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Eigentlich wollte Tom Prox nur in einem Konflikt zwischen Vater und Sohn vermitteln. Dann aber führt ihn dieser Freundschaftsdienst auf die Fährte einer gefährlichen Schmugglerbande, deren geheimnisvoller Boss selbst in den eigenen Reihen über Leichen geht, wenn das seinen Zielen dienlich ist.
Bald schon treffen der Ghostchef und seine treuen Sergeanten, Snuffy Patterson und Ben Closter, auf einen Mann, der sich allzu auffällig unauffällig zu benehmen versucht ...
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Auge um Auge
Vorschau
Kleines Wildwest-Lexikon
Aus dem Wilden Westen
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Heinrich Berends
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7517-0706-0
www.bastei.de
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Auge um Auge
Von Frank Dalton
Eigentlich wollte Tom Prox nur in einem Konflikt zwischen Vater und Sohn vermitteln. Dann aber führt ihn dieser Freundschaftsdienst auf die Fährte einer gefährlichen Schmugglerbande, deren geheimnisvoller Boss selbst in den eigenen Reihen über Leichen geht, wenn das seinen Zielen dienlich ist.
Bald schon treffen der Ghostchef und seine treuen Sergeanten, Snuffy Patterson und Ben Closter, auf einen Mann, der sich allzu auffällig unauffällig zu benehmen versucht ...
»Sie behaupten also, mein Sohn habe Sie geschickt? Das kommt mir reichlich seltsam vor. Warum sollte mein Sohn Sie beauftragt haben, mit mir zu reden, statt selbst zu kommen? Er hat genau den gleichen Mund wie Sie und ich, und er war nie schüchtern, wenn es darauf ankam ...«
In diesem Moment zersplitterte die Fensterscheibe. Eine Kugel fuhr ins Zimmer, dicht am Kopf des grauhaarigen Mannes vorbei und schlug in die gegenüberliegende Wand. In der nächsten Sekunde lagen beide auf dem Fußboden.
»Teufel!«, schimpfte der Alte und fluchte. »So etwas ist mir noch nie passiert, solange ich hier Grenzdienst mache! Und das sind immerhin schon an die dreißig Jahre!«
Tom Prox arbeitete sich vorsichtig ans Fenster heran. Und ebenso vorsichtig spähte er ins Freie hinaus.
Ein kleiner Garten lag hinter dem Haus, sorgsam gehegt und von einem Knüppelzaun eingefriedet. Dahinter kam ein großes Stück mit Grasland, an das sich dunkel und schweigend der Wald anschloss.
Tom sprang zu dem Wandhaken hinüber, an dem das Gewehr des alten Grenzers hing. Gleich darauf stand er wieder am Fenster. Er riss die Waffe hoch, zielte, und dann fuhren in rascher Folge vier Schüsse aus dem Lauf.
Der Grauhaarige trat neben ihn, er war sehr ungehalten.
»Das ist mein Gewehr, Gent, daraus pflege ich zu schießen!«
Tom Prox drückte ihm die Waffe in die Hand.
»Ich habe nicht geglaubt, dass es so rasch losgehen würde! Drüben am Waldrand – sehen Sie es? Wenn wir uns heranpirschen, Sie von links und ich von rechts – vielleicht kriegen wir den Schützen dann.«
»Ich verstehe das alles nicht.«
»Wie sollten Sie auch? Ich fing ja eben erst an, mit Ihnen zu reden.« Tom Prox wollte nach draußen, plötzlich kam ihm jedoch ein Gedanke. Er lief zum Kleiderschrank, holte einen Uniformrock des Alten heraus, hantierte mit einem Kleiderbügel und zwei Besenstielen herum und lehnte sein Werk dann an die Wand. »So könnte es gehen – möglich, dass man die Täuschung aus der Entfernung nicht bemerkt!«
Der Grauhaarige war so verwirrt, dass er nur den Kopf schütteln konnte.
»Unterhalten können wir uns über diese Dinge, sobald alles vorüber ist. Jetzt raus! Sie von links, ich von rechts – verstanden, Travel?«, fragte der Ghostchef.
