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Im Berghotel findet das Neujahrsstrategietreffen einer österreichischen Firma für Unternehmenskommunikation statt, und Katja Heitmann, die Datenschutzbeauftragte, ist gar nicht recht in Stimmung dafür. Kurz vor dem Jahreswechsel ist sie neununddreißig Jahre alt geworden, und genau an ihrem Geburtstag hat ihr Partner mit ihr Schluss gemacht. In Katjas durchgetaktetem Leben sei zu wenig Raum für eine Beziehung. Er wolle eine Frau, die keinen Terminen und Aufgabenlisten hinterherhechele.
In dieser Verfassung gerät die engagierte Katja sofort zu Beginn der Tagung mit ihrem Kollegen und Entwicklungsleiter Ben Klinger in Streit. Die zwei haben seit jeher Konflikte miteinander, obwohl Ben Katja insgeheim schon immer bewundert. Ausgerechnet ihm gesteht Katja in einem ruhigen Moment ihren Liebeskummer und erzählt von ihrer Liste, die sie an ihrem dreißigsten Geburtstag erstellt hat und die all die Dinge enthält, die sie bis zum Vierzigsten erleben möchte. Tatsächlich hat sie diese Liste auf ihrem Handy immer dabei, und Ben schlägt aus Witz vor, sie könne "Ben küssen" dazuschreiben, was ihm ein müdes Lächeln und ein Augenverdrehen einbringt. Doch keiner der beiden ahnt, dass dieser Punkt auf der Liste bald abgehakt werden kann ...
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Das Herz hält sich an keinen Plan
Vorschau
Impressum
Das Herz hält sich an keinen Plan
Sich in Ben zu verlieben, stand nicht auf ihrer Liste
Von Verena Kufsteiner
Im Berghotel findet das Neujahrsstrategietreffen einer österreichischen Firma für Unternehmenskommunikation statt, und Katja Heitmann, die Datenschutzbeauftragte, ist gar nicht recht in Stimmung dafür. Kurz vor dem Jahreswechsel ist sie neununddreißig Jahre alt geworden, und genau an ihrem Geburtstag hat ihr Partner mit ihr Schluss gemacht. In Katjas durchgetaktetem Leben sei zu wenig Raum für eine Beziehung. Er wolle eine Frau, die keinen Terminen und Aufgabenlisten hinterherhechele.
In dieser Verfassung gerät die engagierte Katja sofort zu Beginn der Tagung mit ihrem Kollegen und Entwicklungsleiter Ben Klinger in Streit. Die zwei haben seit jeher Konflikte miteinander, obwohl Ben Katja insgeheim schon immer bewundert. Ausgerechnet ihm gesteht Katja in einem ruhigen Moment ihren Liebeskummer und erzählt von ihrer Liste, die sie an ihrem dreißigsten Geburtstag erstellt hat und die all die Dinge enthält, die sie bis zum Vierzigsten erleben möchte. Tatsächlich hat sie diese Liste auf ihrem Handy immer dabei, und Ben schlägt aus Witz vor, sie könne »Ben küssen« dazuschreiben, was ihm ein müdes Lächeln und ein Augenverdrehen einbringt. Doch keiner der beiden ahnt, dass dieser Punkt auf der Liste bald abgehakt werden kann ...
Zugegeben, das Sporthotel »Am Sonnenhang« im kleinen Zillertaler Dorf St. Christoph war ein sehr schöner Ort für eine Tagung. Und ja, sie konnten in dem hübschen Saal, der der Firmenleitung der SimpelKomm GmbH für ihr Strategietreffen vorbehalten war, alle wichtigen Themen in Ruhe erörtern.
Nur Katja Heitmann, die Datenschutzbeauftragte, war schlicht nicht in Stimmung.
Sie schaffte es nicht, sich ein Lächeln abzuringen, als Geschäftsführer Gustav Möck gut gelaunt in die Runde fragte, ob er nicht dieses Mal ein schönes Fleckerl für ihre Neujahrs-Klausur ausgesucht habe.
»Meine Tochter war letztes Jahr mit der Schule zum Skifahren hier und hat in den höchsten Tönen geschwärmt. Da hab ich mir gedacht: Hierhin nehme ich doch mal mein Führungsteam mit.«
Schon die Erwähnung einer Tochter ließ Katjas Lächeln ersterben. Selbst der etwas rundliche Möck mit seiner Halbglatze und einem Terminkalender, der Katjas Zeitpläne blass erscheinen ließ, hatte es zu Frau und Kindern gebracht.
Während Katja ...
Sie blickte aus einem der Sprossenfenster auf die winterlich-weiße Landschaft hinaus, um sich zu sammeln.
