Lassiter 2789 - Marthy J. Cannary - E-Book

Lassiter 2789 E-Book

Marthy J. Cannary

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Beschreibung

Der Regen prasselte gegen die feuerrote Ziegelfassade des Smithsonian-Instituts, das für Timothy wie ein prächtiges Opernhaus aussah. Von den Rundbogenfenstern im Obergeschoss war nur ein einzelnes erleuchtet. Der Junge zitterte am ganzen Leib. Zweihundert Dollar hatte Timothy als Vorschuss für den Mord an Henry Merritt erhalten. Er sollte den Smithsonian-Professor töten, ihm die Kette mit dem silbernen Kreuz anlegen, die er in der Tasche bei sich trug, und sämtliche Unterlagen aus dem Raum stehlen. Brachte er die Dokumente rechtzeitig zum vereinbarten Ort, erwarteten ihn weitere hundert Dollar. Doch Timothy peinigte das Gewissen. Er wollte keinen hochangesehenen Gelehrten töten. Nicht jenen Mann, von dem es in den Zeitungen hieß, er könne Erdbeben vorhersagen ...

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

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Mission im San-Andreas- Graben

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Mission im San-Andreas-Graben

von Marthy J. Cannary

Der Regen prasselte gegen die feuerrote Ziegelfassade des Smithsonian-Instituts, das für Timothy wie ein prächtiges Opernhaus aussah. Von den Rundbogenfenstern im Obergeschoss war nur ein einzelnes erleuchtet.

Der Junge zitterte am ganzen Leib.

Zweihundert Dollar hatte Timothy als Vorschuss für den Mord an Henry Merritt erhalten. Er sollte den Smithsonian-Professor töten, ihm die Kette mit dem silbernen Kreuz anlegen, die er in der Tasche bei sich trug, und sämtliche Unterlagen aus dem Raum stehlen. Brachte er die Dokumente rechtzeitig zum vereinbarten Ort, erwarteten ihn weitere hundert Dollar.

Doch Timothy plagte das Gewissen. Er wollte keinen hochangesehenen Gelehrten töten. Nicht jenen Mann, von dem es in den Zeitungen hieß, er könnte Erdbeben vorhersagen ...

Die Holzschnitzer aus der Barton Road hatten ganze Arbeit geleistet.

Sie hatten ein Holzmodell des San Andreas Valley gefertigt, auf das Professor Henry Merritt so stolz war, als hätte er es von eigener Hand geschaffen. Die Tomales Bay und die Bolinas-Lagune waren zu erkennen, der vorgelagerte Mussel Rock, der Sattel am Black Mountain, der Steven's Creek Canyon und im Süden die Carissa Plains, der Mount Pino und die ersten Ausläufer der Mojave-Wüste.

Zwischen diesen Landmarken verlief der Riss.

Er war im Modell kaum fingerbreit und durchschnitt das Land Kalifornien etwa fünfunddreißig Grad in nordwestlicher Richtung. Die tatsächliche Länge betrug – Merritt hatte sie nur schätzen können – mehrere hundert Meilen. An manchen Stellen hatte sich das Terrain entlang des Risses derart gehoben, dass ganze Flüsse eine andere Stromrichtung bekommen hatten.

Vorerst bezeichnete Merritt das Phänomen als »San-Andreas-Graben«.

Der Professor hatte es nach dem gleichnamigen See benannt, den diese außergewöhnliche Formation an einer Seite streifte. Von diesem Namen erhoffte Merritt sich breitere Aufmerksamkeit in den Wochenzeitungen. Bisher waren seine Erkenntnisse belächelt und verspottet worden.

Professor Hasenfuß.

Die schrillste Schlagzeile hatte ihn mit diesem Titel belegt, der darauf abhob, dass Merritt seit Jahren vor einem starken Erdbeben in Kalifornien warnte. Die Wucht der Erdstöße würden Merritts Berechnungen nach diejenigen der Beben bei Fort Tejon im Jahr 1857 und bei Hayward im Jahr 1868 übersteigen.

Aber ich bin ja nur Professor Hasenfuß ...

Voll Ingrimm wandte sich Merritt von dem Modell ab und trat ans Fenster seines Arbeitszimmers. Kühler Sommerregen schlug gegen das Glas und kühlte die Hitze des Tages herunter. Am Horizont wälzte sich die pechschwarze Nacht heran.

