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Als der Gast Georg Haslinger im Berghotel ankommt, freut sich Hedi Kastler: Den jungen Mann kennt sie doch! Die Hotelchefin vergisst selten ein Gesicht, schon gar nicht, wenn der betreffende Gast einst im Hotel seine Hochzeit gefeiert hat. Hedi erinnert sich gut an das rauschende Fest von Georg und Tamara Haslinger vor vier Jahren. Freudig fragt sie ihn jetzt also nach seiner Frau. Georgs Gesichtszüge frieren ein: Er klärt Hedi darüber auf, dass er alleine angereist ist, denn Tamara ist nach einem schlimmen Autounfall verstorben. Er ist nun ins Zillertal zurückgekehrt, um bittersüßen Erinnerungen nachzuhängen.
Traurig spaziert Georg eines Nachmittags am Ufer des Kuckuckssees entlang, wo er auch damals viel Zeit mit Tamara verbracht hat. Spontan schreibt er seine traurigen Gedanken und einige der Dinge, die er noch mit ihr hatte erleben wollen, auf einen Zettel. Es ist eine Art Brief an seine verstorbene Frau, den er in eine Glasflasche steckt und in den See wirft. Einen Tag später ist es Amelie, ein Madel aus St. Christoph, die die Flaschenpost findet. Als sie die Zeilen aber liest, wir ihr das Herz ganz schwer vor Mitleid mit dem tieftraurigen Witwer. Spontan beschließt sie, ihm zu helfen. Aber wie soll sie ihn finden?
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Plötzlich allein
Vorschau
Impressum
Plötzlich allein
Wie Witwer Georg mit seinem Verlust hadert
Von Verena Kufsteiner
Als der Gast Georg Haslinger im Berghotel ankommt, freut sich Hedi Kastler: Den jungen Mann kennt sie doch! Die Hotelchefin vergisst selten ein Gesicht, schon gar nicht, wenn der betreffende Gast einst im Hotel seine Hochzeit gefeiert hat. Hedi erinnert sich gut an das rauschende Fest von Georg und Tamara Haslinger vor vier Jahren. Freudig fragt sie ihn jetzt also nach seiner Frau. Georgs Gesichtszüge frieren ein: Er klärt Hedi darüber auf, dass er alleine angereist ist, denn Tamara ist nach einem schlimmen Autounfall verstorben. Er ist nun ins Zillertal zurückgekehrt, um bittersüßen Erinnerungen nachzuhängen.
Traurig spaziert Georg eines Nachmittags am Ufer des Kuckuckssees entlang, wo er auch damals viel Zeit mit Tamara verbracht hat. Spontan schreibt er seine traurigen Gedanken und einige der Dinge, die er noch mit ihr hatte erleben wollen, auf einen Zettel. Es ist eine Art Brief an seine verstorbene Frau, den er in eine Glasflasche steckt und in den See wirft. Einen Tag später ist es Amelie, ein Madel aus St. Christoph, die die Flaschenpost findet. Als sie die Zeilen aber liest, wird ihr das Herz ganz schwer vor Mitleid mit dem tieftraurigen Witwer. Spontan beschließt sie, ihm zu helfen. Aber wie soll sie ihn finden?
Fröhlich pfiff Hedi Kastler bei der Arbeit vor sich hin. Die Chefin des Sporthotel »Am Sonnenhang«, das in St. Christoph im Zillertal nur als das Berghotel bekannt war, liebte ihre Arbeit. Der Papierkram, um den sie sich gerade kümmern musste, war zwar nicht ihre liebste Aufgabe, aber nebenbei betraten immer wieder Gäste die Hotellobby, wollten einchecken, hatten Fragen zu Ausflugszielen oder andere Anliegen, riefen and und baten um eine Zimmerreservierung.
Das war der Teil ihrer Arbeit, der ihr wirklich Spaß machte: Mit den Gästen zu interagieren. Es erfüllte sie mit unglaublichem Stolz, zu sehen, wie wohl sich die Leute hier im Hotel fühlten, das Hedi gemeinsam mit ihrem Mann Andreas voll Liebe und Hingabe führte. Es war ihr gemeinsames Herzensprojekt.
Durch die Fenster strömte warme Sommerluft herein. Die laue Brise trug den Duft von frisch gemähtem Heu und Wiesenblumen in sich. Sogar Vogelgezwitscher konnte Hedi hören.
»Sapperlott«, rief sie bestürzt aus, als sich ein kleines Vogerl zum Fenster herein verirrte und hektisch durch den Eingangsbereich des Hotels flatterte.
