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Annabelle Franke ist eine gefeierte Salzburger Malerin. Ihre riesigen Portraits von ausdrucksstarken, in kräftigen Farben gehaltenen Frauengesichtern hängen in Galerien und Kunsthallen weltweit. Schon mit dreißig Jahren ist sie ganz oben in der Kunstszene angekommen. Doch dieser Ruhm fordert seinen Tribut. Durch den Druck, immer neue, immer beeindruckendere Werke schaffen zu müssen, ist Annabelles Kreativität seit fast einem Jahr ins Stocken geraten. Nichts, was sie auf die Leinwand bringt, kann ihren Ansprüchen genügen. Als sie schon aufgeben will, hat ihre Agentin Barbara eine Idee: Annabelle soll sich eine Auszeit nehmen und mit dem Rucksack durch Österreich wandern.
"Überlass dich ganz deinem Schicksal", rät Barbara. "Wenn der erste Schnee fällt, kommst du zurück. Mit freiem Kopf und neuer Kreativität."
In ihrer Verzweiflung nimmt Annabelle den Ratschlag an. Ihr Weg führt sie nach St. Christoph, wo sie schnurstracks Lars Dielinger vor die Füße läuft. Dieser Mann hat so einigen emotionalen Balast im Gepäck, und doch weckt er in Annabelle eine ungeahnte Sehnsucht und Kreativität ...
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Wenn der erste Schnee fällt ...
Vorschau
Impressum
Wenn der erste Schnee fällt ...
Heimatroman um eine schicksalhafte Winterreise nach St. Christoph
Von Verena Kufsteiner
Annabelle Franke ist eine gefeierte Salzburger Malerin. Ihre riesigen Portraits von ausdrucksstarken, in kräftigen Farben gehaltenen Frauengesichtern hängen in Galerien und Kunsthallen weltweit. Schon mit dreißig Jahren ist sie ganz oben in der Kunstszene angekommen. Doch dieser Ruhm fordert seinen Tribut. Durch den Druck, immer neue, immer beeindruckendere Werke schaffen zu müssen, ist Annabelles Kreativität seit fast einem Jahr ins Stocken geraten. Nichts, was sie auf die Leinwand bringt, kann ihren Ansprüchen genügen. Als sie schon aufgeben will, hat ihre Agentin Barbara eine Idee: Annabelle soll sich eine Auszeit nehmen und mit dem Rucksack durch Österreich wandern.
»Überlass dich ganz deinem Schicksal«, rät Barbara. »Wenn der erste Schnee fällt, kommst du zurück. Mit neuer Kreativität.«
In ihrer Verzweiflung nimmt Annabelle den Ratschlag an. Ihr Weg führt sie nach St. Christoph, wo sie schnurstracks Lars Dielinger vor die Füße läuft. Dieser Mann hat so einigen emotionalen Balast im Gepäck, und doch weckt er in Annabelle eine ungeahnte Sehnsucht ...
»Nix! Alles nix!«, schrie Annabelle Franke, dass die bodentiefen Glasfenster ihres Salzburger Ateliers in den Rahmen schepperten.
Wütend riss sie die Leinwand von ihrer Staffelei und warf sie zu Boden. Die Proportionen waren verdorben, die Farben schlecht gewählt, der Ausdruck des überlebensgroßen Frauenporträts dermaßen nichtssagend, dass sie an ihrem Talent zweifelte.
Einen breiten Pinsel in weiße Farbe tauchend, verwischte sie das gesamte Porträt, bis alle Wut aus ihrem Körper gewichen war.
Sie sah die Schlagzeilen schon vor sich:
Annabelle Franke – Warum die gefeierte Malerin seit einem Jahr in der Schaffenskrise steckt.
Und recht hatten sie, die Kunstkritiker, die munkelten, sie bringe nichts mehr zustande. Dabei hatte sie sich vor gar nicht so langer Zeit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere gewähnt.
Gerade einmal dreißig Jahre war Annabelle alt und wurde bereits in Museen und Kunsthallen auf der ganzen Welt ausgestellt. Ihre riesigen Frauenporträts in kräftigen, ausdrucksstarken Farben hatten Kunstbegeisterte aller möglichen Länder in Begeisterungsstürme versetzt. Eines ihrer Gemälde hatte letztes Jahr bei einer Versteigerung einen schier atemberaubenden Preis erzielt.
Man kannte und schätzte sie. Wo sie in ihrer Heimatstadt Salzburg auch hinging, wurde sie immer wieder gefragt, wann und wo ihre nächste Malerei zu sehen sei, womit sie sich gerade beschäftige.
