Das Berghotel 269 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 269 E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Rosemarie Rautenberg steht vor dem Haus ihrer Kindheit in einem kleinen Weiler von St. Christoph. Die Mittvierzigerin spürt, wie eine Flutwelle an Erinnerungen sie überschwemmt. Schöne Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend hat die heutige Wienerin wenige. Ihr Großvater war ein strenger und herrschsüchtiger Mann, der nicht nur ihr, sondern auch allen Mitmenschen das Leben schwermachte. Rosemaries einziger Lichtblick war die Liebe zu Nachbarsjungen Bernhard. Heimlich besuchte er sie nachts in ihrem kleinen Mansardenzimmer und kletterte über eine morsche Leiter zu ihr hinein.
Doch weil Rosemarie wusste, dass der Großvater ihre Liebe niemals gutheißen würde, floh sie vor fünfundzwanzig Jahren über Nacht und ließ Bernhard zurück. Erst Wochen danach merkte sie, dass sie schwanger war. Sie heiratete Jahre später einen reichen älteren Mann und ist heute eine überaus wohlhabende Witwe.
Nun hat sie sich aus sentimentalen Gründen entschieden, dass Haus ihrer Kindheit zu restaurieren und hat das Architektenbüro von Bernd Bachler in Mayrhofen engagiert. Es wird Zeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, denkt sie, und während sie vor dem Haus auf den Architekten wartet, ahnt sie noch nicht, dass ihr gleich eine herzzerreißende Begegnung bevorsteht ...


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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Verbotener Besuch

Vorschau

Impressum

Verbotener Besuch

Heimatroman um eine Liebe, die nicht sein durfte

Von Verena Kufsteiner

Rosemarie Rautenberg steht vor dem Haus ihrer Kindheit in einem kleinen Weiler von St. Christoph. Die Mittvierzigerin spürt, wie eine Flutwelle an Erinnerungen sie überschwemmt. Schöne Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend hat die heutige Wienerin wenige. Ihr Großvater war ein strenger und herrschsüchtiger Mann, der nicht nur ihr, sondern auch allen Mitmenschen das Leben schwermachte. Rosemaries einziger Lichtblick war die Liebe zu Nachbarsjungen Bernhard. Heimlich besuchte er sie nachts in ihrem kleinen Mansardenzimmer und kletterte über eine morsche Leiter zu ihr hinein.

Doch weil Rosemarie wusste, dass der Großvater ihre Liebe niemals gutheißen würde, floh sie vor fünfundzwanzig Jahren über Nacht und ließ Bernhard zurück. Erst Wochen danach merkte sie, dass sie schwanger war. Sie heiratete Jahre später einen reichen älteren Mann und ist heute eine überaus wohlhabende Witwe.

Nun hat sie sich aus sentimentalen Gründen entschieden, dass Haus ihrer Kindheit zu restaurieren und hat das Architektenbüro von Bernd Bachler in Mayrhofen engagiert. Es wird Zeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, denkt sie, und während sie vor dem Haus auf den Architekten wartet, ahnt sie noch nicht, dass ihr gleich eine herzzerreißende Begegnung bevorsteht ...

»Ja, Anderl, was schleppst du dich denn so ab?«, fragte Hedi Kastler entsetzt, als sie vom Fenster des Frühstücksraums aus zuschaute, wie ihr Mann Andreas einen eingetopften Zitronenbaum vom Wintergarten ins Freie trug. »Nachher renkst du dir noch das Kreuz aus!« Die Chefin des Sporthotels »Am Sonnenhang« im malerischen Tiroler Zillertal konnte über die Umständlichkeit der Mannsbilder nur den Kopf schütteln. »Haben wir im Werkraum nicht eine Schubkarre herumstehen?«

»Ja eh, Spatzl, aber den braucht der Kroneder-Franz für das Bierfassl, das er an der Poolbar aufstellen will. Traust du es mir net zu, ein kleines Bäumerl zu tragen?«

