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Der tosende Wintersturm hatte den Ritt hinauf nach Hammock Creek zur Tortur gemacht. Der einzige Weg zu der abgelegenen Siedlung, die dem Eisenbahnmagnaten Edward Hammock gehörte, war zu einer Schlammpiste aus schmierigem Lehm und herausgerissenen Pinienwurzeln geworden. Das Pferd versank bis zu den Fesseln im Dreck. "Vorwärts!", knurrte der Mann im Sattel. Er schlug dem Fuchswallach mit der flachen Hand auf die Kruppe. "Mach ruhig so lahm weiter! Dann kriegst du die nächste Kugel!" Der silberne Kavalleriecolt in seinem Holster troff vor Nässe. Zuletzt hatte er damit auf jenen Mann geschossen, dem er den Wallach verdankte. Doch Undank, so hieß es bekanntlich, war der Welten Lohn. Auf diese Weisheit würden sich auch die Hammocks besinnen, sowie er mit diesen vermögenden Bastarden fertig war ...
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Die Wölfin im Schafspelz
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Marthy J. Cannary
Der tosende Wintersturm hatte den Ritt hinauf nach Hammock Creek zur Tortur gemacht. Der einzige Weg zu der abgelegenen Siedlung, die dem Eisenbahnmagnaten Edward Hammock gehörte, war zu einer Schlammpiste aus schmierigem Lehm und herausgerissenen Pinienwurzeln geworden. Das Pferd versank bis zu den Fesseln im Dreck.
»Vorwärts!«, knurrte der Mann im Sattel. Er schlug dem Fuchswallach mit der flachen Hand auf die Kruppe. »Mach ruhig so lahm weiter! Dann kriegst du die nächste Kugel!«
Der silberne Kavalleriecolt in seinem Holster troff vor Nässe. Zuletzt hatte er damit auf jenen Mann geschossen, dem er den Wallach verdankte.
Doch Undank, so hieß es bekanntlich, war der Welten Lohn.
Auf diese Weisheit würden sich auch die Hammocks besinnen, sowie er mit diesen vermögenden Bastarden fertig war ...
Die ersten Schneeflocken fielen in diesem Jahr schon im Oktober und verbargen die Berggipfel unter einem blütenweißen Schleier. Sie rieselten dicht und gleichmäßig vom Himmel, in ungeheurer Zahl und in völliger Stille. Müsste Sheriff Anthony Baker nicht hinauf nach Hammock Creek, er wäre aus dem Sattel gestiegen und hätte dem Schauspiel eine Weile zugesehen.
Seine Frau hatte Baker im Schnee kennengelernt.
Damals war er oben im Johnson County gewesen, als Viehtreiber und Landagent noch, beides in einer Person. Er hatte günstiges Weideland an die Neuankömmlinge gegeben, gutes Land zu guten Preisen, hatte er geworben. Beides hatte gestimmt, sofern man gutes Land mit sumpfigen Wiesen und gute Preise mit Wucher gleichsetzte.
Die Zeiten waren andere gewesen damals.
Jedenfalls hatte er Conny im tiefen Schnee stehen sehen, vor ihrem Fuhrwerk und neben dem Kerl, mit dem sie damals verheiratet gewesen war. Ihr Gesicht hatte geglüht vor Kälte. Sie hatte mit der Schaufel das Wagenrad freigegraben, das ihr gottverdammter Ehemann in eine Schneewehe gefahren hatte.
Fünf Stunden hatten sie damals zusammen geschuftet.
Diese Stunden hätten sie ihre Prinzipien gekostet, hatte Conny später einmal gesagt und gelacht. Sie hatte sich auf das Schäferstündchen bezogen, das sie und Baker noch am selben Tage abgehalten hatten. Die Scheune des alten Gregory Pearson war ihr Versteck gewesen, die Trunkenheit von Connys Mann ihre Ausrede.
Verdammt schön war das Wetter für Baker aus diesem Grund.
Der Gesetzeshüter schloss die Augen, hielt das Gesicht in den stiebenden Schnee und stellte sich Connys Hände vor, die sein Hemd aufknöpften. Er hatte an diese Tage oft zurückgedacht. Die Balken unter der Scheunendecke hatten geknarrt, der Wind in den Ritzen der Fassadenbretter geheult.
