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Die erfolgreiche Wiener Wirtschaftsjuristin Nele Moosbacher ist ein St. Christopher Madel, aufgewachsen auf einem ehemaligen Bergbauernhof etwas außerhalb. Den hat ihre Mutter Edda Moosbacher schon vor ihrer Geburt in einen Lebenshof für gerettete Tiere aus schlechter Haltung umgewandelt. Es war Eddas Lebenswerk. Durch die viele Arbeit hat sie nicht nur nie eine längere Beziehung gehabt, sondern auch Nele als Kind immer das Gefühl gegeben, bei einer abwesenden Mutter aufzuwachsen. Sobald sie alt genug war, ist Nele fortgegangen und hat sich ein Leben fernab des Tierschutzes aufgebaut.
Nun kehrt sie zurück, weil ihre Mutter gestorben ist. Nele muss das Erbe regeln, will den Hof aber auf keinen Fall behalten. Auf dem Lebenshof trifft sie auf den attraktiven Tim Brauckmann, der seit Eddas Erkrankung die Verwaltung übernommen hat. Tim ist unglaublich wütend über Neles Verkaufspläne. Er will alles dafür tun, dass Eddas Lebenswerk erhalten bleibt. Und so tritt Tim eine regelrechte Kampagne unter den Dorfbewohnern los, die er schon bald darauf bereut ...
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Von Frühlingsboten und Glücksbringern
Vorschau
Impressum
Von Frühlingsboten und Glücksbringern
Romantischer Osterroman aus dem Berghotel
Von Verena Kufsteiner
Die erfolgreiche Wiener Wirtschaftsjuristin Nele Moosbacher ist ein St. Christopher Madel, aufgewachsen auf einem ehemaligen Bergbauernhof etwas außerhalb. Den hat ihre Mutter Edda Moosbacher schon vor ihrer Geburt in einen Lebenshof für gerettete Tiere aus schlechter Haltung umgewandelt. Es war Eddas Lebenswerk. Durch die viele Arbeit hat sie nicht nur nie eine längere Beziehung gehabt, sondern auch Nele als Kind immer das Gefühl gegeben, bei einer abwesenden Mutter aufzuwachsen. Sobald sie alt genug war, ist Nele fortgegangen und hat sich ein Leben fernab des Tierschutzes aufgebaut.
Nun kehrt sie zurück, weil ihre Mutter gestorben ist. Nele muss das Erbe regeln, will den Hof aber auf keinen Fall behalten. Auf dem Lebenshof trifft sie auf den attraktiven Tim Brauckmann, der seit Eddas Erkrankung die Verwaltung übernommen hat. Tim ist unglaublich wütend über Neles Verkaufspläne. Er will alles dafür tun, dass Eddas Lebenswerk erhalten bleibt. Und so tritt Tim eine regelrechte Kampagne unter den Dorfbewohnern los, die er schon bald darauf bereut ...
Zwanzig Jahre zuvor ...
Auf dem »Lebenshof für notleidende Tiere« in St. Christoph wohnte neuerdings eine Meerschweinchengruppe in einer umfunktionierten Pferdebox im Stall. Die verängstigten Nager waren vom Tierschutz aus einem verdreckten Käfig gerettet worden, wo sie dicht gedrängt zu zwanzig Tieren gesessen und sich aus purer Verzweiflung gegenseitig verletzt hatten. Nun wollte sie Edda Moosbacher, die Gründerin des Lebenshofs, in einem luftigen, sauberen Stall mit unzähligen Versteckmöglichkeiten für ihr bisheriges Dasein entschädigen.
Zwei jedoch musste sie mit ins Wohnhaus nehmen. Fluffi und Knuddel hatten sich unter den schlechten Bedingungen eine schlimme Infektion eingefangen, die es dringend zu behandeln galt. Sie lagen apathisch in ihren Häuserln auf weicher Baumwolle und sahen so bemitleidenswert aus, dass Eddas elfjährige Tochter Nele gar nicht zur Schule gehen mochte. Aus Angst, sie könnten nach Schulschluss nicht mehr da sein.
»Meinst du, sie werden es schaffen?«, fragte sie besorgt und sah ihre Mutter aus großen, hellblauen Augen an.
