Lassiter 2793 - Marthy J. Cannary - E-Book

Lassiter 2793 E-Book

Marthy J. Cannary

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Beschreibung

Westlich der Cimarron-Wüste, ein paar Meilen vor dem Panhandle von Oklahoma, hatte Douglas Dowd Land von seinem Vater geerbt. Frederick Dowd war vor seinem Tod so wirr im Kopf gewesen, dass er kein Rind mehr von einem Misthaufen unterscheiden konnte. Das lag in der Familie, und Douglas zweifelte nicht daran, dasselbe Schicksal zu erleiden. Er mochte diesen Flecken Erde, und er würde hinausreiten und sich an der Weite des Prärielandes erfreuen, bis er selbst den Verstand verlor. Er wollte "am Gras riechen", wie es sein Vater genannt hatte. "Dort vorn", sagte in diesem Moment sein Vormann Warren Hubbell, der ihn begleitete. Er zeigte auf eine Stelle einige Yards vor ihnen. "Sie haben es wieder getan!" Da sah auch Douglas Dowd die blutgetränkten Halme ...

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Nomaden der Prärie

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Nomaden der Prärie

von Marthy J. Cannary

Westlich der Cimarron-Wüste, ein paar Meilen vor dem Panhandle von Oklahoma, hatte Douglas Dowd Land von seinem Vater geerbt. Frederick Dowd war vor seinem Tod so wirr im Kopf gewesen, dass er kein Rind mehr von einem Misthaufen unterscheiden konnte. Das lag in der Familie, und Douglas zweifelte nicht daran, dasselbe Schicksal zu erleiden.

Er mochte diesen Flecken Erde, und er würde hinausreiten und sich an der Weite des Prärielandes erfreuen, bis er selbst den Verstand verlor. Er wollte »am Gras riechen«, wie es sein Vater genannt hatte.

»Dort vorn«, sagte in diesem Moment sein Vormann Warren Hubbell, der ihn begleitete. Er zeigte auf eine Stelle zwei Yards vor ihnen. »Sie haben es wieder getan!«

Da sah auch Douglas Dowd die blutgetränkten Halme ...

Niemand in Kansas hätte bezweifelt, dass Viehdiebstahl das abscheulichste und niederträchtigste Verbrechen war, das einem Rancher widerfahren konnte. Die Arbeit Dutzender Monate, die Entbehrungen, die Dollars, die man eingebracht hatte, alles konnte binnen weniger Stunden verschwunden sein.

Manchmal fehlten nur zwei oder drei Rinder.

Oft steckten kleinere Diebesbanden dahinter, die durch die Städte zogen, ein paar Rindern das Fell über die Ohren zogen und vom Erlös für das Fleisch ihren Whisky zahlten. Sie richteten zwar Schaden. Spätestens aber, sobald man zwei oder drei von ihnen vor aller Augen aufgehängt hatte, war der Spuk vorüber.

Schlimmer waren die organisierten Banden.

Sie gingen raffinierter und trickreicher vor und planten ihre Raubzüge bis in die letzte Einzelheit. Meist kundschafteten sie die Ranches aus, indem sie sich als Rindertreiber oder Hufschmied verdingten. Ihre Wahl fiel nicht selten auf Ranches, die weitab der Städte lagen und deren Weiden schwer zu erreichen waren.

Letztes Jahr hatten sie der Nine-Feet-Ranch knapp fünfunddreißigtauend Stück Vieh gestohlen.

Sie hatten die Erde hinunter zum Cimarron River getrieben, das Vieh bei Nacht mit Flößen übergesetzt und waren geschlagene achtzig Meilen mit dem Treck nach Norden gezogen. Wären keine Kadaver am Flussufer zurückgeblieben, hätte Nick Bostrom, der Besitzer der Nine Mile, davon erst beim Frühjahrs-Roundup erfahren.

»Verdammte Dreckskerle!«, schimpfte Warren Hubbell. Er war Dowds Vormann. »Könnte ich mir doch einen von denen vorknöpfen! Ich würde ihnen die dämlichen Köpfe vom Hals schneiden!« Er deutete auf den Blutfleck unter den Hufen ihrer Pferde. »Schau bloß, was sie angerichtet hatten!«

Das schiere Ausmaß der Schlachterei entsetzte auch Douglas F. Dowd.