Nur dass Annabelle seit über einem Jahr kein Gemälde mehr fertiggestellt hatte. Ihren Bildern fehlte etwas. Eine Seele, die sie ihrer Malerei nicht mehr einhauchen konnte.
»Arrrrgh!« Sie schrie es heraus und raufte sich die schulterlangen, goldbraunen Haare.
Seit Wochen hatte sie kaum gegessen oder geschlafen. Immer größer wurde der Druck, etwas abzuliefern, das mit bisherigen Erfolgen mithalten oder sie besser noch übertreffen konnte.
Doch da war nichts. Kein Funke, keine Idee, keine Inspiration, aus der etwas Großes hätte erwachsen können. Je mehr Druck sie spürte, desto leerer fühlte sie sich innerlich.
Schluchzend ließ sich Annabelle auf einen farbbeklecksten Hocker fallen und wischte sich die Hände an der alten, ausgefransten Jeans ab, die sie nur noch zum Arbeiten trug.
»Du machst dir viel zu viel Stress«, rief ihre Agentin Barbara Hoffmann aus der winzigen Teeküche des Ateliers. »Wie sollst du mit freiem Kopf arbeiten, wenn du immer nur daran denkst, was dein Publikum von dir erwartet?«
»Wie soll ich überhaupt noch arbeiten?«, murmelte Annabelle und vergrub das Gesicht in den Händen. Es war ihr egal, ob dabei Farbreste in ihren Haaren landeten.
So ausgelaugt hatte sie sich noch nie gefühlt. Doch als sich Barbara wenig später mit zwei dampfenden Tassen Tee und belegten Semmeln zu ihr an den kleinen runden Tisch setzte, fehlte ihr der Appetit, auch nur einen Bissen herunterzubekommen.
»Jetzt iss«, befahl Barbara, band sich ein Haargummi in die wilden, kaum zu bändigenden Locken und biss mit Genuss in eine der Semmeln. »Du musst zu Kräften kommen.«
Barbara war eine resolute Person. Inzwischen Ende vierzig, hatte sie früh damit begonnen, jungen Künstlerinnen und Künstlern den Weg in die Kunstszene zu bahnen. Mit ihrer forschen, direkten Art brachte sie auf den Punkt, was andere nicht sagen wollten. Wenn Annabelle ihrer Agentin ein Bild zeigte, wusste sie sofort, woran sie war. Fand Barbara es gut, wurde sie überschwänglich, konnte sie es nicht leiden, taugte es auch nichts.
Wie das gescheiterte Projekt, das jetzt auf dem Boden lag. Nur einen kurzen Blick warf Barbara darauf und rümpfte unter der goldgerahmten Brille die Nase.
»Net dein bestes Werk, gell?«
Annabelle schlang die Arme um ihre Mitte. Auf einmal war ihr kalt, obwohl das Atelier über eine gute Heizung verfügte. Es war Ende September. Die Tage begannen kürzer zu werden, die Morgende kühler. Doch noch fiel wärmende Sonne zu den hohen Fenstern des Ateliers hinein und tauchte das Chaos in goldenes Licht.
»Vielleicht solltest du mal aufräumen?«, schlug Barbara kauend vor. »Äußere Ordnung führt zu innerer Ordnung.«
»Hast du noch mehr Kalendersprüche für mich?«, gab Annabelle schnippisch zurück, nahm ihren Tee und nippte lustlos daran.
»Ich mein ja nur ...«, murmelte Barbara und verdrehte die Augen.
»Bisher hat mich Chaos immer inspiriert.«
»Scheint aber nimmer zu funktionieren.«
»Nix funktioniert noch!« Annabelle stellte die Tasse beiseite und sprang von ihrem Hocker auf. »Was ich auch probier, es kommt nur noch so was dabei heraus.« Sie versetzte der verunstalteten Leinwand einen wütenden Tritt.
Dann stellte sie sich vor ihren kleinen, beschlagenen Spiegel.
Die Frau, die ihr entgegenblickte, wirkte verstört. Zart, schmal und geradezu durchscheinend waren ihre Gesichtszüge. Die Haut faltenlos, aber viel zu blass, unter den Augen tiefe Ringe. Ihre goldbraunen Haare, die ihr sonst gut gefielen, hingen kraftlos auf die Schultern herab, und das alte Sweatshirt war viel zu groß für den zarten, abgemagerten Körper. Wenn sie so weitermachte, wurde sie krank.
Nur in ihren braunen Augen brannte ein wütendes Feuer.
