5,99 €
Eva wächst abgeschottet von der Welt auf – in einem Keller, fern vom Tageslicht, begleitet von Schuldzuweisungen und düsteren Glaubenssätzen. Ihre Kindheit ist ein fragiles Konstrukt aus Bildung, Angst und dem einzigen Lichtblick: der Liebe ihres Vaters. Als dieser stirbt, verliert sie jeden Halt. Der neue Freund der Mutter wird zur Gefahr. Als er sie das zweite Mal vergewaltigt werden soll, rettet sie nur ein Mord, der ihre Gefangenschaft beendet. Eine Reise durch Institutionen, Erinnerungen und die Suche nach Zugehörigkeit beginnt. Parallel dazu wird die Geschichte einer erfolgreichen Anwältin erzählt. Lena ist eine engagierte Familienanwältin mit einem untrüglichen Gespür für Wahrheit – besonders dann, wenn sie zwischen Schweigen und Schuld verborgen liegt. Ihre Fälle führen sie in die dunkelsten Winkel familiärer Gewalt. Doch als der Mann einer Mandantin brutal ermordet wird, beginnt eine Suche nach Antworten, die sie näher an persönliche Abgründe bringt, als ihr lieb ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2025
Über den Autor
Der 1953 in Güstrow geborene Autor lebt heute mit seiner Frau in Ludwigsfelde. Sein Studium an der TU Dresden schloss er 1977 als Dipl.-Ing. für Informationstechnik ab.
Neben seiner Arbeit widmete er sich dem Schreiben und der Fotografie. Mit Erreichen des Rentenalters arbeitete er sein Lebenswerk auf und begann mit der Veröffentlichung seiner Bücher.
Es macht ihm Spaß, sich in allen Bereichen der Belletristik auszutoben. So schrieb er neben Kinder- und Jugendbüchern auch Kriminalromane, Abenteuerromane und Fantasygeschichten.
Bei einigen Büchern gestaltete er sein Cover selbst.
Näheres unter https://erwinsittig.de/
Das Auge sieht nur, was die Seele fühlt.
Erwin Sittig
Erwin Sittig
Die Verbrochene
Kriminalroman
© 2025 Erwin Sittig
Website: https://erwinsittig.de/
Covergestaltung: ChatGPT
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.
Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:
tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice",
Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Cover
Epigraph
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 61
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
Die Verbrochene
1
Es war am frühen Nachmittag, als der Anruf einging. Die Müdigkeit versuchte, sie niederzudrücken, wie es oft nach einem üppigen Mal war. Sie hatten sich ausnahmsweise in einer Gaststätte zusammengefunden, um in entspannter Atmosphäre ihre Mittagspause zu genießen. Es gab allen Grund dazu, denn ihr letzter Fall war abgeschlossen und hatte ihnen die ganze Palette ihres Könnens abgefordert. Sehr schnell war das Gespräch auf die menschlichen Abgründe gekommen, denn jedes Mal war es unfassbar, was scheinbar ganz normale Bürger zu den abscheulichsten Taten trieb. Am Ende war es wieder mal ein Mord aus Eifersucht gewesen.
Warum konnte man einen geliebten Menschen nicht einfach gehen lassen, wenn man sich auseinandergelebt hatte? Wer seine Partnerin liebt, würde doch wollen, dass sie glücklich wird, sollte man meinen. Stattdessen entwickelten sich Besitzansprüche, die den Ungehorsam mit dem Tod bestraft hatten. Manchmal stellte Vera Huske ihre Entscheidung, für die Mordkommission zu arbeiten infrage. Besonders, wenn eine so allseits beliebte, talentierte junge Frau, die eine vielversprechende Zukunft vor sich hatte, aus dem Leben gerissen wurde. Und alles nur, weil eine kranke Seele sich in seinem Ego verletzt fühlte.
Sie hatten sich gerade wieder an ihre Computer gesetzt, um die letzten Berichte zu formulieren, als das Telefon beharrlich schrillte.
Vera war sofort voll konzentriert, als die hysterische Stimme der Frau in ihr Ohr drang. Es schmerzte fast, so schrill, laut und aggressiv empfand sie den Ton.
Sie stützte eine Hand auf den Tisch und beugte sich vor, so dass ihre dunkle Mähne, die mit blonden Strähnen durchzogen war, ihr vors Gesicht fiel. Verärgert richtete sie sich wieder auf und warf die Störenfriede über die Schulter. Ihr Assistent Jan Winter, ein junger modebewusster Mann mit lockigen Haaren, die er stets mit einem Gummi im Nacken zu bändigen versuchte, wurde aufmerksam und gesellte sich zu ihr. Sie stellte auf Lautsprecher.
