Die Barriere - Klaus Hartung - E-Book

Die Barriere E-Book

Klaus Hartung

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Beschreibung

Ihre Mission – Flug zum Mars und Landung auf dem Planeten. Dauer – Voraussichtlich 90 Tage hin. 30 Tage da. 90 Tage zurück. Alles funktioniert einwandfrei. Der Start. Das Verlassen der Umlaufbahn. Der Vorbeiflug an der Mondstation. Und dann passiert es – das Raumschiff stoppt mitten im Weltraum und ohne einen ersichtlichen Grund. Nun lernen die beiden Astronauten, dass sie da draußen nicht allein sind. Aber, werden sie ihre Mission erfüllen können? Werden sie überhaupt zurückkehren?

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Table of Contents

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

EVA (=Extravehicular Activity)

Die Barriere

Tag 127

Der Autor:

Weitere Geschichten vom gleichen Autor:

Die Barriere

SF – Kurzgeschichte

von

Klaus Hartung

Tag 1

Die Rakete stand auf der Küstenebene wie ein Gedanke aus Metall, der sich weigert, vergessen zu werden. Sie war weiß, doch das Weiß war kein Symbol der Reinheit, sondern der Abwesenheit von Bedeutung, eine Oberfläche, auf die die Geschichte der Menschheit ihre Erwartungen projizierte. Um sie herum vibrierte die Luft, nicht vor Lärm, sondern vor Berechnung. Sensoren tasteten Temperatur, Druck und Zeit ab, als ließe sich der kommende Augenblick vermessen. Hinter dem Zaun warteten Menschen, doch wichtiger waren die unsichtbaren Zeugen: Ozeane, tektonische Platten, der Mond.

Im Inneren der Rakete kroch Treibstoff durch Leitungen wie Blut durch Adern, kalt und dicht, gezähmt von Ventilen, die Milliarden Jahre Evolution in Ingenieursform übersetzten. Jede Schraube war ein Kompromiss zwischen dem Wunsch zu fliehen und der Pflicht, zu überleben. Computer zählten rückwärts, nicht aus Nervosität, sondern aus Notwendigkeit. Zeit wurde hier nicht erlebt, sondern verbraucht. Die Erde drehte sich weiter, gleichgültig gegenüber diesem lokalen Aufruhr, der doch von ihr wegführen sollte.

Als die letzten Sekunden verrannen, erinnerte sich niemand mehr an Mythen. Keine Götter wurden angerufen, keine Heldensagen. Stattdessen herrschte eine nüchterne Ehrfurcht vor den Gleichungen, die den Himmel öffneten.

Zündung der Triebwerke.

Ein erstes Aufblühen von Licht, brutaler als ein Sonnenaufgang, kontrollierter als ein Sternentod. Die Flammen waren keine Metapher, sondern ein Vertrag mit der Physik: Wir geben Masse auf, ihr gebt uns Richtung. Der Boden bebte, und mit ihm die Illusion von Stabilität.

Die Rakete hob sich, langsam zunächst, als prüfe sie die Ernsthaftigkeit der Absicht. Dann beschleunigte sie, schnitt eine Narbe aus Feuer in die Atmosphäre. Schallwellen rollten über das Meer, prallten an Wolken, kehrten als fernes Donnern zurück. Vögel stoben auseinander, irritierte Erben der Dinosaurier, Zeugen eines weiteren Versuchs, die Schwerkraft zu beleidigen. Unter der Rakete krümmte sich die Luft, wurde ionisiert, wurde Geschichte.

Im Aufstieg verdichtete sich die Welt. Blau wurde zu Schwarz, Druck zu Abwesenheit, Lärm zu Stille. Die Rakete war nun ein Pfeil, abgeschossen von einer Spezies, die gelernt hatte, dass Stillstand ebenfalls tödlich ist. In ihren Tanks schrumpfte die Vergangenheit der Erde, uralte Sonnenenergie, gespeichert in Molekülen, die nun verbrannt wurden, um ein paar Minuten Zukunft zu kaufen. Jeder Meter Höhe war ein kleiner Verrat an der Heimat.

