Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! Der Schnee fiel seit dem frühen Morgen, lautlos, wie aus einer anderen Welt. Der Wind trug ihn durch die Straßen, ließ ihn um Ecken tanzen und in Hauseingänge wehen. Bald hatte er sich über alles gelegt, über Dächer, Straßen, Zäune, Autos und Bäume. Die Konturen der Stadt wirkten weicher als sonst, beinahe märchenhaft. Die Straßenlaternen warfen ihr Licht auf die Bürgersteige, doch es war nicht wirklich hell, es war nur ein blasser Schimmer in einer Stadt, die ungewohnt leise geworden war. Lukas Neureuther zog seinen Mantel enger zusammen und den Schal höher, als er den kleinen Fußweg entlangging, der vom hinteren Parkplatz der Behnisch-Klinik in Richtung Wohnviertel führte. Es war kurz nach fünf, er kam wie jeden Abend von der Arbeit. Ein langer Tag lag hinter ihm. Er dachte an seine Frau, auf die er sich freute, und an das Abendbrot, das ihn erwartete. Natürlich dachte er auch an seine Kinder, die er herzlich liebte. Es waren nicht seine eigenen, er und Karin hatten sie adoptiert, als sie noch Babys waren, und seitdem machten sie ihnen jeden Tag Freude. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, seine Schritte schienen die einzigen Geräusche zu sein. Kein Auto war zu hören, kein Hund bellte, kein Vogelgezwitscher. Nur Schnee, Wind und Dunkelheit. Plötzlich blieb er stehen. Da lag etwas am Wegesrand, kaum zwanzig Meter entfernt. Zuerst dachte er an eine zugeschneite Tasche oder ein weggeworfenes Kleidungsstück. Doch dann kam ihm ein furchtbarer Verdacht. Lukas beeilte sich näherzukommen, so schnell, wie der Schnee es zuließ. Als er das Bündel erreichte, stockte ihm förmlich der Atem.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Der Schnee fiel seit dem frühen Morgen, lautlos, wie aus einer anderen Welt. Der Wind trug ihn durch die Straßen, ließ ihn um Ecken tanzen und in Hauseingänge wehen. Bald hatte er sich über alles gelegt, über Dächer, Straßen, Zäune, Autos und Bäume. Die Konturen der Stadt wirkten weicher als sonst, beinahe märchenhaft. Die Straßenlaternen warfen ihr Licht auf die Bürgersteige, doch es war nicht wirklich hell, es war nur ein blasser Schimmer in einer Stadt, die ungewohnt leise geworden war.
Lukas Neureuther zog seinen Mantel enger zusammen und den Schal höher, als er den kleinen Fußweg entlangging, der vom hinteren Parkplatz der Behnisch-Klinik in Richtung Wohnviertel führte. Es war kurz nach fünf, er kam wie jeden Abend von der Arbeit. Ein langer Tag lag hinter ihm. Er dachte an seine Frau, auf die er sich freute, und an das Abendbrot, das ihn erwartete. Natürlich dachte er auch an seine Kinder, die er herzlich liebte. Es waren nicht seine eigenen, er und Karin hatten sie adoptiert, als sie noch Babys waren, und seitdem machten sie ihnen jeden Tag Freude.
Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, seine Schritte schienen die einzigen Geräusche zu sein. Kein Auto war zu hören, kein Hund bellte, kein Vogelgezwitscher. Nur Schnee, Wind und Dunkelheit.
Plötzlich blieb er stehen.
Da lag etwas am Wegesrand, kaum zwanzig Meter entfernt. Zuerst dachte er an eine zugeschneite Tasche oder ein weggeworfenes Kleidungsstück. Doch dann kam ihm ein furchtbarer Verdacht.
Lukas beeilte sich näherzukommen, so schnell, wie der Schnee es zuließ. Als er das Bündel erreichte, stockte ihm förmlich der Atem.
Es war ein Kind.
Ein kleines Mädchen, nicht älter als vier oder fünf. Es kauerte zusammengerollt im Schnee. Barfuß, nur mit einem Schlafanzug bekleidet, das Gesicht halb verborgen unter einem Vorhang aus nassem Haar. Seine Hände waren bläulich-weiß.
»Was zum …? Hallo? Hey, hörst du mich?«, rief er. Doch das Kind gab keinen Laut von sich, und es bewegte sich auch nicht.