Auf einem Lebenshof aufzuwachsen, wo Tiere eine zweite Chance bekamen, denen es bisher schlecht ergangen war, konnte für das Madel nicht immer leicht sein. Nele hatte ein großes Herz, und die vielen Tierschicksale gingen ihr sehr nahe. So, wie das des herzigen Dackelmischlings, den sie letzten Monat mit einem Hunderollstuhl ausgestattet hatten, weil seine Hinterläufe gebrochen und schlecht wieder zusammengewachsen waren.
Manches Mal spürte Edda, dass es für Nele zu viel war, was sie mitansehen musste. Doch es war Eddas Lebensaufgabe, den Tieren zu helfen. Sie hatte diesen Hof schon vor Neles Geburt gekauft und tiergerecht ausgebaut.
So ging es nicht anders: Ihre Tochter wurde zwischen verletzten und gebrechlichen Tieren groß. Es würde sie stark und verantwortungsbewusst machen, hoffte Edda, denn wenn sie ihrem einzigen Kind etwas mitgeben konnte, dann war es der Respekt vor den Tieren. Keine Katze, kein Schaf, kein Kaninchen musste auf dem Lebenshof leiden. Sie bekamen, was sie benötigten, und wurden liebevoll begleitet, wenn alle Mühe nicht half und sie sich verabschieden mussten.
So wie diese beiden Meerschweinchen, deren milchige Augen und struppig-verklebtes Fell andeuteten, wie schwer sie es hatten. Edda versuchte seit Tagen verzweifelt, sie zu retten. Fütterte sie alle zwei Stunden mit einer Plastikspritze und versorgte ihre Wunden. Doch sobald Nele in der Schule war, würde der Tierarzt kommen, und Edda ahnte, welches Urteil er sprechen musste.
»Ich glaub's, ehrlich gesagt, net«, gab sie zu. Ihrer Nele konnte sie ohnehin nichts vormachen. Das Madel hatte gute Antennen und witterte eine Lüge auf neun Kilometer Entfernung. »Ich hab immer noch Hoffung, aber die beiden leiden schon sehr.«
Nele presste die Lippen zusammen und ließ das kinnlange Haar ins Gesicht fallen. Es war ihre Art, nicht zu zeigen, wenn sie weinen musste.
»Das hab ich mir auch schon gedenkt. Die armen Schnufferl.«
Sie griff in die Bauchtasche ihrer Latzhose, die langsam zu klein wurde. Höchste Zeit, mal wieder nach Mayrhofen zum Einkaufen zu fahren, dachte Edda mit schlechtem Gewissen. Doch bei den vielen Notfellen im Moment fiel es schwer sich freizumachen, um ihre Tochter neu einzukleiden.
Allerdings war Nele geduldig. Und lieb, wie Edda im nächsten Moment wieder feststellte. Sie hatte für die beiden winzigen Tiere Sorgenpüpperl aus Wolle und Pfeifenreiniger gebastelt. Zwei puschelige, in Meerschweinchenform zurechtgebogene Pompons als Glücksbringer für kleine Kämpfer.
Das machte sie immer so. In Eddas unterster Schreibtischschublade im Hofbüro lag eine ganze Auswahl an Glücksbringern für Sorgentiere. Sie vermutete, dass es Nele half, sich nicht ganz so machtlos zu fühlen. Wenn sie Glücksbringer bastelte, hatte sie etwas für die Tiere getan, bevor sie eingeschläfert wurden. Und auch Edda rührte es an, wie sehr ihre Tochter sich bemühte.
»Die sind wunderhübsch, Nele«, lobte sie und küsste ein Tränchen weg, das ihrer Tochter nun doch entwischt war und über die Wange kullerte. »Da werden Fluffi und Knuddel sich sicher gleich wohlerfühlen.«
Sie steckte die Meerschweinchen-Pompons an die Gitterstäbe.
»Passt du gut auf sie auf?«, flüsterte Nele.
Edda strich ihrer Tochter durchs glatte, blonde Haar. So aufmüpfig das Madel in letzter Zeit auch gewesen war, weil sich langsam die Pubertät ankündigte, so rein war noch immer ihr Herz.
