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Steffen Bernatzky lebt in Berlin und ist trotz seiner jungen Jahre ein erfolgreicher Krimi-Schriftsteller. Nun hat er aber ein Problem: Die Abgabefrist für seinen neuesten Roman naht, und das fulminante Ende fehlt noch - klassische Schreibblockade. Kurzfristig bucht er ein ruhiges Zimmer im Berghotel, wo er als Kind mit seinen Großeltern eine schöne Zeit erlebt hat.
Vanessa Hiden lebt in Hamburg und ist eine aufstrebende Journalistin. Ihr neuester Auftrag für ein Glamourmagazin führt sie nach Mayrhofen. Dort lebt die als schwierig geltende Schlagersängerin Bella Bellheim, die Vanessa interviewen soll.
Am Flughafen Innsbruck kommt es zu einer schicksalhaften Verwechslung, als die beiden stahlblauen Trolleys von Vanessa und Steffen kurz hintereinander über das Band rollen ...
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Die vertauschten Koffer
Vorschau
Impressum
Die vertauschten Koffer
Mitreißender Liebesromanaus dem Berghotel
Von Verena Kufsteiner
Steffen Bernatzky lebt in Berlin und ist trotz seiner jungen Jahre ein erfolgreicher Krimi-Schriftsteller. Nun hat er aber ein Problem: Die Abgabefrist für seinen neuesten Roman naht, und das fulminante Ende fehlt noch – klassische Schreibblockade. Kurzfristig bucht er ein ruhiges Zimmer im Berghotel, wo er als Kind mit seinen Großeltern eine schöne Zeit erlebt hat.
Vanessa Hiden lebt in Hamburg und ist eine aufstrebende Journalistin. Ihr neuester Auftrag für ein Glamourmagazin führt sie nach Mayrhofen. Dort lebt die als schwierig geltende Schlagersängerin Bella Bellheim, die Vanessa interviewen soll.
Am Flughafen Innsbruck kommt es zu einer schicksalhaften Verwechslung, als die beiden stahlblauen Trolleys von Vanessa und Steffen kurz hintereinander über das Band rollen ...
Enttäuscht warf sich Vanessa Hiden in ihrer kleinen Studentenbude auf das Bett. Die hübsche Vierundzwanzigjährige vergrub das Gesicht unter einem der zahlreichen Kissen, die auf der Tagesdecke lagen.
»Nur nicht heulen«, sagte sie sich. »Das wäre ja noch schöner!«
Absagen gehören zum Leben, das hatte ihr nicht nur seinerzeit ihr Großvater gepredigt, das hatte man auch den Schülerinnen und Schülern auf der Journalistenschule immer wieder mit Nachdruck gesagt. Vanessas Mutter pflegte es anders auszudrücken: »Für jede Tür, die sich schließt, öffnet sich eine andere. Vergiss das niemals!«
Ha, dachte Vanessa. Dass ich nicht lache.
Da sie nach Abschluss ihrer Ausbildung nur eine einzige Anfrage abgeschickt hatte, gab es wohl auch keine Tür, die sich jetzt auftun könnte. Und ja, klar war sie selbst schuld, denn wer schickte in Zeiten wie diesen bloß eine Bewerbung los?
Das war ja vielleicht wieder mal naiv gewesen! Vanessa zog die Nase hoch – auch das hätte ihr eine Rüge ihrer Mutter eingebracht – und drückte die Fäuste gegen ihre Augenlider, bis sie Sterne sah.
Nun gut. Eine Schlacht war verloren, aber nicht der Krieg, wie ihr Großvater zu sagen pflegte. Sie würde sich eben verspätet ans Werk machen und noch andere Zeitungen, Fernsehsender und Magazine anschreiben. Und natürlich war sie damit ihren Kollegen und Kolleginnen von der Journalistenschule hintennach. Die besten Jobs waren sicherlich schon vergeben. Ach, warum hatte sie sich bloß so darauf versteift, für den Kultur-Radiosender »Hört, hört!« zu arbeiten?