Jenseits der Kármán Linie verlor das Wort oben seinen Sinn. Die Rakete fiel nun um die Erde herum, ein kontrollierter Sturz, der Freiheit simulierte. Unter ihr spannte sich der Planet, ein Mosaik aus Wolken, Wasser und Wüste, dünnhäutig und verletzlich. Kontinente glitten vorbei wie langsame Gedanken. Grenzen verschwanden. Zeiträume schrumpften. Die Rakete war ein Punkt, aber ein Punkt mit Absicht, getragen von der Hoffnung, dass Bedeutung skaliert werden kann.

In dieser Höhe wurde klar, wie alt alles war. Die Erde hatte Eiszeiten überlebt, Einschläge, biologische Experimente ohne Zahl. Die Rakete dagegen war jung, ein flüchtiges Muster aus Aluminium und Code. Doch Jugend hatte ihre eigene Macht. Sie konnte Fragen stellen, die alten Gesteinen fremd waren. Wohin führt Fortschritt, wenn er die Schwerkraft verlässt. Was bleibt von einer Spezies, wenn sie sich vervielfacht, verteilt, verdünnt.

Die Triebwerke schwiegen. Stille, die nicht leer war, sondern gespannt. Systeme überprüften sich selbst, Menschen atmeten wieder. Die Rakete war nun Teil einer größeren Maschine, der himmlischen Mechanik, die Planeten tanzen lässt. Sie trug Instrumente, Augen und Ohren, die weiter reichen sollten als jedes Tier. Daten würden fließen, Zahlen, Bilder, Hinweise auf Orte, an denen niemand geboren worden war.

Unten ging der Tag weiter. Kinder lernten, Ozeane bewegten sich, Gebirge erodierten. Der Start würde in Archiven landen, in Datenbanken, vielleicht in Erinnerungen. Doch seine eigentliche Bedeutung lag nicht im Spektakel, sondern in der Kontinuität. Dies war ein weiterer Schritt in einer Kette von Versuchen, die Nacht zu verstehen. Die Rakete zog ihre Bahn, klein und entschlossen, und die Erde ließ sie gehen, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Vertrauen in die Neugier, die sie hervorgebracht hatte.

Nach dem Abschalten der Triebwerke kehrte eine Stille ein, die nicht Frieden bedeutete, sondern Übergang. Frank ließ seine behandschuhten Finger über das Bedienfeld gleiten, weniger um etwas zu tun, als um sich zu vergewissern, dass die Welt noch auf Eingaben reagierte. Anzeigen stabilisierten sich, Zahlen fanden ihre Sollwerte, grüne Symbole ersetzten gelbe. Die Rakete – nun eher ein Habitat als ein Geschoss – hatte ihren Platz im Gleichgewicht zwischen Fall und Flucht gefunden.

Steve las die Telemetrie mit der geduldigen Konzentration eines Geologen, der Schichten interpretiert. Druck im Lebenserhaltungssystem nominal. Strahlungswerte innerhalb der berechneten Schwankungen. Energiefluss von den Solarpaneelen gleichmäßig, fast elegant. Jede Zahl war ein kleines Versprechen, dass die kommenden Stunden existieren durften. Er sprach die Ergebnisse laut aus, nicht aus Notwendigkeit, sondern um sie in die Realität zu verankern. Worte hatten hier oben Gewicht.

Frank nickte, auch wenn Steve es kaum sehen konnte. Er überprüfte die inertiale Navigation, verglich Sternsensoren mit Gyrodaten. Die Rakete wusste, wo sie war, zumindest innerhalb der Toleranzen menschlicher Planung. Außerhalb der Fenster spannte sich die Erde, eine gekrümmte Oberfläche aus Licht und Schatten, die langsam rotierte, als hätte sie alle Zeit der Welt. Frank dachte an die Rechenmodelle, die diese Aussicht vorausgesagt hatten, und daran, wie unerquicklich banal sie gegenüber der Wirklichkeit wirkten.

Sie arbeiteten sich durch die Checkliste, Punkt für Punkt, ein Ritual der Vernunft. Ventile reagierten, Pumpen summten, als wären sie lebendige Dinge mit begrenzter Geduld. Steve überprüfte die Kommunikationssysteme, lauschte dem gleichmäßigen Rauschen, das bestätigte, dass sie nicht allein waren, auch wenn die Erde bereits begann, sich in Verzögerungen aufzulösen. Lichtsekunden krochen zwischen Frage und Antwort. Zeit dehnte sich.

---ENDE DER LESEPROBE---