Niemand hatte Merritt je geglaubt.

Er hatte weder seine Amtskollegen in der Mineralienkunde noch seine Freunde im geologischen Zirkel davon überzeugen können, dass sich in Kalifornien ein entsetzliches Verhängnis anbahnte. Die Herrschaften im Zirkel hatten Merritt Hysterie vorgeworfen. Sie hatten ihn mit einem Frauenzimmer verglichen, das den Verstand verlor, sobald auf der Straße auch nur ein Pferd durchging.

Doch Merritts Zahlen logen nicht.

Sie belegten Verschiebungen der Erdkruste, die in den entsprechenden Gebieten Kaliforniens zu messen gewesen waren. Sie zeigten, dass sich die Kruste wie eine Bogensaite spannen und ruckartig entlasten konnte.

»Ach«, sagte Merritt, als er sich wieder zu seinem Modell umwandte. Er zählte sich zu jener Sorte Gelehrter, denen man höchstens in der Stunde der Not Gehör schenkte. »Schön geraten bist du. Aber nutzen wirst du uns allen erst mit der Zeit.« Er trat an das Holzmodell und strich mit zwei Fingern darüber. »Bis dahin wirst du Staub ansetzen und in Vergessenheit geraten.«

Die Wissenschaft hatte einen schweren Stand in Washington, D.C.

Die große Politik bediente sich ihrer höchstens, um hier und dort den Anschein wohlüberlegter Beschlüsse zu erwecken oder sich eine Rechtfertigung dafür zu verschaffen, was längst entschieden war. Die einfachen Leute, die Fabrikarbeiter, die Handwerker, die Näherinnen in den Manufakturen, die jede Woche ihre Lohnschecks erhielten und dennoch kaum das Nötigste zum Leben besaßen, scherten sich wenig um das Gezänk der Professoren.

Solcherlei bedrückende Gedanken quälten Merritt, während er die Petroleumlampe abdrehte.

Er wollte mit der Droschke hinüber zu den Hansons fahren, die an diesem Abend einen ihrer opulenten Empfänge gaben. Der »Meister der Esoterik« war geladen, ein angebliches Medium, das imstande war, mit den Toten zu sprechen. Derartiger Hokuspokus hatte Konjunktur in der Hauptstadt.

Missmutig machte sich Merritt daran, die Tür abzuschließen.

Das Schloss seines Zimmers war ebenso rostig wie der Schlüssel selbst, und so glich es einem Glücksspiel, den Letzteren auch nur einmal um die eigene Achse zu drehen. Nicht selten ließ Merritt das Arbeitszimmer aus eben diesem Grund unabgeschlossen.

»Nun bequem dich bitte!«, zischte der Professor dem Schlüssel zu und ratterte mit ihm im Schlosskasten herum. »Wirst nichts gewinnen, wenn du so störrisch –«

Im selben Augenblick spürte Merritt ein Stechen im Rücken.

Er dachte an den Hexenschuss, der ihn vor wenigen Monaten ans Bett gefesselt hatte, und fasste mit der Hand an die betreffende Stelle. Als er dort kalten Stahl ertastete, fuhr Merritt nervös herum.

Hinter ihm stand ein Junge von zwölf oder dreizehn Jahren.

Er hielt ein altes Spencer-Gewehr umklammert, dessen geborstener Kolben und ölverschmierter Lauf grotesk groß in seinen kleinen Händen wirkten. Sein Gesicht hatte einen bösartigen Ausdruck, sein Finger tippte vielsagend gegen den Abzug.

»Keine Bewegung!«, bellte der Junge und drängte Merritt mit dem Gewehr in dessen Zimmer zurück. »Willst du sterben, Alter? Dann schrei! Schrei ruhig! Dann bist du tot! Dann bist du auf der Stelle tot!«

Er hätte mit derlei Drohungen wohl weiterhin um sich geworfen, hätte Merritt nicht die Hände in die Höhe genommen und mit einem Wimmern signalisiert, dass er durchaus Angst empfand. Mit einer solchen Taktik, hatte man Merritt einmal eingeredet, bliebe man bei einem Raubüberfall am Leben.