»Was ist denn los, Frau Kastler?«
Der Garnreiter-Kilian, der im Hotel alle möglichen anfallenden Arbeiten erledigte und beispielsweise Gäste, die ohne Auto und mit der Bahn anreisten, vom Bahnhof abholte, schaute sie fragend an. Er war soeben zur Rezeption gekommen, in seine adrette Chauffeurs-Uniform gekleidet, und hatte sich auf den Weg nach Mayrhofen machen wollen. Dort befand sich nämlich der nächstgelegene Bahnhof. Heute wurden zwei neue Gäste erwartet, die mit dem Zug anreisten und darauf angewiesen waren, dass Kilian sie abholte. Als er jetzt aber den Ausruf seiner Chefin hörte, blieb er stehen und schaute fragend drein.
»Da, schau, es hat sich schon wieder ein Vogerl ins Haus verirrt.«
Sie deutete auf den kleinen Singvogel, der jetzt verängstigt mit den Flügeln schlug und nach einem Ausweg suchte.
Kilian war kein Mann vieler Worte, doch er hatte ein Herz aus Gold. Freilich nahm er sich Zeit, um dem kleinen Tier zu helfen. Mit rührender Geduld beförderte er den Vogel nach draußen ins Freie. Dann erst machte er sich auf den Weg zum Bahnhof.
Lächelnd schaute Hedi ihm hinterher. Nicht nur an den Gästen lag es, dass sie die Arbeit im Hotel so liebte. Nein, auch die Mitarbeiter trugen einen guten Teil dazu bei. Hedi und Andi legten viel Wert auf ein gutes, familiäres Miteinander. Jedermann fügte sich gut ins Team ein, sie alle arbeiteten glänzend zusammen und verstanden sich gut miteinander.
Im nächsten Augenblick betrat ein Gast die Hotellobby. Er steuerte direkt auf die Rezeption zu und riss Hedi damit aus ihren Gedanken. Sie setzte ihr schönstes Lächeln auf und war bereit, ihr übliches Begrüßungssatzerl aufzusagen und ihn herzlich im Zillertal willkommen zu heißen. Doch da weiteten sich ihre Augen. Sie kannte ihn!
Die Hotelchefin vergaß selten ein Gesicht, das sie einmal gesehen hatte. Sein Name war ihr bei der Buchung schon bekannt vorgekommen, doch da hatte sie ihn noch nicht so recht einordnen können. Immerhin spazierten hier Jahr für Jahr so viele Gäste ein und aus, dass niemand, der nicht einen Kopf wie ein Computer hatte, sich jeden einzelnen von ihnen hätte merken können. Aber als sie jetzt das passende Gesicht zum Namen sah, fiel jedes Teilchen an seinen Platz und sie konnte sich wieder erinnern.
»Herr Haslinger! Georg Haslinger, gell? Wie lang ist das denn her? Vier, fünf Jahre mögen's jetzt sein? Wie schön, dass es Sie wieder hierher ins Zillertal zieht.«
Suchend schaute sie über seine Schulter nach hinten zur Eingangstür. Gewiss war seine Frau Tamara noch beim Auto, würde aber auch jeden Augenblick hereinkommen.
Damals hatten Georg und Tamara Haslinger ihre Hochzeit hier im Berghotel gefeiert. Nachdem Hedi jetzt erkannt hatte, wer der Neuankömmling war, kehrten auch ihre übrigen Erinnerungen zurück. Ein rauschendes Fest war es gewesen, hundertfünfzig Gäste, die meisten aus der Familie der Braut, doch auch der Bräutigam hatte viele liebe Gäste auf seiner Seite gehabt. Es war geklotzt und nicht gekleckert worden.
»Was es kostet, ist nicht so wichtig, Hauptsache, Tamara ist glücklich. Wenn sie die kostspieligeren Blumen haben will, dann sollen es die eben sein, und zwar gern so viele wie möglich«, hatte Georg damals zu Hedi gesagt. Und dann hatte er lächelnd hinzugefügt: »Meine Zukünftige hat keinen günstigen Geschmack, das habe ich schon gelernt, aber was soll's? Sie soll die Hochzeit ihrer Träume haben, nein, was sage ich – das Leben ihrer Träume.«
Um so einen Mann beneideten Tamara sicherlich viele Frauen, hatte Hedi damals noch gedacht. Aber auch Georg hatte einen guten Fang gemacht. Tamara war selbst beruflich erfolgreich und noch dazu traumhaft schön mit ihren wallenden, schwarzen Haaren und den Katzenaugen. Kein Wunder, dass sie immer wieder Aufträge als Fotomodel hatte.
Mit einer Reisetasche, die er sich über die Schulter geworfen hatte, kam Georg auf die Rezeption zu. Immer noch war er ein fescher Mann, breitschultrig und braungebrannt, das dunkle Haar so voll wie eh und je. Doch um Augen und Mund lag ein müder, angespannter Zug, der damals noch nicht da gewesen war.