„Beruhigen Sie sich erst mal. Nennen Sie mir bitte zuerst Ihren Namen.“
„Scheiß auf den Namen“, schrie die Frau am anderen Ende der Leitung. „Ich versuche gerade, einen heimtückischen Mord zu melden, und Sie interessieren sich nur für meinen Namen.“
„Gute Frau. Wir müssen wissen, mit wem wir es zu tun haben und wo Sie sich befinden. Wie sollen wir Sie und den Tatort sonst finden? Halten Sie sich noch am Tatort auf?“
„Natürlich. Ich bin zu Hause und meine Tochter …“
„Also, bitte seien Sie so gut und beginnen mit Ihrem Namen und der Adresse. Danach können Sie uns erzählen, was geschehen ist.“
Sie stöhnte und knurrte, bevor sie sich dazu herabließ, der Kommissarin den Wunsch zu erfüllen.
„Verdammt! Mein Name ist Hildegard Ragull. Ich wohne in Wasdorf, Dorfstraße 17. Kann ich jetzt endlich anfangen? Oder wollen Sie noch meine Blutgruppe kennenlernen?“, fragte sie provokatorisch.
„Sollten wir Blutspuren finden, die sich nicht zuordnen lassen, werden wir selbst Proben nehmen. Ist der Täter noch vor Ort?“
„Natürlich. Sie sitzt in aller Seelenruhe in der Ecke, als sei nichts geschehen.“
Veras und Jans Körper spannten sich.
„Werden Sie bedroht?“, fragte Vera besorgt.
„Quatsch. Das würde sie sich nicht trauen.“
„Dann erzählen Sie in Kurzfassung, was geschah. Wir werden uns sofort auf den Weg machen.“
„Meine Tochter, das alte Miststück, hat meinen Mann kaltblütig abgestochen. Ich wusste schon damals, warum ich sie nicht haben wollte.“
„In Ordnung. Wir sind gleich bei Ihnen. In einer dreiviertel Stunde könnten wir vor Ort sein. Fassen Sie nichts an.“
Sie informierte die Spurensicherung und griff zum Autoschlüssel.
„Seltsam, dass sie vor der Tochter keine Angst hat“, wunderte sich Jan. „Wenn sie noch mit der Waffe im Zimmer sitzt, kann alles passieren.“
Sie setzten das mobile Blaulicht aufs Wagendach und preschten los.
Das Dorf lag 50 km von der Stadt entfernt. Einer dieser vergessenen Orte, wo das Aussehen der Gebäude die Liebe ihrer Bewohner vermissen ließ.
Möglich auch, dass man das wenige Geld, das zur Verfügung stand, für wichtigere Sachen benötigte. Wasdorf war ein 50 Seelenort. Gerade mal zwei Besitzer hatten ihre Häuser generalüberholt. Sie stachen richtig heraus aus der grauen Tristesse des Ortes. Die Dorfstraße 17 lag etwas abgelegen am äußersten Ende in einer Sackgasse. Wer sich hierhin verlief, der wollte mit Sicherheit auch dort hin. Stellenweise war der Putz abgefallen und die Holzfenster hätten schon lange einen neuen Anstrich nötig gehabt. Zumindest bezeugte das die obere Etage des Hauses. Das Grundstück war rundum von einem 2m hohen Zaun eingegrenzt. Als wolle man signalisieren, dass Besuch und neugierige Blicke nicht willkommen seien. Wenigstens hatten die anderen Dorfbewohner Farbe in die offen einsehbaren Vorgärten gebracht. Doch der Garten der Ragulls versteckte sich hinter diesem riesigen Zaun, der keine Lücke aufwies. Während ihres 22-jährigen Polizeidienstes hatte sie noch nichts Vergleichbares zu Gesicht bekommen, es sei denn in den Villenvierteln der Reichen. Hildegard Ragull stand erwartungsvoll in der geöffneten Zauntür, als sie eintrafen. Sie wirkte zerzaust.
„Was fällt Ihnen ein, hier mit Blaulicht aufzukreuzen!“, empörte sich die Frau. „Da hätten Sie gleich eine Einladung an die Nachbarn schicken können!“
„Bei der Gefahrenlage ist es Vorschrift, um Ihnen möglichst schnell den erforderlichen Schutz gewähren zu können.“
„Was für eine Gefahrenlage? Und was den Schutz angeht, das krieg ich schon selbst hin. Machen Sie das Ding aus und kommen rein!“
Inzwischen war auch die Spurensicherung mit zwei Wagen eingetroffen.
