Heilsames Schweigen - Erwin Sittig - E-Book

Heilsames Schweigen E-Book

Erwin Sittig

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Beschreibung

Holger muss während eines Spezialeinsatzes in Afghanistan zusehen, wie sein Freund Kevin von einer Mine zerrissen wird, und verliert selbst ein Bein. Er fühlt sich als Krüppel und will das Mitleid seiner Mitmenschen nicht. Er bricht alle Brücken ab und trennt sich per Brief auch von seiner Freundin, die er nach seinem Einsatz heiraten wollte. In einem entlegenen Dorf baut er sich einen Gnadenhof für verschiedene Tiere auf, von denen er sich in der Einsamkeit Heilung von seinem Kriegstrauma erhofft. Die junge Frau Babsi hilft ihm dabei und ist gleichzeitig seine Verbindung zur Welt. Ihre Liebe zu ihm will er nicht sehen. Sie passt nicht in sein neues Leben. Dennoch hält sie weiter zu ihm. Eines Tages steht Vincent, der Sohn seines Kriegskameraden vor der Tür. Die Mutter schrieb auf dem Totenbett einen Brief, in dem sie bittet, ihren Sohn an Vater statt aufzuziehen. Babsi überredet ihn, den Jungen aufzunehmen, den er abweisen will, da der ihm zu verweichlicht ist und seine Ruhe stören würde. Sein ursprünglicher Plan gerät aus den Fugen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Erwin Sittig

Heilsames Schweigen

Roman

© 2025 Erwin Sittig

Website: https://erwinsittig.de/

Coverdesign von: Erwin Sittig

Covergrafik von: ChatGPT

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg,Deutschland

ISBN

Paperback:

978-3-384-59798-4

Hardcover:

978-3-384-59799-1

e-Book:

978-3-384-59800-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:[email protected]

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Heilsames Schweigen

Vincent 2017

Holger 2017

Roswitha 1996

Holger 2001

Hochzeit 2003

Holger 2017

Babsi 2007

Holger 2017

Holger 2008

Babsi 2008

Vincent 2017

Janine 2007

Holger 2008

Vincent 2017

Holger 2012

Holger 2004

Holger 2008

Vincent 2017

Holger 2017

Babsi 2017

Vincent 2017

Elfi 2017

Holger 2017

Vincent 2017

Elfi 2017

Vincent 2017

Babsi 2017

Holger 2017

Babsi 2017

Holger 2017

Babsi 2017

Elfi 2017

Holger 2017 / 2018

Vincent 2018

Babsi 2018

Holger 2018

Vincent 2018

Holger 2018

Babsi 2018

Silvester 2018 / 2019

Vincent 2020

2023

Babsi 2024

Vincent 2024

Heilsames Schweigen

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Vincent 2017

Vincent 2024

Heilsames Schweigen

Cover

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Heilsames Schweigen

Vincent 2017

Das Leben war hart. Besonders für einen Jungen der kurz vor dem Sprung ins Erwachsenenleben stand. Mit 13 sah man die Welt um sich herum in stetigem Wandel. Die körperliche Entwicklung, die auch sein Seelenleben in Aufruhr versetzte, die gesellschaftlichen Veränderungen und ebenso sein soziales Umfeld, das von ihm viele Bewährungsproben abverlangte. Doch damit nicht genug.

Seine Mutter ließ ihn ausgerechnet in diesen schwierigen Zeiten vollkommen im Stich. Sie litt schon seit fast einem Jahr an Leukämie. Da kein Stammzellenspender zu finden war, schritt die Krankheit bedrohlich schnell voran. Wie soll ein Kind das ertragen, wenn die Mutter bei jedem Besuch im Krankenhaus weniger wurde. Sie hatte die Haare verloren und wurde immer hagerer. Obwohl sie während seiner Besuche die Schmerzen zu unterdrücken versuchte, bekam er sie eindringlich mit. Er liebte sie hingebungsvoll. Sie waren wie Freunde und lösten ihre Probleme stets ohne Stress. Um so schmerzlicher traf ihn die Erkenntnis, dass sie bald sterben würde. Er weinte stundenlang, sobald er wieder zuhause im eigenen Reich war. Eine Freundin der Mutter kümmerte sich in der Zeit der Krankheit um ihn. Doch sie konnte mit seinem Schmerz nicht umgehen, so dass sie mit dem pubertären Jungen häufig aneinandergeriet.

