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Maya und Erik sind ein bekanntes Influencer-Pärchen. Sie veröffentlichen ihr ganzes Leben auf Instagram und haben damit eine große Followerzahl erlangt. Nach außen hin sieht alles perfekt und harmonisch aus, doch hinter der Fassade läuft es nicht so optimal. Maya leidet zunehmend unter dem Druck, immer öffentlich präsent sein zu müssen und jeden Schnipsel aus dem Privatleben teilen zu müssen. Vom Urlaub im Berghotel erhofft sie sich Ruhe und Zweisamkeit, aber da hat sie ihre Rechnung ohne Erik gemacht. Wie üblich ist das Handy ständig im Einsatz. Maya fühlt sich mehr und mehr unwohl mit ihrem Partner. Zunehmend gewinnt sie das Gefühl, dass es ihm schon längst nicht mehr um sie geht, sondern nur noch um den Erfolg. Immer häufiger kommt es auch im Urlaub zu Streitigkeiten. Während einer Wanderung eskaliert die Situation. Aufgebracht streitend achten sie nicht auf die Umgebung, geraten immer tiefer in die Wildnis und verirren sich. Maya ist entsetzt von Eriks Skrupellosigkeit und will sich von ihm trennen. Er willigt überraschend schnell ein, bittet sie aber um ein letztes gemeinsames Selfie an einer Schlucht ...
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Ein letztes Selfie
Vorschau
Impressum
Ein letztes Selfie
Ein Pärchen verschwindet
Von Verena Kufsteiner
Maya und Erik sind ein bekanntes Influencer-Pärchen. Sie veröffentlichen ihr ganzes Leben auf Instagram und haben damit eine große Followerzahl erlangt. Nach außen hin sieht alles perfekt und harmonisch aus, doch hinter der Fassade läuft es nicht so optimal. Maya leidet zunehmend unter dem Druck, immer öffentlich präsent sein zu müssen und jeden Schnipsel aus dem Privatleben teilen zu müssen. Vom Urlaub im Berghotel erhofft sie sich Ruhe und Zweisamkeit, aber da hat sie ihre Rechnung ohne Erik gemacht. Wie üblich ist das Handy ständig im Einsatz. Maya fühlt sich mehr und mehr unwohl mit ihrem Partner. Zunehmend gewinnt sie das Gefühl, dass es ihm schon längst nicht mehr um sie geht, sondern nur noch um den Erfolg. Immer häufiger kommt es auch im Urlaub zu Streitigkeiten. Während einer Wanderung eskaliert die Situation. Aufgebracht streitend achten sie nicht auf die Umgebung, geraten immer tiefer in die Wildnis und verirren sich. Maya ist entsetzt von Eriks Skrupellosigkeit und will sich von ihm trennen. Er willigt überraschend schnell ein, bittet sie aber um ein letztes gemeinsames Selfie an einer Schlucht ...
Sorgfältig zog Maya ihren Lippenstift nach und kontrollierte ihr Make-up im kleinen Handspiegel. Dann setzte sie den fetttriefenden Donut an ihre Lippen, der über und über von rosa Zuckerguss bedeckt war, und biss herzhaft hinein.
Ihr Mann Erik hielt mit der Handykamera darauf.
»Gut gemacht«, meinte er schmunzelnd. »Sieht aus, als hättest du noch nie etwas Besseres gegessen. Das wird auf Instagram gut ankommen. Die Follower sehen ja immer gerne, wenn ihre großen Idole sich ungesunden Kram schmecken lassen. Dadurch können sie sich besser mit dir identifizieren, so machst du dich authentisch und nahbar. Komm, jetzt lass uns noch ein paar Aufnahmen gemeinsam machen.«
Mit wenigen geschickten Handgriffen hatte er das kleine Stativ auf dem Tisch aufgebaut, das er immer bei sich hatte, und das Handy darin platziert. Er setzte sich zu Maya, legte den Arm um ihre Schultern und fütterte sie liebevoll mit einem Stück des fettigen Gebäcks. Während sie turtelten, war Maya die ganze Zeit bewusst, dass sie dabei aufgenommen wurden.
Als die kurzen Videos aufgenommen waren und im Internet hochgeladen wurden, atmete sie auf und wollte sich den restlichen Donut in den Mund schieben.
»Du willst das doch nicht aufessen?« Erik lachte überrascht auf.
Sie zog die Augenbrauen hoch. »Wieso denn nicht? Willst du etwa nicht, dass ich authentisch und nahbar bin?«, zitierte sie seine Worte.