Lukas zögerte keine Sekunde. Er zog seinen Mantel aus und ging in die Hocke, um das Kind darin einzuwickeln. Seine Haut war eiskalt, kalt wie Stein. Um Gotteswillen!, schoss es ihm durch den Kopf, es wird doch nicht etwa tot sein! Rasch legte er zwei Finger an seinen Hals, und da spürte er es, einen Hauch von Puls.
Plötzlich knirschten hinter ihm Schritte.
Zwei Frauen kamen den Weg entlang, beide kannte er flüchtig. Auf dem Weg von der Klinik zum Wohnviertel waren sie sich gelegentlich begegnet und hatten manchmal kurz miteinander geplaudert. Es waren zwei Krankenschwestern, Larissa und Monika, die ihren Dienst gerade beendet hatten. Beide blieben erschrocken stehen, als sie Lukas und das Kind sahen.
»Was ist passiert?«, riefen sie wie aus einem Mund.
»Ich habe sie so gefunden. Gerade eben. Sie lag einfach da. Mitten im Schnee«, stieß Lukas hervor.
»Lebt sie?«
»Kaum – aber ja.«
Monika ging in die Knie, um selbst den Puls zu fühlen, derweil telefonierte Larissa bereits mit der Klinik, die kaum dreihundert Meter entfernt lag: »Kinder-Notaufnahme, schnell! Es ist ernst. Wir haben ein bewusstloses Kind im Schnee gefunden! Wir bringen es sofort in die Klinik!«
Monika versuchte, das Mädchen mit sanfter Stimme anzusprechen. »Kleines? Hörst du mich? Wir bringen dich gleich ins Warme. Alles wird gut, hörst du?«
Aber das Mädchen antwortete nicht. Kein Zucken, kein Laut. Nur seine Wimpern bewegten sich leicht, feiner Reif hatte sich auf sie gelegt.
Mit dem Kind im Arm stand Lukas wieder auf. »Ich glaube es nicht!«, sagte er dabei. »Ich fasse es nicht! Die Kleine wiegt ja fast nichts!«
Zusammen mit den beiden Frauen machte er sich auf den Weg Richtung Klinik. Als sie in der Notaufnahme ankamen, öffnete sich automatisch die Tür. Warme Luft schlug ihnen entgegen, das Summen von Geräten war zu hören, dazu ein Stimmengewirr auf dem Flur.
Ein Krankenpfleger eilte mit einer Liege heran, dicht gefolgt von Dr. Daniel Norden, dem Chefarzt der Behnisch-Klinik.
»Was haben wir?«, fragte Dr. Norden sichtlich erregt.
»Ein Mädchen – gefunden draußen im Schnee. Schlafanzug, barfuß, keine Reaktion. Unterkühlt, aber Puls ist da«, sagte Monika schnell.
»Wie lange lag es dort?«
»Das wissen wir nicht. Aber es ist eiskalt.«
»Sofort in die Notaufnahme mit dem Kind!«
Bald lag das Mädchen auf der Liege, wo es von mehreren Händen versorgt wurde. Dr. Norden trat ein Stück zur Seite und griff zum Handy, um seine Frau anzurufen.
»Fee? Komm bitte in die Notaufnahme. Wir haben einen sehr besonderen Fall. Ein kleines Mädchen, extrem unterkühlt.«
Das Mädchen wurde in eines der Behandlungszimmer gebracht, ein schlicht ausgestatteter Raum der Notaufnahme, beheizt, steril. In diesem Moment wie ein rettender Hafen für die Kleine.
Während das Kind an Überwachungsgeräte angeschlossen und mit allem Nötigen versorgt wurde, blieb Lukas unschlüssig vor der Tür stehen. Jemand gab ihm seinen Mantel zurück, das Innenfutter war ganz klamm geworden, doch er spürte es kaum. Seine Gedanken kreisten nur um das Kind, um seine kleinen, bläulichen Hände, die klatschnassen Haare, die bereiften Wimpern. Um die Frage, wie es möglich war, dass ein Mädchen bei dieser Kälte ganz allein draußen lag, reglos und barfuß im Schnee, nur mit einem Schlafanzug bekleidet.
Nach wenigen Momenten kam eine attraktive Ärztin in den Flur, Dr. Felicitas Norden, die Leiterin der Kinderpädiatrie. Sie war in Begleitung eines jungen Mannes aus der Verwaltungsabteilung.