Behutsam versuchte sie, ihm nahe zu bringen, dass er sich auf ein Leben im Heim einstellen müsse, zumal sie diese Belastung auf Dauer nicht durchhalten könne. Es gab keine Großeltern, keine Tante und keine sonstigen Verwandten, so dass diese Zukunftsaussicht ihm das Leben zusätzlich zur Hölle machte. Als sie ihn heute zum Krankenhausbesuch abholte, konnte er schon an ihrem Blick erkennen, dass etwas Entscheidendes geschehen würde. War die Mutter ihrer Krankheit erlegen? Wozu müsste er sie dann nochmals besuchen? Er wollte sie nicht als Tote in Erinnerung behalten. Sie antwortete nicht darauf, räumte jedoch seine Befürchtungen aus. Diesmal schob sie ihn allein ins Krankenzimmer, das sich seit zwei Wochen in einem Hospiz befand. Die Mutter schien zu schlafen. Ihre Wangen waren eingefallen, die Haut kam ihm noch blasser und dünner wie beim letzten Mal vor. Zaghaft setzte er sich auf die Bettkante und ergriff ihre Hand. Sie zuckte leicht zusammen und umschloss die seine dann fest, soweit es ihr noch möglich war. Sie schlug die Augen auf und lächelte ihren Sohn an, was ihre letzten Kraftreserven erforderte. Mit leiser Stimme sprach sie zu ihm, so dass er sich konzentrieren musste, um sie zu verstehen.

„Mein kleiner Liebling. Es ist an der Zeit, dass wir uns um deine Zukunft kümmern.“

„Ich will nicht ins Heim, Mama. Warum wirst du nicht einfach gesund und kommst wieder nach Hause?“ Er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Ihre Stimme wurde brüchiger und auch sie gab sich ihren Tränen hin.

„Höre mir jetzt gut zu. Auch wenn es dir seltsam vorkommt, musst du alles genau so machen, wie ich es dir jetzt sagen werde.“

„Ja, Mama“

„Nimm die kleine Schachtel an dich, die in meinem Nachttisch steht.“

Vincent nahm sie heraus und hielt sie unschlüssig in den Händen. Erwartungsvoll richtete sich sein Blick auf die Mutter. Sie hatte die Augen wieder geschlossen, so dass er im ersten Moment befürchtete, dass sie ihn verlassen hatte.

„Mama?“

„Hast du sie? Gut. Darin findest du ein paar Sachen, die du nicht verlieren darfst. Egal, wohin es dich verschlägt, du musst sie immer mit dir nehmen. Darin sind etwas Geld, drei Briefe, deine Geburtsurkunde und ein paar Fotos. Zeige niemandem den Inhalt dieser Schachtel. Niemandem. Einer der Briefe ist ein Abschiedsbrief an dich, den du erst öffnen darfst, wenn du volljährig bist oder wenn dich eine schwere Krankheit befällt. Du findest in der Schachtel auch eine Adresse. Wenn du in Not kommst, suche den Mann auf. Dein Vater war sein Freund. Er wird dich aufnehmen. Bei ihm wirst du einen alten Familienschatz finden. Suche nicht danach. Er wird dich finden, wenn die Zeit reif ist. Den zweiten Brief wirst du diesem Mann übergeben, sobald du bei ihm eintriffst.

