Das Berghotel 239 - Heimatroman - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 239 - Heimatroman E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Die siebenjährige Lina Steinmann ist enttäuscht: Ihr Bruder Leon, gerade achtzehn geworden, will nicht mehr mit ihr und ihrem Vater in den Urlaub fahren! Nun sind sie also nur noch zu zweit, der Papa und sie. Das ist zu wenig, findet Lina. Schon lange wünscht sie sich eine neue Mutter und träumt von einer großen Familie. Lina verrät Leon, dass sie im Berghotel auf die Suche gehen will. Ihr großer Bruder warnt sie, dass ihr Vater sich nach dem Tod der Mutter anscheinend geschworen hat, nie wieder eine Frau in sein Leben zu lassen. Doch Lina lässt nicht von ihrem Plan ab. Schon am ersten Morgen schaut sich die Siebenjährige beim Frühstück verstohlen um. Und tatsächlich: Ein paar Tische weiter sitzt ein Madel in ihrem Alter mit seiner hübschen Mutter. Lina beschließt, die beiden im Auge zu behalten ...

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Seitenzahl: 131

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Inhalt

Cover

Urlaub mit Papa

Vorschau

Impressum

Urlaub mit Papa

Die Reise ins Berghotel wird für Georg und seine Lina zum Härtetest

Von Verena Kufsteiner

Die siebenjährige Lina Steinmann ist enttäuscht: Ihr Bruder Leon, gerade achtzehn geworden, will nicht mehr mit ihr und ihrem Vater in den Urlaub fahren!

Nun sind sie also nur noch zu zweit, der Papa und sie. Das ist zu wenig, findet Lina. Schon lange wünscht sie sich eine neue Mutter und träumt von einer großen Familie.

Lina verrät Leon, dass sie im Berghotel auf die Suche gehen will. Ihr großer Bruder warnt sie, dass ihr Vater sich nach dem Tod der Mutter anscheinend geschworen hat, nie wieder eine Frau in sein Leben zu lassen. Doch Lina lässt nicht von ihrem Plan ab.

Schon am ersten Morgen schaut sich die Siebenjährige beim Frühstück verstohlen um. Und tatsächlich: Ein paar Tische weiter sitzt ein Madel in ihrem Alter mit seiner hübschen Mutter. Lina beschließt, die beiden im Auge zu behalten ...

Für ihre gerade einmal sieben Jahre war Lina Steinmann ganz schön naseweis – behauptete jedenfalls ihr Bruder Leon, der in diesem Frühjahr achtzehn geworden war und sich seither ungemein erwachsen fühlte. So erwachsen, dass er beschlossen hatte, zum ersten Mal nicht mit in den Urlaub zu fahren.

Während Vater Georg Steinmann draußen die Koffer ins Auto lud, standen Lina und Leon zusammen im Flur und verabschiedeten sich. Lina musste die Augen immer wieder kräftig zukneifen, damit sich keine Tränen hinausstahlen.

»Bist du wirklich sicher, dass du net mitwillst, Leon?«, fragte sie stirnrunzelnd, weil sie sich insgeheim Sorgen machte, dass ihr großer Bruder in den nächsten beiden Wochen schrecklich einsam sein würde.

»Freilich, mein Mauserl. Ich werd schon ohne euch zurechtkommen. Der Papa hat mir genügend Geld und eine reich gefüllte Kühltruhe dagelassen. Bevor ich nächstes Jahr studieren geh, muss ich eh lernen, allein zurechtzukommen.« Er zwinkerte ihr zu und ignorierte, dass sie es hasste, »Mauserl« genannt zu werden.

Lina war alles andere als eine kleine, verhuschte Maus!

Zumal ihr Vater immer wieder betonte, dass sie der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Die blonden Haare, die ihr über die Schultern fielen, hatte sie ebenso geerbt wie die strahlend-blauen Augen, die schlanke, biegsame Figur und das lustige Temperament. Sogar den Hang der Mutter für hübsche Dirndl hatte sie geerbt. Heute trug sie eines, das sie »Reise-Dirndl« nannte. Es war grün mit rosafarbener Schürze und hatte lustige Puffärmel, die Lina besonders gefielen.