Fees Blick wanderte sofort zur Tür des Behandlungszimmers, danach zu Lukas.
»Sie haben sie gefunden?«, fragte sie.
»Am Rand des Fußwegs. Sie lag da einfach da. Keine Ahnung, wie lange schon.«
»Kennen Sie das Kind vielleicht?«
»Nein. Leider nicht.«
Fee legte kurz eine Hand auf seinen Arm. »Es ist jetzt in guten Händen.«
»Ich weiß«, sagte er. »Aber ich verstehe es nicht. Wer tut so etwas einem Kind an?«
Fee antwortete nicht gleich. Ihre Miene wurde weich, fast schmerzlich. »Das wissen wir noch nicht. Vielleicht ist es irgendwo weggelaufen?«
»Jetzt? In der Dunkelheit? Mitten im Schneetreiben?«
»Manchmal geschehen Dinge, die wir mit unserer Vernunft nicht erfassen können. Später werden wir sicher mehr erfahren. Bis dahin können wir nur versuchen, zu heilen, was heilbar ist.«
Fee nickte Lukas freundlich zu, dann ging sie in das Behandlungszimmer.
Der Verwaltungsangestellte wandte sich an Lukas und bat ihn um seine Adresse. »In einem Fall wie diesem werden wir die Polizei informieren müssen«, sagte er. »Sie sind der wichtigste Zeuge.«
Nachdem alles erledigt war, blieb Lukas noch einen Moment im Flur stehen. Die Tür des Behandlungsraums war inzwischen geschlossen. Es waren noch gedämpfte Stimmen zu hören, aber verstehen konnte man nichts.
Lukas wandte sich von der Tür ab und machte sich auf den Heimweg. Draußen zog er seinen Mantel wieder an, doch er knöpfte ihn nicht zu. Vor Aufregung hatte er nämlich zu schwitzen begonnen.
Der Schnee rieselte immer noch auf die Stadt, sanft und unermüdlich. Inzwischen hatte er die Spuren von Lukas und den Krankenschwestern längst wieder zugedeckt. Lukas ging langsam, Schritt für Schritt. Der Weg war derselbe wie an jedem Abend, doch heute fühlte sich alles vollkommen anders an.
*
Das Mädchen lag reglos auf dem Untersuchungstisch in der Notaufnahme, wie ein blasser Schatten unter der Wärmedecke. Ihr kleiner Körper schien beinahe darunter zu verschwinden, sie wirkte fast wie ein Vögelchen im Nest. Die Haut war blass, fast durchsichtig, die Lippen und die Fingernägel schimmerten bläulich. Das Gesicht war schmal, fast eingefallen. Ein dünner Schlauch führte von einer Infusion zu seiner Hand, und der Monitor neben dem Bett zeigte einen langsamen, aber stabilen Herzschlag.
Dr. Norden und seine Frau hatten das Mädchen gründlich untersucht, jetzt redeten sie leise mit der diensthabenden Assistenzärztin, während ein Pfleger die Vitalwerte dokumentierte.
»Keine äußeren Verletzungen«, sagte der Chefarzt. »Aber die Kleine ist unterernährt. Hämoglobin zu niedrig. Vitaminmangel. Elektrolytstörungen. Leberwerte erhöht, aber nicht dramatisch. Es gibt deutliche Zeichen von Mangelernährung, dazu ein starker Muskelabbau. Fingernägel brüchig, Lippen aufgesprungen. Auch die Kopfhaut zeigt Läsionen, wahrscheinlich von Ekzemen. Die Zähne sind schlecht gepflegt.«
»Man hat sie verwahrlosen lassen«, bemerkte Fee. »Aber sie hat keine Hämatome, also liegt keine Kindesmisshandlung vor.«
Fee zog einen Stuhl heran und setzte sich neben die Liege. Sie musterte das Mädchen, so, als könne ihr Blick tiefer blicken als jeder Scanner, weiter reichen als jedes Blutbild. Sie betrachtete das Gesicht des Kindes, das ganz allmählich wieder etwas Farbe bekam. Sein Haar war dunkelblond, verklebt, verfilzt. Ganz behutsam strich Fee ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Stirn war kalt und feucht. Das Mädchen zuckte nicht, es schlief weiter, als sei es in einer anderen Welt.
