Das Berghotel 245 - Heimatroman - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 245 - Heimatroman E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Jedes Jahr im Mai trifft sich im Berghotel eine Krimi-Rollenspielgruppe, die der in Österreich lebende Engländer John Billingham ins Leben gerufen hat. Auch Frank und Thea Kornbichler aus Salzburg sind stets mit von der Partie. Doch in diesem Jahr kommt es zu einem tragischen Zwischenfall: Konditor Frank bricht während des Dinners zusammen, wird in die Klinik eingeliefert und erhält die niederschmetternde Diagnose Hirntumor. Während Frank auf seine Operation wartet und Thea sich bis zur Aufopferung um ihn und das Café kümmert, hat John ein offenes Ohr für ihre Ängste und Nöte. Längst hegt er nicht mehr nur noch freundschaftliche Gefühle für die vom Schicksal so schwer geprüfte junge Frau. Die folgenden zwei Jahre reist Thea allein zum Krimi-Wochenende an. Franks gesundheitlicher Zustand ist zu schlecht, aber er besteht darauf, dass seine Frau sich eine Auszeit gönnt. Thea, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, reist mit schlechtem Gewissen an. Doch schon bald genießt sie dankbar die freie Zeit. Ausgerechnet in dem Moment, als Thea mal für einen Moment all die Sorgen vergisst, erreicht sie ein schrecklicher Anruf ...

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Seitenzahl: 134

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Inhalt

Cover

Jedes Jahr im Mai

Vorschau

Impressum

Jedes Jahr im Mai

Das Berghotel wird für Thea und John zum Schicksalsort

Von Verena Kufsteiner

Jedes Jahr im Mai trifft sich im Berghotel eine Krimi-Rollenspielgruppe, die der in Österreich lebende Engländer John Billingham ins Leben gerufen hat. Auch Frank und Thea Kornbichler aus Salzburg sind stets mit von der Partie. Doch in diesem Jahr kommt es zu einem tragischen Zwischenfall: Konditor Frank bricht während des Dinners zusammen, wird in die Klinik eingeliefert und erhält die niederschmetternde Diagnose Hirntumor.

Während Frank auf seine Operation wartet und Thea sich bis zur Aufopferung um ihn und das Café kümmert, hat John ein offenes Ohr für ihre Ängste und Nöte. Längst hegt er nicht mehr nur noch freundschaftliche Gefühle für die vom Schicksal so schwer geprüfte junge Frau.

Die folgenden zwei Jahre reist Thea allein zum Krimi-Wochenende an. Franks gesundheitlicher Zustand ist zu schlecht, aber er besteht darauf, dass seine Frau sich diese Auszeit gönnt. Thea ist nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Doch schon bald genießt sie dankbar die freie Zeit. Ausgerechnet in dem Moment, als Thea mal für einen Moment all die Sorgen vergisst, erreicht sie ein schrecklicher Anruf ...

Das erste Wochenende im Mai war für John Billingham die beste Zeit im Jahr. Dann traf sich alljährlich seine Agatha-Christie-Rollenspielgruppe im Sporthotel »Am Sonnenhang«. Wie ein Kind freute er sich seit Wochen auf diesen Freitag, wenn er endlich ins schöne St. Christoph fuhr. Schon beim Anblick des kleinen Dorfes in einem ruhigen, hübschen Nebental des Zillertals schwoll sein Herz an vor Freude. Wenig später wartete er ungeduldig an der Rezeption, bereit, wieder einmal einzuchecken.

Neben seinem Fuß stand ein karierter, mit einem Ledergurt verschlossener Koffer mit einer Reihe altertümlicher Smokings und eleganter Dreiteiler darin. Wie jedes Jahr hatte John mit dem Gedanken geliebäugelt, sich den gezwirbelten Schnurrbart des berühmten Meisterdetektivs Hercule Poirot stehenzulassen. Allerdings fand er, dass der zu seiner olivfarbenen Haut und der rundlichen Nase ziemlich lächerlich aussah. Heute Morgen hatte er ihn wieder abrasiert.

Seine Verkleidung würde auch so perfekt sein. Agatha Christie hätte ihre Freude daran.

Als die Besitzerin des Hotels, Hedi Kastler, sich ihm zuwandte, hellte sich ihr frisches, von blonden Haaren umrahmtes Gesicht augenblicklich auf. Ihr kräftig-grünes Dirndl brachte die rosigen Züge zusätzlich zum Leuchten.