So ging es nicht weiter. Wenn sie keine Kunst schaffen konnte, war sie keine Künstlerin. So einfach war es doch.
»Ich hör auf«, hörte sie sich selbst sagen und wusste im selben Moment, dass sie es bitter bereuen würde. »Da kommt nix mehr, und ich will's auch nimmer versuchen.«
Hinter sich hörte sie Barbara seufzen. »Fürs Aufhören hast du zu viel Talent.«
Annabelle wirbelte zu ihr herum.
»Ach ja? Und das kommt worin zum Ausdruck? In so was hier?«
Sie zog die Leinwand hoch und ließ sie angewidert zurückfallen.
Ruhig schluckte Barbara die letzten Bissen ihrer Semmel herunter. Dann stand sie auf und sah Annabelle eindringlich an.
»Du machst dir zu viel Druck, lässt dir zu wenig Freiheit. Lass mal los, dann kommt die Kreativität ganz schnell wieder.«
»Und wie soll ich das machen?« Annabelle ließ die Arme hängen. Im Moment fühlte sie sich wie ein Marionette, der jemand die Fäden durchgeschnitten hatte. Tränen prickelten in ihren Augen, und sie wünschte, jemand würde sie fest in den Arm nehmen. Aber für Umarmungen war Barbara nicht der Typ.
Stattdessen trank sie einen Schluck Tee und musterte Annabelles brennendes Gesicht.
Als diese es nicht mehr aushielt, begann die Agentin endlich zu sprechen: »In Salzburg erinnert dich zu viel daran, was von dir erwartet wird. Du musst mal hier raus ...«
Sie schaute aus dem Fenster, als suche sie im blauen, fast wolkenfreien Himmel nach Antworten.
»Ich geb das Atelier auf und such mir einen anderen Job. Vielleicht Lehrerin oder Busfahrerin oder so.«
»Busfahrerin?« Barbara grinste. »Dafür hättest du die Geduld?« Dann wurde sie ernst. »Bevor du dich aufgibst, möcht ich, dass du noch eine Sache probierst. Nimm dir eine Auszeit. Keine Malerei, keine Termine, keine Verpflichtungen. Du gehst raus in die Natur ... am besten wandern ... Und damit du net drüber nachdenkst, wohin es gehen soll und ob dich da die Muse küsst ...« Sie sah zu Annabelle auf. »Gib mir dein Handy.«
Annabelle zögerte. »Was? Ich will net allein irgendwo rumwandern und dann noch net einmal ein Handy dabeihaben. Das mach ich net.«
»Schmarrn!« Barbara sah sich um und fand das Gerät auf einer Fensterbank liegend. Blitzschnell griff sie es sich. »Tipp mal den Code ein. Ich lad dir eine Zufalls-App aufs Handy. Die entscheidet für dich, wo du hingehst.«
»Wie bitte?« Doch Barbara blickte todernst, und sie tippte artig ihre Pin ein.
Nach einem kurzen Moment bekam sie ihr Telefon zurück. Barbara packte sie bei den Schultern.
»Ich kenn dich doch, wenn ich dich losschick, läufst du nur von Galerie zu Galerie und suchst bewusst nach Inspiration. Aber wir machen es so: Du besorgst dir eine Wanderausrüstung, und zum nächstmöglichen Zeitpunkt läufst du aufs Geratewohl los. Wenn du nimmer weiterweißt, ob rechts oder links, Norden oder Süden, befragst du die App. Das ist ein Zufallsgenerator, sozusagen deine Schicksalsmaschine. Der folgst du und machst dich frei von allen Zwängen. Musst über nix mehr nachdenken. Erst wenn der erste Schnee fällt, kommst du zurück. Bis dahin ist dein Kopf frei und deine Kreativität zurück. Einverstanden?«
»Ich weiß net ...« Annabelle liebte ausgiebige Spaziergänge, aber solch eine Wanderung hatte sie noch nie unternommen.
»Doch, doch. Je länger ich drüber nachdenk, desto besser find ich die Idee. Was bleibt dir anderes übrig, als es wenigstens zu versuchen? Wenn's net klappt, kannst du immer noch Busfahrerin werden.«
Annabelle seufzte. Für kurze Zeit aus Salzburg herauszukommen, würde vielleicht ganz guttun ...
»Ich mein, stell dir das vor: Morgens vor acht, wenn du selbst noch net ganz wach bist und der Bus schon voll mit lauten, lärmenden Schulkindern ... Einen Versuch wär unser kleines Experiment schon wert.«
Annabelle bedachte die grinsende Agentin mit einem bösen Blick.