Freilich konnte sie diese Dinge über ihre Mutter nicht wissen, denn sie selbst hatte sie leider nie kennengelernt. Aber der Papa erzählte so oft von der warmherzigen Frau, die bei ihrer Geburt gestorben war, dass Lina ganz sicher sein konnte, sie trug einen Teil von ihr in sich.

Eine Mutter zu haben, fehlte ihr im normalen Leben nur selten, denn Georg gab sich alle Mühe, ihnen Mutter und Vater zugleich zu sein. Er arbeitete als Informatiker bei einer großen Wiener Softwarefirma, hatte sogar einen ziemlich wichtigen Posten und richtete es dennoch immer so ein, dass er die Arbeit um das Leben der Kinder »herumarrangierte«.

Wenn Lina mittags aus der Schule kam, war Georg bereits da und kochte ein leckeres Essen. Nachmittags verzog er sich noch einmal in sein Arbeitszimmer, aber da er zu den Zeiten, wenn Lina zu Hause war, immer daheim arbeitete, war er für Fragen und Bitten stets ansprechbar.

Einen besseren Vater hätte sie sich nicht wünschen können.

Und auch keinen besseren Bruder, überlegte sie, während sie zum grinsenden Leon aufsah. Allerdings würde der schon bald seine Matura machen, und wenn er dann in eine andere Stadt ging, um zu studieren, wären nur noch Lina und ihr Vater übrig. Das bereitete ihr seit einiger Zeit Kopfzerbrechen.

Zwei Personen waren einfach nicht genug. Eine Familie musste größer sein!

Nachdenklich kaute Lina auf ihrer Unterlippe herum.

Leons Grinsen wurde immer breiter.

»Du heckst doch wieder etwas aus, Schwesterlein ...«

»Schmarrn ...« Lina hob abwehrend die Hände.

Irgendwie hatte sie sich in dieser Familie den Ruf erworben, sie habe nichts als Flausen im Kopf. Dabei hatte sie einfach nur eine Menge guter Ideen, die ... nun ja ... nicht immer so gut endeten, wie sie geplant waren.

Leon stupste ihr mit dem Finger auf die Nase.

»Spuck's aus. Ich seh doch, dass in deinem Köpfchen was vor sich geht. Wenn du mir den Papa im Urlaub in den Wahnsinn treibst, lass ich euch net ruhigen Gewissens fahren.«

»Dann komm halt mit!«

»Geht net. Ich hab morgen ein Date. Schon vergessen?«

Das hatte Lina nicht. Neuerdings dachte Leon mehr an die Madeln als an seine kleine Schwester, und sein bester Freund hatte ihm von einem Madel erzählt, die nicht nur ausgesprochen fesch und sympathisch sein sollte, sondern auch noch auf Burschen wie Leon stand. Burschen mit dunklen Haaren und braunen Augen, deren Leidenschaft fürs Mountainbiken für eine sportliche Figur sorgte. Das Date war eine Verkupplungsaktion seines Freundes, und Leon schien nicht abgeneigt, sich verkuppeln zu lassen ...

In diesem Moment kam Lina die zündende Idee.

»Was, wenn ich dasselbe für den Papa tu?«

Zunächst wirkte Leon verwirrt. Klar, ihre Gedanken lesen konnte er bei aller Geschwisterliebe nun auch wieder nicht.

»Was willst du tun?«

»Mei, ich könnt unsern Vater mit einer feschen Frau in seinem Alter verkuppeln, so wie der Felix dich. Im Hotel müsst doch eine nette Mutter zu finden sein ...«

»Das schlag dir aus dem Kopf!«, fiel Leon ihr lachend ins Wort, und Lina presste beleidigt die Lippen aufeinander. Sie mochte es nicht, wenn jemand sie auslachte. »Unser Vaterl kriegst du niemals verkuppelt, glaub mir. Da haben sich schon andere die Zähne dran ausgebissen.«

Lina riss die Augen auf. »Hast du das etwa auch schon versucht?«

»Vor ein paar Jahren, ja«, gab Leon widerwillig zu und kratzte sich verlegen im Nacken. »Vaterl war so gestresst mit uns zwei. Du warst fast noch ein Baby, und ich steckte in den Anfängen der Pubertät. Da hab ich mir manchmal gewünscht, er hätt noch eine Frau an seiner Seite. Eine Mama, die alles ein bisserl leichter macht und uns zu einer normalen Familie verhilft. Alle meine Freunde hatten Mutter und Vater. Es kam mir net fair vor, dass unsere Familie net vollständig war.«

Einen Moment lang sahen sie sich schweigend an. Leon strich sich den langen, modischen Pony aus dem Gesicht. Draußen hörten sie ihren Vater leise fluchen, weil das Gepäck nicht so wollte, wie er sollte. Das übliche Spiel.