„Sind Sie verrückt? Will sich Ihre ganze Behörde hier einquartieren? Warten Sie, ich mache das Tor auf. Wir sitzen ja hier wie auf dem Präsentierteller“, setzte sie ihre Schimpfattacken fort.
Ächzend öffnete sie das Tor und schloss es sofort wieder, nachdem alle Fahrzeuge durchgefahren waren.
„Haben Sie keine anderen Sorgen? Immerhin befindet sich Ihre bewaffnete Tochter noch im Haus“, beanstandete Vera.
„Ach, die. Die muckst sich nicht mehr und ihre Waffe steckt noch in meinem Mann.“
„Könnten Sie uns dann bitte schnellstens an den Tatort führen?“, forderte die Kommissarin.
„Natürlich.“
Sie ging über die steilen Kellertreppen voran, vorbei an Wänden, die im unteren drittel mit Ölfarbe gestrichen waren, um Verschmutzungen besser Herr werden zu können. Doch auch hier platzte stellenweise schon die Farbe ab. Als Frau Ragull dann die Tür aufstieß, trauten sie ihren Augen nicht. Ein heller, liebevoll eingerichteter Raum, ließ auf den ersten flüchtigen Blick einen Partyraum vermuten, doch schon der zweite offenbarte ein Kinderzimmer, das eher praktisch angelegt war. Sogar eine Toilette befand sich im Raum, die man durch einen Vorhang abschirmen konnte.
„Na du alte Hexe, jetzt wirst du dein blaues Wunder erleben und für den Rest deines Lebens in den Knast wandern!“
Bei dieser Ansage von Hildegard Ragull war ihr Gesicht bis ins kleinste Detail hasserfüllt. Sie zogen die Frau am Arm zurück.
„Bitte warten Sie draußen. Wir machen uns erst mal selbst ein Bild“, verkündete Vera.
Widerwillig gehorchte sie.
Als die beiden Kommissare den Raum betraten, drohte, ihr Herz still zu stehen. Sie hatten damit gerechnet, eine erwachsene Frau vorzufinden, doch in der hintersten Ecke kauerte ein Mädchen, das nicht älter als 12 Jahre sein dürfte. Sie sah ihren Assistenten verwirrt an. Auch er war sprachlos.
„Können wir mit Ihrer Tochter sprechen?“, fragte Vera durch die geöffnete Tür, wo die Mutter immer noch wachsam lauerte?
„Machen Sie mit ihr, was Sie wollen. Sie ist der Teufel“, kam die patzige Antwort.
Sie nickte Jan zu und der forderte sofort eine Kinderpsychologin an.
„Wie heißt Ihre Tochter?“
„Eva. Mein Mann hat ihr diesen bescheuerten Namen gegeben. Von mir hätte sie keinen bekommen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich sie weggegeben. Schauen Sie sich doch den Satansbraten mal an. Es steht ihr ins Gesicht geschrieben, dass sie nur Unglück bringt.“
Sie gingen wieder hinein. Die Kleine saß immer noch apathisch da. Die Knie angezogen und die Arme darum geschlungen. An ihrer rechten Hand waren Blutspuren erkennbar.
Obwohl ihre langen dunklen Haare die eine Gesichtshälfte fast verdeckten, schimmerte durch, worauf die Mutter angespielt hatte. Die eine Seite war überwiegend von einem Feuermal bedeckt.
Das Kind schaute stur zu Boden. Ihre Atmung hob den zarten Körper rhythmisch. Weitere Regungen gab es nicht. Das Gesicht starr wie eine Maske. Erst jetzt bemerkten sie das Opfer, das ihr gegenüber vor dem Schreibtisch lag.
„Wieso haben Sie das arme Kind nicht aus dem Zimmer entfernt. Sie sehen doch, dass sie unter Schock steht!“, warf Vera Huske der Mutter vor.
„Diese Ausgeburt der Hölle soll sich ruhig ansehen, was sie verbrochen hat. Haben Sie etwa Mitleid mit einer brutalen Mörderin?“, verteidigte sie sich.