Es lag doch auf der Hand, dass eine so kleine Redaktion nicht über die notwendigen Mittel verfügte, neues Personal anzustellen. Womöglich hatte keine der sendungsverantwortlichen Personen die Zeit gehabt, Vanessas aufwändig gestalteten Beitrag anzuhören? Vielleicht hatte auch der Portier, bei dem Vanessa das Päckchen mit dem Tonband abgegeben hatte, das Paket gleich in den Müll geworfen?
Nein. Sie durfte sich ihr Scheitern nicht schönreden und musste den Tatsachen ins Auge sehen: Man wollte sie eben nicht. Sie war nicht gut genug!
Vanessas Telefon läutete. Auf dem Display erschien das lachende Gesicht ihrer Mutter, einer vielbeschäftigen Kieferorthopädin, die in der Altstadt von Lübeck eine Praxis betrieb.
Vanessa verspürte wenig Lust, ihre Niederlage einzugestehen, aber sie hatte keine Wahl.
»Hallo, Mama«, sagte sie. Ihre Stimme klang so matt, dass Sabine Hiden sofort wusste, was los war.
»Eine Ablehnung? Mach dir nichts draus, Vanessa-Schatz. Du weißt ja: Aufstehen, Krönchen richten und weitergehen!«
Diese Familie besaß wahrlich einen Hang zu Sprichwörtern. Wer dachte sich eigentlich diesen ganzen Mist aus?, fragte sich Vanessa. So ein Spruch hatte sicher noch keinem weitergeholfen.
»Aber sag, mein Schatz, bei welchen Redaktionen hast du dich denn sonst noch beworben?«
Vanessa schwieg beschämt. Wieder konnte die Mutter die Antwort erraten.
»Sag bloß, du hast nur diesen kleinen Kultursender angeschrieben! Wie unvernünftig von dir!«
»Ich will aber so gern zum Radio«, gab Vanessa trotzig zurück. »Und außerdem muss es eine Kulturredaktion sein. Stell dir vor, Mama: Ich und politische Nachrichten – oder, noch schlimmer, womöglich in der Klatsch- und Tratsch-Abteilung – das wäre doch die absolute Fehlbesetzung!«
Sabine Hiden lachte auf. Schnell zog Vanessa das Telefon beiseite, aber zu spät. Das schrille Geräusch ließ ihr Ohr dröhnen.
»Trotzdem, Vanessa«, hörte sie ihre Mutter aus der Ferne, »du musst realistisch bleiben. In der heutigen Zeit musst du mindestens zwanzig Bewerbungen abschicken, um auf ein einziges Vorstellungsgespräch zu kommen – und dann hast du den Job immer noch nicht in der Tasche. Gerade im Journalismus sind die Chancen eingeschränkt. Du hättest halt doch Zahnmedizin studieren sollen«, scherzte sie. »Zahnärzte werden immer gebraucht. Außerdem habe ich eine voll eingerichtete Praxis und will auch mal in Rente gehen. Im Ernst, Madel«, sagte Sabine Hiden sanft, »nimm es nicht zu schwer. Mach dir einen schönen Abend, bleib auf keinen Fall allein zu Hause und bade nicht in Selbstmitleid. Geh raus, tanze dir den Frust von der Seele und denk' immer daran: Morgen ist ein neuer Tag!«
Schon wieder so ein Sprichwort. Doch es war schon was dran an dem, was ihre Mutter sagte, stellte Vanessa fest, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. Jammern brachte sie nicht weiter. Sie würde den Rat befolgen und ausgehen. Ihre Freundin Lisa drängte schon die ganze Zeit, dass sie endlich miteinander den neuen Club in Ottensen besuchen sollten. Lisa, mit der sie dereinst die Schulbank gedrückt hatte, war im Gegensatz zu ihr selbst eine richtige Partynudel. Seit Lisa ebenfalls nach Hamburg gezogen war, lebte die Freundschaft der beiden wieder auf.