Strategietreffen dauerten bei SimpelKomm, einem führenden österreichischen Anbieter für Unternehmenskommunikation, in der Regel eine ganze Woche und wurden bei Bedarf sogar verlängert.
Unbehaglich strich sich Katja das dunkelbraune, kinnlange Haar aus dem Gesicht.
Sie wusste nicht, ob sie so lange durchhielt. Ihr war überhaupt nicht nach Strategien und Planung zumute. Tatsächlich war ihr Beruf ihr im Moment ziemlich zuwider. Sie wollte daheim sein und ihre Wunden lecken, anstatt an diesem Januarmontag in einem hübschen Hotel in einem idyllischen Dörfchen zu sitzen und sich zu fragen, warum alle anderen hatten, was sie nicht bekam.
Liebe. Eine Beziehung. Eine gemeinsame Zukunft.
Kurz vor dem Jahreswechsel war sie neununddreißig geworden. Nur noch ein Jahr, dann wurde sie vierzig. Doch an ihrem Geburtstag hatte ihr langjähriger Partner Jan Fiedler völlig überraschend und ziemlich schnörkellos mit ihr Schluss gemacht.
Während ihre Kolleginnen und Kollegen dem Chef zur Wahl des außergewöhnlich gemütlichen Ortes gratulierten, wanderten Katjas Gedanken zu diesem schrecklichen Geburtstag zurück. Von einem aus dem Ruder gelaufenen Arbeitsmeeting war sie spät heimgekommen und hatte Jan zwischen Kerzen und Kaminfeuer vorgefunden, ihr Lieblingsessen Zillertaler Krapfen erkaltend auf dem Tisch. Mit versteinertem Gesicht hatte er sie angesehen, Kälte in den früher so warmen braunen Augen, und hatte ihr rundheraus erklärt, es sei aus zwischen ihnen. Keine Zukunft, keine Familie, keine Beziehung.
»Ich will keine Frau, die nur Terminen hinterherhechelt. Ich komme mir vor wie ein Punkt auf deinen endlosen Listen, der abgearbeitet werden muss. Dein Leben ist völlig durchgetaktet. Da ist kein Raum für eine Beziehung. Aber ich brauche eine Frau, für die ich an erster Stelle stehe. Der die Zeit mit mir was bedeutet.«
»Dir ist aber schon klar, dass heut mein Geburtstag ist?«, hatte sie spitz erwidert. »Heut geht's eigentlich um mich.«
Das war eine billige Retourkutsche, klar. Sie wusste, dass ihr Beruf ihr viel abverlangte und die gemeinsame Zeit oft zu kurz kam. Doch, dass er deswegen Schluss machte, hatte sie unvorbereitet getroffen.
»Klar, sicher, Frau Oberschlau. Mach du nur Karriere und werd glücklich damit. Ich bin raus.«
Und dann war Jan ins Hotel gezogen.
Katja biss die Zähne zusammen. Ihr wurde heiß und kalt bei der Vorstellung, in dieser Verfassung ein Strategiemeeting durchstehen zu müssen. Die wichtigste Veranstaltung im ganzen Jahr, und sie fühlte sich wie ein Häuflein Elend, das sich unter der Bettdecke verkriechen wollte.
Während sie hier über das anstehende Firmenjahr sprachen, führte Jan daheim Interessenten durch ihr gemeinsames Haus. Wenn sie wiederkam, würde er es bereits verkauft haben. Jan war Bauunternehmer. Er kannte eine Menge kauffreudiger Kunden, die ihm das Objekt in bester Lage aus den Händen rissen.
»Es ist besser so«, hatte er gesagt. »Ein Neuanfang für uns beide. Jeder für sich.«
Nur was das heißen sollte, wusste Katja nicht.
Mühsam riss sie ihre Gedanken vom Liebeskummer los und wandte sich wieder den Worten des Geschäftsführers zu.
»Ich meine, in dieser freundlichen, ruhigen Atmosphäre lassen sich bestimmt auch die Streitigkeiten zwischen unserer Datenschutzbeauftragten und dem Leitenden Entwickler regeln, net wahr?«, witzelte er jovial und mit nur leicht forderndem Unterton in der Stimme.
Mit der Datenschutzbeauftragten war Katja gemeint. Ben Klinger, der ihr gegenübersaß und frech grinste, war Leitender Entwickler der Firma. Er kam stets mit neuen Ideen um die Ecke, die Katja dann wieder in die richtigen Bahnen lenken musste, sodass sie mit geltendem Recht konform gingen.