»Rüber zur Wand mit dir!«, befahl der Junge und schaute sich in der Kammer um. Er trat an den Tisch und stieß das geschnitzte Modell des San-Andreas-Grabens mit dem Ellbogen herunter. »Wo hast du dein Notizbuch? Wo schreibst du alles rein? Sag's mir! Los, sag's mir!«

Allem Anschein nach wusste dieses Kind nichts darüber, dass ein Professor im Smithsonian-Institut jeden Tag Dutzende Notizzettel füllte, die er an den unterschiedlichsten Stellen verwahrte. Die Aufzeichnungen für Kalifornien steckten in einer Mappe, die für Pennsylvania in einer anderen, und die Promotionsschriften zu den Erdbebenzonen in Peru wiederum, die Merritt korrigierte, lagen verkehrt herum im Schrank hinter dem ...

»Verkauf mich nicht für dumm!«, fuhr der Junge Merritt an und fuchtelte mit dem Gewehr herum. »Ich will alles aus dem Büro haben! Alles! Los, beweg' dich! Pack mir alles zusammen!«

»Aber ... aber«, stammelte Merritt und drückte sich am Gewehrlauf vorbei. »Ich habe kein Geld im Arbeitszimmer, Junge. Nichts ... Keinen einzigen Dollar hab ich hier! Du wirst leer ausgehen und dir zusätzlich -«

»Ruhe!«, brüllte der Junge und schwang sich auf den Arbeitstisch. Er zielte von oben auf Merritt und spähte über den Gewehrlauf hinweg. »Hol mir, was ich will! Oder ich ... oder ich -«

Aus dem Gewehr löste sich ein krachender Feuerstoß, der Merritt von den Beinen riss.

Die Kugel drang ihm durch die rechte Wade, verursachte einen brennenden Schmerz und blieb tief im Fleisch stecken. Grauer Pulverdampf hüllte Merritt ein und nahm ihm die Sicht auf das Kind. Er hustete und hielt sich an der Wand fest. »Jesus Christus ... Mein Junge! Was tust du da ... Was tust du da nur?«

Aus dem schillernden Paillettenkleid, das wild um ihre nackten Beine geschwungen hatte, war ein verschwommener Farbfleck geworden. Der Kleidzipfel tanzte vor Lassiters Augen auf und ab wie ein Fisch, der an der Angel zappelte. Der Mann der Brigade Sieben klammerte sich an die Bühnenstufen und sträubte sich gegen die Benommenheit.

»Steh auf!«, rief ihm Lindsay zu und streckte ihm die manikürte Hand entgegen. Sie bewegte sich lasziv zu den Polkaklängen, die vom Piano herüberdrangen. »Steh auf und tanz mit mir!«

Die leere Bourbonflasche war quer über die Bühne gerollt und steckte hinter einem Stuhlbein fest. Sie würde die Revuetänzerin zu Fall bringen, die schon zwischen den Kulissenwänden bereitstand und auf ihr Zeichen wartete. Wie Lindsay trug sie ein Paillettenkleid und starrte zu Lassiter herüber.

»Pass ... pass auf!«, presste Lassiter hervor.

Der verfluchte Saloonbesitzer hatte ihn gewarnt.

Er hatte von der Ladung Bourbon gesagt, dass sie in Bickford gestreckt worden wäre. Dass jemand Fusel aus dem Spirituosenwerk dazugekippt hätte, um den Minenarbeitern von Bakersfield eins auszuwischen.

Getrunken hatte Lassiter die Flasche trotzdem.

Er hatte mit geschlossenen Augen Glas um Glas geleert und sich die feuernde Kehle damit erklärt, dass er den ganzen Tag lang auf dem Trockenen gesessen hatte. Der Salooneigentümer hatte amüsiert danebengestanden. Er hatte Lindsay herbeigewunken, die sich der Flasche bemächtigt und stets aufs Neue nachgeschenkt hatte.

Irgendwann hatte Lindsay ihr armes Opfer zur Bühne bugsiert.

Wie bei einem Boxkampf hatte sie seinen Arm in die Höhe gestreckt und Lassiter zum »Bourbonchampion« des Abends ausgerufen. Durch den Saal war eine tosende Woge aus Applaus gegangen. Beim Abgang von der Bühne war Lassiter auf den Stufen ausgerutscht.