Sage ihm, dass dein Name Vincent Hanska und deine Mutter Inka Hanska ist.“

„Aber warum?…“

„Du hast versprochen, dass Du alles so tun wirst, wie ich es dir sage. Das ist sehr wichtig. Stelle nichts davon infrage. Und zeige dem Mann nicht den Inhalt dieser Schachtel.“

„Sag mir doch bitte, warum?“

„Du wirst es verstehen, wenn es soweit ist.“

„Bei dem dritten Brief, wo mein Name drauf steht, soll das Schicksal entscheiden, wann er geöffnet wird.“

Holger 2017

Seit Stunden zogen sie durch diese karge Landschaft. Er war darauf gedrillt worden, in voller Montur, bei jedem Wetter, in jeder Situation, sein Äußerstes zu geben. So gesehen, störte es ihn nicht besonders, dass die Sonne heute einen Gang höher geschaltet hatte und ihm den letzten Tropfen Schweiß aus dem Körper zu saugen versuchte. Sie hatten ihre Shemaghs umgelegt, Tücher, die Mund und Nase vor dem feinen Sand schützten, den der Wind unerbittlich auf sie einprasseln ließ. Schutzbrillen bewahrten die Augen zusätzlich vor Splittern, die von Sprengsätzen entfesselt werden könnten. Der Körper wurde durch schwere Panzerplatten geschützt, die jeden Schritt noch anstrengender machten. An die Strapazen des Marsches war er gewöhnt. Seine Muskeln zeigten keine Ermüdungserscheinungen. Sie waren voll konzentriert, als sie sich einem einzeln stehenden Gehöft näherten, bei dem sie mit Feindberührung rechneten. Auf ein Zeichen ihres führenden Offiziers schwärmten sie aus und verließen die Deckung des gepanzerten Fahrzeugs. Sie hatten einen Tipp bekommen, dass sich hier Talibankämpfer versteckt hielten. 50 Meter vor ihm kämpfte sein Freund Kevin, die Maschinenpistole im Anschlag, gegen den Wind an. Die Sicht war schlecht. Der Wind entwickelte sich langsam zum Sandsturm. Sie hatten fast das Gebäude erreicht, als das Schreckliche geschah. Kevin wurde vor seinen Augen von einer Mine zerrissen. Holger wehrte sich gegen dieses Bild von herumfliegenden Körperteilen, das ihm unmissverständlich mitteilte, dass dieser Mensch nicht mehr existierte. Beide verband ein ganzes Leben. Das durfte nicht wahr sein, was ihm seine Augen vorzugaukeln versuchten. Trotzig tastete nach dem Pulver, das er am Körper trug, um große offene Wunden schließen zu können. Er würde das Unmögliche wahr machen und seinen Kameraden retten. Obwohl spätestens jetzt klar war, dass sie sich in einem Minenfeld befanden, ließ er alle Vorsicht außer acht und beschleunigte seinen Lauf. Doch bevor er seinen Kameraden erreichen konnte, gab es eine weitere Explosion, die ihn mit einem stechenden Schmerz von den Beinen riss.

Mit rasendem Atem schreckte er im Bett hoch. Wie ein gehetztes Tier sondierte er seine Umgebung. Der Sandsturm hatte sich aufgelöst. Sein Kamerad war nirgends auszumachen. Die fast schon schmerzliche Stille nährte die Hoffnung, dass er sich in Sicherheit befand. Nur langsam normalisierte sich sein Pulsschlag, nachdem er den Blick über die Einrichtung des Zimmers streifen lassen hatte. Die Erkenntnis setzte sich mühsam durch, dass keine Gefahr mehr bestand. Doch im gleichen Moment wurde ihm schmerzlich bewusst, dass der Freund immer noch tot war. Das Erwachen hatte ihn nicht retten können. Er setzte sich auf und ließ die Beine über die Bettkante hängen, zumindest das, was davon übrig war. Mit zurückkehrender Gelassenheit schaute er auf seinen nackten Beinstumpf, der nun schon 14 Jahre heilen durfte.

Obwohl Heilung ein albernes Wort war. Wenn ihm auch gelegentlich sein Phantomschmerz vorgaukelte, dass er wieder beide Beine spürte, wurde ihm stets schlagartig bewusst, dass eines für immer verloren war. Die Schmerzen im nicht vorhandenen Bein sagten ihm aber auch, dass er mit diesem Verlust noch lange nicht abgeschlossen hatte.

Der Beinstumpf war gut verheilt. Um zu verhindern, dass es zu neuen Entzündungen kommt, musste er seinen Verband präzise in Achtertouren anlegen, bevor er in die Prothese stieg. Das hatte er in der Reha bis zum Umfallen trainiert.