»Herr Billingham, mei, welche eine Freude, Sie wiederzusehen!«

Bei ihrem freundlichen Lächeln und der warmen Atmosphäre im Eingangsbereich fühlte John sich gleich willkommen.

»Grüß Sie Gott, Frau Kastler.«

Sie schmunzelte, und obwohl sie es nicht sagte, wusste er gleich, dass sie sich über sein britisches »R« amüsierte. Seit über einem Jahrzehnt lebte er in Graz und unterrichtete pubertierende Hauptschüler im Fach Englisch, doch seine Londoner Herkunft hörte man immer noch. Schon oft hatte er erfolglos versucht, sich einen österreichischen Akzent zuzulegen. Dieses rollende »R« wollte ihm einfach nicht gelingen. Da er im Unterricht ausschließlich Englisch sprach, machte es beruflich keinen Unterschied. Und ein gelegentliches Lächeln, wenn er einen typisch österreichischen Ausdruck benutzte und britisch aussprach, war meist ganz charmant. Die Österreicher wussten zu schätzen, dass er sich einfügte, und er liebte das Leben in Österreich.

»Dann kann es also wieder losgehen mit Ihren Detektivrätseln, gell?«, plauderte Hedi, während sie eine Mappe hervorzog, in der sie Unterlagen und die Schlüsselkarte zu seinem Zimmer bereitgelegt hatte.

»So ist es. Dieses Jahr hab ich einen besonders verzwickten Fall im Gepäck. Hoff ich jedenfalls. Letztes Jahr sind die anderen mir schon vor dem Dessert auf den Mörder gekommen.«

Er klopfte auf seinen Rucksack, in dem die vorbereiteten »Fallkarten« und die Mordwaffe für den morgigen Abend steckten. Dem Abend, an dem das Krimi-Dinner stattfinden sollte, zu dem seine Rollenspielfreunde aus ganz Österreich zusammenkamen. Dann verkleideten sich alle neun Männer und Frauen wie Figuren aus einem Agatha-Christie-Roman und lösten gemeinsam einen Fall, den freilich John für sie erdacht hatte.

Seit seiner Jugend war er ein ausgemachter Krimi-Fan, vor allem, wenn es um die Geschichten der berühmten englischen Autorin ging. Indem er vor einigen Jahren mit einer Anzeige im Internet diese Gruppe ins Leben gerufen hatte, war ein Jugendtraum in Erfüllung gegangen. Deshalb freute er sich so sehr auf das nun anbrechende Wochenende. Selbst mit achtunddreißig Jahren machte es ihm immer noch Freude, sich einmal im Jahr zu verkleiden und in andere Rollen zu schlüpfen.

»Ich bin gespannt, was Sie dieses Mal berichten. Irgendwas Unvorhergesehenes passiert doch immer.« Hedi reichte ihm seine Zimmerkarte über die Zedernholztheke. »Unsere Köche Rosi Stadler und Leo Hofbacher sind schon bestens Menü vorbereitet. Die beiden überbieten sich für Ihr Menü mit Leckereien. Da ist ein regelrechter Wettstreit im Gange! Ich mein, die Rosi hätt erzählt, sie hätt für den Nachtisch ein Apfelstrudelrezept mit englischer Soße gefunden, und die Marinade für Leos Lammkarree duftet schon heut derart verführerisch, dass ich der Figur halber die Küche meide.« Sie klopfte sich lachend auf den Bauch. »Sonst gerat ich bloß in Versuchung.«

»Aber Frau Kastler, Sie können sich ein bisserl Schlemmerei fei erlauben ...«

Hedi winkte augenzwinkernd ab. »Sie und Ihr englischer Charme!«

Hedis Mann Andi Kastler, der neben ihr an der Rezeption stand und etwas in den Computer eingab, bestätigte gutmütig: »Wenn der Bursche doch recht hat, Spatzl! Lass ihn ruhig die Wahrheit sagen!«

Andi war ein kerniger Bursche im karierten Trachtenhemd und unter den Knien gebundenen Lederhosen. Seine Wangen waren fast immer gerötet, als verbringe er viel Zeit an der frischen Luft, was hier in den Bergen wahrscheinlich auch der Fall war.

Hedi räusperte sich und fügte hinzu: »Ich wünsch Ihnen und Ihrer Gruppe einen fabelhaften Aufenthalt. Und dass Sie mir net wieder die Gäste verschrecken, wenn die Frau Kornbichler allzu laut ruft, es sei ein Mord begangen worden!« Sie lachte.

John zuckte grinsend die Schultern.