»Und morgen«, sagte Vanessa zu ihrem Spiegelbild, während sie sich die dunklen Haare bürstete, »morgen werde ich einen ganzen Stapel Bewerbungen schreiben. Ich lasse mich nicht unterkriegen!«
Sie zeigte ihrem Spiegelbild die Zunge. Sie war hübsch, ihre hellblauen Augen strahlten unter dem schwarz schimmernden Pony, ihr breiter Mund war unwiderstehlich, wenn er lachte – und sie war gerade mal vierundzwanzig Jahre jung. Da verzweifelte man doch nicht gleich, wenn der Berufstraum vorerst nicht in Erfüllung ging! Vanessa schlüpfte in ihre schwarze Kunstlederhose und das orangefarbene Top. Dazu passten am besten die schwarzen Pumps – es waren zudem ihre Lieblingsschuhe. Sie steckte Kreditkarte und Mobiltelefon in die kleine Umhängetasche. Dann schrieb sie eine Nachricht an ihre Freundin Lisa, die als Krankenschwester am Kinderkrankenhaus Wilhelmstift arbeitete:
Heute bin ich dabei. Wann treffen wir uns?
Zum Glück hatte Lisa schon dienstfrei. Es dauerte keine fünf Sekunden, als ihre Antwort auch schon eintraf:
Ich hole dich in einer halben Stunde ab!
Vanessa schmunzelte. Seit ihrer gemeinsamen Schulzeit hatten sich die Interessen der beiden Freundinnen unterschiedlich entwickelt und der lange Stillstand ihrer Freundschaft nach dem Abi hatte sie noch weiter voneinander entfremdet. Dennoch war Lisa immer noch die beste Wahl, wenn Vanessa eine Begleiterin zum »Lumpen« suchte. Lisa tanzte für ihr Leben gerne und wusste immer genau, wo die besten Partys stiegen.
***
Der Club mit dem Namen »Uferhaus« lag in einer aufgelassenen Kaffeerösterei. Immer noch duftete es verführerisch aus allen Ecken, und alte Kaffeesäcke aus Jute dienten, mit Reis gefüllt, als Sitzgelegenheiten. Aber wer wollte hier schon sitzen? Bunte Scheinwerfer beleuchteten die unverputzten Ziegelwände, welche die dröhnenden Bässe aus den Lautsprechern zurückwarfen.
Die beiden jungen Frauen stürzten sich sofort ins Getümmel. Lisa, eine sportliche Brünette, trug ihre schulterlangen Haare locker hochgesteckt. Sie trug Jeans und ein silberfarbenes Glitzershirt, welches im drehenden Laserlicht des Clubs gut zur Geltung kam. Lisa war schon ein paarmal im »Uferhaus« gewesen und hatte bereits Kontakte geknüpft. Deshalb nahm sie ihre Freundin nun an der Hand und zog sie einfach hinter sich her zu einer Gruppe von jungen Leuten, die am Tresen beieinanderstanden, sich unterhielten und sich gerade mit ihren Drinks zuprosteten. Lisa wurde begeistert begrüßt, Vanessa neugierig gemustert.
»Das ist meine Freundin Vanessa«, verkündete Lisa, als wollte sie eine Trophäe vorführen.
Tatsächlich hatte sie ihren neuen Bekannten offenbar schon von ihrer Journalisten-Freundin vorgeschwärmt. Na hoffentlich hatte sie ihnen keine Lügenmärchen aufgetischt – Lisa neigte zu Übertreibungen.
Vanessa wurde sogleich von drei Männern und zwei Frauen umringt und auf die Tanzfläche gezogen. Nach einer halben Stunde trafen alle wieder erschöpft am Tresen zusammen. Nun erst kam eine Unterhaltung in Gang – auch wenn der Lärmpegel hier nur wenig niedriger war als auf der Tanzfläche.
»Du bist also die Journalistin!«, stellte ein sehr gut aussehender Mann mit blondem Man-Bun fest.
Vanessa tauschte einen schnellen Blick mit Lisa. Sie grinsten einander zu.
»Ich bin Basti«, sagte er und rückte näher an Vanessa heran.
Trotz der lauten Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte, erfuhr Vanessa, dass Basti in der väterlichen Reederei als Controller arbeitete. »Vorläufig«, erklärte er mit einem schelmischen Zwinkern. »Demnächst werde ich auf der Karriereleiter eine Stufe höher steigen!«
»Warum?«, wollte Vanessa wissen. Sie erwartete, dass Basti von einer Zusatzausbildung berichten würde, aber er schaute sie nur verwundert an. »Weil ich nächste Woche dreißig werde«, erklärte er. »Da werde ich doch nicht weiter im mittleren Management herumdümpeln! Es ist schließlich auch meine Firma.«
Seine Freunde quittierten diese Aussage mit einem vielsagenden Lachen. Anscheinend waren sie aus demselben Holz geschnitzt und daran gewöhnt, dass ihnen die Schätze des Lebens von selbst in den Schoß fielen.