»Und warum haben wir dann jetzt keine Mutter?«, fragte Lina leise, als sie sah, wie still Leon geworden war.

»Mei, ich glaub, nach dem Tod unserer Mama hat Vater sich in den Kopf gesetzt, sich nie wieder zu verlieben. Es muss ihm ziemlich wehgetan haben, sie so plötzlich zu verlieren. Da hatte ja keiner mit gerechnet. Und die Mama war wirklich ein wunderbarer Mensch. Ich hab's net geschafft, ihn von einer anderen Frau zu überzeugen. Obwohl da ein paar ziemlich Fesche dabei waren. Zum Beispiel meine Mathelehrerin ...«

»Deine Mathelehrerin?«, Lina lachte erleichtert auf.

Ihr Bruder hatte die Sache falsch angepackt! Man konnte den Vater doch nicht mit der eigenen Lehrerin verkuppeln. Was für eine Vorstellung! Wenn Lina nur daran dachte, ihr Vater müsste ihre grantige, alte Deutschlehrerin küssen ...

Schnell wischte sie dieses Bild beiseite. Solche Dinge wollte sie sich gar nicht erst ausmalen. Es war ihr ohnehin ein Rätsel, was die Erwachsenen bloß mit dem Küssen hatten. Den Mund von einem anderen zu berühren ... Nein! Das konnte keine gute Idee sein! Dennoch hatte sie sogar Leon schon beim Knutschen ertappt. Draußen im Vorgarten nach seiner Geburtstagsparty. Zum Glück hatte er später selbst zugegeben, dass es ein Fehler gewesen war, das Madel zu küssen.

»Mei, wenn der Papa sich net verlieben will, geht's sicher auch ohne. Es reicht ja völlig, wenn sie sich nett finden. Und dann zieht die Frau bei uns ein, und wir sind nimmer nur drei – beziehungsweise ohne dich zwei – sondern eben eine mehr.«

Als Leon schon wieder auflachte, stemmte Lina empört die Hände in Seiten.

»Ich find das ne gute Idee.«

»Lina, bei dir klingt's, als wolltest du ne Haushälterin einstellen!«

Hinter ihnen klappte die Haustür zu.

»Wer will eine Haushälterin einstellen? Seid's ihr etwa net zufrieden mit meinen Kochkünsten?«

»Doch, doch! Hochzufrieden«, beeilte sich Lina zu betonen.

Georg hatte ohnehin schon einen roten Kopf, und die dunklen Haare standen in alle Richtungen. Von der schweißtreibenden Packaktion war ihm das rot-schwarz karierte Hemd aus der Jeans gerutscht. Fast bereute Lina ein bisserl, dass sie darauf bestanden hatte, Inline-Skates, Stelzen und den großen Kuschelhund mitzunehmen. Aber dann lächelte Georg warmherzig, und seine braunen Augen funkelten lustig.

»Bereit, dich ins Abenteuer zu stürzen, Königstochter jüngste?« Er stemmte tatkräftig die Arme in die Seite.

»Mehr als bereit.«

»Mei, ein echtes Abenteuer ist's freilich nimmer, da ihr schon hunderte Male im Berghotel wart ...«, wandte Leon frech ein und bekam dafür einen Knuff von seiner kleinen Schwester zur Antwort.

Leon wich geschickt aus und lachte gutmütig.

»Wirst schon sehen!«, gab Georg zurück. »Wenn wir heimkommen, bist du ganz neidisch, was wir alles ohne dich erlebt haben. Gell, Lina?«

»Absolut! Und in diesem Jahr gibt's sogar noch ein Ferienprogramm für Kinder, sodass für die Erwachsenen Zeit bleibt, sich gegenseitig kennenzulernen ...« Sie zwinkerte Leon verschwörerisch zu.

