4,99 €
Es herrscht Frieden im Land… … Nein, natürlich nicht! Nachdem Ryder, Fürst Trevelian, Hunfrid, den Sohn des Königs Xerofon getötet hat, hat dieser den Vámpiren den Krieg erklärt und hat darüber hinaus auf jeden aus dem Hause Murrsha und Trevelian ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. Und während die eine Hälfte der Familie ums Überleben kämpft, sucht die andere eine Möglichkeit die Macht des grünen Kristalls und damit der Priesterschaft um Naboni Leamhnach zu brechen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Handelnde Personen:
Personenbeschreibung
Am Anfang…
Aptera – vor der Burg Murrsha
Aptera – In der Burg Murrsha
Aptera – Burg des Hauses Murrsha
Aptera - Die Windhändler
Aptera – Der Kamin
Aptera – Vor den Toren
Aptera – Auf dem Flaggschiff
Troich Górm - Rhys
Yeha – Silanay
An Bord der Malesia - Erin
An Bord der Yuvenil – Gabriel
Dobargash – Im Gasthaus
An Bord der Behrin – Sha´Red
Dobargash – Im Thronsaal
Dobargash – Im Kerker
Troich Górm – Rhys
Dobargash – Im Kerker
Troich Cwen – Rhys
Dobargash – Gabriel
Dobargash – Sha´Red
Troich Fingolfinn – Rhys
Dobargash – Im Kerker
Dobargash – Erin und Lilo
Dobargash – Im Kerker
Dobargash – Die Gemächern des Königs
Dobargash – Ausbruch
Dobargash – In den Strassen
Dobargash – Im Gasthaus
Fingolfinn – Rhys
Dobargash – Im Gasthaus
Dobargash – Die Windhändler
Dobargash – Der Weg zum Palast
Dobargash – Auf dem Weg zum Palast
Dobargash – Kampf im Palast
Auf dem Weg nach Yeha
Yeha muss sterben!
Fünf Tage später
Der Autor:
Weitere Geschichten vom gleichen Autor:
Das Neue Land
Xerofon
von
Klaus Hartung
Gabriel – ein neugieriger, junger Mann
Cellanir – ein Freund von Gabriel
Debroun – ein Freund von Gabriel
Efenhard – ein Freund von Gabriel
Sha´Red – eine einsame Frau
Trimosus – Gastwirt in Dobargash
Suse – seine Tochter
Erin – Prinzessin aus dem Hause Murrsha
Llian – ihr jüngere Schwester
Kyan – ihr jüngerer Bruder
Rhys – Prinz aus dem Hause Murrsha
Ryder – Fürst Trevelian
Maya – seine Frau
Silanay – Mayas Schwester
Turgal – ihr Mann
Taurealis – Anführer der Windhändler
Seanan – seine rechte Hand
Vollmir – ein Windhändler
Lilo – Dienerin im Palast Xerofons
König Runolf – Troich Gorm
Samir Blauhand – Zwerge aus Troich Gorm
König Eilis – Troich Cwen
Corbmac – Zwerg aus Troich Cwen
Xerofon – König von Dobargash
Naboni Leamhnach – der Hohepriester
König Beinhardt – Troich Fingolfinn
Cahill Blauhand – Sohn von Samir
Ryder
Eins neunzig groß. Schlank, sportlich, sehr muskulös. Ungefähr 120 Kilo. Langes, schwarzes Haar leicht blauschimmernd.
Maya
Sie ist eine Schönheit. Groß, etwa Eins fünfundsiebzig, schlanker, aber weiblicher Körper, sportlich durchtrainiert, mit langem, schwarzem Haar. Grüne Augen.
Erin
28 Jahre alt. Etwas kleiner, als ihre Mutter, nämlich nur einen Meter siebzig. Ein schmales, ebenmäßiges Gesicht mit blauen Augen unter ebenfalls langen schwarzen Haaren. Sehr schlank und sehr sportlich, ohne nennenswertes Interesse an Männern. Eine geborene Amazone, die niemand im Kampf unterschätzen sollte. Bevorzugte Waffen: Messer, Pfeil und Bogen, Rapier.
Rhys
28 Jahre. Einen Meter achtzig groß. Schlank und durchtrainiert mit schmäleren Schultern, als seine Körperkraft und Schnelligkeit eigentlich vermuten lässt. Beinahe asketisches Gesicht, blaue Augen unter blauschwarzem, kurzgeschnittenem Haar. Ein Krieger, wie man ihn sich wünscht, wenn es hart auf hart kommt. Bevorzugte Waffen: Schwert, Sharps-Gewehr (treffsicher auf bis zu tausend Meter), Wurfsterne und Wurfmesser.
Kyan und Llin
Zwillinge. 12 Jahre alt. Beide haben blauschwarze Haare, aber grüne Augen. Sie stehen in ihrer jugendlichen Wildheit in nichts ihren beiden Geschwistern nach.