„Ob sie eine brutale Mörderin ist, werden wir herausfinden.“
„Was gibt es da herauszufinden? Es ist doch offensichtlich, was sich hier zugetragen hat. Sie hat meinen Mann aus Eifersucht beseitigt.“
„Mäßigen Sie sich, Frau Ragull. Sie reden hier von einem Kind.“
„Könnte mal eine Beamtin das Mädchen in ein anderes Zimmer bringen?“ , fügte sie hinzu.
„Die Kinderpsychologin ist gerade eingetroffen“, rief ihr ein Kollege zu.
„Dann her mit ihr!“
Sie schlich langsam zum Mädchen, das seit ihrem Eintreffen wie eine Statue dort saß. Sie ging in die Hocke, um den Blickkontakt zu suchen. Dabei stach ihr das Feuermal mit aller Deutlichkeit in die Augen.
Sie konnte sich vorstellen, dass es zur Belastung für das Kind werden konnte, wenn sie an die Rücksichtslosigkeit vieler Schulkinder dachte, die ihr zu Ohren gekommen war. Sie würden auch mit ihrer Lehrerin sprechen müssen.
„Hallo Eva, möchtest du uns erzählen, was passiert ist?“
Die Kleine ließ sich nicht anmerken, dass irgendeines der Worte zu ihr vorgedrungen sein könnte. Selbst ihre Atmung veränderte sich nicht, geschweige denn, ihr Gesichtsausdruck.
Ein schlanker Frauenkörper schob sich an der Kommissarin vorbei. Vera schaute kurz auf und erkannte die Polizeipsychologin Hanna Siewert. Sie war zwar noch jung, fand aber immer einen Draht zu ihren minderjährigen Patienten. Ihre schwarzen Haare mit dem lustig hüpfenden Pferdeschwanz und ihre freundlichen ebenmäßigen Gesichtszüge, nahmen die Kinder schnell für sie ein. Vera erhob sich langsam, während Hanna übernahm. Sie streichelte Evas Schulter.
„Wir werden jetzt diesen schrecklichen Ort verlassen, Schätzchen. Ist das okay für dich?“, fragte sie einfühlsam. Keine Reaktion. Die Psychologin löste die vor den Knien verschränkten Arme und ergriff ihre Hände, die sie behutsam mit ihren Daumen streichelte. Das Mädchen hob den Kopf und schaute ihr in die Augen. Dennoch blieben ihre Gesichtszüge starr.
„Hab keine Angst“, fuhr Hanna fort, während sie eine Hand losließ und den Arm um ihre Hüfte legte.
Mit leichtem Druck hob sie das Kind an, und forderte es auf, aufzustehen.
„Du hast nichts falsch gemacht, Eva“, sagte sie einschmeichelnd, während sich der schmächtige Körper langsam erhob. Dass die Mutter sich vor der Tür über den Satz der Psychologin aufregte, nahm Vera zum Anlass, Frau Ragull zu entfernen.
Sie ließ sie von einem Beamten in ein anderes Zimmer bringen. Nachdem das Mädchen zwei Schritte getan und ihren Blick von Hanna gelöst hatte, betrachtete sie wie in Trance die vor ihr liegende Leiche. Schnell schob sich die Beamtin dazwischen, um dem Kind den Anblick zu ersparen. Ganz langsam bewegten sie sich durch den Raum. Vera hatte das Gefühl, dass die kleine Eva erleichtert ausgeatmet hatte, als sie durch die Tür schritten und den ganzen Schrecken zurückließen. Aber sie könnte sich auch getäuscht haben.
Endlich konnten sich die Kommissare in Ruhe umsehen. Das Opfer war ein schlanker Mann von möglicherweise Anfang 30 und wirkte etwas jünger als Frau Ragull. Ihrer Aussage nach müsste es sich hierbei um Herrn Ragull, ihren Ehemann handeln. Er war mit braunen Lederschuhen, einer engen schwarzen Hose und einem weißen Hemd bekleidet. Alles schien von edelstem Material zu sein. Auch seine Gattin hatte mit ihrem geschmackvollen Kleid den Eindruck erweckt, modebewusst zu sein. Das schlichte Leinenkleid ihrer Tochter hob sich davon deutlich ab. Das Hemd des Mannes hatte sich mit Blut vollgesaugt, dessen Quelle die Schläfe des Opfers zu sein schien. Es hatte sich bereits eine beachtliche Lache gebildet. Die Spurensicherung verteilte sich im Raum, um ihre Arbeit aufzunehmen. Zunächst schossen sie unzählige Fotos. Als sie den Kopf anhoben und etwas seitlich ablegten, um Bilder von der Wunde zu bekommen, war auch die Waffe erkennbar, die noch in der Schläfe steckte. Es war ein Bleistift, der nicht mehr als 5cm herausragte. Schwer zu sagen, wie weit der Stift ins Hirn vorgedrungen war. Sie waren überrascht, hatten sie doch, inspiriert von der Schilderung der Mutter ein Messer als Tatwaffe vermutet.