Katja spürte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Nicht aus Scham, sondern weil Ben mit fast schlafwandlerischer Zielsicherheit wusste, was Katja am heftigsten aufregte.
Sie galten als die zwei schlimmsten Streithenderl bei SimpelKomm. Und nicht zu unrecht: Tatsächlich hatten sie viele Kämpfe miteinander auszutragen. Weil eben Ben sich immer irgendwelche neuen Funktionalitäten ausdachte, denen Katja aus seiner Sicht mit dem »Datenschutzkram« wieder im Wege stand. Dabei wussten alle hier ganz genau, dass sie in Teufels Küche kamen, wenn sie diesen »Datenschutzkram« ignorierten. Gerade bei der Unternehmenskommunikation konnten böse Fehler passieren. Das hatte schon einigen Konkurrenten viel Ärger eingebracht. Nur eben SimpelKomm nicht, weil Katja argusäugig darüber wachte.
Ben zwinkerte Katja zu. »Wir werden uns schon vertragen, gell?«
Er hatte ganz ungewöhnliche blaugrüne Augen, die auch noch von einer Reihe dichter, dunkler Wimpern umstanden waren. Katja hätte ihn fast attraktiv finden können, wenn er nicht immer so frech gewesen wäre. So konnten weder sein dichtes, blondes Haar noch der sportliche Körper Katja irgendetwas anhaben. Ben war und blieb der Mann, mit dem sie beruflich ständig um Kompromisse rang.
»Wenn du dich ausnahmsweise mal an meine Vorgaben hältst, ja«, gab sie zurück.
Ben lachte, dass seine ebenmäßigen Zähne weiß aufblitzten.
»Oder du nimmst einmal nicht alles hunderttausendprozentig genau. Du bremst den Innovationsprozess aus. Aber vielleicht schaffst du's ja dieses Mal, lockerer zu sein. Dann könnten wir die besten Freunde werden.«
Freundschaft, das hatte auch Jan ihr angeboten, und ihr war innerlich schlecht geworden. Freunde ließen einander nicht beim Geburtstagessen sitzen und stellten das gesamte Lebensmodell komplett infrage.
Denn so war es doch gekommen. Auf einmal – wie aus dem Nichts – fragte sich Katja, ob all die Jahre umsonst gewesen waren, die sie darauf verwendet hatte, in eine hohe Firmenposition aufzusteigen. Ob ihre Beziehung je etwas wert gewesen war.
Konnte sie nur eines von beidem haben? Karriere oder persönliches Glück?
Und wenn das so war, was wollte sie dann? Ihre Karriere war ihr immer wichtig gewesen. Gerade vor Kurzem hatte sie sich noch um eine Stelle bei der Datenschutzbehörde für die Republik Österreich beworben. Das bedeutete noch mehr Arbeit, noch mehr Termine, noch mehr Stress, aber auch eine atemberaubende Herausforderung.
Aber war es das wert, wenn sie im Gegenzug für immer allein blieb?
Und warum stand sie überhaupt vor dieser Wahl? Ein Mann wie Gustav Möck durfte doch auch eine Ehe, eine Familie haben? Warum sie als Frau nicht?
Freundschaft. Allein der Gedanke machte Katja so wütend, dass sie Bens freundlich-neckischen Blick am liebsten mit einem bösen Knurren erwidert hätte.
Aber sie saßen mit zwanzig hochrangigen Kolleginnen und Kollegen an einem Tisch, und noch war Katja sehr wohl in der Lage, sachlich zu argumentieren.
»Wir brauchen keine Freunde zu sein, um miteinander zu arbeiten, Ben. Es geht um die Einhaltung von Gesetzen. Geltendes EU-Recht und österreichische Spezifikationen. Ob's dir nun passt oder net, ich werd dich immer dran erinnern, dass SimpelKomm sich im rechtlichen Rahmen bewegt. Und du musst deine Anwendungen anpassen.«
Sie schob das Kinn vor und zuckte scheinbar lässig mit den Schultern, obwohl sie unter dem Tisch heimlich die Hände zu Fäusten ballte.
Normalerweise lockte Ben sie nicht so leicht aus der Reserve. Katja war eine gestandene Frau und wusste, was sie an sich abprallen lassen konnte. Doch im Moment war sie dünnhäutig. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und aus dem hellen Saal mit den geschnitzten Holzmöbeln, den rot-weißen Tischdecken und der hübschen Blumendekoration gestürmt. Raus aus dem Hotel und vorbei an den höflichen Besitzern Hedi und Andi Kastler, die sie eben noch in der Lobby gesehen hatte. Sie wäre in ihren kleinen, säuberlich gepflegten Wagen gestiegen und heimgerast, ohne je wieder an Ben und seine datenschutzrechtlich bedenklichen Neuerungen zu denken.