Sein eiserner Wille hatte ihn früher als viele seiner Kameraden in die Lage versetzt, größere Strecken zu laufen, ohne dass es zu gesundheitlichen Komplikationen am Beinstumpf kam. Es war zur Routine geworden, dass er jeden Morgen peinlichst genau untersuchte, ob sich Veränderungen daran andeuteten. Um das zu verhindern, hatte er seinen Lebensstil total umgekrempelt. Selbst Gewichtszunahmen könnten dazu führen, dass die Prothese neu angepasst werden müsste.

Er schaute sich in seinem bescheidenen Zimmer um. All sein Geld hatte er in diesen kleinen Bauernhof gesteckt, um ihn in einen Gnadenhof für diverse Tiere umzuwandeln. Da war für die Inneneinrichtung nichts übrig geblieben. Die Möbel verfügten über unterschiedlichste Defekte, genau wie seine Tiere.

Aber sie funktionierten noch. Auch wenn er aus finanziellen Gründen seinen Gnadenhof wieder aufgeben musste, so hatte er einigen von seinen Schützlingen ihr Heim bewahren können. Für sein Pferd, den Hund und die Katze, die 6 Hühner mit einem Hahn und die 3 Kaninchen musste er nicht die strengen Auflagen, die ein Gnadenhof mit sich brachte, erfüllen. Sie waren inzwischen zu seiner Familie geworden.

Eine Weile saß er noch auf der Bettkante und schaute versonnen durch das kleine Holzfenster, das durchaus einen neuen Anstrich vertragen könnte. Es erinnerten ihn daran, dass auch dessen Scheiben mal wieder gereinigt werden müssten. Doch zunächst waren seine Tiere an der Reihe.

Bedächtig wickelte er den Beinstumpf, während er schon in Gedanken die zu erledigenden Arbeiten durchging. Er stieg in den Silikon-Liner, der den Druck auf den Stumpf milderte, befestigte die Prothese und schwang sich aus dem Bett. Vermutlich würde ihm mittlerweile eine etwas modernere Beinprothese zustehen, doch er hatte sich an sie gewöhnt. Sie gehörte zu ihm, wie jeder andere Körperteil. Ein Austausch wäre für ihn wie ein Verrat an diesem künstlichen Kameraden, der ihm schon so lange treue Dienste leistete. Es würde sich so anfühlen, als gäbe er sein Bein ein zweites Mal her.

Der Gang ins Bad war für ihn unkompliziert. Er hatte bereits wieder vergessen, dass er sich auf einem künstlichen Bein bewegte.

Erneut dachte er über seinen Albtraum nach, in dem er seinen besten Freund zum unzähligsten Mal verlor.

Sie hatten sich zusammen bei der Bundeswehr und später bei der Spezialeinheit beworben. Ihr gemeinsamer Freund Frank war zwar auch beim Heer angenommen worden, hatte jedoch das harte Auswahlverfahren für die Spezialeinheiten nicht bestanden. Irgendwann war die Freundschaft auseinandergegangen. Sie hatten zu wenig Berührungspunkte gehabt.

Inzwischen war es selten geworden, dass er den realen Einsatz, der Kevin das Leben und ihn selbst das Bein und die Gesundheit kostete, in einem Albtraum verarbeitete. In den ersten Jahren nach dieser persönlichen Katastrophe hatte ihn dieser Traum in verschiedensten Variationen immer wieder gequält. Folglich hatte er seine posttraumatische Belastungsstörung noch lange nicht überwunden. Die Therapien, die anfangs etwas Linderung versprachen, hatte er schließlich abgebrochen. Seine Therapie waren die Tiere, die schon sehnsüchtig auf ihn warteten.

Quietschend öffnete sich die Tür, die er energisch aufgestoßen hatte.

„Ja, ich weiß“, maulte er.