Während die Kollegen emsig jeden Zentimeter des Kellerraums untersuchten, hatten die Kommissare Zeit, sich genauer umzusehen. Sie blieben im Türrahmen stehen, um niemanden zu behindern. Auf den ersten Blick wirkte der Raum wie ein liebevoll eingerichtetes Kinderzimmer. Helle freundliche Wände, wobei eine in der typischen Mädchenfarbe rosa gestrichen war. Über dem Schreibtisch, neben dem der Vater lag, prangte ein Poster von Rosenstolz. Er war sorgfältig aufgeräumt. Seitlich vom Laptop lag ein Zeichenblock, der jedoch noch blütenweiß war. Vermutlich hatte darauf der Bleistift gelegen. Ein Aufsatz mit diversen Fächern und Schubladen bot ausreichend Stauraum für Utensilien wie Anspitzer, Radiergummi, USB-Sticks, bunte Postkarten und Ähnliches. Der angrenzende Schrank beherbergte einen Fernseher und eine Musikanlage. Rechts vom Bett, das unbenutzt war, befand sich die Toilette, deren schützender Vorhang zurückgezogen war, wie sie bereits bemerkt hatten. Über dem Bett hing eine Lampe, die einem Kristallleuchter nachempfunden war.
Auf der linken Seite schloss sich eine Staffelei an, auf der eine Leinwand stand, die ein unvollendetes Porträt zeigte, das in düsteren Farben gehalten war. Bei genauerer Betrachtung tippten sie auf ein Selbstporträt. An den nicht zugestellten Wänden stapelten sich vollendete Gemälde, die Eva vermutlich im Laufe der Jahre erschaffen hatte.
Sie hatte Talent, was ihnen zumindest ihr ungeübtes Auge vermittelte. Auffallend war auch eine Teilverkleidung einer oberen Wandhälfte, durch die offenbar ein Lüftungsrohr führte. Ein Ventilator schloss das Rohr zum Raum hin ab.
„Kommt mir vor, als hätten sie einen Kellerlichtschacht ausgefüllt und dafür eine behelfsmäßige Entlüftung installiert“, ließ Jan die Kollegin an seiner Überlegung teilhaben.
„Weshalb sollten sie das tun?“, erwiderte Vera.
„Für mich macht der ganze Raum den Eindruck eines Gefängnisses. Vielleicht hat man den Lichtschacht mit Dämmmaterial ausgefüllt, um eventuelle Geräusche nicht nach draußen dringen zu lassen. Selbst die Stahltür, über die man diesen Raum betritt, passt ins Bild.“
„Dann lass uns mal nach oben gehen und mit Eva reden“, schlug Vera vor.
„Vielleicht finden wir bei der Mutter eher Antworten. Wollen wir nicht mit ihr beginnen? Hanna wird vielleicht noch etwas Zeit brauchen, um das Mädchen zu öffnen.“
2
Frau Ragull war sichtlich nervös. Mit dem Verlust des Mannes und der Tat der Tochter war offensichtlich ihr gesamtes Leben aus den Fugen geraten. Verbitterung und Aggressionen schienen sie zu beherrschen. Der Beamte zog sich zurück, als die Kommissare den Raum, wahrscheinlich ihr Arbeitszimmer, betraten.
Auch hier herrschte Ordnung. Die Einrichtung war nicht schön, sondern praktisch. Allein arbeitstechnische Überlegungen dürften bei der Auswahl der Möbel eine Rolle gespielt haben. Verschließbarer Schreibtisch, offene Regale und Schränke mit unzähligen Aktenordnern dominierten das Bild.
„Wie kann Ihre Kollegin der Göre einreden, dass sie nichts falsch gemacht hätte“, platzte es aus Frau Ragull heraus. „Sind Morde heutzutage standesgemäß?“
„Wir wissen noch nicht, was genau vorgefallen ist. Bei einem Kind würde ich nicht unbedingt von vorsätzlichem Mord ausgehen. Möglich, dass sie in Notwehr handelte, oder gesundheitliche Probleme hat, wie zum Beispiel Wahnvorstellungen. Zudem befindet sich das Mädchen in einem ausgeprägten Schockzustand, was besonderes Einfühlungsvermögen erfordert“, erläuterte Vera.