»Grüß Gott, Frau Kastler.« Sein Lächeln wirkte echt, aber es konnte die Traurigkeit in seinem Blick nicht verdrängen. »Dass Sie sich noch an mich erinnern. Sie müssen hier ja Tag für Tag mit so vielen Gästen zu tun haben.«
Sie schmunzelte. »Das stimmt wohl, und ich muss gestehen, ich hab ein paar Sekunden überlegen müssen. Aber ich vergess niemals einen Gast, schon gar net, wenn er hier geheiratet hat. Wie geht's denn Ihrer lieben Gattin, der wunderschönen Tamara?« Und wieder wanderte ihr Blick suchend zur Tür.
In dem Moment froren seine Gesichtszüge ein. Der Schmerz, der über seine Miene flackerte, war so eindringlich, dass Hedi bei diesem Anblick erschrocken zusammenzuckte.
»Ich bin allein angereist«, erklärte er und presste die Worte dabei mühsam hervor. »Meine Frau ...« Er brauchte einen Moment, musste sich kurz sammeln. »Tamara ist verstorben.«
Die Hotelchefin schnappte nach Luft. Die Worte trafen sie wie eine eiskalte Dusche. Ihr Blick schnellte zum Bildschirm des Computers an der Rezeption, wo jetzt die Zimmerbuchung aufschien, die Georg Haslinger getätigt hatte. Tatsächlich: Er hatte nur für eine Person reserviert. Und doch wollte Hedi gar nicht glauben, was sie da hörte. Wie patschert von ihr, in dieses überdimensionale Fettnäpfchen zu tappen! Hätte sie doch nichts dergleichen gesagt. Georg war nun also Witwer. Wie schrecklich schmerzhaft musste es für ihn sein, auf solche Weise an seine verstorbene Frau erinnert zu werden?
»Oh Gott, das tut mir so leid«, stammelte sie. »Bitte verzeihen Sie. Ich wollt net ... Herr Haslinger, mein tiefempfundenes Mitgefühl. Wie schrecklich.«
Er versuchte, noch einmal zu lächeln, doch diesmal missglückte es ihm.
»Schon gut, Sie konnten's ja net ahnen. Und wissen Sie was, in manchen Momenten kann ich's selbst noch net ganz glauben. Es ist so schnell gegangen, so unerwartet. Von seinem Moment auf den anderen wurde sie aus dem Leben gerissen. Ein schrecklicher Autounfall ...« Seine Stimme war brüchig, er verstummte und wischte sich mit der Hand über den Mund.
Bestürzt schüttelte Hedi den Kopf.
»Das tut mir so schrecklich leid für Sie«, versicherte sie noch einmal, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte. Ohnehin hätte wohl kein Wort auf der Welt den Kummer des Witwers gelindert.
Als der Gast zum Lift hinüber ging, starrte sie ihm sprachlos hinterher. Der Tag, der gerade noch so schön gewesen war, hatte seinen Zauber verloren. Auf einmal war ihr kalt, sie fröstelte. Tamara war so jung gewesen, so schön. Es war schlimm, sich vor Augen zu führen, wie schnell ein Unfall passieren und ein Leben beenden konnte.
***
Die Zimmertür fiel hinter Georg ins Schloss. Für einen Moment überwältigten ihn die Erinnerungen so sehr, dass er ganz still stehen blieb, wie zur Statue erstarrt. Nicht, dass es nötig gewesen wäre, ihn an seine Frau und die Dinge, die geschehen waren, zu erinnern. All das stand ihm ohnehin unauslöschlich ins Gedächtnis geschrieben. Doch hier zu sein, machte ihm noch deutlicher, was er einst gehabt und dann verloren hatte.
Ein tiefes Seufzen kam ihm über die Lippen. Kaum etwas hatte sich hier geändert. Er befand sich im gleichen Zimmer, in dem er damals mit Tamara gewesen war. Darauf hatte er bei der Buchung geachtet.
Freilich hatte sich die ein oder andere Kleinigkeit am Hotel geändert, ein paar Dinge waren im Laufe der letzten vier Jahre modernisiert worden, am Fenster hingen neue Vorhänge, aber ansonsten war fast alles ganz gleich wie damals. Das massive Holzbett mit der hellen Bettwäsche und den dicken, weichen Kissen; der rustikale Schrank mit den Schnitzereien; sogar die Obstschale auf dem Tisch, neben der ein paar Broschüren mit Informationen über die Region lagen: alles noch wie früher.
