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Thorsten und Bea lernen sich bei der Hochzeit von Beas jüngerer Schwester kennen, wo beide am undankbaren "Katzentisch" platziert werden. Ein wenig angesäuert unterhalten sie sich darüber, wie schlimm sie als Singles Hochzeiten finden und dass überhaupt das Konzept Ehe nichts für sie ist. Dafür wissen sie ihre Freiheit zu sehr zu schätzen. So verbringen sie einen sehr unterhaltsamen, einträchtigen Abend miteinander, der besser wird als anfangs gedacht, denn es knistert ordentlich zwischen den beiden. Sie knutschen sogar ein bisschen und fragen sich flüchtig jeder für sich, ob nicht doch ... nur, um zu entscheiden: Nein, sie wollen unabhängig bleiben.
Nach fünf Jahren kehrt Künstlerin und Weltenbummlerin Bea nach Österreich zurück und leitet ein paar Kunstkurse im Berghotel. Gerade als sie mit den Urlaubskindern an einem Gebirgsbach flache Kiesel sucht, rast ein Mountainbikefahrer an ihr vorbei und schneidet sie so eng, dass Bea ausweichen muss und unter dem Gelächter der Kinder im Bach landet. Als sie dem Rüpel, der einfach weiterfährt, hinterherbrüllt, erkennt sie ihn tatsächlich wieder. Es ist Thorsten Flint, dessen zärtliche Küsse sie in all den Jahren nie hat vergessen können ...
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Ungeplantes Glück
Vorschau
Impressum
Ungeplantes Glück
Romanze um zwei, die sich nicht verlieben wollten
Von Verena Kufsteiner
Thorsten und Bea lernen sich bei der Hochzeit von Beas jüngerer Schwester kennen, wo beide am undankbaren »Katzentisch« platziert werden. Ein wenig angesäuert unterhalten sie sich darüber, wie schlimm sie als Singles Hochzeiten finden und dass überhaupt das Konzept Ehe nichts für sie ist. Dafür wissen sie ihre Freiheit zu sehr zu schätzen. So verbringen sie einen sehr unterhaltsamen, einträchtigen Abend miteinander, der besser wird als anfangs gedacht, denn es knistert ordentlich zwischen den beiden. Sie knutschen sogar ein bisschen und fragen sich flüchtig jeder für sich, ob nicht doch ... nur, um zu entscheiden: Nein, sie wollen unabhängig bleiben.
Nach fünf Jahren kehrt Künstlerin und Weltenbummlerin Bea nach Österreich zurück und leitet ein paar Kunstkurse im Berghotel. Gerade als sie mit den Urlaubskindern an einem Gebirgsbach flache Kiesel sucht, rast ein Mountainbikefahrer an ihr vorbei und schneidet sie so eng, dass Bea ausweichen muss und unter dem Gelächter der Kinder im Bach landet. Als sie dem Rüpel, der einfach weiterfährt, hinterherbrüllt, erkennt sie ihn tatsächlich wieder. Es ist Thorsten Flint, dessen zärtliche Küsse sie in all den Jahren nie hat vergessen können ...
»Ein Singletisch?« Bea starrte auf den Sitzplan, der neben dem Eingang zum Saal dekorativ auf einer Staffelei aufgestellt war. »Was ist das? Eine öffentliche Demütigung der ›Übriggebliebenen‹?«
»Beate Turmlaff!« Ihre Mutter drückte unsanft die Hände hinunter, die Bea zu angedeuteten Anführungsstrichen erhoben hatte. »Deine Schwester kann bei ihrer Hochzeit tun und lassen, was sie will. Anke ist heut die Hauptperson. Sie hat alles geschafft, was eine Frau sich im Leben nur wünschen kann. Eine tolle Karriere als Anwältin, und wenn erst die Kinder kommen, ist noch ihr gutverdienender Richter von einem Ehemann da, solang sie net arbeiten kann.«
»Gott, Mutter, du klingst wie eine Werbeanzeige aus den Fünfzigerjahren ...«
Renate Turmlaff kontrollierte mit einer Hand den Sitz ihrer Frisur.
»Was ich damit sagen will: Wenn Anke dir einen liebevollen Hinweis gibt, dass auch du dieses glückliche Leben anstreben sollst, dann hat sie damit vollkommen recht, gell?«
»Glückliches Leben«, brummelte Bea und schlängelte sich zwischen den Gästen hindurch zu ihrem Platz am Singletisch. »Das wünsch ich mir auch, nur halt net so, wie ihr euch das vorstellt. Die eigene Schwester am Katzentisch zu platzieren! Wer macht denn bitteschön so was?«
»Na, auch so begeistert von der Sitzordnung?«, grüßte der Mann mit dem Platzkärtchen direkt neben ihrem. Thorsten Flint las sie und meinte sich zu erinnern, dass er ein Arbeitskollege ihres werdenden Schwagers war.