»Ach ja?«, fragte Georg. »Na, da sollt ich dann vielleicht einen Roman mehr einpacken. Ich hab da neulich so einen Thriller gekauft ...«

»Den wirst du net brauchen,« entgegnete Leon amüsiert. »Wie ich die Lina kenn, wird's auch so schon spannend genug.«

Lina streckte ihrem Bruder die Zunge heraus, bevor sie sich zum Abschied noch einmal ganz fest in seine Arme schmiegte. Leon duftete seit Neuestem so gut nach Aftershave.

»Pass mir gut auf den Papa auf, ja?«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Und lass den Schmarrn mit dem Verkuppeln bleiben. Das bringt dir nur Ärger.«

»Wir werden ja sehen«, flüsterte Lina zurück und tänzelte nach draußen zum Auto.

Nun, da sie ein Ziel vor Augen hatte, machte sie sich ein kleines bisserl weniger Sorgen, dass sie Leon im Zillertal vermissen könnte.

***

An ihrem ersten Morgen im Sporthotel »Am Sonnenhang« ertappte sich Georg dabei, wie er behaglich aufseufzte.

Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Viele Besprechungen, Telefonkonferenzen und Aufgabenpakete bei der Arbeit, die ihn oft bis spät in die Nacht hinein beschäftigt hatten, wenn Lina längst im Bett gewesen war. Er war dankbar, dass er seine Arbeitszeit flexibel einteilen konnte. Aber den Nachmittag mit Linas Hausaufgaben zu verbringen und den Haushalt in Schuss zu halten, bedeutete am Abend längeres Grübeln für die Firma. Es war wie ein ewiger Kreislauf, der mit der Zeit einfach schlauchte.

Und so freute er sich jedes Jahr auf diese zwei Wochen, die sie traditionell im Zillertal verbrachten. In der freundlichen, entspannten Atmosphäre des Berghotels, das von dem offenen, zuvorkommenden Kastler-Ehepaar geführt wurde, konnte man alle Alltagssorgen vergessen und Energie tanken. Diesen Urlaub hatte er dieses Mal wirklich dringend nötig.

Lina schien ganz in ihrem Element zu sein, als sie sich im Frühstücksraum des Hotels gegenübersaßen. Eifrig beschmierte sie eine Semmelhälfte nach der anderen mit der guten hausgemachten Marmelade von Chefköchin Rosi Stadler, während ihre Augen im Speisesaal hin und her huschten.

»Meinst du net, dass du genug Semmeln auf deinem Teller gestapelt hast?«, fragte er amüsiert und sog tief das wohltuende Aroma nach frisch aufgebrühtem Kaffee, dampfenden Semmeln und dem Duft der Tische und Stühle aus heimischem Zirbelholz ein. »Ich glaub net, dass du überhaupt mehr als eine vertilgen kannst.«

»Doch, doch«, gab Lina abwesend zurück und schaute sich unter den anderen Gästen um.

Neugierig folgte er ihrem Blick. Es wirkte, als würde seine Tochter etwas suchen, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen. Freilich hatten sie in den letzten Jahren immer wieder Bekanntschaften unter den Urlaubern geschlossen. Das blieb nicht aus, wenn man mit einem kontaktfreudigen Madel wie Lina unterwegs war. Auch Leon hatte auf den gemütlichen Festen, die die Hotelbesitzerin Hedi gern ausrichtete, schon mit dem einen oder anderen Madel geflirtet. Doch Georg entdeckte im Raum keine der früheren Bekanntschaften, und er wüsste auch nicht, dass Lina mit irgendwem Kontakt gehalten hätte, um sich noch einmal zu verabreden.

»Suchst du wen?«

Lina schlürfte gedankenverloren an ihrer heißen Schokolade mit Schlagobers, antwortete aber nicht.

»Lina?«

»Wie?«

»Suchst du irgendwen?«

»Nein ... ich ...« Für einen Moment röteten sich ihre Wangen. Ganz so, als heckte sie etwas aus, wollte aber nicht damit herausrücken. »Ich schau mir nur die anderen Gäste an. Könnt ja sein, dass wer Nettes dabei ist.«

»Freilich. Mal schauen, mit wem du so spielen kannst, gell?«

Auch Georg ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. An den meisten Tischen saßen Familien beisammen. Mutter, Vater, ein bis zwei Kinder. Klar, es waren ja auch Schulferien. Da würden sich gewiss ein paar Spielkameraden für seine unternehmungslustige Tochter finden. Dazwischen hockten vereinzelte Paare und an einem Tisch im hinteren Bereich eine Gruppe Burschen.