Maya, Fürstin Murrsha
Ryder, Fürst Trevelian
Erin, Prinzessin Murrsha
Rhys, Prinz Murrsha
Sha`Red Muire, eine “alte” Freundin von Maya
Gabriel, Gefährte Sha`Red´
Cahill Blauhand, Samirs Sohn
Samir Blauhand
Xerofon, König von Dobargash
Naboni Leamhnach, Hohepriester von Dobargash
Vor 100 Jahren
Der junge Mann rannte um sein Leben. Sein Atem ging keuchend, lief er schon seit Stunden. Schweiß bedeckte seinen muskulösen Körper. Seine nassen, langen Haare flogen ihm wirr um seinen Kopf.
Er war am frühen Morgen mit drei anderen jungen Männern aus seinem Dorf aufgebrochen, um die Fleischvorräte zu ergänzen. Aber schon nachdem sie eine knappe Stunde unterwegs waren, mussten sie feststellen, dass sich scheinbar alle Tiere versteckt hatten.
Kein Reh oder Hirsch kreuzte ihren Weg. Kein Wildschwein brach aus dem Gebüsch. Nicht mal einen Hund oder eine Katze bekamen sie zu sehen, geschweige denn zu hören. Selbst die Vögel schwiegen die überwiegende Zeit.
Dann sahen sie die ersten Gebäude und näherten sich vorsichtig dem Dorf, das vor ihnen auf dem Feld auftauchte. Mehr als zwei Dutzend Häuser waren kreisförmig um einen zentralen Punkt in der Mitte des Dorfes gebaut worden.
Die vier Männer blieben in sicheren Abstand zum Dorf stehen und musterten eindringlich die Häuser und die Gegend um sie herum.
Cellanir, der jüngste aus dem Quartett, wies auf die Häuser und grummelte. „Ich denke mal, das Dorf ist verlassen! Kein Rauch, der aus einen der Kamine aufsteigt. Keine Menschen, die sich zwischen den Häusern bewegen…!“ „Keine Tiere…!“ ergänzte Eferhard, woraufhin Debroun und Gabriel nickten. „Ja,“ bestätigte letzterer. „insbesondere keinerlei Tiere, die zwischen den Häusern hin und her laufen!“
Debroun grunzte. „Mir gefällt das nicht! Lasst uns das Dorf weiträumig umgehen…!“ „Ohne die Häuser zu durchsuchen?“ Gabriel schüttelte den Kopf. „Wer weiß, ob wir dort nicht irgendwas Wichtiges finden…?“ „…oder etwas Wertvolles!“ ergänzte Eferhard.
Gabriel nickte. „Genau! Und wenn es nur irgendetwas zum Überziehen wäre… !“ Die vier jungen Männer waren nur mit einem etwas längerem Lendenschurz bekleidet. Sie hatten breite Lederarmbänder an den Handgelenken und gebundene Ledersandalen an den Füßen. Um die Taille lediglich einen breiten Ledergürtel, der das Schwert in der Scheide hielt.
Die Oberkörper waren nackt. Trotz der Tatsache, dass es am Anfang des Jahres war, und hin und wieder sogar noch Schnee fiel. Aber sie kamen aus dem nördlichen Teil des Landes das dem Sárkány Hóireabard, einem Drachen der ersten Stunde, wie die Zeit am Anbeginn der Seuche genannt wurde, gehörte. Und wenn man im nördlichen Teil des Landes aufgewachsen war, war man eine Menge, aber ganz sicher nicht temperaturempfindlich.
Cellanir winkte ihnen aufmunternd zu, während er die ersten Schritte auf das Dorf zu machte. „Nun kommt schon!“ forderte er sie auf. „Schauen wir uns an, was es dort zu holen gibt!“
„Genau!“ stimmte Gabriel ihm zu und schloss zu ihm auf. „Die ersten finden die besten Sachen!“
Eferhard und Debroun liefen los und rannten an den beiden anderen vorbei, die sich kurz lachend ansahen und dann den anderen hinterherliefen.
Je näher sie den Häusern kamen, desto mehr fiel ihnen auf, wie verfallen sie waren. Hier lebte schon lange niemand mehr, stellten sie für sich fest, auch wenn sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, etwas Wertvolles zu finden, deutlich reduzierte, liefen sie weiter.
„Langsamer!“ empfahl Gabriel und blieb schon hinter den anderen zurück. „Hier riecht es komisch! Passt auf euer Umfeld auf!“
Debroun lachte auf und schlängelte sich zwischen zwei Häusern hindurch. Doch kaum hatte er die Hauswand passiert, als er auch schon von der rechten Seite angesprungen wurde.
Eine abgerissene Gestalt prallte gegen ihn und warf ihn zu Boden. Schwer schlug Debroun mit dem Hinterkopf auf. Dann beugte sich die abgerissene Gestalt über ihn und öffnete den Mund.
„Seelensauger!“ schrie Eferhard, als er sah, wie etwas, das wie weißer Dampf aussah, aus Debrouns Mund gesaugt wurde und in dem geöffneten Rachen der abgerissenen Gestalt verschwand. Er warf sich zwischen den Hauswänden hindurch und rammte die Gestalt, die auf Debroun hockte und gerade den Kopf gehoben hatte, um Eferhard entgegenzusehen.
Der Seelensauger fiel zur Seite und rollte über den Boden. Als er versuchte, sich hochzustemmen, war Eferhard auch wieder auf den Beinen und hatte sein Schwert gezogen und zugeschlagen. Einen Schwall Blut hinter sich herziehen, flog der Kopf des Seelensaugers durch die Luft.