Klar, ein weiterer Richter.
Überhaupt war der ganze Saal voll von Gästen, denen sie regelrecht ansah, dass sie Anwälte, Richter und sonstige Mitglieder der Jurisprudenz waren. Graue Anzüge, elegante Kostüme und leicht verkniffene Gesichter dominierten das Bild. Bea war in einer wichtigen Wiener Juristenfamilie aufgewachsen und erkannte die Mitglieder der Zunft sofort. Sie selbst hatte freilich rosige Wangen, trug das blonde Haar raspelkurz und hatte die sonst eher lockeren Jeans und Pullover für den heutigen Anlass gegen ein luftiges Trägerkleid aus weich fallender Seide entschieden, das mit einem auffälligen Blumenmuster bedruckt war. Sie kam sich vor wie ein Paradiesvogel unter Graugänsen, aber diesen Vergleich behielt sie für sich. Wusste sie doch, dass sie nüchternen Juristen nicht mit den farbenfrohen Gedanken einer Künstlerin kommen musste. Ihre Eltern – beides Rechtsanwälte – hielten das, womit sie ihr Geld verdiente, noch nicht einmal für einen echten Beruf.
»Andere Bräute platzieren ihre Schwestern wenigstens am Familientisch«, knurrte sie und setzte sich auf den ihr zugewiesenen Platz. »Meine will nur sichergehen, dass alle wissen, ich bin noch zu haben.«
Er lachte. »Tja, das bin ich offensichtlich auch. Nur ist mir das herzlich egal. Ich bin net zur Brautschau gekommen. Auf einer Hochzeit verkuppelt zu werden: Was für ein Klischee!«
»Gell?« Sie erwiderte sein Grinsen und fühlte sich gleich etwas besser.
Klar, auch er trug den obligatorischen anthrazitgrauen Anzug, aber dazu machte er ein spitzbübisches Gesicht, und die hellbraunen Haare trug er ein wenig verwegen zur Seite, sodass er beinahe draufgängerisch wirkte. Und als sie ihn genauer musterte, bemerkte sie knallblaue Socken mit Fahrradmotiv, die im Sitzen unter den Hosenbeinen hervorblitzten.
Das gefiel ihr.
»Sowieso erschließt sich mir nicht, wieso es ein Grund zur Freude sein soll, dass sich wieder einmal zwei aneinanderketten und in den unendlich langweiligen Hafen der Ehe einfahren, wie man so sagt«, ergänzte er halblaut, während sechs weitere zerknirschte Singles an ihrem Tisch eintrudelten und etwas verlegen in die unbekannte Runde blickten. »Einmal im Monat geh ich inzwischen auf Hochzeiten, feier, dass irgendwer seine Freiheit aufgibt, trink überteuerten Sekt und kann mich am Ende des Abends glücklich schätzen, wenn keine Tante des Bräutigams mich an irgendeine entfernte Cousine verschachert. Es ist ein Spießrutenlauf, sag ich dir, aber bisher hab ich ihn heil und allein überstanden.«
Bea lachte laut auf – was ihr einen strafenden Blick ihrer Mutter einbrachte, die mehrere Tische weiter stolz am Schleier der Braut herumzupfte. Bea konnte sich bestens vorstellen, dass auch Renate nichts dagegen hätte, sie meistbietend unter die Leute zu bringen.
»Es kommt immer so rüber, als wär's der Traum aller Madeln, gell? Ein wallendes weißes Kleid, mit dem die Braut net einmal aufs Klo gehen kann, zu viel Make-up und Haarspray und danach sofort ab zum Kinderkriegen, damit sie für den Rest ihres Lebens ihr trautes Heim hat und kaum etwas von der Welt sehen kann.«
»Wirklich? Das ist euer Lebenstraum? Seid ihr Madeln ein bisserl deppert? Ich hatt da schon länger so meine Vermutungen ...« Er tat ganz unbekümmert und frech.
Bea biss sich auf die Unterlippe.