»Ich meine doch nur.« In einer entwaffnenden Geste hob er beide Hände. »Nächste Woche steht die Kooperation mit der Bademoden-Marke an. Da müssen wir eine Menge toller Fotos hinbekommen, auf denen du Klamotten tragen wirst, die kein Gramm Fett verzeihen. Da kannst du nichts kaschieren.«
Empört schnaubte sie. »Also hör mal. Willst du mir jetzt etwa sagen, wie ich meinen Job zu erledigen habe?« Demonstrativ schob sie sich das süße Gebäck in den Mund, aber jetzt schmeckte es ihr nicht mehr.
Seit Jahren war Maya als Influencerin tätig. Begonnen hatte es einfach aus Spaß. Aus einer Laune heraus hatte sie sich ein Profil mit dem Namen Maya_im_Glück auf der Foto-Plattform Instagram und anderen sozialen Plattformen angelegt und einfach angefangen, ein paar Schnappschüsse aus ihrem Alltag zu teilen. Doch die Sache hatte sich schnell verselbstständigt. Immer mehr Leute hatten begonnen, ihr zu folgen und ihre Beitrage zu kommentieren. Staunend hatte Maya miterlebt, wie viele Menschen sie mit ihren Fotos und kurzen Texten mittlerweile erreichte. Dabei war es ihr doch nur darum gegangen, ihren Alltag ein bisschen zu dokumentieren und online mit Leuten zu plaudern.
Vom Erfolg angespornt, hatte sie ihre Bemühungen verstärkt. Jeden Tag lud sie Bilder und Videos hoch und beantwortete die Flut der Nachrichten, die ihre Follower ihr schickten – was ihr bald nicht mehr gelang, weil so viele Kommentare eintrudelten.
Nicht lange, dann waren Firmen auf sie aufmerksam geworden und hatten ihr Werbekooperationen angeboten. Maya hatte begonnen, Produkte lächelnd in die Kamera zu halten: Sie posierte in Kleidung, die ihr gratis zugeschickt wurde, probierte Nahrungsergänzungsmittel, die mehr Fitness versprachen, fuhr zu spannenden Events, auf die sie eingeladen wurde. Das Geld begann zu fließen. Und ehe sie sich versah, war ihre Karriere als Influencerin in vollem Gange. Bald wurde sie auf den Straßen Salzburgs sogar erkannt und um Autogramme gebeten.
Als sie Erik in einem Café kennengelernt hatte, hatte er gar nicht gewusst, wer sie war. Es war erfrischend gewesen, mit jemandem zu plaudern, der in ihr nur ein ganz normales Madel sah und keine Ahnung hatte, dass sie ihr halbes Leben im Internet teilte. Erst nach mehreren Dates hatte sie ihm von ihrem ungewöhnlichen Beruf erzählt.
Sie wusste noch, wie skeptisch er gewesen war.
»Du stellst jeden Tag Fotos von dir und deinem Alltag ins Internet? Jeder kann die sehen? Diese ganzen Fremden wissen so viel von dir, Maya! Ist dir das nicht unheimlich? Was sind das überhaupt für Menschen, die sich so sehr dafür interessieren, was du machst?« Unverständnis hatte aus jedem Wort geklungen.
Sie hatte ihm versprochen, ihn aus dem Internet rauszuhalten. Anfangs hatte sie ganz genau darauf geachtet, dass er auf keinem der Bilder zu sehen war, und dass das Handy auch mal liegen blieb, wenn sie mit ihm unterwegs war. Ihr war schließlich wichtig gewesen, dass er sich wohlfühlte, auch wenn sie durch ihren Beruf zu einer öffentlichen Person geworden war.
Doch seine Einstellung hatte sich schnell geändert. Seine Skepsis gegenüber ihren Job hatte sich in Neugier gewandelt. Bald war er auch in ihren Fotos und Videos aufgetaucht. Und mittlerweile hatte sie ihre Accounts sogar umbenannt: Maya_und_Erik_im_Glück hießen sie jetzt.
Die Fans waren vorher schon begeistert von Maya gewesen, doch seit auch Erik mit von der Partie war, ging ihre Popularität durch die Decke. Jedermann schien am Leben des feschen, bekannten Influencer-Pärchens teilhaben zu wollen. Gemeinsam veröffentlichten sie jetzt mehr oder weniger ihr ganzes Leben im Internet. Zumindest die schönen, glamourösen Seiten.
»Jetzt hab dich doch net so.« Erik nahm ihren Arm, als sie wenig später grantig aus dem Café stapfte. »Es war ja net bös gemeint. Bist du jetzt echt so sauer wegen meiner einen kleinen Bemerkung?«
»Ich will mir einfach net anhören müssen, dass ich weniger essen soll«, entgegnete sie genervt und entzog ihm ihren Arm.