„Igitt!“ Eferhard spuckte aus, als der kopflose Körper zuckend umfiel. Dann beugte er sich zu Debroun hinunter und hielt ihm die Hand hin. „Komm schon hoch! Der böse Mann ist weg!“ frotzelte er. Debroun aber griff nach oben, packte Eferhard am Hals und zog ihn zu sich herunter.
„Was…?“ rief Eferhard, aber da war Debroun schon über ihn und öffnete seinen Mund.
„Verdammt!“ schrie Cellanir und schaute sich zu Gabriel um. „Wir müssen ihnen helfen!“ sagte er und machte die ersten Schritte um nach vorne zu stürmen.
Aber da quollen weitere Seelensauger zwischen den Häusern hervor und liefen gierig jammernd und stöhnen auf die beiden jungen Männer zu.
„Wir müssen weg hier!“ rief Gabriel. „Aber Debroun und Eferhard?“ Cellanir stand wie vom Donnern gerührt und starrte die entgegenkommenden Seelensauger an. „Sind tot!“ konstatierte Gabriel. „Lauf!“
Cellanir aber zögerte einen Moment zu lange. Schon schwappte die Welle an Seelensaugern über ihn hinweg.
„Nein!“ rief Gabriel, als er seinen Freund unter dem Ansturm zu Boden gehen sah. Für einen Moment zögerte er und war versucht, seinen Freund dort herauszuholen. Dann aber sah er, dass die Seelensauger keinen Moment verhielten, sondern einfach über ihn hinwegliefen.
Da drehte sich Gabriel um und rannte. Rannte um sein Leben.
*
Sein Herz hämmerte in seiner Brust, während er einen Berg hinauf lief. Er glaubte sich dumpf daran zu erinnern, dass dahinter ein Abhang kam, der zu einem Fluss hinunterführte. Vielleicht konnte er sie dort abhängen.
Keuchend hatte er schließlich die Spitze des Hügels erreicht und sah dankbar auf den Fluss unter sich herunter. Allerdings würde er wohl nicht umhinkommen, hinunter zu springen. Denn wenn er versuchen würde, den steilen Abhang hinunter zu laufen, würde er ohnehin stürzen und sich wer weiß was brechen.
Er drehte sich zu den Seelensaugern um, die gerade den Hügel erreicht hatten und nun zu ihm hinaufstarrten.
Gabriel ging einige Schritte auf sie zu, was bei ihnen zu einem sabbernden Heulen führte. Dann drehte er sich um und rannte auf den Abgrund zu.
Noch während sich seine Beine vom Boden lösten, hoffte er, dass das Wasser tief genug wäre, um seinen Fall zu bremsen, oder so flach, dass ihn der Aufprall töten würde. Vom unteren Ende des Hügels kamen enttäuschte Rufe der Seelensauger, bevor sie anfingen, den Hügel hinauf zu laufen.
Eisig kalt schlug das Wasser über ihm zusammen. Sein Körper sank sofort in Richtung Grund, den er kurz darauf auch schon erreichte. Sofort stieß sich Gabriel vom Boden ab und strebte zügig der Wasseroberfläche entgegen.
Heftig nach Luft schnappend durchbrach er das Wasser. Nach einem kurzen Orientierungsblick, begann er zu dem nahen Ufer hin zu schwimmen.
Schüttelnd kroch er an Land und stemmte sich in die Höhe. Ein Blick hoch zum Hügel zeigte ihm die Seelensauger, die ihn von dort oben musterten. Dann sprang der erste.
Gabriel verfolgte sein Flug und zuckte kurz zusammen, als der Seelensauger auf einem Felsvorsprung aufschlug. Auch dem zweiten ging es nicht besser. Aber auch die Seelensauger waren noch lernfähig. Der erste trat ein paar Schritt zurück, bevor er loslief und in die Tiefe sprang.
Als er im Wasser aufschlug, drehte sich Gabriel um und lief wieder los. Vor sich, gar nicht einmal so weit entfernt, sah er ein niedriges Gebirge, in dem er hoffen konnte, die Seelensauger abzuhängen. Also riss er sich noch einmal zusammen und rannte um sein Leben, während er hinter sich, weitere Körper im Wasser aufschlagen hörte.
*
Gabriel sah, dass das Licht immer schummeriger wurde und sofort stieg seine Hoffnung, die Seelensauger in der beginnenden Dunkelheit zwischen denen vor ihm aufragenden Felsengruppen in die Irre leiten zu können. Andererseits wusste er auch genau, dass er nicht mehr die Kraft haben würde, viel weiter zu laufen, wenn er diesmal keinen Erfolg haben würde. Seine Jugend, seine Muskeln und seine sehr gute Kondition würden ihm bald nichts mehr nützen, spürte er doch langsam aber sicher den Punkt näherkommen, an dem seine Kräfte versagen würden.
Tiefer und immer tiefer lief er in das Gebirge hinein. schlängelte sich zwischen Felswänden hindurch und hetzte Schluchten hinunter.