Aber das ging ja nicht.
»In Ordnung ...«, erwiderte Ben gedehnt. »Dann werden wir wohl einige Stunden über der Intranet-Entwicklung für unsere Großkunden brüten. Ich hab da ein paar Vorschläge zur Erfassung von Benutzerdaten, mit deren Hilfe der Chef sehen kann, wer wann welche Inhalte angeschaut hat. Zum Beispiel bei Schulungsvideos ...«
»Auf gar keinen Fall!«, herrschte Katja ihn an und hörte selbst, wie sich ihre Stimme überschlug.
Erschrockene Gesichter wandten sich ihr zu. Gustav Möck schaute mit tiefgefurchter Stirn zwischen Katja und Ben hin und her.
»Ich hab dir schon beim letzten Meeting gesagt, dass es keine Überwachung von Mitarbeitenden gibt, solang ich noch Datenschutzbeauftragte bin!«
Sie mühte sich zwar, souveräner zu klingen, doch ihre Stimme machte sich selbstständig.
»Frau Heitmann ...«, hörte sie Möcks besänftigende Stimme.
»Das scheint dir persönlich sehr nahe zu gehen. Kann's sein, dass dir die professionelle Distanz fehlt?«, stichelte Ben.
»Was bildest du dir ein!« Nun kreischte sie fast und stemmte sich halb aus dem Stuhl hoch.
»Ich will ein vernünftiges Produkt nach den Vorgaben unserer Kunden. Was willst du?«
Diesen Streit führten sie nicht zum ersten Mal. Ben wollte und wollte nicht verstehen, dass Datenschutz wichtig war.
»Ich will keine Klagen gegen unsere Firma!«, fauchte sie zurück.
Auch Ben hatte sich jetzt erhoben, während alle anderen stillhielten. Wie gewohnt sprang ihr niemand zur Seite.
Katja wusste, dass sie als Quertreiberin galt, die alles ein bisserl zu genau nahm und Entwicklungsprozesse hemmte. Normalerweise stand sie über solchen Anfeindungen. Nur ein müdes Lächeln hatte sie dafür übrig. Aber heute hätte sie sich ein wengerl Rückhalt gewünscht. Eine einzige Person, die sah, dass die Arbeit, für die sie ihre Beziehung geopfert hatte, auch irgendwie Sinn ergab.
Doch niemand schien das zu sehen. Am Ende war Katja wohl doch nicht so wichtig.
»Als ob! Kein Hahn kräht nach solchen Dingen. Im Internet geben die Leut doch alles Mögliche von sich preis.«
Da entfuhr ihr ein Knurren, und sie bleckte die Zähne, als müsste sie ihre Arbeit mit Zähnen und Klauen verteidigen.
»Nur ein Idiot kann so reden!«
Ben ballte die Fäuste.
Gustav Möck stemmte sich aus seinem Stuhl hoch.
»Herr Klinger! Frau Heitmann! Sie zwei gehen jetzt nach nebenan in den leeren Saal und finden eine Lösung, wie Sie zumindest soweit miteinander auskommen, dass vernünftige Verhandlungen möglich sind.«
Katjas Schultern erschlafften. Mit offenem Mund starrte sie den Geschäftsführer an.
Hatte er sie gerade vor die Tür geschickt wie ein ungezogenes Schulmadel?
»Herr Möck ...«
»Ich will hier keine sinnlosen Wortduelle. Was auch immer da zwischen Ihnen ist ... Sie klären das jetzt, und dann werden unsre Konzepte fürs neue Jahr diskutiert. Herrschaftszeiten! Da sucht man sich extra so ein friedliches Hotel aus, und Sie machen die Stimmung zunichte ...«
Damit setzte er sich wieder.
Doch als Katja den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, schüttelte er unwirsch den Kopf und deutete auf die Tür.
»Sie haben mich verstanden. Auf geht's!«
Vollkommen sprachlos starrte Katja Ben an, der mit missbilligend zusammengezogenen Brauen seinen Stuhl zurückschob und Richtung Ausgang lief.
Im Ernst?
Aber Möcks Miene ließ keinerlei Regung erkennen, und in den Gesichtern der Anwesenden las sie eine Mischung aus Verlegenheit und ein klein wenig Häme. Man schätzte sich glücklich, nicht an Katjas und Bens Stelle zu sein.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
Dann aber gab sie klein bei und ging Ben hinterher.
Dem würde sie es schon zeigen, sie direkt zum Auftakt des Strategietreffens derart in Rage zu versetzen!