Darüber behielt Hedi Kastler ihre Meinung lieber für sich. Sie war ja froh, dass der Andi so fleißig mitanpackte – letztendlich beruhte der Erfolg ihres Hotels ja genau darauf, dass sie sich beide nicht zu gut waren, mitzuhelfen, wo auch immer Not am Mann war. Die Arbeit wurde nun einmal schneller gemacht, wenn alle mit anpackten. Und letztendlich verschaffte der kollegiale Umgang mit dem Personal dem Ehepaar Kastler weit mehr Respekt, als wenn sie die Chefs herausgekehrt hätten. Die beiden dachten aber gar nicht darüber nach, denn sie waren einmal so.

»Weißt du, Anderl, ich tät unser Frühlingsfest am Abend dann auch gern genießen. Und ich hab mir halt vorgestellt, dass wir vielleicht sogar ein bisserl zum Tanzen kommen ...«, schmeichelte Hedi ihrem Gatten. »Aber wenn du dich jetzt so verausgabst, wird es sicher nichts mit unserem romantischen Frühlingstanz ...«

Andi Kastler richtete sich auf. Sein Kopf war von der Anstrengung hochrot. Er wischte sich die erdigen Finger in der ledernen Kniebundhose sauber und lächelte seiner Angetrauten zu.

»Ist schon recht, Hedi«, sagte er. »Nur noch das eine Bäumchen, weil ich schon dabei bin. Die anderen fünf hole ich nachher mit der Schubkarre. Es gibt ja sonst auch noch eine Menge zu tun! Fad wird mir schon net werden! Mach dir keine Sorgen: Auf unser Tänzchen würd ich nie verzichten wollen!«

Hedi schickte ihm ein Busserl durch das Fenster und wandte sich dann an die Küchenhilfe Sissi Zöllner: »Unsere Wiener Gäste sollten bald eintreffen. Deshalb möchte ich das Frühstücksbüffet noch eine halbe Stunde angerichtet lassen. Vielleicht haben die Damen und ihr Begleiter nach der Anreise ja Hunger! – Du weißt ja, Sissi, wie das ist, wenn die Stadtleut Bergluft schnuppern. Dann fängt gleich ihr Magen zu knurren an!«

»Ist recht, Frau Kastler«, entgegnete Sissi. Sie warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter, und vergewisserte sich, dass keiner der Gäste anwesend war, bevor sie fortfuhr: »Der Herr Flattermann hat ja ein ordentliches Schlachtfeld hinterlassen, da leg ich schnell ein frisches Tischtuch auf!«

»Aber Sissi«, mahnte Hedi, konnte sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Na ja«, sagte sie dann, als sie das Chaos sah, welches der deutsche Filmschauspieler Dirk Flattermann zwischen Eiern und Speck hinterlassen hatte. »Da war jemand aber wirklich sehr hungrig!«

»Hauptsache, den Gästen schmeckt's!«, rief der Kochlehrling Stefan Werninger durch die offene Küchentür heraus.

»Das ist richtig, Stefan«, meinte Hedi. »Und eines ist jedenfalls sicher: Dass sich der Herr Flattermann bei uns recht wohlzufühlen scheint. Er ist auch schon wieder fleißig am Trainieren«, stellte sie fest, nachdem sie durch die Terrassentür zu den Tennisplätzen hinüberschaute. Man sah zwei kleine weiße Gestalten hin- und herflitzen. »Der Lukas kommt ganz schön zum Einsatz«, lachte sie. »Na, das schadet unserem Sportlehrer aber nicht im Geringsten. Schließlich verträgt sich das kleine Bäucherl, das er sich über den Winter hat wachsen lassen, gar net gut mit seinem Image als Schwerenöter!«

»Stimmt es, Frau Kastler, dass der Herr Flattermann in seinem nächsten Film einen Tennisspieler darstellen wird?«, fragte das Küchenmädchen in schwärmerischem Tonfall.