Selten hatte der Rancher irgendwo gesehen, dass man die Tiere auf freiem Feld ausgenommen und mit dem Fleisch getürmt war. Die Diebe mussten in einem regelrechten Blutrausch gewesen sein. Sie hatten Knochen übriggelassen, halb aufgeschnittene Schädel, eine Rinderhälfte, die am unteren Ende verkohlt war. Vermutlich hatten sie davon gegessen.

»Sie haben kein Herz im Leib«, sagte Dowd. »Fünf oder sechs Kühe derart hinzurichten. Ich würd's nicht über mich bringen.«

»Keiner von uns«, stimmte ihm Hubbell zu. »Wären sie keine Menschen, hätte ich gesagt, dass der Satan selber hier gehaust hat!« Er sprang vom Pferd und watete durch das kniehohe Gras. »Die Knochen liegen überall verstreut!«

Buchstäblich jeder Grashalm hatte sich bis zur Hälfte mit dem Blut der Rinder vollgesogen.

Die Rinderleiber mussten ausgeblutet sein, bevor die Viehdiebe sie in Stücke gehackt und davongeschleppt hatten. Jeder Schlachter in den Schlachthäusern von Chicago war ein Waisenknabe gegen diese Höllenhunde.

»Sie kannten sich aus«, sagte Hubbell und hielt eine verkohlte Haut in die Höhe. Er zeigte auf das Brandzeichen darauf. »Die haben sich an unserer Herbstzählung bedient. Keine der Kühe war älter als zwei Jahre.« Er schüttelte den Kopf. »Wollten wohl kein zähes Fleisch, die feinen Herren!«

Zwar grasten auf Hubbells Land keine fünfzigtausend Stück Vieh, wie es auf der Nine-Feet-Ranch der Fall war. Zwanzigtausend Rinder umfasste die Herde aber schon, die Jahr für Jahr in das weite Tal zurückkehrte, in dem der Rancher mit seiner Frau und den fünf Kindern lebte. Die Rinder waren der Grundstock seines bescheidenen Reichtums.

»Ob sie in der Nähe sind?«, sinnierte Hubbell und schaute sich um. Rings um sie herum war nur Prärie zu sehen, die am Horizont in den milchigen Abendhimmel überging. »Ich werd' mir ein paar Leute nehmen und nach ihnen suchen. Ist genug! Wir müssen sie schnappen und ihnen eine Lektion erteilen!«

Nach Dowds Vorstellung würde diese Lektion genauso aussehen wie jene, die kürzlich vier Viehdiebe aus Oklahoma gelernt hatten. Sie waren von den Ranchern, die sie bestohlen hatten, auf offener Straße gelyncht worden. Der Sheriff und seine Deputies hatten danebengestanden und zornige Menge gewähren lassen.

Großartig anders als die malträtierten Rinder hatten die Diebe danach auch nicht ausgesehen.

Der Totengräber hatte sie durch die halbe Stadt gefahren, damit die Männer in den Saloons mitbekamen, was auf der Mainstreet vorgefallen war. Eine Frau war in Ohnmacht gefallen, zwei Rindertreiber hatten sich über den Eimer beugen müssen.

Anders lernten die Diebesbanden nicht.

Sie ließen sich nicht von Strafen abschrecken. Nicht von schwer bewaffneten Deputies, die durch die Rinderstädte zogen. Nicht von den Ranchern selbst, die Hüte und Stiefel der Diebe an ihre Ranchtore nagelten.

Ein Dieb verstand nur eine einzige Sprache.

»Nimm dir zehn Männer!«, knurrte Dowd. »Wir kommen schon ein paar Tage ohne euch zurecht. Mir ist's lieber, diese Kerle kommen hinter Schloss und Riegel. Sie haben uns genug Schaden gemacht.«

Nach kurzem Zögern glitt auch Dowd aus dem Sattel.

Etwas in ihm sträubte sich dagegen, auf das Blut zu treten, das vor einem Tag noch in den Adern seiner Tiere geflossen war. Er wollte diesen gequälten Rindern keine weitere Schande zufügen.

Unten im Gras sackte Dowd das Herz in die Hose.

Ohne Vorankündigung schossen ihm die Tränen in die Augen, und er kehrte rasch zu seinem Pferd zurück. Hubbell war so taktvoll, den Gefühlsausbruch zu übergehen. Er hockte sich ins Gras und sah sich die Knochen an.