Sie huschten um Hecken und pirschten sich lautlos an das Waldstück heran. Tom Prox warf dem Grauhaarigen nicht einen einzigen Blick zu. Ein so alter Grenzer wie dieser würde seine Sache bestimmt gut machen.
Tom erreichte den Waldrand und spähte aus. Ein Schatten hinter einem großen, in halber Manneshöhe umgeknickten Baumstamm ließ ihn noch vorsichtiger werden.
Er zog sich tiefer in den Wald hinein und glitt nun von hinten auf den reglosen Schatten zu. Als er bereits glaubte, sich getäuscht zu haben, kam plötzlich Bewegung in die Sache.
Tom bemerkte ein leichtes Aufblitzen, wie vom Lauf eines Gewehres im Mondlicht, und wenig später knallte es. Er sah das Mündungsfeuer aufblitzen, der unbekannte Schütze hatte von Neuem das Haus unter Feuer genommen.
Mit zwei lautlosen Sätzen war Tom Prox heran und warf sich auf den völlig überraschten Mann, der zunächst Widerstand leisten wollte. Er hatte den Arm des Kerls jedoch mit solcher Gewalt gepackt, dass der aufschrie und das Gewehr schließlich fallen ließ.
Der Mann biss die Zähne zusammen und schaute Tom mit gehässigem Blick an. Er wollte sich nach dem Gewehr bücken, aber der Captain schüttelte den Kopf.
Inzwischen war der Grauhaarige heran. Verblüfft blicke er auf Toms Gefangenen.
»Kennen Sie ihn?«, fragte der Captain.
Der Grenzer schüttelte den Kopf. »No. Dieses Gesicht habe ich noch nie gesehen, und ich muss sagen, ich kenne doch jeden Menschen hier herum!« Er nahm das Gewehr auf. Es handelte sich um einen Karabiner modernster Bauart. »So etwas besitzt kein Mensch hier. Muss einen Haufen Geld gekostet haben, das reinste Präzisionsgerät. Sogar mit Zielfernrohr!« Er warf sich die Waffe über die Schulter.
»Gehen Sie freiwillig mit – oder muss ich Sie fesseln?«, fragte Tom Prox den Gefangenen.
Der hob nur die Schultern. Das konnte dies oder auch das bedeuten, und Tom stieß ihn in die Seite.
»Gehen Sie auf das Haus zu, dessen Scheiben Sie soeben in Scherben geschossen haben, und bleiben Sie schön einen Schritt vor mir. Falls Sie etwa auf den Gedanken kommen sollten zu fliehen, so wäre dies das Dümmste, was Sie tun könnten.«
Der Gefangene knurrte etwas Unverständliches. Er war ein junger Bursche, nicht älter als zwanzig, mit grobem Gesicht und tückischen Augen. Er stolperte unbeholfen los. Tom behielt ihn scharf im Auge. Er traute dem Kerl nicht.
Das, was er erwartet hatte, traf ein, als sie die Hecke erreichten. Der Bursche tat einen mächtigen Satz zur Seite und versuchte, durchs Gestrüpp davonzukommen. Aber die Hecke war stärker, sie federte ihn zurück, und ehe er es ein zweites Mal versuchen konnte, hatte ihn Tom bereits am Genick.
Sie brachten ihn ins Wohnzimmer. Dort musste er sich an der Wand aufstellen.
Tom nahm ihm gegenüber Platz, dann drehte er sich mit aufreizender Langsamkeit eine Zigarette.
Der Bursche sah ihm halb ängstlich, halb verschlagen zu. Seine Kiefer mahlten. Ab und zu irrten seine Augen zum Fenster hinüber, aber er sah wohl ein, dass ein Fluchtversuch aussichtslos war.
»Wer bist du?« Tom tat ein paar Züge.
Keine Antwort.
»Wer du bist, wollen wir wissen!«
Der Bursche starrte ihn an. Ein unverschämtes Grinsen lag jetzt um seinen Mund, aber er antwortete immer noch nicht.
Der Grauhaarige hatte bisher mit dem Gewehr herumgespielt. Jetzt legte er es auf den Tisch.
»Ausgeschlossen, dass ein Kerl wie der sich eine solche Waffe leisten kann! Die hat ihm bestimmt jemand in die Hand gedrückt!«
Tom wandte sich erneut an den jungen Burschen.