Er hatte sich schon lange vorgenommen, diesen Mangel mit etwas Fett zu beseitigen. Doch als sein altersschwacher Langhaarcollie auf ihn zu humpelte und freudig mit dem Schwanz wedelte, hatte er die Tür bereits wieder vergessen. Mit seinen 14 Jahren war der ein Greis, konnte nicht mehr so gut sehen und hatte Schwierigkeiten beim Laufen, was er vermutlich einer Arthritis zu verdanken hatte. Er litt zudem unter einer Geräuschempfindlichkeit, die nicht nur dem eingeschränkten Sehvermögen geschuldet war. Dieses Leiden hatten sie gemeinsam, denn auch Holger Kersten schreckte bei bestimmten Geräuschen zusammen und suchte dann Deckung, während er die Arme schützend über den Kopf hielt. In diesen Momenten war der Krieg zurück.

Dankbar ließ sich der Collie kraulen. Er wusste, dass es zur Begrüßung immer ein kleines Leckerli gab. Sein Herrchen hatte ihm den klangvollen Namen Zottel verpasst, da der bei der Übernahme verwahrloste Hund ein total verfilztes Fell aufwies.

Nachdem er Hühner und Kaninchen versorgt, die Eier eingesammelt und ins Haus gebracht hatte, schlenderte er zur kleinen Koppel, wo sein alter Friese Merlin auf ihn wartete. Auch er war ziemlich schreckhaft, sobald sich überraschend etwas näherte, das er nicht gehört hatte. Das geschah immer dann, wenn das Ereignis von der Seite kam, auf der er blind war. Holger hatte sich in das schwarze Tier mit seiner prächtigen Mähne und dem seidig glänzenden Fell sofort verliebt. Es sollte nicht nur wegen seiner Behinderung, sondern auch wegen des Alters ausrangiert werden, so wie auch er ausrangiert worden war, wobei er den Gnadenhof der Bundeswehr hätte nutzen können - einen Platz am Computer. Er hatte gespürt, dass er die Anerkennung der Kameraden nicht mehr fand, da alle Vorgesetzten auf ihn Rücksicht nahmen, die er gar nicht wollte.

Merlin war schon 25 und etwas ruhiger geworden. Mit einem Quäntchen Glück würde er ihm noch 5-6 Jahre Gesellschaft leisten können. Jeden Tag wurde er mehrfach gestriegelt. Immer wieder begeisterte sich Holger an dem herrlichen Anblick. Sein glänzendes Fell und die gewellte Mähne verliehen ihm etwas Edles. Sobald er sich darin vertiefte, dachte er wehmütig daran zurück, dass er seine große Liebe mit den langen schwarzen lockigen Haaren aufgegeben hatte. Dabei steckten sie damals schon mitten in ihren Heiratsplänen. Er hätte die Vorstellung nicht ertragen können, nur aus Mitleid als Krüppel aufgenommen zu werden. Darum hatte er einen scharfen Schlussstrich gezogen, einen Abschiedsbrief geschrieben und ihre Briefe nie beantwortet. Weit weg von ihr und seinem alten Zuhause hatte er sich in dieser idyllischen Gegend niedergelassen, ohne irgendjemandem mitzuteilen, wo er steckte. Doch die Sehnsucht nach ihr hatte ihn nie verlassen.

Roswitha 1996

Sie schwebte im siebenten Himmel, seit sie Holger auf einer Disco kennengelernt hatte. Seitdem suchte sie ständig seine Nähe. Da sie schon 18 war, musste sie sich nicht mehr vor den Eltern rechtfertigen, mit wem sie sich träfe und wann. Lediglich die Mahnung, nachzudenken und sich nicht von einer Liebe überrollen zu lassen, die ihre Sinne trübt, musste sie sich des Öfteren anhören.

Sie dachte daran zurück, als sie das erste Mal miteinander schliefen und ihr Liebster umständlich sein Kondom auspackte. Als sie ihn endlich den Eltern vorstellte, fanden sie ebenfalls Gefallen an dem Jungen, der nur ein Jahr älter als ihre Tochter war. Mit seinem Fachabi, das er mit besten Noten abgeschlossen hatte, standen ihm alle Türen offen. Er trug sich mit dem Gedanken, Industriekaufmann zu werden, befürchtete aber, dass ihn dieser Beruf nicht genug fordern würde. Seine athletische Figur hatte er sich im Ruderklub und im Fitnessstudio antrainiert. Sich körperlich auszupowern, war ihm ein Bedürfnis.