»Eigentlich unfair, dass ich hier läster. Ich gönn meiner Schwester ihr Glück. Nur kann ich selbst dem halt nix abgewinnen. Ständig versucht meine Mutter, mich zu verkuppeln, Hochzeiten sind nur die Spitze des Eisbergs. Aber ich widersetz mich recht hartnäckig, und deshalb bin ich das schwarze Schaf der Familie. Noch net einmal Jura hab ich studiert.«
»Kein Jura!«, rief er gespielt schockiert aus. »Was, um alles in der Welt, sollte man sonst machen?«
Sie lachte. »Ich hab Kunst studiert ... Gib's zu, du bist auch ein Jurist, oder?«
»Schuldig im Sinne der Anklage. Staatsanwalt, und ich steh auf meine Karriere. So einer bin ich. Mir wär eine Beziehung wahrscheinlich eher im Weg. Schau mich net so angewidert an! Wir Anwälte sind gar net alle so trocken wie unser lieber Herr Bräutigam da ... den ich von Herzen gern hab«, ergänzte er eilig und streckte ihr eine Hand entgegen. »Ich bin übrigens Thorsten. Thorsten Flint. Achtunddreißig Jahre alt und immer noch net verheiratet. Staatsanwalt und leidenschaftlicher Mountainbiker in meiner Freizeit. Extremsportler, todesmutig und absolut net der Familientyp. Schrecklich, oder?«
»Furchtbar.« Wieder musste sie grinsen. »Bea Turmlaff. Unverheiratete sechsunddreißig Jahre alt. Autorin, Kunstpädagogin und schwarzes Schaf der Familie. Ich breche nächsten Monat zu einer Weltreise auf. Schon das macht mich zur schlechten Tochter. Die gute sitzt drüben am Brauttisch. Anstatt mich niederzulassen und anständig zu werden, fahr ich herum und betätige mich als digitale Nomadin. Meine Mutter hält mich für arbeitslos und ein bisserl plemplem.«
»Und? Bist du's? Brotlose Kunst, Genie und Wahnsinn und so?«
»Ich kann mich vor Aufträgen gar nimmer retten. Aber so ein Leben ist eben net mit Mann und Kindern vereinbar. Ich hab kein festes Heim, keinen Herd, keine Kinderschar. Im Grunde kein richtiges, erwachsenes Leben, was meine Eltern betrifft.«
Thorsten grinste schief. »Klingt toll. Wo startest du mit der Reise?«
»Bali.«
»Gibt's da gute Mountainbike-Trails? Dann komm ich mit.«
Bea zuckte zusammen. Das Letzte, was sie hier suchte, war eine Reisebegleitung. Sie wollte frei sein, alles allein entscheiden und spontan weiterreisen können, wenn ihr danach war. Sich an jemanden zu binden und Kompromisse einzugehen, kam ihr wie das Leben vor, das ihre Familie für sie vorgezeichnet hatte. Für die hätte sie ebenfalls Jura studieren und einen Juristen heiraten sollen. Nun tat Bea mit ihrer Arbeit, die sie bald in den hintersten Ecken der Welt ausüben konnte, das Gegenteil.
»Kann ich gar net sagen ...«, wich sie Thorstens Frage aus.
Da lachte er. »Ich mach nur Spaß. Für mich läuft's hier viel zu gut, als dass ich meine durchstartende Karriere für irgendwas liegenlassen tät. Noch net einmal für so ein fesches Madel wie dich. Aber dir ist bestimmt bewusst, dass viele dich um diese Chance beneiden.«
Bea blickte in Richtung des Brauttischs, wo ihre Mutter mit einem Löffel gegen ihr Glas klirrte, um alle Aufmerksamkeit auf die Eröffnungsrede der Braut zu lenken.
»Sag das mal meiner Mutter«, flüsterte Bea, und als er ihren Blick mit funkelnden haselnussbraunen Augen erwiderte, dachte sie heimlich bei sich, dass dieser Abend vielleicht doch nicht so schlimm wurde, wie sie im Vorfeld befürchtet hatte. Immerhin hatte sie einen Verbündeten.
***
Als Thorsten kaum seinen Nachtisch – ein luftiges Schokoladensoufflé – ausgelöffelt hatte, wurde der Singletisch auch schon weggeräumt, um für die Tanzfläche Platz zu machen.
So also ging man in Wiens bestem Festsaal mit Unverheirateten um.
Ein wenig verlegen stellten sich die wie bestellt und nicht abgeholt an die Theke, während Braut und Bräutigam sich hoheitsvoll vom Familientisch erhoben und unter dem Applaus der älteren Gäste die Tanzfläche eröffneten.