»Du willst also nicht sprechen? Bildest du dir wirklich ein, damit etwas zu erreichen?«
Wieder keine Antwort.
»Schätze, man wird dich schon noch zum Sprechen bringen! Jeder, wie er will!« Dann wandte sich Tom an den Grenzer. »Wo können wir ihn sicher unterbringen? Aber so, dass er uns nicht entwischt.«
Es sah für einen Moment so aus, als habe der Bursche nun doch vor, den Mund aufzutun. Aber dann kniff er doch gleich wieder trotzig die Lippen zusammen.
An das kleine Wohnhaus war ein Stall angebaut, in dem zwei ausgezeichnete Gäule standen. Dort gab es noch eine Kammer mit einem winzigen vergitterten Fenster, und die Tür dazu war stabil gezimmert und verschließbar.
»Ich denke, das dürfte ausreichen.« Der Grauhaarige blickte den Ghostchef fragend an.
Der Captain nickte. »Gut, sperren wir ihn da hinein. Vielleicht ist er morgen früh mürbe. Wenn nicht ...« Er zuckte vielsagend die Schultern.
Sie gingen ins Haus zurück. Der alte Grenzer warf sich in einen Lehnstuhl.
»Ich habe mir es überlegt.« Sein Gesicht zeigte einen störrischen Ausdruck. »Auch wenn ich daran denke, was eben geschehen ist – ich kann's nicht!«
Tom Prox blies die Petroleumlampe aus. Das Zimmer lag nun im Halbdunkel. Ein matter Schein des Mondes drang von draußen herein.
»Unsinn, den Dingen nicht in die Augen sehen zu wollen, Travel«, sagte er. »Man muss es nehmen, wie es kommt. Anders geht es eben nicht!«
Der Grauhaarige fuhr hoch. »Ich dreh' dem Kerl den Hals um! Mit diesen meinen eigenen Händen dreh' ich meinem sauberen Herrn Sohn den Hals um. Er soll es nicht noch einmal wagen, hierherzukommen! Von heute ab habe ich keinen Sohn mehr ...«
Tom schüttelte ernst den Kopf.
»Einer muss es Ihnen sagen: Sie sind ein Narr, Travel! Mit Schimpfen, Verfluchen und Aus-dem-Haus-werfen ist nichts getan!«
Der Grauhaarige stöhnte.
»Dreißig Jahre im Dienst! Dreißig Jahre Grenzwache in diesem verfluchten, einsamen Mexikostreifen! Dreißig Jahre lang ein ehrenwertes Leben geführt, dreißig Jahre nur in dem Gedanken gelebt, dass mein Sohn einmal diesen Streifen von mir übernimmt. Dreißig Jahre lang daran gearbeitet, den Sohn zu dem gleichen, unbestechlichen, ehrenhaften Menschen zu machen, der sein Vater ist ...«
»Ist doch alles nicht so schlimm, wie Sie's nehmen, Travel. Ein guter Kern steckt in Ihrem Sohn – unbestritten! Wäre er sonst zu mir gekommen und hätte mir alles gebeichtet? Einem Menschen, der keinen Rat mehr weiß, dem muss man helfen!«
»Warum aber geht er zu Ihnen? Warum kommt er nicht zu mir und sagt, was zu sagen ist? Schließlich bin ich doch sein Vater!«
Tom Prox zuckte die Schultern. »Wahrscheinlich hatte er zu einem Fremden mehr Vertrauen als zu dem starrsinnigen Dickkopf, der sein Vater ist. Aber wir wollen uns nicht streiten. Wir wollen in Ruhe überlegen, was zu tun ist, um die Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen. Gemeinsam – im Interesse Ihres Jungen! Ich sah ihn nur einmal, aber ich bin der Überzeugung, dass er nicht schlecht ist.«
Aus dem Alten brach es jetzt mit Gewalt hervor:
»Dieses Weibsbild – immer hab ich auf ihn eingeredet, diese Frau aufzugeben! Kommt hierher, geschminkt, aufgedonnert, wirft schamlos mit den Blicken um sich und bringt alle Männer durcheinander – so viele es in Hurringate gibt! Und mein Sohn stürzt sich auf sie wie die Fliege auf den Honig. Und dann zieht er mit ihr von Saloon zu Saloon, von Bar zu Bar – sie kann nie genug bekommen. Und mein Sohn bezahlt alles. Ist es da ein Wunder, wenn das Geld nicht reicht, das er verdient?«
»Still!« Tom Prox unterbrach ihn. »Mir war eben, als hätte ich ein sonderbares Geräusch gehört.«
Der Grenzer schüttelte den Kopf.