»Wir holen sie uns«, murmelte der Vormann. »Wir holen uns diese Bestien.«

Dowd nickte und hielt sich am Sattelhorn fest. »Ich schreibe unserem Senator. Sie müssen in Washington hören, was wir im Westen durchmachen.«

Der Brief von Senator Samuel Nelson, der Kansas im US-Senat vertrat, lag wie ein verwehtes Stück Papier auf dem Schreibtisch von Anthony Krall. Der Mittelsmann und Verleger des Lincoln Esquirer hatte ihn nur aus dem Kuvert genommen und den ganzen Nachmittag über liegengelassen.

»Was soll ich damit anfangen?«, rief Krall seiner Sekretärin Sally zu, die ihn mit Terminen überschüttet hatte. »Ich kann keinen dieser Herren sehen, solange ich noch andere Verpflichtungen habe. Sie sollten inzwischen wissen, dass ich so und nicht anders arbeite, Sally.«

Die Angesprochene fuhr ob des scharfen Tones zusammen, den Krall gewählt hatte. Sie war nicht daran gewöhnt, dass Krall die Fassung verlor. Sie wusste allerdings auch nicht, dass er im Dienst einer Geheimorganisation stand, die ihm gerade einen höchst brisanten Auftrag erteilt hatte.

»Aber was soll ich dem Gouverneur sagen?«, erwiderte Sally kleinlaut. Sie hielt ihren Notizblock mit zitternden Fingern fest. »Er war fest entschlossen, Sie heute zu sehen, Sir. Er wird enttäuscht sein.« Sie schlug Krall mit dessen eigenen Waffen. »Sie sagten immer, dass ein enttäuschter Gouverneur –«

»Ein enttäuschter Gouverneur ist nicht gut fürs Geschäft«, beendete Krall seinen eigenen Satz. »Ich weiß schon, was Sie mir sagen wollen, Sally. Ich muss aber zunächst anderen Pflichten nachkommen.« Er winkte ab. »Bestellen Sie den Gouverneur für den nächsten Morgen! Bezahlen Sie ihm ein gutes Hotelzimmer! Tun Sie alles, was nötig ist! Aber ich brauche diesen Nachmittag!«

Damit hatte Krall nicht übertrieben.

Am Morgen hatte ihn das Telegramm aus Washington D.C. erreicht. Es war ihm per Eilbote übermittelt worden, gleich aus der Station am Stadtrand, mit der er gute Verbindungen pflegte. Sie brachte ihm manche Nachricht früher, als sie die Büros des Lincoln Herald erreichten, der erklärtermaßen Kralls Erzfeind war.

Seufzend kehrte Krall zu seinem Schreibtisch zurück.

Er nahm den Brief des Senators zur Hand, las ihn erneut und spähte aus dem Fenster. Unten in der Straße standen seine Droschke, einige seiner Redakteure und jener Mann, der seinetwegen von Wichita heraufgekommen war.

Der Fremde war von hohem Wuchs, hatte breite Schultern und sandblondes Haar. Er trug eine zerschlissene Lederhose, ein gestreiftes Hemd und darüber eine Weste aus rissigem Rindsleder. Um die Hüften hatte er einen Holstergurt, in dem ein langläufiger Revolver steckte.

Den Brief unter dem Arm, stieg Krall die Treppe zur Straße hinunter.

Er zog an seiner Pfeife, in die er kurz zuvor brasilianischen Tabak gestopft hatte, und trat seinem Gast in einer hellgrauen Rauchwolke entgegen. Der andere Mann verzog keine Miene und nickte Krall höflich zu.

»Lassiter?«, erkundigte sich Krall. »Nur Lassiter? Haben Sie keinen weiteren Namen?«

»Lassiter genügt vollauf«, entgegnete der Fremde und schaute sich um. Er war – glaubte man dem Telegramm aus Washington – einer der härtesten, die im Westen zu finden waren. »Einfach nur Lassiter, Sir.«

»Sie haben den Weg nach Lincoln rasch gefunden«, stellte Krall fest. Er brach mit dem Mann, der den eigenartigen Namen Lassiter trug, zu einem Rundgang um die Druckerei auf. Als sie an den halboffenen Toren vorüber waren, hinter denen Kralls Druckerpressen standen, wurde der Verleger gesprächiger. »Ich muss Ihnen gewiss nicht sagen, dass ich von dem Telegramm aus Washington ähnlich überrascht war Sie. Nach meinem Wissen müssen Sie es ebenso überraschend erhalten haben.«