Vanessa lachte höflich mit, sie begann sich aber allmählich etwas unwohlzufühlen. Lisa und sie waren hier offensichtlich in eine Gruppe von reichen Söhnen und Töchtern geraten.
»Die Mohr-Reederei«, sagte eine Blondine namens Eva und bedachte Vanessa mit einem erwartungsvollen Blick.
Was wollte sie hören? Eine Ehrfurchtsbekundung? Vanessa fühlte sich genervt. Sie zuckte mit den Schultern. »Aha.«
Basti lachte. Ihm schien Vanessas Reaktion zu gefallen.
Eva zog hingegen eine beleidigte Schnute und hakte sich demonstrativ und besitzergreifend bei Basti Mohr unter.
»Fahren wir nächste Woche zum Shoppen nach Paris?«, fragte sie mit schnurrender Stimme.
Basti löste sich sanft aus Evas Griff.
»Mal sehen, eigentlich will ich zu meinem Geburtstag was Besonderes machen. Paris ist schon so abgedroschen ...«
Eine andere Frau zog an Bastis Arm.
»Wie sieht's aus? Was hast du für deinen Geburtstag geplant? Rückt dein Alter den Jet raus?«
»Ich arbeite noch dran«, sagte Basti. »Aber ich denke, zum Dreißigsten kann er es mir nicht abschlagen. Haltet euch also das nächste Wochenende frei und legt eure Badesachen bereit. Stellt auch schon mal drauf ein, mit mir in Marbella auf den runden Geburtstag anzustoßen!« Er warf einen Blick auf Vanessa und Lisa. »Wir haben da eine Finca«, erklärte er. »Da kann man gut feiern. Ihr beide müsst natürlich auch mitkommen«, bestimmte er.
Vanessa und Lisa tauschen abermals ein Lächeln. Lisa würde sich nicht einfach so ein paar Tage frei nehmen können, und Vanessa war knapp bei Kasse. Aber das wollten sie diesen Leuten sicher nicht an die Nase binden.
»Hey, Vanessa, bei welcher coolen Zeitung arbeitest du eigentlich?«, wollte Basti jetzt wissen. Vanessa überlegte nur kurz, ihm einen Bären aufzubinden, aber so war sie nicht gestrickt.
»Ich suche noch einen Job«, antwortete sie deshalb wahrheitsgemäß. »Ich würde gern über Kultur be...«, weiter kam sie nicht, denn Basti fiel ihr sofort ins Wort: »Perfekt. Da habe einen tollen Job für dich. Meine Stiefmutter, die Neue meines Vaters, gibt ein Glamourmagazin heraus. Ihr Verlag hat meinen Vater genug Geld gekostet, und weil das ja schließlich mein Erbe ist, soll die Alte was für dich tun! In ihrer Zeitschrift können sie gute Leute immer gebrauchen!«
Vanessa fragte sich, woher Basti wissen wollte, dass sie gut schreiben konnte, aber Lisa stupste sie mahnend in die Seite, und so hielt sie lieber den Mund.
Währenddessen hatte er schon nach Vanessas Handy gegriffen und die Daten eingetippt.
»Da rufst du morgen an – keine Widerrede«, entschied er und machte dabei ein Gesicht, an dem man den knallharten Chef erkennen konnte, der er einmal sein würde.
***
Zum Glück hielten sich die Kopfschmerzen am nächsten Tag in Grenzen. Schließlich hatte Vanessa den Rat ihrer Mutter befolgt und zu jedem Glas Wein auch ein großes Glas Wasser getrunken. Jetzt entsann sie sich bei einem großen Espresso des vergangenen Abends. Es war eigentlich nett gewesen. Basti war etwas rechthaberisch, aber trotzdem ein sympathischer junger Mann. Und es hatte Spaß gemacht, mit ihm und seinen Freunden zu quatschen, zu tanzen und auch ein wenig zu flirten.