Allmählich kamen die Häuser von Hammock Creek in Sicht.
Die Stadt war private estate, wie es auf dem Papier hieß. Privates Land, zu dem Staatsbeamte wie Baker nur mit Sondergenehmigung Zutritt erhielten. Oder im Falle eines Verbrechens, wie es sich an diesem Morgen zugetragen hatte.
Die Nachricht hatte ein Junge gebracht, der die ganze Strecke von Hammock Creek im Laufschritt zurückgelegt hatte. Er war ins Sheriffbüro gestürmt, hatte sich vor Aufregung kaum sammeln können und von einem Mord berichtet, der sich in der Stadt zugetragen hätte.
Von den Schindeldächern der Häuser rutschte der nasse Schnee.
Der Eisenbahnmagnat und Visionär Edward Hammock hatte sich in die Wildnis Wyomings nicht nur eine üppige Ranch, sondern auch Dutzende Häuser für seine Angestellten setzen lassen. Nach Hammock Creek verschlug es einen nur, wenn man für Hammocks Eisenbahngesellschaft arbeitete oder sich anderweitig geschäftlich an ihn gebunden hatte.
Der Sheriff sah in Hammock Creek nicht mehr als eine eitle Flunkerei.
Er war dem alten Hammock ein paar Mal begegnet, diesem störrischen Geschäftsmann, der jeden abkanzelte, der sich mit Buchkrediten und Kontokorrent nicht ebenso auskannte wie er selbst. Die Zusammenkunft war frostig gewesen. Sie hatten einander versichert, dass sie sich schätzten, und danach geschwiegen.
Seit diesem Tag hatte Baker Hammock Creek nicht wieder aufgesucht.
Er hatte eine wirre Ansammlung von Bauten in Erinnerung, die sich um die weitläufige Ranch von Edward Hammock scharten wie Untertanen um ihren König. Die meisten Häuser waren damals unbewohnt gewesen; nur auf der Ranch hatte reges Leben geherrscht. Das Regiment in der Stadt führten Hammock und sein jüngster Sohn Charles gemeinsam.
Umso erstaunlicher fand Baker, dass es ihn zuerst zum Haus von Charles Hammock zog.
Er wollte dem Patriarchen des Hammock-Clans nicht über den Weg laufen. Nicht im ersten Schnee des Jahres und nicht, während er an Connys Hände zurückdachte. Ihre warmen, sanften Hände ... Sie hatten Baker buchstäblich überall gestreichelt.
Ein helles Wimmern beanspruchte die Aufmerksamkeit des Sternträgers.
Die Bretterfassaden der Häuser warfen es zurück, einmal stärker, einmal schwächer, als würde es rhythmisch an- und abschwellen. Diesen Eindruck rief jedoch nur der Wind hervor, der den Schnee peitschte und ihn zu Kämmen aus knöchelhohen Wehen aufschüttete.
Das Gewimmer kam vom Haus des Hammock-Sohnes.
Der künftige Erbe des Eisenbahnimperiums hatte sich am Stadtrand ein stattliches Gebäude errichten lassen, in dem er mit seiner Frau, seinen beiden Töchtern und einer ganzen Reihe von Bediensteten lebte. Das hoffnungslos in Überzahl auftretende Dienstpersonal hatte dem Haus des Hammock-Sprosses den spöttischen Beinamen Little Versailles eingebracht.
Verschlossen und eigensinnig sei der junge Charles Hammock.
Mehr als solche vagen Beurteilungen kannte Baker nicht über den jüngeren Hammock, der mit dreiundzwanzig geheiratet und ohne Umschweife Kinder bekommen hatte. Er wäre ein Luftikus, behaupteten die einen, ein durchtriebener Geschäftsmann mit Hang zur Zerstreuung die anderen.
Die Gestalt im Hof hinter dem Haus war nichts von beidem.
Sie kniete im Schnee, hatte die Arme auf die Oberschenkel gestützt und war tränenüberströmt. Die Haut des jungen Mannes war blass, seine Gesten fahrig und ungelenk. Das lange, braune Haar hing ihm in Strähnen über den Rücken. Er musste über Stunden im frisch gefallenen Schnee gesessen haben.