»Komm schon!«, drang ihm erneut Lindsays Stimme ans Ohr. Sie klang blechern und hohl, als käme sie aus einem Ofenrohr. »Ich brauche einen Kerl wie dich. Jetzt gleich ... Lass mich nicht im Stich, ja?«

Ob Lassiter in der darauffolgenden Stunde noch getanzt oder nicht, wusste er im Morgengrauen genauso wenig, wie er das Gleichgewicht halten konnte. Er stolperte über die halb nackte Lindsay hinweg, die nur noch ihr Miederhöschen am Leib hatte, hielt sich am Tisch fest und starrte auf sein Holster mit dem .38er-Remington. Er konnte sich nicht entsinnen, den Halftergurt überhaupt abgenommen zu haben.

James Auburn ...

Auf den Namen seines Mittelsmannes kam Lassiter so plötzlich, dass er selbst darüber erschrak. Das Hauptquartier in Washington hatte zwei Telegramme zu Auburn geschickt. Eines war von allgemeiner Natur gewesen, im anderen hatten Ort und Zeit für ein Treffen gestanden.

James Auburn, ehemaliger Richter und Entrepreneur ...

Nach und nach erinnerte sich Lassiter an die kargen Angaben, die er zu Auburn erhalten hatte. Der frühere Friedensrichter war inzwischen Inhaber einer Schuhmanufaktur und verkaufte hart besohlte Arbeitsschuhe für ganz Kalifornien.

»Komm wieder ins Bett!«, flüsterte Lindsay und streckte müde den Arm nach ihm aus. Sie hatte ihren grazilen Körper um ein mit Whiskyflecken überzogenes Kopfkissen geschlungen. »Oder willst den ganzen Morgen herumstehen? Ich wollte ...« Sie seufzte leise und fasste sich zwischen die Beine. »Ich wollte eine zweite Runde mit dir.«

»Keine Chance, Schätzchen«, knurrte Lassiter und legte sich den Holstergurt um die Hüften. Er brauchte zwei Versuche, ehe er Schnalle und Gürtel zueinander brachte. »Ich muss ... Sag Daniel, dass ich fortmusste ... Ich rede am Abend mit ihm.«

Der Salonbesitzer Daniel Willey hatte ihm geholfen, den eigenwilligen Senator Bob Atherton zu bewachen, zu dessen Schutz man Lassiter nach Kalifornien geschickt hatte. Willey war in den vergangenen Wochen fast wie ein Freund für den Mann der Brigade Sieben gewesen.

»Magst du mich nicht mehr?«, wisperte Lindsay und hob den Kopf. »Hat's dir nicht gefallen mit mir?«

Unter dem Kissen lugte ihr verführerischer Brustansatz hervor, der Lassiter beinahe dazu brachte, seine Entscheidung in Frage zu stellen. Er wollte mit dieser Frau schlafen und haderte damit, dass seine Pflichten gegenüber dem Hauptquartier und Mittelsmann Auburn vorgingen. »Später, Kleines. Halt mir das Bett warm, ja?«

Bis zur Zusammenkunft mit Auburn blieb dem Mann der Brigade Sieben noch eine knappe Stunde. Er verbrachte sie damit, sich beim Barbier den Bart und die Koteletten stutzen zu lassen und bei einem Krug Kaffee darüber zu nachzugrübeln, ob Auburn etwas von seinen nächtlichen Eskapaden mitbekommen durfte oder nicht.

»Willeys Bourbon?«, fragte Auburn bei ihrer Begegnung nur. Er war ein klein gewachsener Mann mit schmalen Brauen, die er nun argwöhnisch in die Höhe zog. »Sie müssen sich nicht verstellen, Mr. Lassiter. Der Willey-Bourbon bekommt jeden Mann klein.« Er lachte. »Ich bin keine Ausnahme.«

Das braune Kuvert unter seinem rechten Arm war aus dem Hauptquartier und enthielt eine Reihe von Informantenberichten und Landkarten. Auburn nahm die Papiere heraus und reichte sie Lassiter. »Sie müssen sich auf die Suche nach Luther Holmes machen.«

Als Lassiter nichts entgegnete, fuhr Auburn ohne Unterbrechung fort. »Mr. Holmes ist ein Reverend aus Kalifornien. Er soll sich im Besitz von Unterlagen befinden, die vor einigen Wochen einem Professor mit dem Namen Henry Merritt gestohlen worden sind.«