Roswithas Freundinnen sahen immer etwas neidisch auf das Paar, wenn sie durch die Stadt flanierten, im Park den Federball oder die Frisbeescheibe traktierten oder einfach nur am See relaxten.

Holger trug seine tiefschwarzen Haare sehr kurz. Nur das Deckhaar richtete sich etwas höher auf. Schmuck war bei ihm verpönt. Lediglich eine sportliche Armbanduhr ließ er zu. Im Sommer trug er gern Jeans und Boxershirt, was sie jedoch als etwas zu protzig empfand, da zu oft neidische Blicke auf sie gerichtet waren. Sie kleidete sich überwiegend fraulich und bevorzugte schwungvoll fallende Sommerkleider.

Ihre Eltern liebten an Holger seine Energie, die zutage trat, wenn er von ihnen in Diskussionen verwickelt wurde. Der Junge wusste, was er wollte.

Es war ein schönes Paar, stellten sie immer wieder fest, wenn sie vor ihnen saßen. Ihre Tochter mit langen, schwarzen, lockigen Haaren und schönen makellosen Gesichtszügen und er das Pendant mit Kurzhaarschnitt. Sie hätten Geschwister sein können.

Nach einem Jahr begannen sie über ihre Zukunft zu reden. Beide sehnten sich danach, eine Familie zu gründen. Wenn da nicht seine neuen Pläne ihre Schatten geworfen hätten, wäre sie überglücklich gewesen. Immer häufiger redete er davon, Berufssoldat zu werden. Er wollte seinen Beitrag leisten, was gerade in diesen unruhigen Zeiten erforderlich wäre. Immer öfter hing er mit den Jungs rum, die ebenfalls diesen Weg einschlagen wollten. Frank und Kevin tauchten ab, wenn sie über ihre Pläne sprachen. Dann registrierte Holger mitunter nicht, dass sie neben ihm saß. Das machte ihr Angst. Wie mochten sie erst diskutieren, wenn sie unter sich waren?

Sie versuchte, ihm ihre Beklemmungen zu vermitteln. Er würde als Berufssoldat mit Sicherheit auch Auslandseinsätze absolvieren müssen. Doch er redete die Gefahren klein und wich diesen Themen immer wieder aus, sobald sie diese ansprach. Ihre unbeschwerten Stunden wurden seltener. Stets schwebten diese Sorgen über ihr, die sie einfach nicht abzuschütteln vermochte. Dennoch konnte sie sich nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu leben.

Eines Tages wurde die gefürchtete Stunde zur Realität. Er teilte ihr mit, dass es ihm leidtäte, aber er nicht anders könne und zusammen mit seinen beiden Freunden beim Heer alles wasserdicht gemacht hätte. In drei Wochen würde er seine Basisausbildung beginnen.

Es war eine Zeit, in der sie häufig weinte. Doch wenn er dann auf Urlaub kam, war sie wieder glücklich und die aufgestaute Sehnsucht bescherte ihnen noch intensivere Liebesmomente als vor dieser Zeit. Es war ein geborgtes Glück, das man ihr jederzeit entreißen könnte. Sie begann, ein bisher unbekanntes Wort zu begreifen: Abschied. Noch konnte sie sicher sein, dass diesem ein Wiedersehen folgen würde. Doch wie lange noch?

Irgendwann gewöhnte sie sich daran und der unsagbare Schmerz beim Abschied wich einer undefinierbaren Unruhe. Sie waren jetzt schon mehr als 3 Jahre zusammen. Doch die Familie, von der sie träumte, rückte in weite Ferne. Er wollte erst Fuß fassen und die nächste Stufe der Karriereleiter erklimmen. Das würde ihnen auch mehr finanzielle Sicherheit bringen, wenn sie den nächsten Schritt zusammen gingen.

Doch was bedeutete das? Er war schweigsam geworden. Über seine Zeit bei der Bundeswehr verlor er kaum ein Wort.