Als Baker aus dem Sattel stieg, warf sich der junge Hammock der Länge nach in den Schnee. Er rammte die Fäuste in den aufgeweichten Boden, wälzte sich von einer Seite zur anderen und schrie wie von Sinnen.
»Charles!«, sprach der Sheriff ihn an. »Charles, komm zur Vernunft! Was ist in dich gefahren?«
✰
Auf den umgestürzten Ahornbäumen am Flussufer hatten Seeadler ihren Horst gebaut und bewachten ihre Brut mit hocherhobenen Köpfen. Die Küstenvögel brachen hier und dort zu Raubzügen über den Mississippi auf, stachen aus großer Höhe in die Tiefe, erbeuteten einen Barsch oder eine Elritze und kehrten mit anmutigem Schwingenschlag zu ihrem Nest zurück.
Die Claiborne trieb die Vögel mit ihrem Nebelhorn in die benachbarten Wälder.
Sie stampfte unter voller Kraft den Strom hinauf, fuhr mit sieben oder acht Knoten und hinterließ mit dem Schaufelrad eine hellschäumende Spur im Wasser. Die wenigen Passagiere, die in St. Louis an Bord gekommen waren, standen auf dem Vorderdeck und rauchten. Sie waren keineswegs so aufgeregt wie der Mann mit dem breiten Bowlerhut, der die Backbordtreppe hinabstolperte.
»Sie sollten darüber keine Scherze machen!«, schimpfte der Bowlerhut und wandte sich zu seinem Begleiter um. Er blieb auf der letzten Treppe stehen und hielt sich am Handlauf fest. »Oder muss ich Ihnen tatsächlich erst sagen, dass es ernst mit dieser Sache ist? Sie sind der ungehörigste und schwierigste Mann, den man mir aus Washington je geschickt hat!«
Der Angesprochene hatte breite Schultern, sandblondes Haar und stechend blaue Augen. Er schlenderte seinem stolpernden Begleiter hinterher, blieb am Treppenabgang stehen und lachte erneut. »Ich hatte nur gesagt, dass mir kalifornischer Wein nicht schmeckt. Jeder wäre zum gleichen Urteil gekommen, hätte er zuvor einen Whisky wie den Ihrigen getrunken.«
»Aber Sie sprachen mit dem Gouverneur darüber!«, platzte der Bowlerhut heraus. Er stieg wieder eine Stufe hinauf. »Sie wussten nur zu gut, dass dieser Termin von großer Bedeutung für mich ist! Wollten Sie mich vor dem Gouverneur blamieren? Wollten Sie, dass meine Arbeit in Missouri künftig schwerer wird? Dass mich der Gouverneur für einen Schwachkopf hält?«
Der Mann mit den blauen Augen kam die Treppe herunter. »Ich wollte vor allem meine Tarnung schützen. Wie hätte es vor dem Gouverneur ausgesehen, hätte ich durchblicken lassen, dass ich für den Tod dieses Milizionärs verantwortlich bin.« Er ließ eine lange Pause. »Der Gouverneur hätte mich auf der Stelle ins Jail werfen lassen.«
Einen schärferen Ton hätte Lassiter kaum anschlagen können.
Er hatte seinen Mittelsmann Gordon Wayman bisher mit Ausflüchten und dreisten Albernheiten abgespeist, spürte nun jedoch, dass Wayman mit seiner Geduld am Ende war. Er musste ihm sagen, aus welchem Grund er sich beim Dinner des Gouverneurs zum Gespött der Leute gemacht hatte. »Ich konnte nicht anders, Mr. Wayman. Wären Sie in meiner Lage gewesen, hätten Sie sich zur selben Taktik entschlossen.«
Das Gouverneursdinner hatte im Speisesaal der Claiborne stattgefunden und war nach demselben Muster vonstattengegangen, wie die Seeadler nach ihrer Beute jagten. Die Adler waren in diesem Falle Honoratioren, Industrielle, Geistliche und Bankiers gewesen, die wechselseitig um die Gunst des Gouverneurs gerungen und dabei mit harten Bandagen gekämpft hatten. Wayman hatte Lassiter auf Anweisung des Hauptquartiers eine Fahrkarte für das Flussschiff beschafft.