Schlagartig wurde er langsamer, als er glaubte Rauch zu riechen. Er reduzierte seinen Lauf auf einen langsamen Trab und folgte den Geruch, bis er am Ende einer Schlucht auf einen großen Platz traf, der von hohen Felswänden umschlossen war und an deren gegenüberliegender Seite eine Art Bauernhaus stand.
Abrupt bremste er sein Lauf ab, als ihm bewusst wurde, dass es von diesem Platz aus nur einen Weg herausgäbe. Den Weg, den er hereingekommen war. Den Weg, den auch die Seelensauger nehmen würden.
In dem Haus öffnete sich eine Tür. Und eine ältere Frau stand im fahlen Licht des Einganges. Sie winkte ihm, heran zu kommen. Aber Gabriel zögerte. Was machte eine Frau hier mitten im Gebirge?
„Wenn du noch länger zögerst, werden sie dich kriegen!“ versprach sie und winkte ihm erneut zu. Gabriel machte einen zögernden Schritt auf sie zu und wurde dann plötzlich schneller, als er hinter sich das erste Jammern hörte.
Vorsichtshalber zog er sein Schwert, während er sich neben der Frau aufstellte.
„Ist es nicht besser, wenn wir reingehen?“ fragte er zögerlich, als er sah, dass immer mehr Seelensauger durch die Schlucht kamen.
Die Frau lachte silberhell. „Hast du Angst?“ Er sah sie einen Moment lang an und stellte fest, dass sie jünger war, als er im ersten Moment gedacht hatte. Ihr feuerrotes Haar fiel ihr in dichten Locken bis über die Schultern. Und so dicht neben ihr, sah er, dass ihre Augen von einem unglaublichen Grün waren. Hohe Wangenknochen trafen auf eine lange, gerade Nase über einem vollen, beinahe schon sinnlichen, Mund.
Dann nickte er. „Ja!“ gestand er. „Ich habe Angst vor den Seelensaugern! Ich gehe in jedes Gefecht, aber vor diesen Gestalten habe ich Angst!“
Die Frau nickte. „Du gefällst mir! Die meistens Männer hätten sich nicht getraut, dass vor einer Frau zuzugeben!“ Sie wies auf die Schlucht. „Fällt dir nichts auf?“
Gabriel sah auf die Seelensauger, von denen mittlerweile mindestens zwanzig am Ausgang der Schlucht standen oder hin und her liefen. „Ja, „ sagte er. „Sie trauen sich scheinbar nicht, näher zu kommen!“
Die Frau nickte. „Stimmt! Aber warum?“ Gabriel zuckte mit den Schultern. „Sie spüren irgendetwas, das ich nicht wahrnehme?“ vermutete er. Wieder nickte die Frau. „Richtig! Willst du es sehen?“
„Ob ich etwas sehen will das Seelensauger abhält? Selbstverständlich!“
Die Frau klatschte in die Hände und etwas einen Meter vor dem vordersten Seelensauger baute sich eine milchige, aber durchsichtige, Wand auf. Gabriel trat der Wand etwas näher und konnte erkennen, dass sie in sich flimmerte.
Ein Seelensauger führte sich durch die Nähe Gabriels motiviert und wollte auf ihn zu stürzen. Aber er kam kaum mit der Wand in Berührung, als er in einer kurzen Stichflamme verging.
Erschrocken tat Gabriel zwei Schritte zurück. „Verdammt!“ rief er aus, was die Frau mit einem Lachen honorierte.
Gabriel drehte sich zu ihr um und nickte beeindruckt. Dann sah er die Felswand hinauf, aber die Frau winkte ab. „Ein Seelensauger, der dort hinunterspringt, ist hier unten keine Gefahr mehr!“ Sie winkte ihm zu. „Komm mir rein! Die sind morgen auch noch da!“
Gabriel betrat einen großen, gemütlich wirkenden Raum, der sich in einen Küchenbereich und einem Wohnbereich aufteilte.
„Setz dich!“ wies sie ihn an und deutete auf eine üppige Ansammlung von Kissen. „Hast du Hunger? Durst?“ Sie winkte ab, „Dumme Frage! Natürlich! Ich bringe dir etwas!“
Gabriel ließ sich in die Kissen fallen. Und sah der Frau zu, wie sie ihm etwas zu Essen bereitete.