»Was auch immer die Kleine erlebt hat …«, sagte Fee leise, »… sie ist ganz weit weg.«
Aus ihrer langjährigen Berufslaufbahn kannte sie ähnlich Fälle. Früher, als sie noch Lehrerin gewesen war, und später als Ärztin waren ihr immer wieder Kinder begegnet, die irgendwo durch das Raster gefallen waren. Die niemand vermisste, weil niemand für sie da sein wollte. Zum Glück kam das nur selten vor, doch jeder einzelne Fall hatte sie zutiefst erschüttert. Auch die Frage, was dieses Mädchen wohl erlebt haben mochte, ging ihr sehr zu Herzen.
»Noch immer keine Reaktion?«, sagte Fee nach einer Weile, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
»Nein«, antwortete ihr Mann, während er einen Blick auf das EKG warf. »Aber der Kreislauf stabilisiert sich. Körperkerntemperatur ist jetzt bei 33 Grad, also knapp an der Schwelle zur mittleren Hypothermie.«
Fee blickte Daniel mit großen Augen an. Er kannte diesen Blick seiner Frau. Er wusste, dass sie in solchen Momenten mehr wahrnahm, als gesagt wurde, mehr spürte, als jede Messung jemals verraten konnte.
Die Zeit rann allmählich dahin. In der Notaufnahme war es stiller geworden, das grelle Licht gedimmt, jede Stimme nur noch gedämpft. Die Welt draußen versank unter einer wachsenden Schneedecke, und auch drinnen lag eine eigentümliche Stille über allem, eine Mischung aus Erschöpfung und gespannter Ruhe.
Das Kind befand sich noch immer auf dem Untersuchungstisch, doch seine Haut hatte nun wieder etwas Farbe. Die Körpertemperatur war auf fast 35 Grad gestiegen, der Puls regelmäßig, der Kreislauf stabil. Es hatte noch immer nicht gesprochen, nicht die Augen geöffnet, nicht einmal gezuckt. Doch sein Atem war ruhig und die Lippen nicht mehr blau.
Fee saß noch immer an seiner Seite, eine Decke über den Schultern, die Hände im Schoß gefaltet. Ab und zu warf sie einen Blick auf die Monitore, öfter aber auf das kleine Gesicht des Mädchens, das so zart, so zerbrechlich schien.
Zwischendurch war Daniel immer wieder in den Raum gekommen, um nach der kleinen Patientin zu schauen. Gegen Mitternacht kamen er und seine Frau zu der Überzeugung, dass das Kind stabil genug war, um auf die Kinderstation verlegt zu werden. Dort gab es ein pädiatrisches Überwachungszimmer, das für spezielle Fälle vorbehalten war.
Fee erhob sich langsam und streckte sich. »Gut. Bringen wir sie dorthin.«
Eine Krankenschwester bereitete das Transportbett vor, eine fahrbare Liege mit erhöhtem Gitter und einer wärmenden Matratze. Ganz vorsichtig wurde die Kleine hinübergehoben und gut zugedeckt. Auch dabei zeigte sie keinerlei Regung.
Dann ging es hinaus in den stillen Krankenhausflur. Das Licht war schummrig, ein Nachtdienst-Team begegnete ihnen im Vorübergehen, nickte kurz, sagte aber nichts. Die Reifen des Bettes rollten leise über den Boden.
Als sie die Kinderstation erreichten, war alles ruhig. Das Licht auf der Station war gedimmt bis auf das Schwesternzimmer, wo eine Nachtschwester am Monitor saß.
Im Überwachungszimmer war es angenehm warm. An der Wand hing ein großes Bild mit bunten Schmetterlingen. Auf dem Beistellwagen stand ein kleines LED-Nachtlicht, das einen sanften, bläulichen Schimmer verbreitete.
»Ich möchte noch bei ihr bleiben«, sagte Fee leise.
»Ich werde das übernehmen«, meinte Daniel. »Du bist seit fast vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Du musst dich endlich ausschlafen.«
»Nein.« Fee schüttelte ihren Kopf. »Ich will unbedingt dabei sein, wenn die Kleine aufwacht.«
Fee setzte sich auf einen Stuhl neben das Bett. Jetzt waren nur noch das leise Surren der Heizmatte und das gleichmäßige Atmen des Kindes zu hören.
Wie lange sie so dasaß, wusste Fee nicht. Aber irgendwann hob das Kind im Schlaf seine Hand, als wolle es nach etwas greifen, das es nicht mehr gab.