»Irgendwen wird's freilich erwischen. Im letzten Jahr war's halt ihr Mann. Aber dieses Mal stehen unsere Karten ganz gut.« Er sah sich in der Lobby um, ob auch wirklich keiner der Mitspieler ihn hörte. Außer John wusste niemand, wer sich als Mörder entpuppen und wer der Geschichte zum Opfer fallen würde. Dann beugte er sich ein wenig über den Tresen und flüsterte verschwörerisch: »Ihnen kann ich's ja sagen, Frau Kastler: Der Frank ist in diesem Jahr net das Opfer. Ich hab ihn zum Mörder bestimmt ...«

Doch in diesem Moment zog Hedi bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch und legte einen Finger an die Lippen. In Johns Rücken kamen die ersten Mitglieder der Rollenspielgruppe zur Tür herein.

»Wir wollen doch nix verraten, gell?«, murmelte Hedi mit Blick über seine Schulter hinweg.

»Auf keinen Fall!«, bestätigte John lächelnd und drehte sich zu seinen guten Freunden herum.

Das Krimi-Wochenende konnte beginnen.

***

Thea atmete auf, als sie auf den Vorplatz des Berghotels einbog. Die fast dreistündige Fahrt von Salzburg war ihr zum Schluss sehr lang geworden. Nicht nur der Entfernung wegen, sondern aufgrund der angespannten Atmosphäre im Auto.

Wie so oft in letzter Zeit war ihr Ehemann Frank muffeliger Stimmung, und Thea konnte sich nicht erklären, warum. Schließlich war dies ihr einziger Urlaub im Jahr.

Nur am ersten Maiwochenende blieb ihr gutlaufendes Café »Korneckerl« im Herzen Salzburgs geschlossen, und sie machten sich auf den Weg nach St. Christoph, wo sie mit Freunden, die sie nur einmal im Jahr trafen, einen Kriminalfall lösten. Müsste das Anbrechen dieses Wochenendes nicht Anlass zu bester Laune sein?

Thea jedenfalls spürte Vorfreude in sich, während sie sich abschnallte und den Schlüssel aus dem Zündschloss zog.

»Ich glaub, ich wär besser selber gefahren. Mir ist ganz schlecht, weil du die Serpentinen so eng genommen hast«, brummelte Frank und öffnete die Beifahrertür.

Thea verdrehte die grauen Augen und fuhr sich mit der Hand durchs weizenblonde Haar. Frank war heute Morgen derart übermüdet gewesen, dass sie gemeinsam entschieden hatten, es solle lieber Thea fahren. Sich jetzt über die Fahrweise zu beschweren, fand sie ungerecht. Zumal ihm noch nie schlecht geworden war. Aber sie glaubte nicht, dass sie ihm ihren Ärger in seiner derzeitigen Stimmung begreiflich machen konnte.

Also ignorierte sie seinen Kommentar, nahm den Koffer mit den zarten Seidenkostümen, schnappte sich auch die sorgfältig mit einem rotkarierten Küchentuch abgedeckte Schachtel voller Gebäck und ging wortlos zum Hoteleingang.

Direkt in der Lobby trafen sie auf John, den Leiter der Gruppe. Er wandte sich zu ihnen um, und Thea hielt automatisch inne.

John wusste es nicht, aber er war ein ausgesprochen gut aussehender Mann mit dunklen Zügen, kurzem, schwarzem Haar und so tiefbraunen Augen, dass sie an Obsidian erinnerten. Als sie sich vor ein paar Jahren kennengelernt hatten, hatte er erzählt, dass die Familie seines Vaters aus der Karibik nach London immigriert war. John kombinierte die olivfarbene Haut seiner Vorfahren mit englischer Eleganz und einem charmanten britisch-österreichischen Akzent. Obwohl er sich selbst als schlichten Grazer Hauptschullehrer betrachtete, war er in Theas Augen ein echter Weltbürger, und sie bewunderte ihn heimlich dafür.

»Grüßt euch Gott!« John kam lächelnd auf sie zu und nahm Thea in die Arme.

Über seine Schulter hinweg warf sie Frank einen verstohlenen Blick zu. Ihr Mann war in vielerlei Hinsicht das genau Gegenteil von John. Einen Kopf kleiner als der groß und schlank gewachsene Engländer, zeigte er zu seinem eigenen Unmut einen deutlichen Bauchansatz. Berufsrisiko, nahm Thea an. Als Konditoren waren sie beide täglich der Versuchung ausgesetzt. Doch anders als Frank konnte Thea gut widerstehen. Einmal zu probieren, ob sie den richtigen Geschmack getroffen hatte, wenn sie zum Beispiel Schlagobers für ihre beliebten Cremetörtchen anrührte, genügte ihr vollkommen. Darum blieb sie recht zierlich im Vergleich zu Frank und seiner liebenswürdigen Mutter Edda Kornbichler, die mit ihnen das Café führte.