Sie hatte eine tolle Figur, daran würde die eine Süßigkeit nichts ändern, aber darum ging es auch gar nicht. Selbst wenn sie übergewichtig gewesen wäre, hätte er kein Recht, sie zu bevormunden. Sie war doch eine erwachsene Frau, und es war ihre Entscheidung, was sie essen wollte.
Erik setzte zu einer Antwort an, aber in dem Moment kamen zwei jugendliche Madeln auf sie zu, beide kichernd und ganz aufgeregt.
»Grüß Gott! Ihr seid's ja die Maya und der Erik, gell? Von Instagram?«
Sofort strahlte Erik übers ganze Gesicht und legte Maya liebevoll den Arm um die Schultern. »Aber ja, die sind wir.«
»Ob wir ein Autogramm haben könnten?«, fragte eine der beiden schüchtern.
Auch Maya lächelte jetzt. Freilich nahm sie sich gern Zeit, gab den beiden je ein Autogramm und posierte mit ihnen für Fotos. Die Fans konnten ja nichts dafür, dass sie gerade schlechte Laune hatte. Nach dem kurzen Wortgefecht mit Erik wollte sie eigentlich am liebsten allein sein oder die Sache mit ihm ausdiskutieren, doch ihnen war keine Ruhe vergönnt. Dass die zwei Madeln sich Autogramme geholt hatten, war auch anderen Leuten nicht verborgen geblieben. Neugierig kam eine Gruppe von Frauen im mittleren Alter näher.
»Maya! Wir kennen Sie aus dem Internet«, quietschte einen von ihnen begeistert. »Dass ich Sie mal in der Stadt seh, das hätt ich mir nie erträumt. Ein richtiger Promi. Ich muss sagen, Sie sind ein richtiges Vorbild für mich.«
Bald schmerzten Mayas Wangen vor lauter Lächeln. Nach außen hin musste immer alles perfekt aussehen. Darin stimmten sie und Erik überein. Ihre Karriere basierte immerhin darauf, für die Fans und Follower eine schöne Scheinwelt zu schaffen. Niemand wollte sie müde oder verärgert sehen.
Ich will doch nur heim, dachte sie und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass ihre Laune immer mehr sank. Sobald die Fans gegangen waren, atmete sie tief durch.
»Schau doch net so grantig«, forderte Erik sie augenzwinkernd auf und richtete das Handy auf sie, um noch ein Foto zu machen.
Sie runzelte die Stirn und wandte sich ab.
»Kann ich bitte eine einzige Sekunde meines Lebens ohne Fotos verbringen?«
Sie setzte ihre große Sonnenbrille auf, in der Hoffnung, damit nicht erkannt zu werden. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und stapfte los, in Richtung des Parkplatzes.
Erik eilte hinter ihr her. »Ich versteh net, warum du auf einmal so schlecht drauf bist. Es ist doch dein Job, in der Öffentlichkeit zu stehen. Das hast du dir selber ausgesucht. Ich mein, das ist doch genau das, was einen Influencer ausmacht.«
»Aber doch net vierundzwanzig Stunden am Tag!«, versuchte sie zu erklären. »Ich will auch manchmal ein bisserl Ruhe und meine Privatsphäre. Ich will net jeden einzelnen Schnipsel aus meinem – unserem – Privatleben teilen. Verstehst du das denn gar net? Du warst doch am Anfang derjenige, der gar nix mit sowas anfangen konnte. Und jetzt hast du ständig das Handy parat, noch viel mehr als ich.«
Eigentlich liebte Maya ihren Job, doch in letzter Zeit fühlte sie sich davon auch immer mehr unter Druck gesetzt, ständig öffentlich präsent sein zu müssen. Dass sie in Salzburg häufig auf der Straße erkannt wurde, war dabei nicht gerade hilfreich.
Und Erik? Der wurde so langsam richtig süchtig nach Aufmerksamkeit. Mehr und mehr drängte er sich vor die Handykamera, leierte Werbedeals an und teilte sogar noch mehr Informationen aus ihrem gemeinsamen Leben als Maya.
»Aber das ist halt unsere Einnahmequelle.« Er machte nicht den Eindruck, als würde er verstehen, worum es ihr ging. Verwirrt sah er sie an. »Seit ich meinen Bürojob gekündigt hab, ist's umso wichtiger, dass wir unsere Kanäle net vernachlässigen. Von dem Geld, das wir da verdienen, bezahlen wir immerhin die schöne Wohnung und all die Urlaube.«
»Wir haben schon ewig keinen Urlaub mehr gemacht«, seufzte Maya.