Hedi Kastler nickte. »Den Björn Borg«, sagte sie. »Dafür muss er sich aber die Haare wachsen lassen. Blond sind sie ja schon von selber. Und an seinem Aufschlag muss er auch noch üben – gerade hat ihm der Lukas wieder einen Satz abgenommen!«

Hedi verließ den Frühstücksraum und wandte sich zur Rezeption. Hausdame Gerda Stahmer saß wie immer piekfein gekleidet hinter der Theke.

»Na, Gerda, wie es aussieht, bist du schon in Bereitschaft für unsere Gäste?«

»Ja. Wenn die Wiener gekommen sind, helf ich gleich bei den Vorbereitungen für das Fest mit. Ich rechne jede Minute, dass sie eintreffen.«

»Ich bin echt gespannt wie ein Gummiringerl«, sagte Hedi und schaute über die Schulter ihrer Rezeptionistin in das große, schwarze Buch mit dem goldenen Rücken. Gerda hatte ja ein Talent dafür, bei der telefonischen Anmeldung kleine Zusatzinformationen aus den Anrufern »herauszukitzeln«, und so gelang es der Belegschaft vom Hotel »Am Sonnenhang« immer wieder, die Gäste mit der Erfüllung von Wünschen zu überraschen, die nie geäußert worden waren.

»Frau Rosemarie Rautenberg mit Tochter Franziska«, las Hedi. »Herr Marko Pittinger, Anwalt. Sagt dir einer dieser Namen irgendetwas?«

Gerda schüttelte den Kopf und ihre mittellangen, perfekt geföhnten dunklen Haare hoben sich wie unter einem sanften Luftzug.

»Aber es sind sicherlich reiche Leute, immerhin haben sie im ersten Stock den ganzen rechten Flügel angemietet. Für drei Leute ist das echt viel Platz.«

»Uns soll's recht sein, Gerda. Ich schau dann einmal, dass ich weiterkomm'. Auf der Terrasse ist noch viel zu tun!«

Im Vorübergehen warf Hedi einen prüfenden Blick in den großen Wandspiegel. Ihre blonden Haare waren adrett zur Kranzelfrisur gesteckt, welche richtig gut zu ihrem Dirndl passte. Freilich besaß Hedi Kastler als moderne Frau Anfang vierzig auch Jeans, Turnschuhe, lässige Blusen und bunte T-Shirts. Am wohlsten fühlte sie sich aber in einem ihrer zahlreichen Dirndlkleidern. Weil die Tracht sowohl ihre Alltags-‍, als auch ihre Arbeitskleidung war, besaß Hedi Kastler eine ansehnliche Auswahl. Und weil sie sonst eine sehr bescheidene Frau war, die keine großen Ansprüche stellte, was Reisen und Schmuck betraf, hatte es sich eingespielt, dass der Kastler-Andi seine Hedi zu allen Anlässen in die feine Dirndlschneiderei nach Kufstein entführte. Da durfte sie sich dann ein neues Kleid nähen lassen, samt Schürze und tief dekolletierter weißer Bluse. Heute Morgen hatte sich die Hotelchefin für ein hellblaues Kleid mit grüner Schürze entschieden, dazu trug sie eine Dirndlbluse, wie es sich gehörte: mit Puffärmeln und einem tiefen, aber züchtigen Ausschnitt.

Nicht jeder Frau stand Trachtenmode, das stellte das Ehepaar Kastler beim sonntäglichen Kirchbesuch in St. Christoph immer wieder fest. Manche Damen wirkten darin richtiggehend verkleidet, vor allem die Auswärtigen. Hedi aber hatte die perfekte Figur, denn sie war nicht zu groß und ein klein wenig drall – eben grad so, dass es Kurven gab, die im Dirndlkleid gut zur Geltung kamen.