„Du bist eine Hexe?“ fragte er, ohne eine Abfälligkeit in der Frage. Die Frau wiegte den Kopf. „Die einen sagen so, die anderen so. Ich behaupte, ich bin eine Frau, die sich für Magie und Wissenschaft interessiert!“
Gabriel nickte. „Also eine Hexe! Gut!“ konstatierte er. „So etwas können wir in unserem Dorf gebrauchen!“
Die Frau wies nach draußen. „Wo hast du die hergeholt?“ „Ach,“ begann Gabriel, „ich war mit drei Freunden auf der Jagd. Allerdings ohne Wild zu finden. Dann trafen wir auf dieses verlassene Dorf und auf die Seelensauger!“
Die Frau nickte. „Aldersly? Das Dort wurde schon vor Jahren überrannt!“ Sie wies wieder nach draußen. „Die meisten von denen, sind ehemalige Dorfbewohner!“ Sie kniff die Augen zusammen. „Wo sind deine Freunde?“
Gabriel wies nach draußen. „Irgendwo zwischen denen!“ Die Frau seufzte. „Tut mir leid, das zu hören!“ Sie kam mit einem Holzbrett auf ihn zu und hielt es ihm entgegen. „Hier! Etwas Fleisch und etwas Wein. Iss! Trink! Und dann kannst du dich ausruhen! Hier musst du die Seelensauger nicht fürchten!“
Gabriel seufzte erleichtert. „Und es stört dich nicht, dass sie da draußen sind?“ Die Frau schüttelte den Kopf. „Die Schranke, die du gesehen hast, ist nicht die einzige!“ Nun wies sie auf das Holzbrett. „Nun iss! Du musst hungrig sei!“
Nun ließ sich Gabriel nicht weiter bitten und fiel über Essen und Wein her. Die Frau lächelte, als sie sah, wie er das Essen hinunterschlang. „Mach langsam! Ich habe noch mehr! Du must hier nicht hungern!“ Gabriel verhielt kurz, dann widmete er sich wieder dem Essen.
Die Frau holte noch einmal nach, dann ließ sich Gabriel gesättigt in die Kissen sinken. „Oh, das war gut!“ gestand er. „Und nötig!“
Die Frau holte noch einen Krug Wein, drückte ihn Gabriel in die Hand und ließ sich neben ihn in die Kissen sinken.
Nachdenklich sah er die Frau an. „Du kennst nicht einen Weg, wie ich meine Freunde von dem Fluch der Seelensauger befreien kann?“ Die Frau nickte kurz. „Klar!“ sagte sie. „Schlag ihnen den Kopf ab! Aber falls du mit deiner Frage darauf abzielst, aus ihnen wieder normale Menschen zu machen…?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wenn du ihnen helfen willst…“ begann sie schulterzuckend. „… schlag ihnen den Kopf ab. Angeblich sollen sie dann ihre Seele zurückbekommen. Aber das habe ich natürlich nicht kontrolliert. Ich kenne nur das Gerücht!“
Sie drückte sich aus den Kissen nach oben. „Ich denke, du gehst jetzt erst einmal nach nebenan und ruhst dich aus. Ich wecke dich in ein paar Stunden und dann reden wir darüber, wie ich dir weiterhelfen kann! Einverstanden?“
Gabriel sah sie an und spürte beinahe sofort, wie die Erschöpfung in ihm hochstieg. Er seufzte erneut und nickte ihr zu. „Wenn es dir nichts ausmacht?“
Die Frau winkte ab. „In deiner körperlichen Verfassung nützt du mir nichts! Ruh dich aus, dann sehen wir weiter!“ Sie wies auf eine Tür und nickte ihm auffordernd zu.
Gabriel erhob sich mit einem Stöhnen, spürte er doch jetzt immer deutlicher, die Anstrengung des Tages. Er trat durch die Tür und sah eine breite, einladende Liegefläche.
Gabriel ging um das Bett herum, öffnete seinen Gürtel und ließ sein. Schwert zu Boden fallen. Die Sandalen waren schnell geöffnet. Dann nestelte er an seinem Lendenschurz herum und ließ auch ihn zu Boden sinken. Dann nahm er die Decke vom Bett hoch und kroch darunter. Er drehte sich zu Tür um, und sah, dass die Frau sie mit einem Lächeln schloss.
Dann fielen ihm die Augen zu.
*
Gabriel wurde davon wach, dass sich ein warmer, nackter Körper an ihn schmiegte und glaubte sich für einen Moment zurück in seinem Dorf. Aber dann fiel ihm wieder ein, was seitdem geschehen war und er drehte sich zu der Frau um.
„Du?“ fragte er verwirrt, aber sie drückte ihm einen Finger auf den Mund. „Psst!“ Dann ließ sie ihre Hände über seinen Körper gleiten. Gabriel zuckte zusammen, als sie ihn direkt anfasste und leicht rieb, wovon er nahezu sofort hart wurde.
„Schon besser!“ gurrte sie, drückte ihn runter und schwang sich auf ihn drauf. Gabriel keuchte laut auf, als er in sie hineinglitt und sie begann sich langsam auf und ab zu bewegen.
Die Frau kam mir ihrem Oberkörper auf seinem zu liegen, während sich ihre Hüften immer weiterbewegten. Mit ihrer Zunge fuhr sie an seinem Hals entlang und ein Schauer durchlief seinen Körper. Er strich mit seinen Händen über ihren Rücken, dann packte er ihre Hüfte und drückte sie fester an sich.
Die Frau spürte, dass er bald soweit wäre und ihr Mund glitt weiter an seinem Hals entlang. Gabriel keuchte laut auf, als er begann, sich in sie ergießen und zuckte kurz zusammen, als er am Hals einen kleinen Schmerz spürte. Und ein Schauer der Wollust durchlief ihn, als er spürte, dass sie an ihm saugte.
„Was?“ keuchte er, aber die Frau trank weiter von ihm, während sie ihn weiterritt. Gabriel wollte sie wegschieben, aber er spürte, dass ihn die Kombination, dass sie sein Blut trank und dabei auf ihm ritt, gleich wieder so weit bringen würde.