»Freilich. Ich lass sie keinen Moment aus den Augen. Sie haben mich an ihrer Seite und werden friedlich einschlafen, wenn der Tierarzt es für nötig hält. Das versprech ich dir hoch und heilig.«
Nele nickte, ließ wieder das Haar ins Gesicht fallen und warf durch die dichten Strähnen hindurch einen letzten Blick auf die stillen Meerschweinchen, denen das Leben viel zu viel zugemutet hatte.
»Dann geh ich jetzt in die Schule.« Ihre Stimme klang brüchig und rau.
Irgendwann würde sie abhärten, dachte Edda. Das musste sie, um auf dem Lebenshof bestehen zu können. Hier trug jedes Tier Narben aus einem früheren Leben mit sich herum.
Doch Abschied zu nehmen, fiel schwer. Da ging es Edda kaum anders. Jeder Verlust machte noch einmal deutlich, wie endlich das Leben doch war. Eines Tages würden auch Edda und Nele sich trennen, und das jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Was sollte dann aus dem Madel werden?
Neles Vater war unbekannt. Bei all der Mühe, den alten Bergbauernhof im stillen, gemütlichen St. Christoph abseits des Zillertals zum Lebenshof umzugestalten, war keine Zeit geblieben für feste Bindungen. Edda war auch nicht der Typ Frau für eine langfristige Beziehung. Sie war ein Freigeist, eine Macherin, die ihren Lebenstraum lebte und finanzielle und praktische Hürden allein nahm. Ein Mann wäre da nur im Weg gewesen.
Das bedeutete andererseits aber auch, dass Nele und sie allein lebten. Edda war Neles Bezugsperson. Sie war Mutter und Vater in einem, kochte, putzte – soweit die Arbeit es zuließ – und reparierte Fahrzeuge und Gerätschaften, die auf dem Hof benötigt wurden. Welche Aufgaben auch anfielen, ob typisch männlich oder eher was für Frauen, Edda erfüllte sie alle mit Tatkraft und Kompetenz.
Je älter Nele wurde, desto selbstständiger wurde freilich auch das Madel. Inzwischen brachte sie sich im Haushalt ein, versorgte die Tiere zuverlässig und schaffte alles Schulische ganz ohne Hilfe. Doch sollte Edda einmal nicht mehr da sein, wäre Nele auf sich gestellt. Dann würde diese kräftige Zwei-Frauen-Wirtschaft in ihrem Hause sich rächen.
Das Einzige, was Edda ihr dafür mitgeben konnte, war eine gesunde Portion Eigenverantwortung und Selbstvertrauen. Wenn das Madel so tatkräftig und stark wurde wie sie selbst, konnte das Leben ihr nicht allzu viel anhaben.
Sie drückte ihrer Tochter einen Kuss auf den Scheitel.
»Halt die Ohren steif«, sagte sie – halb zu Nele und halb zu sich selbst. Dann reichte sie ihrer Tochter den Ranzen und schob sie sanft zur Tür hinaus. »Zeit, zur Schule zu flitzen.«
Sobald Nele durchs Hoftor verschwunden war, lief Edda zurück in die Wohnstube. Fluffi und Knuddel mussten umgebettet werden. Ihr Käfig sollte gereinigt und sterilisiert sein, bevor der Tierarzt kam. Danach gab es eine weitere Ration verdünnten Karottenbreis, den die beiden ja doch nicht bei sich behielten.
Was half es, sich mit trüben Gedanken um die Zukunft zu quälen? Egal, was später einmal werden würde: Nele ging auf dem Lebenshof durch eine harte Schule, ohne Vater und mit einer Mutter, die viel zu viel arbeitete. Das machte sie unweigerlich stark.
Also schüttelte Edda die mütterlichen Sorgen ab und konzentrierte sich auf das Naheliegende. Schließlich warteten nach Fluffi und Knuddel noch Schafe, Ponys, Hunde, Katzen, Hühner und ein verhaltensauffälliger Hahn auf die morgendliche Futterration.
Sie hatten kein Geld für einen Knecht oder weitere Helfer, und die Freiwilligen aus dem Dorf hatten vormittags nie Zeit. Da konnte sie die Hände nicht einfach in den Schoß legen und grübeln. Sie musste sich voll auf die Arbeit konzentrieren.
Und tatsächlich tat sie es gern.
Für die Tiere und das gute Gefühl, jeden Tag etwas zu bewirken.