Auf einmal sehnte sie sich nach einer Auszeit. Zumindest ein, zwei Wochen, in denen sie nicht ständig am Handy hingen. Im Alltag gingen sie nicht einmal essen, ohne dabei Fotos oder Videos zu machen. Es gab kaum einen Ausflug, der nicht für die Social-Media-Kanäle dokumentiert wurde.
»Nur wir zwei. Ganz romantisch. Wie früher, als wir ganz frisch verliebt waren.«
Ihr Blick fiel auf ein spiegelndes Schaufensterglas. Darin sah sie sich und Erik. Sie waren ein schönes, harmonisches Paar; das bestätigte jeder. Sie mit ihrer schlanken Figur und ihrem glänzenden, honigblonden Haar; und der fesche, hochgewachsene Erik mit dem sonnengebräunten Teint und dem dunklen Haar. Kein Wunder, dass all die Fans, die ihren Social-Media-Accounts folgten und sie in die Kamera lächeln sahen, glaubten, sie hätten das perfekte Leben.
Sanft legte Erik die Arme um sie und zog sie an sich heran. Der Duft seines teuren Aftershaves stieg ihr in die Nase.
»Du hast ja recht. Wir fahren weg und machen uns eine schöne Zeit. Das wird unserer Ehe guttun. Ans Meer? In die Berge? Ein Städtetrip? Worauf hast du Lust?«
Ihr Herz schlug bei dieser Vorstellung höher. Ein romantischer Pärchenurlaub! Das hatten sie wirklich bitter nötig. Denn so perfekt alles nach außen hin auch wirkte: Hinter den Kulissen fühlte sie sich gestresst und ausgelaugt.
***
Gut gelaunt summte Hedi Kastler hinter der Rezeption vor sich hin. Sie bearbeitete die eingehenden Buchungen, begrüßte ankommende Gäste und beantwortete Fragen. Von draußen schien das Sonnenlicht wunderbar herein, durchs Fenster sah sie die atemberaubende Bergkulisse. Hedi liebte ihre Heimat, das beschauliche Örtchen St. Christoph im Zillertal, und das Hotel, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Andi leitete. Das Berghotel war ihr Schatzerl.
Die Tür schwang auf und zwei neue Gäste kamen herein. Sofort eilte Kilian Garnreiter, der im Hotel als eine Art »Mann für alle Fälle« angestellt war, den beiden entgegen, um ihnen mit dem Gepäck zu helfen.
»Herzlich willkommen im Sporthotel ›Am Sonnenhang‹«, rief Hedi fröhlich. »Wie kann ich Ihnen beiden weiterhelfen?«
»Grüß Gott. Wir haben ein Zimmer gebucht. Maya Schilling – und das ist mein Mann.« Die junge Frau erwiderte das Lächeln der Hotelchefin. Sie war auffallend hübsch, ihre honigblonden Haare glänzten seidig, und sie hatte große, blaue Augen.
»Erik Schilling«, stellte auch der Mann sich vor; ein fescher Sonnyboy mit braunem Haar und einem umwerfenden Zahnpastalächeln.
»Ach ja, sehr schön, Sie hab ich ja schon erwartet. Einen Moment, ich such sofort Ihre Buchung heraus und geb Ihnen den Schlüssel.« Geschäftig begann Hedi zu kramen und legte den beiden Neuankömmlingen ein Formular auf die Rezeption. »Wenn Sie das bitte ausfüllen würden ...«
Die Frau griff nach dem Zettel und einem Kugelschreiber, doch Erik zückte sein Handy.
»Die Einrichtung ist so herrlich rustikal«, schwärmte er. »So wie man sich's in einem Zillertaler Berghotel vorstellt. Maya, Schatz, stell dich doch einmal da vor die holzvertäfelte Wand und tu so, als würdest du an den Rosen schnuppern. Das gibt ein tolles Foto ab.«
In Mayas Augen blitzte es unwillig auf. »Ist das dein Ernst? Wir sind hier doch im Urlaub.«
Er seufzte ungeduldig. »Und das heißt, ich darf gar keine Fotos mehr von meiner Frau machen, oder was?«
Maya schnaubte. »Du fotografierst mich doch net fürs Familienalbum. Sondern um die Bilder hochzuladen.«
»Du hast mir doch selber erklärt, dass es sehr schlecht fürs Business ist, wenn wir tagelang oder gar wochenlang gar nix posten. Dann sinken sofort die Klicks und wir verlieren an Reichweite. Das weißt du besser als ich, immerhin bist du schon viel länger in diesem Beruf«, sagte er, und Vorwurf schwang in seiner Stimme mit.