»Dirndlkleider sind nichts für Klappergestelle«, pflegte Andreas Kastler zu sagen, wenn er wohlwollend die kompakte Rückseite seiner Frau betrachtete. Was die Mode betraf – und nicht nur in dieser Hinsicht – war er die perfekte Ergänzung. Andis Kleidungsstil beschränkte sich meist auf lederne Kniebundhosen und rustikale Hemden für den Alltag sowie auf einen feschen Lodenanzug mit Hornknöpfen für feierliche Anlässe.

Sie waren ein hübsches Paar und auch schon ein ganzes Zeitl miteinander verheiratet. Schon als Jugendliche hatte man die beiden händchenhaltend durch St. Christoph flanieren sehen. Immerhin waren sie hier aufgewachsen.

St. Christoph, das war nicht nur für die beiden Kastlers der beste Ort zum Leben. Hier in einem ruhigen Seitenast des Zillertals ging es auch wirklich so gemütlich zu, dass man meinen könnte, die Uhren würden ein bisserl langsamer ticken. Dieser beschauliche Ort hatte sich inmitten einer wahren Naturidylle platziert. Das Dorf war von markanten Bergen umrahmt, rundherum lag viel Wald, und dennoch gab es hier alles, was man sich wünschen konnte: ein Wirtshaus, ein Hotel, eine hübsche Kirche mit goldenem Türmchen, und sogar einen Hügel, auf dessen Kuppe ein gelbes Barockschlössl thronte.

Hedi und Andi hatten das Hotel gemeinsam übernommen und ausgebaut und verbrachten hier auch ihre gesamte Zeit. Freilich besaßen sie ein kleines Häuschen am Ortsrand, aber hierher gingen sie nur zum Schlafen. Und das auch nicht immer.

Andreas Kastler hatte jetzt das Zitronenbäumchen abgestellt und half dem »Hausmeister« Kilian Garnreiter, im Biergarten zwischen den Kastanienbäumen Lichterketten zu spannen. Dabei brummte er mehr, als er summte, aber bei genauem Hinhören war es doch als Melodie zu erkennen, was da aus seinen Lippen strömte.

Für den Andi hätte es nicht so viele Festivitäten geben müssen, er hatte es gern gemütlich. Aber seine Hedi hatte nun einmal »Hummeln im Hintern« – und sie liebte es, im Hotel stets neue Themenfeste zu planen. Ob Weihnacht, Ostern oder Erntedank, ob irgendwelche Heiligen ihre Namen dafür hergaben oder schlicht die Ankunft des Frühlings gefeiert wurde – und wenn seine Hedi zufrieden war, dann war es der Andi auch. So einfach war das, was Außenstehende als das Geheimnis ihrer Ehe bestaunten.

»Schau nur, Kilian«, stellte Andi Kastler nun fest. »Die Kastanien haben angefangen zu blühen. Die wissen, was sich gehört und legen fürs Frühlingsfest die richtige Kleidung an!«

Kilian Garnreiter warf einen prüfenden Blick in die Baumkronen.

»Magst recht haben, Andi«, sagte er dann. Für einen wortkargen Gesellen wie ihn war das schon eine ordentliche Ansage. Mehr hatte Andi gar nicht von dem Mittfünfziger erwartet.

Wie die Kastanien zum Frühlingsfest, so war auch der pflichtbewusste Kilian stets dem Anlass entsprechend gekleidet. Manchmal war das eine Chauffeuruniform, dann wieder – wie gerade eben, wenn er im Hotelgarten werkelte – ein grüner Overall.

Als die Sonne den Andi im Gesicht kitzelte, spürte er, wie er sich auf das abendliche Ereignis zu freuen begann. Neuerlich drängte es ihn, drauflos zu singen. Aber aus Rücksicht auf Kilian spitzte er lieber die Lippen und verlegte sich darauf, das Liedl zu pfeifen.