***
Jetzt – zwanzig Jahre später
Widersprüchliche Gefühle stürmten auf Nele ein, als sie mit dem Auto das Ortseingangsschild »St. Christoph« passierte. Ausgerechnet zu Aschermittwoch, einem Tag, der ohnehin an die eigene Sterblichkeit erinnerte.
Seit Jahren lebte sie als erfolgreiche Wirtschaftsjuristin in Wien. Sie arbeitete in einem internationalen Unternehmen, machte Verträge, hetzte von Termin zu Termin und führte ein Leben, das mit dem beschaulichen St. Christoph nichts mehr gemein hatte. Erst recht nicht mit dem Lebenshof ihrer Mutter.
Wenn, dann spendete sie höchstens einmal einen größeren Betrag an eine zuverlässige Tierschutzorganisation, um ihr Gewissen zu erleichtern.
Neles Leben war anders. Sie wohnte in der Großstadt und tat nichts, was sie an St. Christoph erinnerte. Mit voller Absicht.
Sie war eine professionelle, stets gut gekleidete, selbstbewusste Frau von einunddreißig Jahren.
Doch nun, während sie auf den Kiesparkplatz des Sporthotels »Am Sonnenhang« fuhr und einen Blick über die Weite des ruhigen, grünen Tals gleiten ließ, mutierte sie wieder zum deprimierten Teenager-Madel, das nur noch auf die Matura wartete, um endlich fortgehen zu können. All die Gefühle von damals waren zurück, als hätten sie jahrelang nur unter der Oberfläche geschlafen.
Sich müde die Stirn reibend, blieb sie noch einen Moment hinter dem Lenkrad sitzen, suchte den Lebenshof auf der anderen Seite des Tals, erahnte Ponys oder Ziegen auf der stallnahen Koppel und nahm in sich auf, wie die Berge im Hintergrund über das Wohl von Eddas Schützlingen wachten.
Das mussten sie auch, denn Edda war tot, und die Tiere würden ein weiteres Mal ihr Zuhause verlieren. Seufzend zog Nele den eleganten schwarzen Mantel enger um sich.
Es war nicht so, dass Nele nicht trauerte. Vor einem Monat war ihre Mutter gestorben! Wer wäre nicht traurig? Doch irgendwie fand sie keine Tränen in sich.
Wahrscheinlich hatte sie einfach zu viel Übung darin, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.
Viel zu lange war sie nicht mehr hier in St. Christoph gewesen. Freilich hatte sie mit ihrer Mutter ab und an am Telefon gesprochen, doch dann war es bei belanglosem Smalltalk geblieben, und sobald Edda von den Tieren angefangen hatte, war das Interesse in Nele versiegt. Automatisch hatte sie einen Weg gesucht, das Gespräch schnellstmöglich zu beenden.
Dass ihre Mutter jetzt tot war, kam ihr absurd vor. Edda war immer in St. Christoph gewesen. Wie ein unerschütterlicher, ewig fortbestehender Fels in der Berglandschaft. Wie konnte sie jetzt nicht mehr da sein?
Unwillig schüttelte Nele den Kopf, strich sich das lange, blonde Haar aus dem Gesicht, und kontrollierte ihr Make-up im Spiegel.
Für wen sie sich hübsch machte, wusste sie allerdings nicht. Es gab niemanden in St. Christoph, den sie hätte beeindrucken wollen. Und dennoch musste sie durchatmen, bevor sie aus dem Auto stieg und die teure Reisetasche aus dem Kofferraum hob.
Auf dieses Gefühl, alles noch immer genau zu kennen, war sie nicht vorbereitet gewesen. Jeder Felsen, jeder Baum am Wegesrand auf der Herfahrt war ihr vertraut vorgekommen ... Es nahm ihr beinahe den Atem. Alles in St. Christoph steckte voller Kindheitserinnerungen – und war gleichzeitig so fremd, dass sie nicht wusste, wo sie sich gerade befand. War das die Realität oder nur ein alter, wiederkehrender Traum, den ihre Trauer wieder an die Oberfläche gebracht hatte?