Schon seit der Schulzeit waren Frank und Thea ein Paar. Damals, erinnerte sie sich, hatten es ihr seine lustigen blauen Augen und die Sommersprossen angetan, die sich wie ein breites Band über seinen Nasenrücken zogen. Die hellbraunen Haare trug er etwas länger als John. Sie standen meist ein bisserl vom Kopf ab, was ihm noch immer einen jungenhaften Charme verlieh.

Doch das Funkeln in seinen Augen war seit einiger Zeit erloschen. Es fehlte Thea, aber sie wusste natürlich, dass sie nicht mehr sechzehn war und Frank achtzehn. Inzwischen waren sie Anfang dreißig und hatten sich mit dem Café eine gemeinsame Existenz aufgebaut.

»Sag mal, Thea, hast du uns etwas mitgebracht?«, fragte John verschwörerisch, nachdem er Frank zur Begrüßung freundschaftlich auf die Schulter geklopft hatte.

»Freilich,« gab sie lächelnd zurück. »Wie könnt ich das vergessen?« Sie deutete mit einem Nicken auf ihren Korb, worauf John eine Hand danach ausstreckte. Spielerisch schlug sie ihm auf die Finger. »Nix da! Erst, wenn alle im Enziansaal versammelt sind!«

John lachte, und da spürte Thea, wie die Anspannung der Autofahrt von ihr abfiel. Diesen Effekt hatte die Spielgruppe immer auf sie. Der »Krimi-Urlaub«, wie sie das erste Wochenende im Mai gerne nannte, dauerte nur wenige Tage, bot aber eine vollkommene Abwechslung zum Alltag. In Gegenwart der Menschen, die in fünf Jahren »Krimi-Dinner« zu guten Freunden geworden waren, konnte Thea perfekt entspannen.

»Gib uns ein paar Minuten. Nur noch eben einchecken und ins Kostüm schlüpfen, dann kommen wir herunter und starten ins Wochenende, gell?«, versprach sie.

John grinste. »Ich freu mich drauf.«

Und als Frank ganz ehrlich »Wir uns auch« sagte, wusste Thea, dass die nächsten Tage gut werden würden. Sie reichte ihren Koffer an ihn weiter, hob den Korb auf und schob eine Hand in seine Ellenbeuge.

Gemeinsam traten sie an den Empfangstresen, wo Hedi Kastler sie freundlich erwartete.

Da hatten sie sich in letzter Zeit eben ein bisserl häufiger gestritten als sonst. Das konnte in einer langjährigen Beziehung vorkommen, zumal, wenn man rund um die Uhr beisammen war. Ein entspannendes Wochenende würde sie mit Sicherheit einander näherbringen.

***

Im Enziansaal hatten die Köche Rosi Stadler und Leo Hofbacher statt einzelner Tische eine lange Tafel aufbauen lassen, in deren Mitte ein wunderschön üppiges Gesteck aus heimischen Wildblumen stand.

Rosi schaute sogar selbst bei ihnen vorbei und erkundigte sich, ob alles zur Zufriedenheit arrangiert sei, während John schon neben seinem Platz am Kopfende der Tafel stand und auf die letzten Gruppenmitglieder wartete.

Gabi und Heinz aus Linz waren da, Gabi in ein zweiteiliges Kostüm aus beigem Wollstoff mit elegantem Pelzbesatz gekleidet und Heinz mit schlichtem, braunem Anzug im Schnitt der Dreißigerjahre. Auch Käthe aus Wien im figurbetonten Charlestonlook und Stefan aus Innsbruck im dunkelblauen Tweedanzug warteten, jeder ein Champagnerglas in der Hand. Nun fehlten nur noch Thea und Frank, die beiden Konditoren aus Salzburg, auf die John sich jedes Jahr besonders freute.

Kaum jemand ging so in den Geschichten auf wie diese zwei, zankte sich, wenn die verteilten Regiekarten das vorsahen, oder fiel schreiend in Ohnmacht, wenn der Ehemann in der Geschichte zum Mordopfer geworden war.