Und dann war er auch schon soweit, aber diesmal schrie er seine Lust heraus, während die Frau immer weiter an ihm saugte.
Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
*
Gabriel blinzelte und richtete sich spontan im Bett auf. Sein Kopf begann zu pochen, so dass er sich die Hände gegen den Kopf presste.
Die Tür öffnete sich und die Frau schaute mit einem Lächeln herein. „Hallo? Bist du einigermaßen wach? Möchtest du etwas trinken? Schätze, dass du ziemlichen Durst hast!“
Gabriel sah sie an und merkte erst dann, wie trocken sich sein Hals anfühlte. Er nickte langsam. „Ja, bitte!“ Dann schaute er rasch auf. „Wie lange habe ich geschlafen?“
Die Frau lachte laut auf. „Beinahe einen ganzen Tag!“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Und warum hast du mich nicht geweckt?“ „Habe ich versucht, aber du hast mich nur angeknurrt… da habe ich dich schlafen lassen!“
Er ließ sich zurück auf ein Kissen fallen und seufzte. „Ich habe vielleicht einen Alptraum gehabt…!“ sagte er leise. „Wir haben miteinander geschlafen…“ „Ach, das ist ein Alptraum?“ Gabriel winkte ab. „Nein, aber währenddessen hast du mich in den Hals gebissen und mein Blut getrunken!“ Er lachte kurz und griff sich an den Hals. Als er zwei kleine, verschorfte Wunden fühlte, sah er sie verwirrt an.
„Was ist das?“ sagte er, dann begriff er. „Es war kein Alptraum…?“
Die Frau sah ihn schweigend an, zuckte nur mit den Schultern und drehte sich um. „Nimmst du auch einen Tee?“ fragte sie.
Gabriel sprang aus dem Bett und lief hinter ihr her. Fassungslos blieb er neben ihr stehen, während sie erhitztes Wasser in zwei Becher füllt und ein paar Kräuter hinzutat.
„Du bist eine Vámpirin!“ stellte er fest. Dann zögerte er. „Und eine Hexe?“ fragte er. Sie hielt ihm schweigend einen Becher hin und wies dann auf die Kissen.
„Setz dich!“ Gabriel gehorchte wortlos, nahm den Becher und setzte sich vorsichtig in die Kissen. Die Frau setzte sich ihm gegenüber und schlürfte ein wenig aus dem Becher.
„Wäre das für dich ein Problem?“ Gabriel lachte kurz auf. „Ob es für mich ein Problem wäre?“ Er stellte den Becher vorsichtig beiseite, hob beide Arme und spannte seine Muskeln an.
„Sehe ich aus, wie ein Vámpir?“ Die Frau zuckte mit den Schultern. „Du siehst toll aus und hast mir sehr viel Spaß bereitet!“ konstatierte sie. Gabriel bekam einen knallroten Kopf. „Äh…!“ stammelte er.
Die Frau lächelte ihn an. „Ja, ich bin ein Vámpir… und ich habe mich ausgiebig mit der Magie befasst. Es gibt genug Leute, die mich als Hexe bezeichnen würden!“ Gabriel schüttelte den Kopf, dann griff er sich an die Brust, lauschte seinem Herzschlag und seufzte erleichtert.
„Aber ich nicht! Obwohl du mich gebissen und von mir getrunken hast… oder?“ Die Frau lächelte weiter, dann nickte sie einfach. „Genau genommen schon. Ich habe soviel von dir getrunken, dass dein Herz stehen geblieben ist…!“ Sie seufzte. „Dann übernahmen die Viren, die uns Vámpire ausmachen, die Kontrolle über deinen Körper und belebten ihn wieder!“ Sie legte ihren Kopf schräg und zeigte ihn die beiden Bisswunden an ihrem Hals. „Nachdem du wieder Leben gezeigt hast, hast du mich gebissen und von mir getrunken!“ Sie winkte ab. „Kurz gesagt, du bist jetzt auch ein Vámpir!“
Sie beugte sich vor. „Ist das ein Problem für dich?“
Gabriel schüttelte verständnislos den Kopf. „Ich war also tot und trotzdem lebe ich jetzt wieder? Hm, scheinbar bin ich am Leben!“ Er sah auf. „Ist es Tag?“ Die Frau nickte. „Noch etwa eine Stunde! Warum?“
Gabriel stand auf, ging zur Tür des Hauses und öffnete sie. Helles Sonnenlicht lag auf dem Platz vor dem Haus. Er zögerte einen Moment, dann trat er hinaus ins Sonnenlicht.
Er sah an sich herunter, während er die wärmenden Strahlen der Sonne auf seiner nackten Haut spürte und lachte erleichtert auf. „Ich bin immer noch ein Mensch!“ stellte er fest und sah die Frau an, die im Türrahmen stand und ihn musterte.
Schweigend schob sie die Träger ihres Kleides von den Schultern und trat ebenfalls nackt ins Sonnenlicht hinaus und stellte sich neben ihn.