Vanessa hatte das alles schon sehr vermisst, denn sie fühlte sich in Hamburg immer noch ein bisschen entwurzelt.
Nach dem Abi in Lübeck hatte sich ihr Freundeskreis trotz gegenteiliger Bekundungen und Treueschwüre schnell in alle Winde verstreut. Sie selbst hatte damals in München einen Studienplatz für Literaturgeschichte bekommen, das Studium aber bald wieder abgebrochen – es war ihr zu theoretisch gewesen. Als Spätstarterin war Vanessa schließlich an der Journalistenschule in Hamburg gelandet, hatte dort aber niemals wirklich Anschluss zu ihren Kommilitonen gefunden. Man hatte sich nur zum gemeinsamen Lernen getroffen.
Seit Lisa ebenfalls nach Hamburg gezogen war, fühlte sich Vanessa hier nicht mehr gar so einsam, aber Lisa war immer schwer beschäftigt und keine wirkliche Vertraute. Es war längst an der Zeit, einen neuen Freundeskreis aufzutun!
Ratlos schaute Vanessa jetzt auf die Telefonnummer, die Basti in ihr Handy gespeichert hatte. Ob sie seinem Rat folgen und bei seiner Stiefmutter vorsprechen sollte? Sie verspürte wenig Lust, für ein Glamourmagazin zu arbeiten. Andererseits brauchte sie erst einmal dringend einen Job. Die nächste Miete für ihre kleine Wohnung war bald fällig, und mit dem Abschluss ihrer Ausbildung hatten die Eltern ihre finanzielle Unterstützung aufgekündigt.
Seufzend drückte Vanessa auf »anrufen«.
***
Eine Stunde später fand sich Vanessa im Foyer eines modernen Bürogebäudes wieder. Das quietschgrüne Lackledersofa, auf dem sie Platz nehmen sollte, solange sie auf die Chefredakteurin Gretchen Wallner – Bastis Stiefmutter – wartete, war so unbequem, dass sie es vorzog, zu stehen. Sie stellte sich ans Fenster und schaute fünfundzwanzig Stockwerke hinunter auf die kleinen Autos und die winzigen Fußgänger und Radfahrer, die im Hafenviertel die Straßen bevölkerten.
»Frau Hiden?«, fragte eine piepsige Frauenstimme.
Vanessa drehte sich um und stellte fest, dass weder die Stimme noch der liebliche Vorname zu der Frau passten, die sprach. Gretchen Wallner war sehr groß und so schlank, dass sich die schlanke Vanessa neben ihr richtig plump fühlte. Im Vergleich zu der Chefredakteurin mit ihren hüftlangen, weißblonden Haaren und dem offensichtlich teuren, knapp geschnittenen Designerkleid, kam sie sich in ihrer Jeans-Pulli-Kombination wie eine Vogelscheuche vor.
Die Frau mochte kaum zehn Jahre älter sein als Vanessa, allerdings ließ ihre starre Miene darauf schließen, dass ihrem guten Aussehen mit dem Skalpell und Botox-Injektionen nachgeholfen worden war. Sie bedachte Vanessa mit einem prüfenden Blick von Kopf bis Fuß, und das Lächeln, das danach ihre unnatürlich vollen Lippen umspielte, war verächtlich.
»So sieht also die Frau aus, die mir mein Stiefsohn ans Herz legt?«, fragte sie gedehnt und schüttelte ungläubig den Kopf. »Da hatte ich etwas anderes erwartet. Wo haben Sie denn diesen Pullover gekauft?«, fragte sie und versuchte, ihre Augenbrauen missbilligend anzuheben – was ihr allerdings dank Botox nicht so recht gelingen wollte.
Vanessa straffte tapfer ihre Schultern.
»Auf dem Flohmarkt«, gab sie frech zurück. »Ich denke und kaufe nämlich umweltbewusst.« Mit diesen Worten wandte sie sich um. Ach, sie hatte doch gleich gewusst, dass sie bei einer Schicki-Micki-Zeitung namens »Reich & Zauberhaft« fehl am Platz war – warum hatte sie nicht auf die Stimme der Vernunft gehört?