»Also gut, ich denk drüber nach.«
»Net denken. Machen und den Kopf ausschalten. Überlass dich mal deinem Schicksal.«
Sie warf die Arme in die Luft.
»Ja, fein, dann mach ich's halt! Du lässt mir ja doch keine Ruhe.«
Barbara lächelte breit und ließ sich auf ihren Stuhl fallen.
»Das ist meine Künstlerin. Komm, setz dich zu mir. Wir besprechen, was du für die Wanderung brauchst: Funktionswäsche, einen Rucksack, Wanderstöcke, eine Wasserflasche ...«
Annabelle schüttelte hilflos den Kopf. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?
***
»Du machst mit mir Schluss?«, fragte Lars Dielinger so laut, dass die Leute an den anderen Tischen sich zu ihm umwandten.
Seine Freundin Jasmin Nemowitz und er saßen in einem der feinsten Linzer Restaurants, zwischen ihnen eine romantische Kerze und in Lars' Jacketttasche ein kleines Packerl mit der fein ziselierten Silberhaarspange, die Jasmin neulich in einem Schaufenster entdeckt hatte.
»Ein echter Kunstgegenstand fürs Haar«, hatte sie entzückt ausgerufen und mit der Hand ihr langes blondes Haar aufgefächert. Den Hinweis hatte Lars gleich verstanden. Am nächsten Tag war er zurückgekehrt, um ihr die Spange zu kaufen.
Er hatte sie ihr zum Jahrestag schenken wollen. Nun allerdings würde er wohl darauf sitzenbleiben.
»Ach, Lars«, flüsterte Jasmin mit einem nervösen Blick in die Runde. »Tu net so dramatisch. Du musst doch gespürt haben, dass wir net zueinanderpassen.«
Lars machte ein ungläubiges Gesicht. »Wir waren vier Jahre zusammen!«
Sie legte ihm eine beruhigende Hand auf den Unterarm und bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick, als wäre er schwer von Begriff.
»Es war ja auch schön mit dir. Irgendwie. Aber ich hab mich bei dir halt nie gefordert gefühlt.«
»Gefordert?« Wovon sprach sie? Irgendetwas schien er gerade nicht mitzubekommen.
Jasmin legte den Kopf schief und schob die rote Unterlippe vor.
»Mei, wie soll ich das sagen? Du bist sehr lieb und so. Aber in Sachen Kultur ...«
»Geht's darum, dass ich letzte Woche net in diese Kunstausstellung wollt? Du weißt, dass ich net so der Kunstliebhaber bin ...«
Sie lehnte sich vor und tätschelte ihm die Hand.
»Ja, genau. Das bist du net. Aber ich halt schon. Ich interessier mich für Kunst und Kultur, geh gern ins Theater und diskutier über das, was ich da seh. Aber mit dir ist das net möglich.«
»Weil ich ein Kulturbanause bin?« Diesen Vorwurf hatte sie ihm schon häufiger gemacht. Anfangs im liebevollen Neckton, seit einiger Zeit zunehmend genervt.
Aber nur deshalb beendete man doch keine langjährige Beziehung! In ein paar Wochen wollte er mit ihr verreisen. In ein romantisches Zillertaler Bergdorf namens St. Christoph, wo er Jasmin einen Antrag machen wollte.
Er hatte sich alles genau überlegt. Hatte sich die Gegend im Internet angeschaut und alles durchgeplant. Der Ring lag bereit, die Hotelbuchung war bezahlt, und jetzt war er ihr nicht gut genug?
Unwillig schüttelte er den Kopf.
»Ich war nie der Mensch, der auf Ausstellungen geht, und du warst trotzdem gern mit mir zusammen. Mei, letzten Monat hab ich noch deine Steuererklärung gemacht! Dafür war ich dir gut genug.«
»Das war auch sehr nett von dir ...« Jetzt tat sie ein bisserl verlegen, doch er merkte, dass die Reue gespielt war.
»Ach so, nett bin ich also schon?«
»Mei, Lars ...« Jasmin lachte leise, wie eine Mutter, die einem dummen Kind die Welt erklärte. Dabei war Lars mit seinen dreiunddreißig Jahren durchaus erwachsen und fünf Jahre älter als sie.
An seinen Schläfen zeigten sich die allerersten grauen Härchen im ansonsten vollen, dunklen Haar, und die Lachfältchen um seine Augenwinkel wurden allmählich mehr. Jasmin hatte immer betont, sie liebe seinen dunklen Bart und den durchtrainierten Oberkörper, aber äußerliche Anziehungskraft reichte anscheinend nicht aus.