***
»Was sollte der Mist?«
In Katjas bernsteinfarbenen Augen loderte ein wütendes Feuer. Eine senkrechte Falte erschien auf ihrer Stirn, und die Wangen ihres schmalen Gesichts waren vor Zorn leicht gerötet.
Selbst wütend war sie unglaublich schön. Die kinnlangen dunkelbraunen Haare unwirsch aus dem Gesicht streichend, funkelte sie ihn an, und an ihrer Körperspannung unter dem schmalen Blazer und der dunkelblauen, enggeschnittenen Hose erkannte er, dass sie sich mit ihm noch nicht einmal hinsetzen wollte.
So sah es aus, wenn Katja stocksauer war. Ein kleiner, zierlicher, unglaublich energiegeladener Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch stand.
Dabei hatte sie ihn doch herausgefordert.
»Ach komm! Ich hab dir mehrfach die Hand gereicht. Hättest du mir einfach versprochen, dass wir in Frieden zusammenarbeiten, wär doch alles in Ordnung gewesen.«
Sie hob in einer verzweifelten Geste die Hände. Er wollte sie nehmen und festhalten, damit ihre Finger nicht so sehr zitterten.
Selbst jetzt, da sie einander herausfordernd gegenüberstanden, fühlte er sich noch zu ihr hingezogen. Vielleicht sogar mehr denn je. Seit Jahren empfand Ben etwas für Katja, und daran wollte und wollte sich einfach nichts ändern. Lieber brach er jeden sich bietenden Streit vom Zaun, um ihr nur ja nicht zu nahezukommen. Schließlich wusste er, dass sie vergeben war – und viel zu integer, um sich auf eine Affäre mit einem Kollegen einzulassen.
Es gab eine strenge Firmenpolitik, die Beziehungen zwischen Mitarbeitenden auf verschiedenen Leitungsebenen verbat. Katja stand auf der Karriereleiter zwar nicht deutlich, aber doch ganz klar über ihm. So eindeutig ihre Haltung gegenüber Regeln war, konnte er sicher sein, dass sie diese hier sicher nicht brechen würde. Schon gar nicht für ihn.
Zum Glück hatte sie schon öfter im Kreis der Kolleginnen erzählt, wie glücklich sie mit dem Mann war, mit dem sie zusammenlebte. Ben hasste den Kerl, ohne ihn überhaupt zu kennen, doch so kam er wenigstens nicht in Versuchung. Er selbst war nämlich schon der Typ, alberne Benimmregeln zu ... umgehen.
»Es ist meine Aufgabe in der Firma, auf die Einhaltung von Regeln zu pochen«, erklärte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen, und er musste sich bewusst daran erinnern, dass sie über Datenschutz sprachen. »Wann kapierst du das endlich?«
Klar, das war ihre Aufgabe. Selbst Ben verstand das. Aber ... Es war einfach schwer, mit ihr zusammenzuarbeiten. Im Streit und in Eintracht. Katja ... reizte ihn auf jede erdenkliche Weise.
Nur heute schien auch sie ungewöhnlich reizbar. Und das kam ihm ungewöhnlich vor, da sie ihm sonst zwar schnippisch, aber auch souverän begegnete.
Ben legte den Kopf schief. Vielleicht zitterten ihre Hände nicht bloß aus Wut? Vielleicht bedeutete ihre angespannte Haltung, dass sie noch etwas anderes beschäftigte?
Hatte es etwas mit ihm zu tun?
Wunschdenken.
»Was ist los, Katja?«, fragte er, mehr, um sich selbst abzulenken. »So schnell wie heut bring ich dich sonst net auf die Palme.«
»Was geht dich das an?«, fauchte sie.
Da verschränkte er die Arme vor der Brust. Sie hatte nicht gesagt, dass sie nichts hätte.
»Dich plagt doch was. Vielleicht hilft's, wenn du's loswirst, und wir können in Ruhe weitermachen.«
Wieder warf sie die Arme in die Luft und drehte sich um ihre eigene Achse, als wüsste sie nicht, wohin mit sich selbst. Doch als er ihr eine beruhigende Hand an den Oberarm legte, sackte sie beinahe in sich zusammen. Abrupt ließ sie sich auf einen Stuhl fallen.
Zugegeben, auch ihn hatte bei der Berührung ein elektrischer Blitz getroffen. Aber Ben war seit Jahren heimlich in Katja verliebt, und sie hatte wohl kaum dasselbe gespürt.
Verwundert starrte er sie einen Moment lang an, bevor er sich einen Stuhl heranzog.