»Einem Professor?«, fragte Lassiter erstaunt und blätterte die Berichte durch. »Wer bestiehlt einen Professor?«

»Dieselbe Frage stellt sich auch das Hauptquartier.« Auburn blickte die Mainstreet von Bakersfield hinauf. »Mr. Merritt ist in Washington D.C. von einem Jungen angeschossen worden. Er hat eine furchtbare Verletzung an der Wade davongetragen.«

Lassiter schaute von den Papieren auf. »Ist er noch am Leben? Er wurde von einem Kind überfallen?«

»Einem Jungen von zwölf Jahren«, bejahte Auburn und wies auf die Berichte, die das Hauptquartier ihm geschickt hatte. »Sie finden den ganzen Fall darin. Washington steht vor einem Rätsel. Merritt lebt und wird wieder genesen. Der Junge hat auf ihn geschossen und ihm anschließend seine Forschungsaufzeichnungen geraubt. Inzwischen wissen wir, dass Holmes dieses Kind angeheuert hatte.«

Ein leichter Schwindel ergriff Lassiter, als er einige der Seiten gelesen hatte. Der Whisky würde ihm noch den ganzen Tag zu schaffen machen. »Wo finde ich Holmes? Ich muss an ihn herankommen.«

»Er und seine Bande sollen in zwei Tagen nach Fort Tejon kommen.« Auburn übersah höflich, dass Lassiter bei jedem Schritt wankte. »Sie finden im Kuvert ein paar gefälschte Briefe, die Duke Norwood gehört haben. Er war ein Revolverschwinger in dieser Gegend. Letztes Jahr hat ihn einer unserer Agenten erledigt.« Er deutete auf die Häuser der Stadt. »Noch weiß davon niemand.«

»Duke Norwood«, sagte Lassiter. »Holmes wird keinen Verdacht schöpfen.« Er sah Auburn an. »In zwei Tagen also?«

»In zwei Tagen«, meinte der Mittelsmann und klopfte Lassiter auf die Schulter. »Bis dahin werden Sie hoffentlich nüchtern sein.«

Blutrot hatten die blühenden Castilleja den Tejon Pass gefärbt, der an dieser Stelle fast viertausend Fuß erreichte und entlang einer steilen Hügelflanke verlief. Die Blüten standen dicht an dicht, verfingen sich im Fesselbehang der Pferde und narrten das Auge, das inmitten dieses rotglühenden Ozeans vergeblich nach Konturen suchte. Die Männer hatten abgesattelt und standen verloren vor dieser leuchtenden Pracht.

Der Reverend war diesen Anblick gewohnt.

Jeden Monat ritt Luther Holmes über den Pass hinüber in die Tehachapi Mountains, die ihn mit ihren geschwungenen Höhenzügen und rauschenden Laubwäldern ansprachen wie keine andere Gegend Kaliforniens. Manchmal schlief er nächtelang unter freiem Himmel, den Gewehrlauf an einer Wange, den Fuchsfellmantel, in dem er tagsüber ritt, an der anderen. Das Firmament mit seinen tausenden funkelnden Sternen war dann seine einzige Gesellschaft.

Dabei ertrug Holmes Einsamkeit nur schwer.

Er war als Waisenkind in einem Methodistenheim nahe Woodbury in Tennessee aufgewachsen, unter hunderten anderen Kindern, die ihre Eltern an Dürren, Krankheiten, Entbehrungen oder Schiffsunglücke verloren hatten. Das gemeinsame Unglück hatte sie zusammengeschmiedet. Manchen von ihnen schrieb Holmes heute noch Briefe.

»Ein paar Stunden«, bat Christopher Bonney, der wegen seiner hervorstehenden Zähne den Spitznamen Gopher trug, nach dem englischen Wort für Ratte. »Nur ein paar Stunden, Luther. Sie müssen ausruhen und Kraft schöpfen. Das letzte Dorf hat uns fast erledigt.«

Die Überfälle auf die nahegelegenen Chumash-Dörfer hatten ihnen nichts als Ärger gebracht. Sie hatten ein gutes Dutzend Stammesmitglieder getötet, den Rest ihrer Habseligkeiten beraubt und waren doch kein Stück vorangekommen. Nicht einer dieser eingeschüchterten Dorfbewohner hatte etwas von der Austern-Trophäe gewusst.