»Mag sein, mag sein!«, lenkte Wayman ein. Er war von kleingewachsener Statur und hatte eine gewisse Behäbigkeit an sich, die nicht vom Alter kam. »Ich hätte es jedoch tunlichst bleibenlassen, meinen Gastgeber in schlechtes Licht zu rücken. Die Milizionäre sind der Regierung treu verbunden. Der Tod ihres Anführers schwächt den Gouverneur in ganz Missouri.«
Allmählich verlor Lassiter die Geduld mit seinem Mittelsmann. »Diese Leute waren dabei, ein Komplott gegen den Gouverneur auszuhecken! Sie wollte ihn entmachten, den Gouverneurssessel übernehmen und selbst über Missouri herrschen! Der Gouverneur sollte froh darüber sein, dass wir sie rechtzeitig erwischt haben!«
Das Nebelhorn ertönte ein weiteres Mal und kündigte eine größere Flussbiegung an. Die Fahrgäste aus St. Louis begaben sich ins Casino auf dem Texasdeck und begannen zu spielen. Wayman beruhigte sich und schritt mit Lassiter vor zum Schiffsbug.
»Streiten wir nicht länger darüber«, sagte der Mittelsmann und schüttelte seufzend den Kopf. »Ich habe ohnehin bereits einen neuen Auftrag für Sie. Das Hauptquartier hat mich beauftragt, Sie in die Rattlesnake Mountains zu schicken.«
Träge schwenkte die Claiborne auf einen anderen Kurs ein, der sie vor dem angeschwemmten Treibholz in der Biegung bewahrte. Lassiter lehnte sich über die Bordwand und schaute zu Wayman. »Man hat mir kein Telegramm geschickt. Ich hoffte, dass ich an den Milizionären dranbleiben kann.«
Wayman schüttelte den Kopf. »Der Einsatz in Missouri wird uns zu gefährlich, Mr. Lassiter. Sie bekommen eine gute Mission in den Bergen.« Er knöpfte die Jacke auf und zog ein braunes Kuvert daraus hervor. »Darin finden Sie alle nötigen Dokumente. Sie sollen den feigen Mord an drei Frauen aufklären, die vor einigen Wochen in Hammock Creek ermordet worden sind.«
»Hammock Creek?« Lassiter griff nach dem Kuvert. »Wyoming? Die Privatstadt von Edward Hammock?«
»Ganz recht«, erwiderte Wayman. »Auf dem privaten Land des Eisenbahnunternehmers Edward Hammock. Bis zu dieser Tat ist es dort noch nie zu einem Verbrechen gekommen.«
Das Kuvert war prall mit Landkarten, Schriftstücken und Lageskizzen gefüllt, die einen Eindruck von Hammocks Stadt und der Ranch des wohlhabenden Geschäftsmannes gaben. Ein Gewirr von Wegen und Häusern war auf einer Karte zu erkennen, Viehzäune und Weideland auf einer anderen.
»Man traut in Washington dem hiesigen Sheriff nicht«, fuhr Wayman fort. Er lehnte sich ebenfalls über die Reling und starrte ins trübe Flusswasser hinunter. »Die Vermutung ist, dass Sheriff Anthony Baker die Untersuchungen zum Tod der drei Frauen verzögert.«
»Verzögert?« Lassiter schob die Karten in den Umschlag zurück und nahm Letzteren an sich. »Aus welchem Grund?«
»Loyalität«, sagte der Mittelsmann knapp und richtete sich wieder auf. »Das Hauptquartier denkt, dass Wayman dem alten Hammock nicht in die Quere kommen will. Der Sheriff hat Hammocks Sohn Charles schluchzend vor dem Haus aufgefunden. Und die Toten sind Charles' Ehefrau und dessen beide Töchter. Sie starben durch Pistolenkugeln.«
»Schreckliche Angelegenheit«, murmelte Lassiter und wandte sich Wayman zu. »Aber wie komme ich an Hammock heran? Er dürfte keine Fremden in der Stadt dulden, solange sein Sohn unter Verdacht steht.«
»Sie bekommen einen Dienstbotenvertrag«, sagte Wayman und lächelte spöttisch. »Unsere Leute in Wyoming sind Hammock schon länger auf den Fersen. Sie wollten einen von ihren Agenten ins Haus schleusen.« Er wies auf das Kuvert. »Diese Chance bekommen Sie nun.«
Die Aussicht auf eine solche Anstellung in Hammocks Haus behagte Lassiter wenig. »Großartig. Ich mache im Frack gewöhnlich keine gute Figur.«
»Unerheblich für Washington«, gab Wayman zurück. »Sie treten in drei Tagen Ihren Dienst in Hammock Creek an.«
✰
Die dünne Schneedecke aus den Tagen, in denen Nichol Hammock sowie ihre beiden Töchter Sophia und Denise gestorben waren, war längst getaut. Sie war in jenem unbeständigen Regenwetter zusammengeschmolzen, das man in den Rattlesnake Mountains vor allem in den tieferen Lagen vorfand. Die Weihnachtstage würden zu einem schlammigen Spektakel werden, hatte der Himmel nicht noch ein Einsehen.