Und dann der Lebenshof. Dort würde sie morgen Vormittag hinfahren, um in Eddas Büro nach den Unterlagen zu suchen. Das Erbe zu regeln, war reine Formalität, da Nele die einzige Hinterbliebene war. Und dennoch würde es gar nicht so leicht werden, denn ihre Mutter hatte kein Testament hinterlassen. Die chaotische Edda hatte für ihren Tod nicht vorgesorgt, obwohl sie – wie Nele erst im Nachhinein erfahren hatte – seit Monaten krank gewesen war. Ihrer Tochter hatte sie lange kein Wort gesagt.
Seufzend legte Nele den Gurt der Reisetasche über ihre Schulter und trat durch die Eingangstür ins Innere des Hotels.
Hier herrschte eine ruhige, warme Atmosphäre. Eine Wohltat bei all den bitteren Gefühlen in Neles Bauch. Wut, Verunsicherung, Unglaube ... Sie wusste selbst nicht so recht, was sie empfand. Nur, dass sie sich für den Hof ihrer Mutter noch nicht bereit fühlte. Darum hatte sie sich im Sporthotel »Am Sonnenhang« eingebucht, dem einzigen Hotel in St. Christoph.
Sie sog den würzigen Duft der Zirbelholzeinrichtung ein, ließ ihren Blick durch den hellen Raum schweifen, über die rot-weiß-karierten Vorhänge an den Sprossenfenstern, gemütliche Sesseln, die um ein kleines Tischerl gruppiert waren, bunte Teppichen auf dem Boden und geschmackvolle Blumenarrangements auf halbhohen Bauernschränken.
Die Inhaberin Hedi Kastler erwartete sie am langen Empfangstresen aus hellem Holz. Mit einem herzlichen Lächeln sah sie Nele entgegen. Die blondierten Haare schimmerten über dem moosgrünen Dirndl mit rosa Schürze. Nele erinnerte sich an Hedi. Sie war schon immer nett und ausgesprochen zuvorkommend gewesen. Ein herzlicher Mensch, bei der sich jeder sofort wohlfühlen musste.
»Grüß dich, Nele«, wurde sie auch gleich empfangen, und Hedi kam um den Tresen herum, um beide Hände an ihre Schultern zu legen. »Mei, was hab ich dich lang net gesehen! Gut schaust du aus. So elegant und erwachsen.«
»Dank dir. Das Kompliment geb ich aber gleich zurück. Mitte vierzig, gell? Schaust eher aus wie Anfang zwanzig.«
Hedi lachte. »Das ist gelogen, aber ich freu mich trotzdem.« Dann wurde ihre Miene ernster. »Das mit deiner Mutter dauert mich sehr. Am End ging alles so schnell. Damit hat keiner gerechnet. Sie hat's ja auch keinem erzählt. Wir im Dorf haben sie sehr geschätzt, deine Mutter. Eine starke Persönlichkeit und ein toller Mensch!«
Nele schluckte und schaffte irgendwie, den Stich in ihrem Magen zu ignorieren.
»Ja, das war sie. Man könnt aber auch sagen, ein echter Dickschädel.«
Ein wenig nervös nestelte sie an ihrer Tasche herum. Das Gespräch war ihr unangenehm, und sie wusste nicht, wie reagieren. Wahrscheinlich müsste sie trauern. Mehr Tränen vergießen und nicht so gefasst sein. Am Boden zerstört. Doch hier stand sie und spürte nur Wut und eine Art Losgelöstheit von allem, was ihre Mutter betraf. Ratlosigkeit. Edda und sie waren sich schon lange nicht mehr sehr nahe gewesen. Seit ihrem Auszug hatte Nele den Kontakt auf das Minimum reduziert.
»Sie hat Unglaubliches für die Tiere geleistet«, lobte Hedi und sah Nele an, als müsste sie stolz auf ihre Mutter sein.
Stattdessen erinnerte sie sich daran, wie einsam sie in ihrer Jugend gewesen war. Ja, Edda hatte viel getan, vielleicht sogar zu viel. Tag ein, Tag aus und oft sogar nachts hatte sie sich um die geliebten Tiere gekümmert. Über all die Arbeit hatte sie allerdings vergessen, dass sie auch noch ein Tochter hatte. Nele hätte krank vor ihr stehen, verzweifelt um sich schlagen können, und Edda hätte sie dennoch nicht wahrgenommen.