Und draußen, hinter den Fenstern, fiel noch immer der Schnee. Stetig, geduldig, als müsse er eine Decke über allem ausbreiten, was geschehen war.
*
Auch noch bei Tagesanbruch wollte der Schnee jedes Geräusch zu verschlucken. Es war einer dieser Tage, an denen die Welt blass und gedämpft wirkte, als hätte sie den Atem angehalten.
Fee Norden hatte sich nicht von Lillys Seite entfernt. Ihre Haltung war aufrecht, aber in ihren Augen lag die Müdigkeit jetzt wie ein feiner Schleier. Manchmal schloss sie kurz ihre Augen, manchmal nickte sie sogar ein wenig ein. Doch jedes kleinste Geräusch, jede Regung des Kindes ließ sie augenblicklich wieder hellwach werden.
Kurz nach sechs betrat eine junge Kinderkrankenschwester das Zimmer. Sie führte Medikamente auf einem kleinen Beistellwagen mit sich und lächelte, als sie Fee entdeckte.
»Guten Morgen, Frau Dr. Norden. Haben Sie etwa die ganze Nacht hier verbracht?«
»Ja. Aber allmählich werde ich müde. Vielleicht sollte ich doch nach Hause gehen? Ich möchte unsere kleine Patientin aber nicht alleinlassen.«
»Aber ich kann doch bei ihr bleiben! Oder eine Kollegin!«
»Nein, lieber nicht. Ich möchte warten, bis die Kleine aufwacht. Aber das kann wahrscheinlich noch dauern. Sie liegt noch immer im energetischen Koma.« Als versierte Ärztin wusste Fee natürlich, dass auf eine Unterkühlung eine tiefe Erschöpfung folgt, sobald die Körpertemperatur durch äußere Wärmeversorgung wieder ansteigt. Die kleine Patientin war also keineswegs bewusstlos, aber extrem schläfrig und matt.
»Hat sie sich inzwischen denn mal gerührt?«, fragte die Schwester.
»Nur im Schlaf. Einmal hat sie die Hand gehoben, als ob sie nach etwas greifen wollte. Aber sie hat nicht gesprochen. Keinen Laut.«
Fee streichelte dem Kind zärtlich über den Arm. Die Haut war nicht mehr eiskalt, sie fühlte sich beinahe normal an. Die Lippen waren rosiger, der Atem ruhig. Und dann – ein Zucken der Wimpern.
»Moment mal«, stieß Fee hervor.
Sie beugte sich ein Stück vor, vorsichtig, als könnte jede Bewegung das fragile Gleichgewicht stören. Es folgte noch einmal ein leichtes Zucken, dann öffnete das Mädchen langsam die Augen.
Fee hielt den Atem an, als sie den seltsamen Blick des Kindes bemerkte. Er wirkte so starr, so dunkel, vollkommen fremd. Kein Erkennen, kein Erstaunen, kein Schrecken – nur Leere.
Fee wartete noch einen Herzschlag lang ab, bevor sie flüsterte: »Guten Morgen, meine Kleine. Du bist hier in Sicherheit. Ich bin bei dir.«
Das kleine Mädchen blinzelte einige Male. Dabei bewegten sich seine Lippen kaum merklich.
»Ich heiße Fee«, sagte die Ärztin. »Und wer bist du?«
»Lilly.« Der Name kam so leise, dass er kaum zu hören war. Dann schloss Lilly wieder die Augen, als sei alles, was um sie herum war, zu viel für diesen Moment.
Fee atmete hörbar auf. Noch wusste sie nichts über ihre kleine Patientin als nur ihren Namen. Aber irgendetwas hatte sich verändert. Der Name wirkte wie eine winzige, kaum greifbare Öffnung, wie ein erster Riss in einem Panzer aus Kälte und Schweigen.
*
Gegen acht Uhr konnte Fee die Augen nicht mehr aufhalten. Sie bat eine Schwesternschülerin, an Lillys Bett Wache zu halten und sie sofort zu informieren, wenn sich an ihrem Zustand etwas änderte. Sie selbst ging zu ihrem Bereitschaftszimmer, wo es eine Schlafmöglichkeit gab. Dort wollte sie zumindest ein paar Stunden ruhen.
Auf dem Weg dorthin kam Daniel ihr entgegen, zusammen mit einer Mitarbeiterin des Jugendamts und einer Polizistin.