Gabriel sah sie erstaunt an. „Aber,“ stammelte er. „du sagtest doch, du wärst ein Vámpir?“ Die Frau nickte. „Bin ich auch! Aber du glaubst immer noch die alten Geschichten, dass Vámpire kein Sonnenlicht vertragen. Aber dir ist bewusst, dass du, wenn du Recht gehabt hättest, du jetzt tot wärst!“
Gabriel schüttelte den Kopf. „Aber wieso?“ Die Frau legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Komm mit rein und ich erkläre dir alles!“
*
„Es ist in der tat so, dass wir das Sonnenlicht nicht so gut abkönnen, als zu der Zeit, als wir noch ein Mensch waren…!“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wir kriegen schneller einen Sonnenbrand!“ Sie schnaufte. „Aber ansonsten merken wir es an unseren Kräften… also unserer Körperkraft. Die ist tagsüber geringer, als wenn die Sonne untergegangen ist. Ich vermute, dass daher der damalige Irrglaube kam, dass wir im Sonnenlicht sterben würden.“
„Und jetzt ernähre ich mich von Blut?“ Die Frau lachte. „Nein, du ernährst dich genauso, wie vorher. Nur ist dein Appetit jetzt eher beim blutigen Fleisch, als bei der Karotte! Aber natürlich ist es so, dass das Blut eines Menschen für uns kräftigend wirkt, etwaige Wunden schließt und dafür sorgt, dass wir uns im Allgemeinen besser fühlen!“ Sie hob eine Hand. „Blutwein, den man hin und wieder kaufen kann, wirkt ähnlich. Außer bei den Wunden!“
Gabriel legte den Kopf schräg. „Wie heißt du eigentlich? Ich meine, wenn du mich schon zum Vámpir gemacht hast, wäre es nett, deinen Namen zu wissen!“
„Sha´Red aus dem Hause Muire!“ sagte sie leise. Gabriel nickte langsam. „Schöner Name. Ich heiße Gabriel!“ Sha´Red nickte. „Ich weiß, dass hast du mir letzte Nacht schon gesagt!“
Gabriel schnaufte. „Und es musste sein, während wir miteinander schlafen? Ich meine, das mit dem Beißen?“ Sha´Red schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Aber der Biss, während wir es tun, erhöht die Genussschwelle um ein Vielfaches. Die Gefühle sind währenddessen viel intensiver!“
„Und was gehört noch dazu, ein Vámpir zu sein?“
„Grundsätzlich ist es so, dass wir versuchen, wenn es möglich ist, tagsüber zu schlafen. Die Erholung ist besser und wir sind nach Einbruch der Nacht ohnehin stärker. Wenn du ein wenig auf deinen Körper hörst, wird er dir sagen, was er mag und was nicht. So wirst du die Fähigkeit zur Levitation entdecken. Was bedeutet, dass du in engen Grenzen dich vom Boden abheben kannst und schwebst. Du kannst dich schwer sichtbar machen, beinahe durchscheinend…!“ erklärte sie und wurde immer mehr durchsichtig, bis er sie kaum noch sah. Dann machte sie den Prozess rückgängig. „Du kannst schneller laufen und höher springen, als ein Mensch. Du kannst für einen gewissen Zeitraum auch auf das Atmen verzichten, ohne das es dir schadet. Wie lange musst du selber rausfinden! Deine Augen sind schärfer, als die eines Menschen. Ebenso deine Ohren. Auch wenn es vielleicht nicht immer gut ist, wenn man zu viel hört!“ Sie zuckte mit den Schultern. „Insbesondere wenn sich die Menschen abfällig über uns äußern!“
„Bin ich jetzt unsterblich?“ Sha´Red seufzte. „Nein, aber du hast eine deutlich höhere Lebenserwartung, als ein Mensch. Dein Körper altert zwar, aber sehr viel langsamer. Dafür heilen Wunden erheblich schneller. Aber trotz allem… schlägt dir jemand den Kopf ab, ist es vorbei!“
Sie grinste. „Was uns der Vámpir Virus aber eingebracht hat, ist, dass wir sexuell viel aktiver sind, als es Menschen sind oder waren!“ Gabriel nickte zu jedem Wort, das sie ihm sagte.
„Und was machen wir jetzt?“ „Was immer du willst!“ Da stand Gabriel auf, hielt ihr eine Hand hin, die sie ergriff und zog sie ins Schlafzimmer. „Aber diesmal ohne Beißen!“ bat er. Sha´Red zuckte mit den Schultern. „Schauen wir mal!“ lächelte sie.
Vor 50 Jahren
„Da!“ Sha´Red wies in die besagte Richtung. „Dorthin müssen wir. Rechts! Da runter!“ Sie stieß mich gegen die Schulter. „Nun lauf schon! Hörst du nicht die Wölfe!“
Ich sah über meine Schulter. Und obwohl dichter Nebel über den Boden waberte, sah ich sehr genau das knappe halbe Dutzend Menschen, die uns verfolgte.
„Wölfe?“ Sha´Red nickte. „Ich verstehe selber nicht, warum sie sich noch nicht verwandelt haben! Sie wären dann viel schneller!“
„Nimmt ihnen vielleicht den Spaß an der Jagd?“ Ich sah zum Nachthimmel hinauf und sah diesen schmalen Streifen faserigen Lichts. Dann sah ich wieder auf den vor uns liegenden Weg.