»Was meinen Sie, Herr Billingham? Ob ich der Frau Kornbichler in diesem Jahr das Rezept für ihre köstlichen Törtchen abschwatzen kann?«, flüsterte Rosi, sobald sich die Tür öffnete und Thea und Frank eintraten.

John wiegte den Kopf und schürzte die Lippen.

»Ich glaub net, Frau Stadler, so sehr ich's Ihnen auch gönnen tät.«

In Theas Korb, der gerade mit großem Hallo begrüßt wurde, waren nämlich die köstlichsten Cremetörtchen, die er jemals gegessen hatte. Sie waren das Highlight im Café der Kornbichlers, wusste John, und auch im Berghotel hatten sie echte Liebhaber gefunden. Rosi versuchte seit Jahren, das Rezept zu bekommen, um dieses Schmankerl auch ihren Gästen zuteilwerden zu lassen.

»Grüßt euch alle!«, rief Frank, breitete die Arme aus und strahlte übers ganze Gesicht.

Seine Frau eilte zum Tisch und verteilte auf die Teller je eines der fabelhaften Törtchen– komplett mit rosarotem Schlagobershauberl, auf dem eine frische Erdbeere thronte.

Zum Schluss trat sie zu ihnen und überreichte Rosi zwei einzelne Torten, die sie für die Köche mitgebracht hatte.

Rosi bedankte sich lächelnd.

»Ach, Frau Kornbichler, das ist so lieb, dass Sie immer an uns denken! Aber wann werd ich das Rezept bekommen, damit ich mich revanchieren und einmal für Sie backen kann?« Sie zwinkerte Thea zu.

Doch diese blieb standhaft. »Das ist und bleibt ein Geheimrezept aus Franks Familie. Ich fürcht, da müsst erst was Schlimmes passieren, bevor ich's herausrücken tät. Die Edda, meine Schwiegermutter, kann sehr streng sein.«

Aber auch Thea zwinkerte lustig, und John erkannte, dass sie an Rosis Interesse ihren Spaß hatte.

Thea sah umwerfend aus. Während Frank einen vergleichsweise schlichten, grauen Nadelstreifenanzug mit eleganter Weste trug, hatte Thea ein knöchellanges, nachtblaues Kleid an, das in Kombination mit der langen Perlenkette und der komplizierten Hochsteckfrisur sehr edel wirkte. Außerdem schmeichelte es ihrer zierlichen Figur.

»Eine echte Dame der englischen Gesellschaft«, lobte er und küsste ihre behandschuhte Hand. »Ms. Christie wäre erfreut.«

Thea strahlte, und es war bezaubernd, wie das Lächeln ihre Augen erreichte und das tiefe Eisgrau zu leuchten begann. Frank konnte sich glücklich schätzen, eine derart schöne Frau zu haben.

Die noch dazu ausgesprochen bescheiden war. Die Röte auf ihren Wangen verriet sie.

»Mei, vielen Dank, John. Der schwarze Anzug steht dir aber auch sehr gut.«

Er wollte gerade etwas Nettes erwidern, als von Frank ein herzhaftes »Burschen und Madeln, ich muss jetzt was essen!« kam.

Lachend entschuldigte sich Rosi Stadler, um in ihre Küche zurückzukehren und Leo sein Cremetörtchen zu bringen. Dann nahm John am Kopfende Platz und bat auch die übrigen Teilnehmer, sich an die Tafel zu setzen.

Das taten sie, alle mit gespannten Augen , die auf ihn gerichtet waren. Bevor sie sich den Törtchen widmeten, sagte John traditionell ein paar Worte zur Begrüßung. Er war schließlich der Initiator.

»Ich freu mich sehr, dass ihr alle dem Ruf der Rätsellust gefolgt seid. Ihr seht ganz fantastisch aus. Ich fühl mich jetzt schon in die frühen Dreißigerjahre zurückversetzt. Denn da spielt unsere diesjährige Geschichte. Auf einem Landsitz im wunderschönen Cumbria, dessen grün aufragende Gebirgszüge nicht ganz mit den Alpen mithalten können, aber ebenso atemberaubend schön sind wie das Tal, das unter uns liegt. Dorthin werden wir uns in den nächsten Tagen gedanklich begeben, und dort wird es zu einem geheimnisvollen Mord kommen, dessen Täter nur gewitzte Ermittler entlarven können.«

Er blickte in die Runde und bemerkte amüsiert, wie Franks Kuchengabel schon halb über dem Törtchen schwebte. Der Bursche schien wirklich ausgehungert zu sein. Also kürzte John seine Rede ab.