Holger 2001

Die drei Freunde waren zusammengeblieben. Die Ausbildung war hart. Man brachte sie physisch und psychisch an ihre Grenzen. Doch das hatten sie vorher gewusst.

Es war Kevin Hanska, der den Freunden die Idee in den Kopf gesetzt hatte, sich bei der Spezialeinheit zu bewerben. Dass sie dann für die härtesten Einsätze an der Front vorgesehen wären, war ihnen vollkommen bewusst. Sie wollten ihrem Land dienen und ihr Bestes geben und wenn es das Leben wäre. Ihre Basisausbildung hatten sie abgeschlossen und waren guter Dinge, das Auswahlverfahren, die sogenannte Höllenwoche zu überstehen.

Ob sie die Anforderungen erfüllen konnten, entschieden ihre Vorgesetzten. Man verlangte von ihnen genau vorgegebene Wesenszüge. Sie müssten psychisch belastbar und willensstark, teamfähig, stressstabil, anpassungsfähig, flexibel, lernwillig, körperlich leistungsfähig, verantwortungsbewusst und verschwiegen sein. Zudem wurden Verfassungstreue und Reisebereitschaft verlangt.

Sie bildeten sich ein, gut gewappnet zu sein. Allerdings waren sie auch zur absoluten Geheimhaltung verpflichtet. Niemand durfte erfahren, dass sie zur Spezialeinheit gehörten. Nicht einmal die engsten Verwandten.

Dann kam der Schock. Die Höllenwoche hatten sie überstanden, doch Frank war den Belastungen nicht gewachsen. Obwohl sie gewusst hatten, dass nur ca. 10 Prozent der Anwärter dieses Auswahlverfahren bestehen würden, erwischte sie die Nachricht mit voller Härte. Vincent und Holger versuchten alles, ihren Freund wieder aufzubauen. Im Grunde war ihnen aber bewusst, dass ihre Freundschaft daran zerbrechen würde. Sie würden sich über die Zeit bei der Spezialeinheit mit Frank niemals unterhalten dürfen. Er war nicht mehr Teil ihres Lebens.

Das merkten sie schmerzlich bei ihrem nächsten Urlaub. Frank war für sie nicht erreichbar, lehnte ein Treffen mit ihnen ab.

Für Vincent und Holger begann nun eine schwierige Phase mit ihren Freundinnen, die sie mit Lügen über ihre Zeit bei der Bundeswehr abspeisen mussten. Die bevorstehende zweijährige Ausbildung fand in einem anderen Bundesland statt. Sie würden sich ab jetzt kaum noch sehen. Darum wich Holger dem Thema Familienplanung konsequent aus, so dass Roswitha um ihre Liebe zu fürchten begann. Vincent hingegen organisierte die Hochzeit mit seiner Inka. Sie sollte in zwei Jahren stattfinden, bevor sie in die Auslandseinsätze starten würden. Bei dieser Feier wollten sie sich alle nochmal sehen. Wie vorauszusehen war, sagte Frank ohne Begründung ab, was den Freunden den Tag etwas verhagelte. Roswitha und Inka freundeten sich an und beschlossen, dieses Fest gemeinsam vorzubereiten, das Vincent schon terminlich festgeschrieben hatte.

Holger konnte sich zu einem solchen Schritt nicht durchringen. Er spürte Roswithas Traurigkeit, als sein Freund die Hochzeitspläne bekanntgab.

Im Nachhinein überlegte er, während er um seine Rückkehr ins Leben kämpfte, ob sein Kamerad den Tod vorausgesehen hatte. Er hätte an seiner Stelle sterben sollen, denn er hatte seine geliebte Roswitha nicht abgesichert.

Hochzeit 2003

Roswitha hatte ihren Freund noch nie in einem Anzug gesehen. Er hatte ihn extra für die Hochzeit gekauft. Auch sie hatte sich aus diesem Anlass neu eingekleidet. Ein rosa Kleid mit tiefem Dekolleté und freien Schultern machte sie für Holger zur schönsten Frau, die er je gesehen hatte, wenn sie das nicht bereits gewesen wäre. Verliebt schaute er sie an und sie küssten sich so leidenschaftlich, dass er mit ihr am liebsten davongerannt wäre. Heute bereute er, aus der Hochzeit keine Doppelhochzeit gemacht zu haben. Doch nun war es zu spät. Jeden Tag könnte sein Marschbefehl kommen.

