. Aber das war nicht genug. Und so hatte Rosi ihr geraten, eine Auszeit zu nehmen, Abstand zu suchen, um ihr Leben zu überdenken und vielleicht einen neuen Weg zu finden, der sie wieder glücklich machte.

Sarah war einverstanden gewesen. Und was hatte da näher gelegen, als eine Reise ins Berghotel nach St. Christoph?

Dieser Tage sollte Sarah nun zurückkehren ins schöne Zillertal, und Rosi freute sich darauf, die Freundin wiederzusehen. Als sie nun das Berghotel betrat, gerade eine Minute nach halb acht, warf Leo ihr sogleich einen tadelnden Blick zu.

»Bin ein bisserl spät, tut mir leid«, murmelte sie, schlüpfte in ihren weißen Kittel und ging sogleich an die Arbeit. Dass Leo sich einen entsprechenden Kommentar sparte, war schon erstaunlich. Rosi musterte ihn forschend von der Seite. Woher wohl seine gute Laune rührte? Darüber musste sie nicht lange nachdenken, denn er fragte nun: »Wann kommt denn die Sarah?«

Das war es also, was seine Stimmung hob: Die Aussicht auf ein Wiedersehen mit dem Madel, das dem ganzen Küchenteam seinerzeit ans Herz gewachsen war.

»Heut oder morgen, ganz genau hat sie's noch net gewusst.«

Leo nickte. »Wir sollten was backen, was sie besonders mag. Hast vielleicht eine Idee?«

Noch ehe Rosi ihm eine Antwort geben konnte, erschien Hedi Kastler, um die Tageskarte fürs Restaurant zu besprechen. Wie meist trug die Hotelchefin ein recht offenherziges Dirndl, das ihre üppigen Reize betonte. Dabei strahlte sie mit ihrem gepflegten Blondschopf um die Wette, denn Hedi war eine wahre Frohnatur und eigentlich immer gut gelaunt.

Nachdem man sich über das heutige Menü einig geworden war, sprach sie Rosi noch kurz auf ihren besonderen Gast an.

»Der Andi hat ihr ein schönes Südzimmer reserviert, damit sie sich auch wohl fühlt bei uns«, ließ sie die Köchin wissen.

Rosi lächelte. »Das ist nett. Aber wichtiger noch ist für die Sarah die persönliche Ansprache. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen, Chefin, denn es geht ihr wirklich net gut.«

»Keine Sorge, Rosi, das kriegen wir hin«, kam es optimistisch von Hedi. »Da im Berghotel sind schon viele Herzen heil geworden. Das ist doch sozusagen unsere Spezialität.«

Die Köchin konnte nicht widersprechen. Wie es schien, wurde Sarah Bergmann bereits von vielen Menschen hier freudig erwartet, sie selbst eingeschlossen. Nun musste die junge Köchin sich nur noch auf den Weg ins Zillertal machen ...

***

Während man im Berghotel in St. Christoph letzte Vorbereitungen für Sarahs Ankunft traf, war diese damit beschäftigt, zu packen. Eigentlich hatte sie mit ihrer Reise ins Zillertal warten wollen, bis Tim wieder daheim war. Doch der befand sich wieder einmal auf Geschäftsreise, und es schien unklar, wann er zurückkam. Sarah war es nun endgültig leid, zu warten. Wie oft hatte sie in den vergangenen Wochen allein zu Hause gehockt, sich einsam und verlassen gefühlt. Ohne die Telefonate mit ihrer Freundin Rosi Stadler wäre sie ganz und gar verzweifelt. In ihrer Ehe war nichts mehr so, wie es sein sollte. Und das nicht erst seit gestern.

Mit so viel Hoffnung und voller Begeisterung waren sie in ihr gemeinsames Leben gestartet. Zusammen mit dem Mann, den sie von Herzen liebte, ihrer Leidenschaft dem Kochen zu frönen, das war Sarah wie ein schöner Traum erschienen. Und zu Beginn ihrer Ehe war es ja auch so gewesen. Da hatte es nur sie beide gegeben, und der Himmel über ihnen hatte ständig voller Geigen gehangen.