»Mitten in einem anderen Auftrag«, räumte sein Gegenüber ein. »Ich war einem korrupten Sheriff auf der Spur. Ein anderer Agent wird ihn nun jagen. Man hat mich nach Lincoln geschickt.« Er ließ eine längere Pause. »Zu Ihnen, Sir.«

»Zu mir.« Krall nickte und paffte an seiner Pfeife. »Unser Auftrag ist anderer Natur. Ein Senator hat uns um Hilfe gebeten. Auf der Dowd-Ranch achtzig Meilen südwestlich wird eine Menge Vieh gestohlen.«

»Viehdiebstahl?«, knurrte Lassiter und blickte Krall an. Er hatte stechend blaue Augen. »Die Brigade Sieben kümmert sich nicht um Bagatellen wie Viehdiebstahl. Sie müssen falsche Befehle erhalten haben.«

Krall lachte erstickt und nahm die Pfeife aus dem Mund. »Erst dachte ich genauso wie Sie, Lassiter. Aus welchem Grund sollten wir Viehdiebe jagen? Die Brigade Sieben ist nicht der Ersatz für den Sheriff oder Marshal vor Ort.«

»So ist es«, pflichtete ihm Lassiter bei. »Der Senator muss sich an die falschen Stellen gewandt haben.«

»Er hat sich an die richtigen Stellen gewandt«, widersprach Krall und blickte an seinem Verlagshaus hinauf. Sein Büro lag hinter den Fenstern im dritten Stock. »Er hat einige mächtige Freunde im Ministerium, die ihm geholfen haben. Der Viehdiebstahl ist nicht gewöhnlich. Wir haben regelrechte Schlachtungen auf den Weiden vorgefunden und gehen davon aus, dass die Diebstähle von einer Bande vorgenommen werden.«

»Einer Bande?«, fragte Lassiter. »Wie kommen Sie zu dem Verdacht?«

»Die Bande marodiert durch ganz Texas«, erläuterte Krall. Er hatte die Angaben, die in dem Brief des Senators gestanden hatten, noch genau im Gedächtnis. »Anderson County, dann Coffey County. Später Woodson, Greenwood, Butler. Dann ging es über Marion, McPherson, Edwards, Barton bis ins Gray County.«

»Bis an den Cimarron River«, ergänzte Lassiter und sann eine Weile nach. »Die Kerle müssen einige Ausdauer haben. Sie entziehen sich den Sheriffs vor Ort.«

Der Mittelsmann gab ihm recht. »Und zwar einem nach dem anderen. Ich wäre nicht erstaunt, dass Sie auf Männer treffen, die Kansas wie ihre Westentasche kennen. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie der Schlange den Kopf abbeißen.« Er dachte an Frist im Brief des Senators. »Binnen zwei Wochen. Der Senator fürchtet um seine Wiederwahl.«

»Binnen zwei Wochen?«, entgegnete Lassiter und verzog leicht das Gesicht. »Das Hauptquartier sollte wissen, dass in wenigen Wochen keine ganze Bande zu fassen ist. Ich muss ihnen erst auf die Spur kommen und ihnen einen Hinterhalt stellen.«

»Sie haben zwei Wochen, Lassiter.« Krall griff zu demselben scharfen Ton wie bei Sally. Er wusste jedoch, wie utopisch die Forderung des Senators war. »Das Hauptquartier zählt auf Sie. Ich gebe Ihnen ein Kuvert mit allen nötigen Informantenberichten dazu. Sie werden diese Bande binnen kürzester Zeit aufspüren und über den Jordan schicken.«

»Töten, Sir?«, vergewisserte sich Lassiter. »Ich soll die Diebe töten?«

»Das Justizministerium verlangt danach.« Krall holte den Brief hervor und zeigte ihn Lassiter. »Der Senator vertritt die Ansicht, dass die meisten Viehdiebe ohnehin exekutiert werden. Er hat das Ministerium überzeugt, die Jagd auf die Diebe freizugeben.« Er sah Lassiter an. »Bis zum Äußersten.«

»Bis zum Äußersten, Sir«, entgegnete der Mann der Brigade Sieben. Er steckte den Brief unter die Weste. »Ich erfülle meine Pflicht.«

Von allen Männern, die auf dieser gottverlassenen Erde herumstrolchten, musste Annie Sterling ausgerechnet Chas Ryder abbekommen.