Innerlich schüttelte Thorsten den Kopf, als Bräutigam Christian Weber seine Anke selbstzufrieden an sich zog und in Richtung der Singles blickte, als müssten die vor Neid erblassen. Dabei würde er es sein, der blass wurde, wenn Thorsten ihm irgendwann von seinen Abenteuern erzählte, wie sie nur ein Single erleben konnte. Schließlich wusste er aus eigener Erfahrung, wie wichtig die Freiheit werden konnte, wenn man sich für jeden waghalsigeren Moment, für jede dem Hobby zum Opfer gefallene Stunde rechtfertigen musste.
Er selbst würde nie mehr den Fehler machen, sich für eine Frau zu verbiegen. Und genau deshalb hatte er nicht vor, sich zu verlieben.
Noch nicht einmal in ein so hübsches, freches und ungewöhnliches Madel wie Bea, die neben ihm stand. Und die war wirklich bezaubernd.
In ihrem bunten, fast durchscheinend zarten Kleid stach sie unter den Gästen hervor wie eine Sommerblume in felsiger Gerölllandschaft. Ihr kurzes blondes Haar sprach von einem eigenwilligen, direkten Charakter, und dieses Funkeln in ihren eisblauen Augen war geradezu unwiderstehlich.
Als vor zwei Monaten Christians Einladung im Briefkasten gelegen hatte, war Thorsten eher skeptisch als begeistert gewesen. Christian war Richter an dem Gericht, wo Thorsten gerade zum Staatsanwalt aufgestiegen war. Sie hatten ein freundliches, leicht unterkühltes Arbeitsverhältnis, da sie sich im Gerichtssaal sehr selten einig waren und Christian für Thorstens Geschmack schlicht zu leidenschaftslos reagierte. Sicher, eine gewisse Distanz stand einem Richter ganz gut zu Gesicht, aber nach der Sitzung durfte man ruhig auch einmal einen Scherz machen. Christian war eher der trockene Typ, während Thorsten, nun ja, für seinen Job brannte. Er diente seinem Land, wollte Opfern Genugtuung verschaffen und Kriminelle ihrer gerechten Strafe zuführen. Und letztendlich, ja, wollte er die Welt ein klein wenig besser machen.
Da eckte er manchmal an, wenn er nach Meinung anderer übers Ziel hinausschoss. Aber das war ihm egal. Lange genug hatte er sich daheim sagen lassen, wie er sich zu verhalten hatte. Und was hatte es ihm eingebracht? Christian würde schon sehen, was die Ehe aus einem Burschen machte.
Aber heute Abend, das musste auch Thorsten zugeben, waren sie hier, um diese Ehe zu feiern. Und nur, weil er dieses Leben für sich nicht mehr wollte, hieß das noch lange nicht, dass Anke und Christian miteinander nicht glücklich wurden. So, wie sie sich beim Eröffnungstanz ansahen, schienen sie selbst ans gemeinsame Glück fest zu glauben.
»Ich glaub, jetzt sind wir an der Reihe«, murmelte Bea, und Thorsten zuckte zusammen.
Was? Nein. Auf keinen Fall würde er heiraten ...?
Sie deutete auf die Tanzfläche, wo die Brauteltern und weitere Paare hinzukamen, um gemeinsam mit dem Brautpaar einen langsamen Walzer zu tanzen.
»Ich bin die Schwester der Braut, und ich befehle dir, mit mir zu tanzen.« Bea zwinkerte kess.
»Du hast mir gar nix zu sagen«, gab er nicht weniger frech zurück, nahm aber trotzdem ihre Hand. »Ich bin ein Freigeist.«
»Ich auch. Aber wenn ich net sofort auf der Tanzfläche erschein, trifft mich ein tödlicher Blick meiner Mutter. Du musst mich retten, bevor es zu spät ist.«
Er lachte. »Wer könnte da Nein sagen?«
Als er sie wenig später in die Arme zog, gingen ihm tatsächlich die Argumente aus. Sie war warm, weich und biegsam. Groß und schlank in ihren hochhackigen Schuhen, aber das war er ja auch, und er mochte Frauen, die mit beiden Beinen im Leben standen. Außerdem ging ein Duft von ihr aus, wenn er sich mit ihr übers Parkett drehte, wie von Maiglöckchen, Frühlingsblumen und wilder, sommerlicher Natur. Ein Sinneskitzel, der selbst dem hartgesottensten Junggesellen den Kopf verdrehen konnte.
Verlockend, sinnlich und wunderschön.