„Wer’s glaubt“, kommentierte die Mutter.
Jan hielt sich bei Verhören gewöhnlich zurück. Er beobachtete und notierte, was ihm wichtig war.
„Bringen Sie uns bitte zwei Stühle“, bat er den vor der Tür postierten Beamten.
„Es wird vermutlich länger dauern.“
Sie setzten sich, als das Gewünschte gebracht worden war. Die wütende Frau ließ ihren Blick zwischen den beiden Beamten wandern, bis sie erkannte, dass die Kommissarin die Wortführerin war.
„Wann waren Sie mit Ihrer Tochter das letzte Mal beim Arzt?“, begann Vera das Gespräch.
„Die Kröte ist zäh. Sie brauchte nie ärztliche Behandlungen. Das bisschen, was nötig war, haben wir selbst hingekriegt.“
„Es gibt Vorsorgeuntersuchungen, denen Sie verpflichtet sind.“
Die Frau schwieg betreten.
„Haben nicht das Jugendamt oder die Schule die erforderlichen Nachweise abgefordert?“
Sie blieb bei ihrer Taktik, sich in Schweigen zu hüllen und spielte dabei mit ihren Fingern, versuchte dann ihre Nägel zu reinigen.
„Antworten Sie, Frau Ragull!“
Sie sprang auf und tigerte im Zimmer umher.
„Haben Sie sich mal angesehen, wie das Luder aussieht? Sie ist entstellt, ein Monster. So etwas kann man doch nicht zur Schule schicken! Sie hätte uns ins Gerede gebracht und wäre von den anderen Schülern gesteinigt worden.“
Vera konnte nicht fassen, was sie da hörte.
„Wie bitte? Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Zeit der Hexenverfolgung ist lange vorbei. Das Jugendamt muss doch nachgefragt haben, als Sie Ihr Kind nicht einschulen ließen.“
Sie kniff die Lippen zusammen, ging zum Fenster und sah hinaus. Auf eine Antwort warteten sie vergebens.
„Sagen Sie nicht, dass Sie die Kleine nicht mal gemeldet haben. Gibt es eine Geburtsurkunde?“
„Nein, verdammt!“, schrie sie die Kommissarin an. „So ein Kind ist fürs Leben gezeichnet. Dieses Teufelsmal hat sie nicht umsonst bekommen. Und ich hatte damit Recht, sie von den Leuten fernzuhalten, wie dieser Mord beweist.“
„Ihre Kollegen und die Dorfbewohner müssen doch aber gesehen haben, dass sie schwanger waren. Es ist heutzutage unmöglich ein Kind zu verheimlichen“, widersprach Vera.
Bestürzt warf sie die Haare über die Schulter, nachdem sie ihr vor Erregung wieder mal ins Gesicht gefallen waren.
„Ich hatte eine Auszeit genommen und bin während der gesamten Schwangerschaft zu Hause geblieben. Mein Mann hat sich um alles gekümmert, was außerhalb des Grundstückes zu erledigen war.“
„Bekamen Sie niemals Besuch?“
„Hab ich am Zaun abgefertigt“, sagte Frau Ragull mechanisch.
„Ach darum der verstopfte Lichtschacht, damit das Babygeschrei nicht nach draußen dringt“, warf Jan ein.
„Ich habe diese Missgeburt nicht durchfüttern wollen. Ohne zu zögern, hätte ich sie zur Adoption freigegeben. Doch mein Mann, der Idiot, wollte sie unbedingt behalten. Er hatte sich schon immer ein Kind gewünscht. Leider hatte er nur eine Luftpumpe, der Versager“, ließ sie ihrem Frust freien Lauf.
„Wer war dann der Vater“, fragte Vera verwundert.
„Weiß ich nicht“, sagte sie schließlich nach einigem Zögern.
„Jedenfalls habe ich Herbert gesagt, wenn er den Balg behalten will, muss er sich selbst darum kümmern. Ich bin da raus. Und dann gab er ihr diesen bescheuerten Namen.“
„Das Versteckspielen hat er akzeptiert?“, wunderte sich die Kommissarin.
„Was blieb ihm übrig? Er war richtig vernarrt in das Gör. Hat sich den Arsch für sie aufgerissen und ich war abgemeldet.“
„Erstaunlich, dass Sie trotzdem so intensiv um ihn trauern.“
Sie stutzte kurz. Dann ging ihr ein Licht auf.