»Sie wollen mir nicht glauben«, sagte Charles Hammock und lehnte die Stirn gegen die Gitterstäbe. Er war einen ganzen Kopf kleiner als sein Vater, der zugegebenermaßen jedoch auch von hünenhaftem Wuchs war. »Ich hoffte, Sie würden mir und meiner Familie trauen, Sheriff. Ich habe weder meine Frau noch meine Kinder getötet.«
Tief in seinem Inneren hegte Sheriff Anthony Baker zwar noch Hoffnung, dass er Charles Hammock dieses bestialischen Verbrechens überführen konnte. Doch der Gesetzeshüter glaubte selbst nicht mehr an einen solchen Ausgang. Er würde Hammock freilassen müssen.
»Sie ließ mich verständigen«, gab Baker zu und schritt vor der Zelle auf und ab. »Was gegen Ihre Schuld spricht. Allerdings hat Ihre Frau sich mit Ihrer Waffe erschossen.«
Die Toten hatten auf der großen Freitreppe gelegen, die vom Foyer des Hammock-Hauses ins Obergeschoss führte. Die Ehefrau und die ältere Tochter hatten je eine Schusswunde im Kopf, die jüngere Tochter war in den Nacken und den Kopf getroffen worden. Die Leichname waren kalt und steif gewesen, als Baker nach ihnen gegriffen hatte.
Die Erinnerung verfolgte den Sheriff nach wie vor.
Er hatte seiner Frau kaum von der Szene berichten können, die er im Hammock-Haus vorgefunden hatte. Sie war ihm in seinen Träumen begegnet, hatte ihn am Tag heimgesucht, im Sattel, beim Barbier, im Saloon, im Gemischtwarenladen. Die toten Frauen waren in seiner Nähe geblieben, wie rachsüchtige Geister, die sich nicht von ihm lösen wollten.
»Ich bin kein Mörder«, sagte Charles und trat einen Schritt von den Gittern zurück. Er war hager geworden in den letzten Tagen. »Ich weine jede Stunde um Nichol. Ich weine um Sophia. Ich weine um Denise.« Er setzte sich und stützte den Kopf in die Hände. »Sie sind mir genommen worden, Sheriff.«
Baker glaubte seinem Gefangenen.
Er glaubte ihm zumindest so weit, dass er längst beschlossen hatte, ihn nach diesem letzten Verhör freizulassen. Die Telegramme seines Vaters Edward Hammock hatten ihren Teil dazu geleistet. Der Geschäftsmann und Eisenbahnbesitzer hatte sich empört bei einem Senator darüber beschwert, dass Baker seinen trauernden Sohn unter Verdacht stellte.
»Ich zweifle nicht an Ihrer Aufrichtigkeit«, sagte Baker und klapperte mit dem Schlüsselbund in der Hosentasche. »Aber ich zweifle sehr wohl daran, dass Ihre Ehefrau aus freiem Stücken in den Tod ging. Sie war in Hammock Creek beliebt und hatte ebenso viele Freunde hier unten in Independence Rock.«
Hammock strich sich die halblangen Haare aus dem Gesicht. »Denken Sie, ich wüsste nicht, mit wem meine Frau befreundet war? Dass man nur Gutes über sie sagte? Denken Sie, ich wüsste nichts darüber?«
Schon zu Beginn des Verhörs hatten sie einander mit Vorwürfen überzogen. Hammock hatte Baker als tyrannisch bezeichnet, Baker Hammock als schlechten Lügner. Sie hatten beide über Stränge geschlagen und sich erst im Laufe des Gesprächs gemäßigt.