Doch dann war der Alltag eingekehrt. Sarah hatte erleben müssen, dass Tim sein Restaurant an die erste Stelle in ihrem Leben rückte. Sie hatte gewusst, dass er ein ehrgeiziger Geschäftsmann war. Und es lag auch noch eine finanzielle Durststrecke vor ihnen. Der Laden lief, doch die Investitionen mussten sich rechnen, Kredite waren zu tilgen, Gehälter zu zahlen, die ganzen laufenden Kosten zu begleichen.

Sarah verstand das und zog mit ihrem Mann an einem Strang. Auch die Tatsache, dass er in der Küche perfekte Leistung von allen verlangte, keinen Unterschied zwischen Sarah und den anderen Angestellten machte, konnte sie noch wegstecken.

Irgendwann aber war ihr bewusst geworden, dass sich ihr Leben nur noch um das Restaurant drehte. Sie hatten fast keine gemeinsame Freizeit. Und die Arbeit wurde immer stressiger. Hinzu kam, dass Tim kaum noch am Herd stand. Er entwickelte sich zu einem gewieften Geschäftsmann, ständig auf der Suche nach neuen Ideen, Anregungen und Abschlüssen, die ihnen noch mehr Profit brachten. Oft war er wochenlang unterwegs, sie mit dem Restaurant allein. Der Erfolg gab Tim Recht. Doch ihre Liebe hatte in einem so durchgetakteten Leben kaum noch Raum.

Dann war Sarah schwanger geworden, und die Hoffnung, dass sich nun endlich etwas ändern würde, dass sie wieder näher zusammen rückten, wieder ein gemeinsames Leben führten, das den Namen auch verdiente, keimte in ihr auf. Doch nichts dergleichen geschah. Tim freute sich auf das Kind, keine Frage. Abstriche bei der Arbeit kamen deshalb für ihn aber nicht infrage.

In den ersten Wochen ihrer Schwangerschaft hatte Sarah sehr zu leiden. Morgenübelkeit, Schwindel, Depressionen. Ihre Ärztin riet ihr, mit ihrem Mann zu verreisen, auszuspannen. Aber daran war natürlich nicht zu denken gewesen.

Und dann jener schreckliche Tag, an dem Sarah das Kind verloren hatte.

Am Morgen hatten sie und Tim sich heftig gestritten, denn er war schon wieder auf dem Sprung zu einer Geschäftsreise. Sarah wollte ihn nicht gehen lassen, hatte ihm viele Vorhaltungen gemacht. Als die Schmerzen eingesetzt hatten, war Tim unterwegs gewesen. Sie war in ein tiefes Loch gefallen, lange untröstlich, unfähig, wieder klar zu denken oder etwas zu empfinden außer Traurigkeit und Schmerz.

Eine Weile hatte Tim diesen Schmerz geteilt. Aber dann waren wieder andere Dinge wichtiger geworden. Und Sarah hatte angefangen, das Restaurant zu hassen, das ihr mehr und mehr wie ein Symbol ihrer zunehmend unglücklichen Ehe erschien. Nun war sie Rosis Rat gefolgt und hatte sich eine Auszeit genommen.

Vor ein paar Tagen hatte sie mit ihrem Mann darüber geredet, ihn gebeten, da zu sein, wenn sie wegfuhr. Doch er hatte ihr kaum zugehört, war mit den Gedanken schon wieder ganz woanders gewesen. Und Sarah war es endgültig leid, sie hatte geschwiegen in der Überzeugung, dass es doch nichts änderte ...

Nun klappte sie ihren Koffer zu, trat ans Fenster und warf einen langen Blick nach draußen. Graz, die raue Schönheit in der Steiermark, war ihr Daheim geworden. Sie fühlte sich hier wohl. Und sie hätte glücklich sein können, wenn ... ja, wenn ...

Mit einem Seufzer nahm sie den Koffer vom Bett und ging hinüber ins Wohnzimmer, um Tim noch eine kurze Notiz zu schreiben. Vermutlich hatte er nicht realisiert, dass sie wegfahren wollte, und würde darüber sehr verwundert sein. Schließlich war sie trotz allem immer hier gewesen, wenn er heimkam. Dieses Mal aber würde es anders sein ...