Offensichtlich konnte ihr Lars nach vier Jahren Beziehung nicht mehr genügen. Dabei hatte er sich in dieser Beziehung sehr wohlgefühlt. Er hatte gedacht, da wäre eine Frau, die ihn nahm, wie er war. Bodenständig, nüchtern, als Finanzberater für große Industriekunden ein bisserl zahlenorientiert und weniger musisch veranlagt. Diese Seite hatte Jasmin mit ihren Freundinnen ausleben können, während er ihre neue Garderobe finanzierte und die Steuererklärung übernahm.
Gut, es war nicht die große, stürmische Leidenschaft, aber die gab es auch nur in romantischen Filmen, und das hier war das echte Leben.
»Wann holst du deine Sachen ab?«, fragte Lars unvermittelt, weil ihm plötzlich bewusst wurde, wie viel er in diese Beziehung investiert hatte. Wie erniedrigend, dann ausgerechnet beim Candle-Light-Dinner zum Vierjährigen abserviert zu werden.
»Wie bitte?«
»Ich hab noch Kleider von dir im Schrank. Die wirst du wohl haben wollen? Oder sind die jetzt auch überflüssig geworden? Schließlich hab ich sie ja bezahlt.«
Einen Moment lang starrte sie ihn an. Dann wurde ihr hübsches Gesicht wieder weich. »Bist du jetzt sauer?«
Sauer war nicht das richtige Wort. Verletzt, gedemütigt, desillusioniert. Eine Mischung aus allem Möglichen. »Net wirklich ...«
Da lächelte sie erleichtert. »Dann ist es ja gut. Weißt du, du wirst schon die Richtige finden. Eine, die sich für das interessiert, was du so gern machst ...«
»Die so langweilig ist wie ich?«
Jasmin lachte hellauf, und wieder richteten sich alle Blicke auf sie. Neben ihrer Schönheit wirkte er wirklich ein bisserl blass.
»Das hast jetzt du gesagt, mein Lieber.« In ihrem Blick lag unverhohlenes Mitleid. »Vielleicht gehst du einfach mal ein bisserl aus dir heraus. Probierst was Neues aus. Bleib net immer in alten Gewohnheiten stecken. Und vor allem: Sieh net überall Risiken. Net alles, was schiefgehen kann, passiert auch gleich. Sei mal spontan! Dann klappt das schon.«
Autsch. Das hatte gesessen.
Lars schwirrte der Kopf von all den offenen und versteckten Vorwürfen, die in diesem kleinen Vortrag mitschwangen. So engstirnig, langweilig und verklemmt kam er rüber?
Doch Jasmin war noch immer nicht fertig. Ihr seidiges, blondes Haar nach hinten streichend, schenkte sie ihm ein überlegenes Lächeln.
»Ich für meinen Teil werd jetzt erst einmal meine Freiheit genießen und ein bisserl erkunden, was derzeit in der Kunstwelt so abgeht.«
Lars nickte, als verstehe er, worauf sie hinauswollte. Dabei war Jasmin zwar eine fleißige Theaterbesucherin, beruflich hatte sie jedoch kaum mit Kultur zu tun. Sie war Sachbearbeiterin in einer Anwaltskanzlei.
»Du musst dich bei mir ganz schön eingesperrt gefühlt haben«, antwortete er spitz, obwohl er genau wusste, dass er sie nie davon abgehalten hatte, eine Ausstellung zu besuchen. Er war bloß nicht mitgekommen.
Sie nahm einen Schluck von ihrem sündhaft teuren Weißwein. »Na ja, ein bisserl schon.«
Und da reichte es ihm.
Unwillig sah er sich um. Das war das teuerste Restaurant in ganz Linz. Die Bedienung trug Uniformen, in denen andere in die Oper gingen. Die Tische waren eingedeckt, als hätte der österreichische Adel darauf seine Vorräte an Damast, Kristall und Tafelsilber ausgeleert. Die Preise waren so astronomisch, dass ihm kurz die Spucke weggeblieben war, als eine Kellnerin ihm die Speisekarte gereicht hatte.
Es war Jasmins Wunsch gewesen, hier zu speisen, und normalerweise hätte er später bezahlt.
»Herr Ober«, rief Lars einem plötzlichen Impuls folgend. »Wir möchten unsere Bestellung zurücknehmen.«
Der Kellner wirkte verstimmt, die Gäste am Nachbartisch in ihrer gedämpften Ruhe gestört. Aber das war es Lars wert, als er in Jasmin entsetztes Gesicht blickte.
»Ich bitt dich, Lars, mach doch hier keine Szene.«