»Wie reizend, so ein süßes kleines Hotel, ganz rustikal«, hatte Tamara damals entzückt ausgerufen, als sie das erste Mal auf ihr Zimmer gekommen waren und es in Augenschein genommen hatten. »Wirklich sehr schön. Und wonach riecht es denn hier so gut?«
Der Duft fand einen noch direkteren Weg in sein Gehirn, als die Dinge, die er sah, und sprach zu seinem Unterbewusstsein. Es roch hier heimelig und würzig. Das war das heimische Zirbelholz, das hatte er schon bei seinem ersten Aufenthalt im Berghotel erfahren. Daraus waren die meisten Möbel im Hotel gefertigt. Der Geruch sollte gesund sein, eine beruhigende Wirkung haben und sich positiv auf den Schlaf auswirken. Und tatsächlich hatten Tamara und er zu keiner Zeit so gut und erholsam geschlafen wie in ihrem Zillertalurlaub. Nicht einmal die Hochzeit, die von Tag zu Tag näher gerückt war und für die so viele Details geplant werden mussten, hatte sie beide so richtig nervös machen und ihnen schlaflose Nächte bescheren können.
Wie glücklich sie hier gewesen waren. Langsam ließ Georg die Reisetasche von seiner Schulter sinken und ging weiter ins Zimmer hinein. Er schaute sich um, legte die Tasche aufs Bett, trat ans Fenster und öffnete es weit. Die weiche, warme Sommerluft umfing ihn wie eine Umarmung. Schweigend blickte er über die Landschaft, über die dunklen Wälder, saftig grünen Wiesen und die Berge, deren Gipfel sogar jetzt im Hochsommer schneebedeckt waren und am azurblauen Himmel zu kratzen schienen.
Hier konnte man unvergleichlich gut wandern. Georg liebte die Natur im Zillertal. Er genoss es, sich die Wanderschuhe anzuziehen und endlos durch die Landschaft zu streifen, viele Höhenmeter zu bewältigen und den kniffligen Wanderwegen zu folgen, die ausgeschrieben waren.
Mehrere Urlaube hatte er damals mit Tamara in Tirol verbracht, keiner so schön wie hier in St. Christoph, und doch jeder toll. Darum hatten sie beschlossen, hier zu heiraten und nicht daheim in Wien. Tamara hatte seine Leidenschaft fürs Wandern nicht ganz geteilt, aber sie war eine sportliche Frau gewesen und hatte gut mitgehalten, wenn er sie mal wieder zu einer Wanderung mitgeschleppt hatte. Manchmal war er alleine losgezogen, während sie den Tag am Pool verbracht hatte, aber meistens waren sie doch gemeinsam unterwegs gewesen.
War es eine gute Idee gewesen, ins Zillertal zurückzukehren? An jenen Ort, an dem sie so glücklich gewesen waren und wo sie einander das Eheversprechen gegeben hatten? Bittersüße Erinnerungen schwebten hier allerorts wie Spinnweben in der Luft, umschmeichelten ihn und versetzten ihm zugleich brennende Schmerzen.
Seine Freunde hatten ihn offen als verrückt bezeichnet, weil er beschlossen hatte, noch einmal hier Urlaub zu machen. Er konnte verstehen, warum sie so entsetzt reagierten.
»Du spinnst doch, da wird dich doch alles an damals erinnern«, hatten sie gesagt. »Das kann net gesund sein. Du darfst net ewig nur an sie und damals denken. Georg, es ist zwei Jahre her, du musst langsam wieder nach vorne blicken! Mach woanders Urlaub, das wird dich auf andere Gedanken bringen. Flieg ans Meer, nach Mallorca. Oder auf die Bahamas, da ist eine Menge los, das lenkt dich ab.«
Aber er wollte gar keine Ablenkung. Das war es, was niemand verstand. Er hatte den starken Wunsch verspürt, genau hier zu sein, wo jeder Raum voller Erinnerungen an Tamara steckte. Hier, wo er ihre Präsenz beinahe körperlich spüren konnte.
Er fuhr herum, als er plötzlich einen Atemzug an seinem Nacken zu spüren glaubte. Es hatte sich beinahe so angefühlt, als stünde jemand direkt hinter ihm. Nicht irgendjemand, sondern Tamara. Er glaubte sogar ihr kostbares, erlesenes Parfum zu riechen.
Traurig seufzte er. Freilich war sie nicht da, das war auch gar nicht möglich, er hatte ihre Leiche im offenen Sarg mit seinen eigenen Augen gesehen. Vielleicht hatten seine Freunde ja recht, die sich um ihn sorgten: Vielleicht wurde er wirklich verrückt und dieser Urlaub hier versetzte seinem Verstand den Todesstoß.