Auch Inka sah wunderschön aus. Sie hatte ein weißes Kleid mit Schleppe, die von ihren Nichten halbwegs erfolgreich hochgehoben wurde. Ihr Schleier, der von einem kleinen Hut gehalten wurde, reichte ihr über Augen und Mund. Vincent strahlte und konnte sich an seiner Frau nicht sattsehen.

Als der Pfarrer seinen Treueschwur abverlangt hatte und die Worte „bis dass der Tod euch scheidet“ sprach, hatte es Holger einen kleinen Stich ins Herz gegeben. Doch als sich das Paar dann küsste, vertrieb es diesen trüben Gedanken.

An jenem Tag hatte er ausgiebig mit Roswitha getanzt. Wie eine Feder schwebte sie übers Parkett und immer wieder lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Er war glücklich und wollte es auch bleiben.

Der Hochzeitsschwur drängte sich ihm wieder auf und er trank etwas mehr Alkohol, als er es sonst bei Feierlichkeiten tat. Sie verabschiedeten sich weit vor dem geplanten Ende des Festes. Vincent zeigte Verständnis, als er die verliebten Blicke der beiden sah und zwinkerte ihm vielsagend zu. Natürlich wurde es eine wundervolle Nacht, die sie im Haus von Roswithas Eltern verbrachten. Schon das Auskleiden seiner Schönheit brachte seine Gefühle in Wallung, so dass er voller Eifer jeden Zentimeter Haut neu erforschte. Sie schlief mit dem Kopf auf seiner Brust ein. Der Duft ihres Haares betäubte ihn fast. Er meinte, im Paradies zu sein. Doch daraus würde er in zwei Tagen vertrieben werden, wenn er mit Kevin zur Kaserne aufbräche.

Holger 2017

Er vergrub sein Gesicht in der Mähne von Merlin und versuchte, diesen Duft zurückzuholen, den er einst so geliebt hatte. Natürlich kam die Ernüchterung, als der Geruch des Pferdes in seine Nase drang. Die aufkommende Enttäuschung verschwand, als er in das verbliebene dunkle Auge des Friesen sah, in dem er sich spiegelte. In ihm las er von Liebe, Treue und Dankbarkeit. Merlin war Teil seiner neuen Familie, die ihm mehr gegeben hatte, als er ihr. Keine Minute, die er mit seinen Tieren verbracht hatte, mochte er missen. Sie hatten ihn aus dem Sarg des Lebens gerissen, in den er sich legen wollte. Seinem Pferd hatte er eine Sonderstellung eingeräumt. Diese Koppel war allein für ihn reserviert. Für Kuh und Schafe hatte er einen gesonderten Bereich eingerichtet, der deutlich kleiner war.

Schon in seiner Rehaphase bei der Bundeswehr hatte er nach Alternativen gesucht. Irgendwann stieß er im Netz auf diverse Vereine, die posttraumatische Belastungsstörungen durch eine Therapie mit Pferden zu lindern versuchten und große Erfolge aufweisen konnten. Sicher, ein wenig half ihm sein Therapeut auch, indem sie darüber redeten, was ihn belastete, was er erlebte, was er fühlte. Doch er wollte nicht reden. Einerseits brachten die Gespräche etwas Linderung, andererseits rissen sie die Wunden immer wieder auf.

Ein Pferd redete nicht. Ihm brauchte er seine Seele nicht offenzulegen. Es spürte, was in ihm vorging.

Bemerkte es Ängstlichkeit in ihm, wendete es sich ab. Kam er zur Ruhe und fand sein Gleichgewicht wieder, suchte es seine Nähe. Unbewusst fand er immer mehr zu seiner inneren Ausgeglichenheit zurück, weil er die Gesellschaft des Tieres herbeisehnte.