„Mein Mann starb vor ein paar Jahren. Das da unten ist sein Nachfolger. Leon heißt er“, sagte Hildegard Ragull verträumt.
„Ein so lieber Mensch und diese fiese Natter hat ihn mir weggenommen. Einfach so. Aus Eifersucht“, fügte sie an.
„Eifersucht setzt Liebe voraus. Ich vermute, die beiden konnten sich nicht ausstehen“, warf Vera ein.
„Sie war scharf auf ihn. Kaum wachsen ihr kleine Titten, denkt sie, dass sie sich alles herausnehmen kann. Stellen Sie sich vor, sie hat sogar behauptet, dass er sie betatscht hätte. Nur um uns auseinanderzubringen. Können Sie sich das vorstellen? Jetzt wissen Sie, mit was für einer Kreatur Sie es zu tun haben.“
„Und Sie sind dem nie nachgegangen, ob vielleicht an ihren Behauptungen doch was dran war?“, fragte Vera.
„Natürlich habe ich ihm davon erzählt. Er hat sich scheckig gelacht. Was sollte er mit so einem dünnen Klappergestell, dem man nicht mal ins Gesicht sehen könne, ohne Schaden zu nehmen, anfangen. Das kam vollkommen ehrlich rüber und ich wusste woran ich war.“ Fassungslos sahen sich die Kommissare an.
„Frau Ragull. Wir werden Ihre Eva mitnehmen und ärztlich untersuchen lassen. Außerdem werden Sie gleich morgen den Geburtsschein für ihrer Tochter beantragen. Wir werden das kontrollieren.“
„Ich weiß doch gar nicht mehr, wann sie geboren wurde“, widersprach sie.
„Wenn Ihr verstorbener Mann so vernarrt in das Kind war, wie Sie behauptet haben, wird er auch den Geburtstag mit ihr gefeiert haben. Nehmen Sie einfach das Datum. Außerdem müssen Sie mit einer Anklage wegen Kindesentziehung und Freiheitsberaubung und ein paar anderen rechnen.“
„Dem Kind hat es an nichts gefehlt. Wir haben es unterrichtet, immerhin war ich mal Lehrerin, und Herbert hat ihr die nötige Allgemeinbildung verschafft und sie an die Kunst herangeführt. Eva war glücklich. Wir haben ihr die gehässigen Menschen vom Leib gehalten. Sie wird den Mädchen in ihrer Altersgruppe in nichts nachstehen.“
„Ist sie nicht eher unter gehässigen Menschen aufgewachsen, eingepfercht in einem kleinen Keller?“, erregte sich die Kommissarin.
„So ein Bullshit“, entgegnete Hildegard. „Sie durfte nachts raus, wenn sie es wollte.“
„Sie hat nie das Sonnenlicht kennengelernt?“
„Klar, ein zwei Mal ganz kurz. Wenn die Nachbarn im Urlaub waren. Dann habe ich die Gegend überwacht.“
„Wissen Sie wer die wahren Monster sind, Frau Ragull? Sie und Ihr Mann.“
Die Frau war für einen Moment sprachlos. Dann pumpte sie sich auf und schleuderte ihre ganze Wut hinaus.
„Wir haben unser Leben für das Kind aufgegeben, Sie widerliche Person. Seit sie geboren wurde, haben wir keinen einzigen Tag Urlaub machen können. Sie hat unser Leben zerstört, als wäre es selbstverständlich. Ohne die geringste Dankbarkeit zu zeigen. Stattdessen meuchelt sie die, die sie lieben, dahin. In Ihrer Welt sieht so wahrscheinlich ein Engel aus“, entgegnete sie spöttisch. Zunächst überlegte Vera, diesem Monster die Leviten zu lesen. Das ekelerregende Selbstmitleid der skrupellosen Mutter regte sie dermaßen auf, dass es ihr fast die Luft abschnürte.
„Es macht keinen Sinn, weiter zu diskutieren“, sagte sie schließlich mit stockender Stimme. „Vielleicht wird es Ihnen die Augen öffnen, wenn Sie vor Gericht stehen. Und bis dahin vergessen Sie nicht, Eva registrieren zu lassen, sonst bekommen Sie weiteren Ärger.“
Sie hörte nicht mehr hin, was Ihnen die Frau zum Abschied an den Kopf warf. Es gelang ihr, vollkommen dicht zu machen. Die Sehnsucht, wieder unter normale Menschen zu gehen, war übermächtig.