Und die Versuchung wurde umso stärker, je weiter der Abend voranschritt. Die ganze Zeit blieben sie beieinander, als hätten sie in ihrer Abneigung gegenüber dem Für-immer-und-ewig eine unvorhergesehene Einheit gefunden. Thorsten hatte einen unglaublich witzigen Abend, weil Beas Humor sich mit seinem perfekt ergänzte. Sie tanzten, sie scherzten, und wenn sie eine Pause brauchten, setzten sie sich an einen der Tische und amüsierten sich köstlich, wenn ein Gast, der dort beim Essen gesessen hatte, nicht wusste, wo er sich hinwenden sollte. Schulterzuckend bedeuteten sie ihm frech, dass sie auch keinen anderen Platz hatten.
Als gegen Mitternacht die Hochzeitstorte angeschnitten wurde, schwebte das Brautpaar schon auf Wolke sieben. Nur so war es zu erklären, dass die zwei nicht einmal mitbekamen, wie schlecht die Torte mit der aufwendigen Rosenverzierung in Wirklichkeit schmeckte.
Die meisten Gäste aßen lustlos ihr Stückerl oder schoben dezent den halbvollen Teller beiseite.
Bea verzog angewidert das Gesicht.
»Pistazien-Minz-Torte? Was hat sich die Anke dabei gedacht?«
Thorsten presste die Lippen aufeinander. Auf ihrem sinnlichen Mund wirkte die grünlich-gelbe Sahne plötzlich viel köstlicher. Am liebsten wollte er sich vorbeugen und die Süßigkeit wegküssen, aber dann riss er sich zusammen und strich sie ganz langsam und sanft mit dem Daumen weg.
»Erdbeer-Sahne wär mir auch lieber ...«, murmelte er mit trockener Kehle. »Oder Vanille.«
»Schokoladentorte. Es geht nix über eine gutgemachte Sachertorte.« Auch Beas Stimme klang rau, und er bemerkte, wie sie ihn aus diesen eisblauen Augen fixierte, während er die Sahne, die gerade noch an ihren Lippen gewesen war, von seinem Daumen leckte.
Er sah sie schlucken. Jetzt wäre es leicht gewesen, sich vorzubeugen und sie zu küssen, und er war sicher, dass sie seinen Kuss erwidert hätte. Aber sie hatten den ganzen Abend damit verbracht, über verliebte Burschen und Madeln zu lästern. Er hätte seine eigenen Worte Lügen gestraft.
Doch Bea, dieses wunderschöne, ungewöhnliche Madel, wirkte auf einmal wie die Eine, mit der so etwas klappen konnte ...
»Das ist mein Lieblingslied!«, rief sie da unvermittelt, stellte den Teller mit dem kaum angerührten Kuchenstück beiseite und lief zurück auf die Tanzfläche.
Dort wummerte ein tiefer, durchdringender Bass, und eine weiche, melodische Frauenstimme sang von Freiheit und der Weite der Welt, die es zu erkunden galt. Wie selbstvergessen, ließ Bea verführerisch ihre Hüften kreisen und bewegte die Arme, als wäre sie sich ihrer umwerfenden Wirkung gar nicht bewusst.
Magisch angezogen von dieser Erscheinung, ging Thorsten ihr hinterher, stellte sich dicht vor sie und begann seinerseits mit etwas ungelenken Bewegungen, die sich allerdings desto besser anfühlten, je mehr er mit ihr im Einklang war. Und als sie nach einer Weile die Augen öffnete und ihm direkt ins Gesicht sah, waren ihre Pupillen so weit, die Iris so dunkel, dass er gar nicht anders konnte, als einen Arm in ihren zarten Nacken zu schieben und ihren Hinterkopf zu umfassen. Die andere Hand in ihrem biegsamen Kreuz, zog er sie näher und wiegte sich mit ihr im Takt, bis er kaum noch wusste, wo ihr Körper anfing und seiner aufhörte.
Dann spürte er, wie auch sie die Arme um seine Schultern legte, und ihre warmen Hände jagten ihm einen sinnlichen Schauer den Rücken hinunter.
»Du bist wirklich das Beste, was mir heut Abend passieren konnt«, murmelte er dicht vor ihren zart schimmernden Lippen, die sie sich unbewusst mit der Zunge befeuchtete. Er musste ein Stöhnen unterdrücken, so sinnlich war diese Geste.
»Ich freu mich auch, dich kennenzulernen«, flüsterte sie in sein Ohr.
Und dann war sie es, die ihm entgegenkam. Sie schloss die wunderschönen blauen Augen und bedeckte seine Lippen wie selbstverständlich mit ihren. Neckte ihn ganz sanft mit der Zungenspitze, bis er den Mund öffnete. Und als ihre Zungen sich trafen, brannte ein Feuerwerk der Sinneseindrücke in seinem Inneren ab.