Sie nannten auch diese Straße früher die Milchstraße, weil sie sich wie ein fahler, verschütteter Streifen Licht durch die Wälder zog. Jetzt war sie nur noch ein Riss in der Dunkelheit, und wir liefen über ihn, als könnten wir uns daran aufschneiden.
Sha´Red stolperte. Ich fing sie, spürte kaum ihr Gewicht. Angst machte selbst Vámpire leicht.
„Sie sind nah“, sagte sie. Unterschwellig hörte ich, dass sie sich auf den bevorstehenden Kampf vorbereitete.
Ich nickte. Natürlich waren sie das. Die fünf Männer – oder dass, was sie im Moment noch waren – verstanden es, ihre Schritte klein zu halten. Kein hastiges Rennen, kein Keuchen. Sie jagten nicht wie Menschen. Sie jagten wie etwas, das wusste, dass Zeit auf seiner Seite war.
Wir bogen in den Wald ab. Nadeln knirschten unter unseren Stiefeln, der Geruch von Harz und kalter Erde hing schwer zwischen den Stämmen. Über uns schob sich der Mond aus einer Wolke. Voll. Zu voll.
Ich hätte lachen können, wenn mir noch danach gewesen wäre.
„Natürlich“, murmelte Sha´Red. „Natürlich heute.“
Hinter uns erklang Gelächter. Rau. Menschlich. Noch.
„Ihr riecht alt“, rief einer von ihnen. „Wie Keller und Beerdigungen.“
Ein anderer stimmte ein. „Bleibt stehen. Wir machen’s kurz.“
Lügen. Sie wollten Zeit. Sie wollten, dass der Wald zusah.
Wir liefen weiter, aber mir war klar: Sie spielten ein anderes Spiel als wir. Wir flohen – sie verwandelten sich.
Der erste Schrei kam plötzlich.
Kein Schrei der Gerissenheit. Kein triumphales Heulen. Es war Schmerz. Unverfälschter, nackter Schmerz, der durch den Wald schnitt wie eine rostige Klinge.
Wir blieben stehen.
Ein Fehler. Aber wir hörten trotzdem hin. Man hört hin, wenn Knochen sprechen.
„Einer von ihnen“, flüsterte Sha´Red.
Zwischen den Bäumen sah ich es. Nicht klar, nicht ganz – aber genug.
Der Mann hatte sich auf den Boden gekrümmt. Seine Hände gruben sich in den Waldboden, als wollte er Halt finden, etwas Festes in einer Welt, die ihm gerade die Struktur entzog. Seine Finger zitterten. Dann streckten sie sich.
Ich hörte das erste Knacken.
Nicht laut. Heimlich. Ein Verschieben. Als würde ein Schlüssel im falschen Schloss gedreht.
Der Mann schrie wieder. Sein Rücken hob und senkte sich ruckartig, als würde jemand von innen dagegentreten. Die Wirbelsäule wölbte sich, Wirbel traten unter der Haut hervor, einer nach dem anderen, ein schreckliches Alphabet neu geordneter Anatomie.
„Siehst du das?“, hauchte Sha´Red. Auch sie konnte nicht wegschauen, obwohl wir die Gelegenheit nutzen sollten, eine größere Entfernung zwischen uns und den Verfolgern zu bringen.
Ich sah alles.
Seine Schultern rissen nach hinten. Das Geräusch war feucht, ein dumpfes Reißen, als würde man rohes Fleisch auseinanderziehen. Die Jacke platzte auf, Stofffetzen flogen. Darunter spannte sich Haut, wurde dunkler, dicker, lebendiger. Haare sprossen, erst einzeln, wie Zweifel, dann büschelweise, als hätte etwas lange darauf gewartet, endlich herauszukommen.
Der Mann – nein, das Wesen – fiel auf alle Viere. Seine Beine krümmten sich, die Gelenke verschoben sich mit widerwärtiger Präzision. Ein Knie bog sich nach hinten, falsch aus menschlicher Sicht, richtig aus einer anderen. Knochen knackten wie Eis auf einem zugefrorenen See.
Sein Gesicht… Ekel stieg in mir hoch.
Er schlug den Kopf gegen den Boden, immer wieder, als wolle er die Veränderung abschütteln. Die Kiefer arbeiteten. Zähne knackten, sprangen heraus, um Platz zu machen für neue, längere, gelbliche Gebilde, die sich aus dem Fleisch schoben wie Dornen aus einer Wunde. Der Schädel zog sich nach vorn, das Gesicht wurde länger, grober, die Nase feucht und schwarz.
Der Geruch traf uns wie eine Wand.
Warm. Metallisch. Tierisch. Aber auch etwas anderes – etwas Altes, das nicht von diesem Mann stammte, sondern durch ihn hindurchfloss wie eine Krankheit mit Gedächtnis.
Seine Augen öffneten sich.
Sie waren noch menschlich genug, um zu flehen.
Dieses Flehen dauerte genau einen Herzschlag.
Dann veränderte sich der Blick. Die Pupillen weiteten sich, fraßen das Weiß auf, reflektierten den Mond. Das Winseln verwandelte sich in ein Knurren, tief aus der Brust, vibrierend, zufrieden.
Er stand auf.