3
Es dauerte lange, bis Vera sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Tränen schossen unkontrolliert hervor, sobald sie an das Schicksal der kleinen Eva dachte. Niemand konnte erahnen, welche irreversiblen Schäden ihre Seele genommen hatte. Auch Jan brachte kein Wort hervor, nachdem sie endlich die Tür hinter sich geschlossen hatten. Sie hatten sich beim gemeinsamen Essen noch über die menschlichen Abgründe, bezüglich ihres abgeschlossenen Falls, unterhalten, ohne zu ahnen, dass in Kürze ihre Vorstellungskraft auf eine noch viel härtere Probe gestellt werden würde. Es war gut, dass sie mit diesem Wissen in die Befragung des Mädchens gehen konnten, das durch die Hölle gegangen war. Und wahrscheinlich würde sie noch Weitere durchleben müssen. Waren sie dieser Herausforderung überhaupt gewachsen?
Jan beobachtete seine Kollegin, die zaghaft die Türklinke in der Hand hielt und verzweifelt versuchte, diesen Moment hinauszuzögern. Er nickte ihr aufmunternd zu. Sie konnten sich erfreulicherweise auf die erfahrene Psychologin Hanna Siewert stützen. Sie hofften inständig, dass sie dem Mädchen ihre größten Ängste bereits nehmen konnte.
„Du musst dein hübsches Gesicht nicht verstecken“, sagte Hanna gerade, während sie ihr die Haarsträhne hinters Ohr schob, die das Feuermal verdecken sollte.
Eva schaute zu den Neuankömmlingen auf, wobei sie ein leichtes Erschrecken zeigte und sofort wieder in ihr altes Muster verfiel. Sie senkte augenblicklich den Kopf. Die eben noch entspannten Gesichtszüge wurden erneut starr.
„Alles in Ordnung, Eva“, flüsterte die Psychologin und hob sanft deren Kinn an.
„Das sind Freunde. Meine und deine. Sie möchten dir helfen. Könntest du das bitte zulassen und ihnen ein paar Fragen beantworten?“
Die Kleine ergriff blitzschnell Hannas Hand und drückte sie mit aller Kraft. Ein scheuer Blick zu Vera, die ihr zulächelte. Vielleicht hatte das sensible Mädchen ihre leicht geröteten Augen bemerkt, was immer ein Signal dafür war, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie setzten sich.
„Wir glauben zu wissen, was du durchgemacht hast“, begann Vera vorsichtig.
„Um alles zu verstehen, müsstest du uns noch etwas helfen. Wärst du bereit, mit mir darüber zu reden?“ Fragend sah sie Hanna an. Die nickte ihr aufmunternd zu, wobei sie weiterhin ihre Hand hielt.
„Wie alt bist du, Eva?“
„Im Februar werde ich 13“, sagte sie mit kaum hörbarer Stimme.
„Warst du manchmal glücklich, mein Kind?“
„Solange Vater noch da war, bin ich sehr glücklich gewesen. Er hat mich geliebt. Mit ihm habe ich meine schlimme Krankheit fast vergessen.“ Sie schaute wieder bedrückt zu Boden.
„Was ist das für eine Krankheit?“, fragte Vera verblüfft.
„Ich habe eine Hautkrankheit, mit der ich nicht ans Sonnenlicht darf, weil sich meine Haut sonst entzünden würde. Daran könnte ich sterben. Aber Mutter behauptete manchmal, dass ich das Mal des Teufels trage und die anderen Menschen vor mir geschützt werden müssten.“
„Hast du ihr das geglaubt?“
„Vater hat mir gesagt, dass das Blödsinn ist. Wenn ich meine Krankheit nicht hätte, wäre ich ein ganz normales Mädchen. Er hat mich auch so behandelt und mir das Malen beigebracht.“
„Da hat dein Vater Recht gehabt. Du bist nicht nur ein normales, sondern auch ein hübsches Mädchen“, betonte Vera.
„Ich habe gesehen, dass du ein paar Selbstporträts von dir angefertigt hast. Einige hast du sehr düster gemalt. Aber sie sind wunderschön.“
Erstaunlicherweise schien das Mädchen jetzt aufzublühen.
„Das habe ich mir von Frida Kahlo abgeguckt. Sie hat auch sehr viele Selbstporträts gemalt. Sie sagte, dass sie sich so häufig malt, weil sie oft allein ist. Und sie selbst sei das Thema, das sie am besten kenne. Mir ging es genauso.“