Doch Linas Blick war bei einer jungen Frau hängen geblieben, die einem Madel, vermutlich ihrer Tochter, gegenübersaß. Von einem Mann keine Spur. Das musste nichts heißen, vielleicht hatte der Vater des Madels bloß länger ausschlafen wollen und käme gleich nach. Aber die Mutter wirkte so sympathisch und so fesch, dass Georg für einen kurzen Moment wünschte, sie wäre alleinerziehend wie er. Dann hätten sie etwas gemeinsam, und seltsamerweise behagte ihm dieser Gedanke.

Mutter und Tochter gaben zusammen ein hübsches Bild ab. Beide hatten lange, dicke, braune Haare, die ihnen offen über die Schultern fielen, und ein freundliches, warmherziges Lächeln, während sie sich angeregt miteinander unterhielten. Das Madel trug ein farbenfrohes Sommerkleidchen mit Blumenmuster, und auf dem T-Shirt der Mutter prangte ein fröhliches Comic-Motiv. Insgesamt strahlten beide eine solche Lebensfreude aus, dass Georg sich am liebsten etwas davon abgeholt hätte.

Als die Frau zu ihm hinübersah und auch ihm ein kleines, verlegenes Lächeln schenkte, setzte ein Kribbeln in seinem Nacken ein, das er schon so lange nicht mehr gespürt hatte. Eilig wandte er den Blick ab.

Sobald er sich Lina zuwandte und plötzlich mitten in diese aufmerksamen blauen Augen schaute, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, räusperte er sich verlegen.

»Beim Ferienprogramm lässt sich bestimmt eine Freundschaft knüpfen, gell? Wie ich die Hedi Kastler kenn, hat sie sich tolle Aktionen für euch Kinder überlegt.«

Lina legte nachdenklich den Kopf schief, nahm sich eine marmeladetriefende Semmelhälfte und biss hinein.

»Ich find eigentlich, dieses Jahr könntest auch du mal jemanden kennenlernen.«

Georg verschluckte sich fast an seinem Kaffee. Hatte Lina erkannt, dass er die Mutter vom Nachbartisch angestarrt hatte?

So attraktiv diese Frau auch sein mochte, Georg wollte gar niemanden kennenlernen. Wozu auch? Sein Leben war ein filigran austariertes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Familie, zwischen den Bedürfnissen seiner Kinder und seinen eigenen Wünschen nach ein bisserl Freiraum und Zeit für sich. Eine Beziehung müsste das unweigerlich durcheinanderbringen, und für unverbindliche Urlaubsromanzen war ein verantwortungsvoller Familienvater wie er nicht gemacht.

Obwohl es freilich verlockend wäre, die fesche Frau ein bisserl näher kennenzulernen ...

Schnell setzte er ein schiefes Grinsen auf, das ihm sogleich verrutschte.

»Ich bin doch schon mit dem wichtigsten Madel in meinem Leben zusammen hier. Wer sollt mir da noch zum Glück fehlen?«

Lina tupfte sich mit der Serviette Marmelade aus den Mundwinkeln.

»Ich mein ja nur. Während ich beim Kinderprogramm bin, hast du schließlich nix vor.«

Georg musterte seine Tochter über den Rand der Kaffeetasse hinweg.

»Das lass ruhig meine Sorge sein. Ich vertreib mir schon die Zeit, während du deinen Spaß hast.«

Ihm war längst aufgefallen, dass Lina neuerdings Sorgen hatte, jemand in ihrer Familie könnte einsam oder gelangweilt sein oder sich auf irgendeine andere Weise unwohlfühlen. Scheinbar hatte seine Tochter es sich zur Aufgabe gemacht, für Leon und ihn zu sorgen.

Aber das Madel war erst sieben Jahre alt, und Georg würde nicht zulassen, dass sie zu früh erwachsen wurde. Ohne Mutter aufzuwachsen, war schon schwierig genug, für ihren einsamen Vater war sie nicht auch noch zuständig.