***

Rosemarie Rautenberg beobachtete aus dem Autofenster, wie sich die Landschaft veränderte. Vom lebhaften Getümmel der Wiener Straßen zum monotonen grauen Band der Autobahn bis zur gewundenen Bergstraße, die von idyllischen Bauernhöfen gesäumt war. Als hätte sich die Natur mit jedem Kilometer, den sie zurücklegten, mehr durchgesetzt! Wie grün draußen alles leuchtete!

Damals, dachte Rosemarie, hatte sie es genau umgekehrt erlebt. Damals – das war vor fünfundzwanzig Jahren, als sie fluchtartig und im dämmernden Morgengrauen ihre Tiroler Heimat verlassen hatte, um in der Großstadt ein neues Leben anzufangen.

War ich damals ebenso nervös gewesen?, fragte sich Rosemarie und massierte sich die verspannte linke Schulter. Sie erinnerte sich nicht. Seitdem war so viel passiert, dass sich die Vergangenheit verbarg wie in einem Nebel.

Rosemarie lehnte das Gesicht gegen die kühle, sanft im Fahrtrhythmus rüttelnde Fensterscheibe und lehnte sich auf der Rückbank des Wagens zurück. Bald würde auf der rechten Seite die Tankstelle kommen, danach das Schild, welches die Abzweigung ankündigte, dann die Straßenkreuzung. Obwohl ... so viel hatte sich verändert, selbst die Häuser, die sie noch erkannte, trugen neue Gesichter. Die Fassaden waren entweder frisch verputzt oder verfallen. Das Wirtshaus am Rand von Mayrhofen hatte nun einen prächtigen Anbau, das Gemeindeamt eine neue Farbe, und vor dem Postamt gab es einen großflächigen Parkplatz. – Rosemarie stellte fest, dass sie ihren »Urlaub« jetzt schon anstrengend fand.

Vorn stritten die Kinder: Rosemaries vierundzwanzigjährige Tochter Franziska und ihr Verlobter Marko, der am Steuer saß. Wie üblich kommentierte der junge Mann Franziskas hektische Anschuldigungen nur mit einem duldsamen Brummen. Seine Gelassenheit war der einzige Grund, warum die Verlobung der beiden noch hielt – aber diese »Gemütsruhe« trug andererseits auch nicht dazu bei, dass sich jemals etwas änderte.

Wie oft wünschte sich Rosemarie, einzugreifen. Gern würde sie die beiden an der Hand nehmen wie kleine Kinder und ihnen einmal gehörig die Leviten lesen. Sei nicht so ein zickiges Gör!, würde sie ihrer Tochter gern sagen. Lass nicht alles an dir abprallen!, wäre ihr Rat für Marko.

Rosemarie hielt sich aber stets zurück, denn sie wusste, dass es ihr nicht zustand, andere zu belehren oder gar zu kritisieren. Sie hatte ihr Leben doch auch nicht besser gemeistert. Dass sie heute als wohlhabende Frau in die alte Heimat zurückkehrte, hatte sie bloß dem Zufall eines reichen Ehemanns zu verdanken. Otto war ein guter Mann gewesen, anständig und großzügig, und sie hatte ihn in gewisser Weise sogar geliebt. Mehr noch als ihn selbst hatte sie jedoch das Heim geschätzt, das er ihr geboten hatte, und seine Vernarrtheit in die kleine Franziska hatte sie bezaubernd gefunden. Dafür hatte sie eben auf so manches andere verzichtet. Nun, man konnte nicht alles haben, und heute, als Witwe mit einer erwachsenen Tochter, erntete Rosemarie den Lohn für so manchen Verzicht. Sie war unabhängig und frei. Ihre Tochter war einigermaßen gut geraten, auch wenn Otto das Kind eindeutig zu sehr verwöhnt hatte.

Heute fühlte sich Rosemarie stark genug, um endlich auch den letzten Restposten ihres alten Lebens zu bereinigen. Es galt, ihr altes Elternhaus, in dem sie zwanzig Jahre lang gelebt hatte, neuerlich in Besitz zu nehmen.