Der frühere Frachtfahrer war ein notorischer Trunkenbold. Er setzte sich schon am Morgen vor die windschiefe Hütte, die Annie, die beiden Kinder und er bewohnten, und soff eine Flasche Whisky zu drei Vierteln leer. An guten Tagen sang er danach, an schlechten schlug er Annie oder ihre älteste Tochter Amanda.

Heute war ein schlechter Tag.

Chas hatte miserabel geschlafen und wurde nicht müde, dafür um Mitleid zu heischen. Erst hatte er es bei Annie versucht, die einen Topf Kartoffelschalen auskochte. Als er sich an ihr die Zähne ausgebissen hatte, zog er weiter zu Amanda und Becky.

»Verpfeif dich, Chas!«, fuhr Amanda ihren Ziehvater an. Mit ihren siebzehn Jahren hatte sie längst jede Achtung vor Chas verloren. »Du machst uns nur die Beeren schlecht! Lass die Finger davon!«

Das jüngste von Annies Kindern war Becky, ein Sonnenschein mit strohblondem Haar, der gerade bei Amanda auf dem Schoß saß. Mit ihren kleinen Händen griff sie immer wieder nach den Moltebeeren, die sie zusammen auslasen, damit Annie später alles einkochen konnte. Sie fürchtete sich vor Chas und begann deshalb zu weinen.

»Verdammtes kleines Scheusal!«, krähte Chas. Er klatschte in die Hände, um das Kind noch mehr zu ängstigen. »Eines Tages werf' ich dich in die Nacht hinaus, du kleiner Fleischsack! Wollen doch mal sehen, ob du noch genauso kreischst, wenn dich die Kojoten holen!« Er bekam ein zorniges Gesicht und schrie Amanda an: »Nun bring sie endlich zur Ruhe! Sie soll das kleine, schmutzige Maul halten!«

Ohne unter ihrem schwarzen Haarschopf aufzublicken, trat Amanda bloß nach Chas. Sie griff nach einer leeren Schüssel und schleuderte sie in seine Richtung. »Lass uns in Ruhe! Geh woanders saufen! Gott, wie ich mir wünschte, dass Vater noch bei uns wäre!«

Derselbe Gedanke kam auch Annie, die sich mit dem Holzlöffel bewaffnet hatte. Sie stand hinter Chas und bereitete sich darauf ihm, ihm eines mit dem Küchenutensil überzubraten. Hätte sie ausgesprochen, was sie in diesem Moment dachte, Chas hätte sie vermutlich allesamt umgebracht.

»Schert euch bloß zum Teufel!«, knurrte Chas und trat den Rückzug an. Er griff nach den speckigen Hosenträgern, die seine zerlumpte Stoffhose hielten, spannte sie und ließ sie auf die Brust knallen. »Keinen Bissen Fleisch im Haus und drei lamentierende Weibsbilder! Sollte euch im Stich lassen! Sollte euch alle drei euch selbst überlassen!«

Fast wäre Annie herausgerutscht, dass er gerne hinüber nach Lincoln oder hinauf nach Stockton gehen könne und ihn keine von ihnen vermissen würde. Sie hatte schon zu einer Erwiderung angesetzt, als sie Amandas Blick auffing. Eine solche Bemerkung würde alles nur noch schlimmer machen, sagte der, und hatte recht.

Nach einer endlosen Viertelstunde war Chas endlich eingeschlafen.

Er hatte sich in den alten Sessel fallen lassen, den Annies voriger Ehemann Eugene noch angeschafft hatte. Er hatte damals seine mageren Ersparnisse für zwei Sessel ausgegeben, in denen sie an Weihnachten wie feine Herrschaften gesessen hatten.

In diesen Tagen waren sie alle glücklich gewesen.

Amanda hatte noch im Kinderbett gelegen, von Becky hatten sie höchstens geträumt. Ein knappes Jahrzehnt später war Eugene an einer Tuberkulose gestorben, nur einen Tag, nachdem er Annie versichert hätte, dass ihn nichts umbrächte.