»Man hört hier draußen immerzu Geräusche. Die Bäume am Waldrand rauschen, Tiere kommen aus dem Holz und äsen ...« Er stockte, sprang auf und griff nach dem Gewehr. Dann gellte plötzlich ein Schrei auf, angstvoll, entsetzt, kaum noch menschlich. Sie liefen nach draußen.
»Dort!« Tom Prox wies zu dem Knüppelzaun hinüber, der das kleine Anwesen einfriedete. Jemand sprang dort plötzlich auf und rannte in weiten Sprüngen dem Walde zu. »Halt!«, schrie Tom hinter dem Davonhetzenden her. »Stopp – oder ich schieße!«
Der Mann jedoch kümmerte sich nicht um den Befehl. Geduckt, in langen Sprüngen, hetzte er weiter.
Tom schoss, traf aber nicht. Das Licht war sehr unsicher und die Entfernung zu groß. Bis der Alte sein Gewehr an der Wange hatte, war es zu spät, einen wohlgezielten Schuss anzubringen, und der geduckte Schatten war in der ersten Baumgruppe untergetaucht.
Der Grenzer ließ das Gewehr sinken und blickte den Ghostchef hilflos an.
»Das verstehe ich nicht!«
Der Captain deutete an ihm, zu folgen.
»Der Schütze von vorhin war nicht allein – nun versucht sein Komplize, ihn zu befreien.«
»Und der Schrei? Etwas Entsetzlicheres habe ich noch nie gehört.«
Tom hatte es sehr eilig, zum Stall zu kommen. Die Kammertür war unversehrt. Als sie sie öffneten, fuhren sie entsetzt zurück. Ihr Gefangener war noch da, aber er war tot. Man hatte durch das kleine, vergitterte Fenster ein Messer nach ihm geworfen und haargenau getroffen.
»Nun wissen Sie, woher der Schrei kam! Wollen Sie mir jetzt helfen, Travel?«
Sie saßen wieder im Wohnzimmer. Der Grauhaarige brütete nachdenklich vor sich hin. Endlich hob er den Kopf.
»Nein – ich kann nicht! Es wäre das erste Mal, dass ich in einer dienstlichen Sache krumme Wege gehe. Und wenn's mir zehnmal das Leben kostet, auch wenn das Leben meines Jungen daran hängen sollte, es wäre übrigens nur der gerechte Lohn für ihn! Warum lässt er sich auch auf solche Dinge ein?!«
»In welchem Gefängnis sitzt der Mann, den Sie identifizieren sollen?«
»Im Bezirksgefängnis von Arondel. Ich weiß ja noch gar nicht, ob es der ist, den ich damals auf meinem Grenzgang erwischte, als er einen Kasten Marihuana-Zigaretten herüberschmuggeln wollte. Damals konnte ich ihn nicht einbringen: Ich war in eine Schießerei verwickelt worden, und während mich vier bis fünf Schützen so beschäftigten, dass ich beide Hände voll zu tun hatte, befreiten andere den Mann, den ich bereits gefesselt hatte. Aufgegriffen wurde er nun, weil er keinen gültigen Pass besaß, also eines an sich geringfügigen Vergehens wegen. Er dürfte also mit einer unbedeutenden Geldstrafe davonkommen. Wenn ich aber bestätige, dass es sich um den gleichen Menschen handelt, der damals schmuggelte, kann die Sache für ihn verdammt schlecht ausgehen.« Der Alte wurde plötzlich wütend. »Und da soll ich nun also im Termin aufstehen und sagen, dieser Mensch sei nicht derjenige, den ich damals erwischt habe?«
»Haben Sie ihn denn schon gesehen? Wissen Sie denn genau, dass es sich wirklich um denselben Mann handelt? Vielleicht machen Sie sich unnötige Sorgen ...«
