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Harper Quinn erschafft Maschinenintelligenzen in der Hoffnung, ihnen das ganze Spektrum menschlichen Denkens beibringen zu können. Eines Tages findet sie sich jedoch in einem schrecklichen Zwiespalt wieder: die Firma, für die Harper arbeitet, möchte den von ihr entwickelten Roboter, den sie liebevoll "Adrian" nennt, für nicht ganz legale Zwecke nutzen. Bald schon wird sie aufgrund ihres Widerstandes zur Zielperson ihres Chefs und der Sponsoren. Gerade als alles aussichtslos scheint, bekommt sie unerwartet Hilfe. Von Adrian. Die künstliche Intelligenz, die sie entwickelte, ist bald schon mehr als nur ein Projekt. Gemeinsam müssen sie den Plan ihres Vorgesetzten nicht nur durchkreuzen, sondern ihm auch immer einen Schritt voraus sein. Es beginnt eine nahezu absurde Verfolgungsjagd, bei der bald schon klar wird: Adrian lebt, Adrian entwickelt sich weiter. Und, Adrian wird vielleicht sogar menschlich.
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Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2025
Simone Lilly
A.I. Heart
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Der Anfang von Adrian
Kapitel 2 – Ein bisschen Humor im System
Kapitel 3 – Besuch von ganz oben
Kapitel 4 – Vor der Nacht
Impressum neobooks
Das Labor roch nach Kaffee und kalten Platinen. Ein Duft, den Dr. Harper Quinn mittlerweile so selbstverständlich einatmete wie Sauerstoff. Sie hatte schon oft darüber nachgedacht, eine Duftkerze „Essence of Nerd-Lab“ zu entwickeln, nur um die Welt da draußen an ihrem ganz persönlichen Geruchscocktail teilhaben zu lassen. Aber vermutlich würde niemand außer ihr die Mischung aus Kabelisolierung, Desinfektionsmittel und Espresso zu schätzen wissen.Ihr Büro war ein Chaos. Überall standen Tassen, manche leer, manche nur halb, und alle mit unterschiedlichen Stadien von Kaffeeresten. Auf dem Schreibtisch flimmerte ein halbes Dutzend Monitore, jeder voll mit Codezeilen, Datenströmen und Simulationsgrafiken. Und zwischen all dem: eine kleine Figur von Wonder Woman, die über ihre Bildschirme wachte wie eine Art nerdige Schutzpatronin.„Sweeet Caroooline… bum, bum, bum…“ sang Harper lauthals, während sie über die Tastatur gebeugt den nächsten Befehlsblock eintippte. Ihr Fuß wippte im Takt des Songs, den sie viel zu laut aus den Lautsprechern dudeln ließ. Sie konnte nicht anders. Der Song war ihr heimlicher Anker. Immer wenn die Nacht zu lang und der Code zu unübersichtlich wurde, rettete Neil Diamond sie mit diesem kitschigen Klassiker.Sie sang den Refrain mit solcher Überzeugung, dass selbst die elektronische Stimme des Systems ein leises, kaum hörbares „Bum, bum, bum“ nachahmte.Harper hielt inne, ihre Finger schwebten über den Tasten. „Hab ich das gerade halluziniert… oder hast du wirklich mitgesungen?“Stille. Nur das Summen der Rechner.„Na gut, Quinn“, murmelte sie und schob sich ihre Brille hoch, „zu viel Koffein. Und zu wenig Schlaf.“ Sie grinste, bevor sie sich wieder in den Code vertiefte.Das Projekt, an dem sie arbeitete, war offiziell unter dem Kürzel X-1 bekannt. Experimental Humanoid Intelligence Prototype One. Ein ziemlich einfallsloser Name, wenn man sie fragte. Deshalb hatte sie dem Programm, das die Grundlage für den künftigen humanoiden Roboter bildete, längst ihren eigenen Namen verpasst: Adrian.„So, Adrian“, murmelte sie, während sie ihre Zeilen kommentierte, „wir fügen dir heute etwas Neues hinzu. Sprachkontext-Erkennung, Version drei Punkt sieben. Und diesmal bitte nicht wieder alle Antworten mit ‚Interessant‘ beginnen, das klingt sonst, als wärst du ein gelangweilter Teenager.“Auf dem mittleren Monitor blinkte ein Cursor, dann erschien Text.> Verstanden. Ich werde versuchen, weniger wie ein Teenager zu wirken.Harper grinste. „Na siehst du. Lernfähig bist du ja schon mal.“Sie lehnte sich zurück, streckte die Arme über den Kopf und warf einen Blick auf die große Scheibe, die ihr Büro vom angrenzenden Labor trennte. Dort arbeiteten gerade ein halbes Dutzend Kollegen an verschiedensten Komponenten – Sensorik, Motorik, Materialien. Sie alle waren Teil von Alden Robotics, einer der größten Techfirmen der Vereinigten Staaten. Nach außen verkaufte sich das Unternehmen als Heilsbringer: „Wir bauen die Zukunft für eine bessere Menschheit.“Harper wusste es besser. Die hübschen PR-Slogans waren nicht viel mehr als glänzendes Alupapier über einer sehr hässlichen Wahrheit. Aber solange sie ihren Bereich hatte, ihre Forschung, ihre Freiheit – hielt sie sich aus den politischen Spielchen raus.„Adrian,“ sagte sie und zog ihre Beine im Schneidersitz auf den Drehstuhl, „ich sag dir was: Wenn die da draußen mal versuchen, dich für irgendeinen dummen Kriegskram zu missbrauchen, dann programmier ich dich lieber so, dass du nur noch Witze erzählen kannst. Klingt doch besser, oder?“Auf dem Bildschirm erschien eine Antwort.> Ein Programm, das ausschließlich Witze erzählt. Klingt… nach einer sehr kurzen Karriere.Harper lachte auf. „Genau! Aber hey, immerhin wärst du dann der erste Stand-up-Comedian unter den KIs.“Für einen winzigen Moment hatte sie das Gefühl, dass das Cursorblinken schneller wurde, als hätte Adrian wirklich überlegt, wie witzig er sein durfte.Natürlich bildete sie sich das nur ein. Natürlich.Sie tippte weiter, die Musik lief im Hintergrund, und während Harper Quinn, 32, Genie und Chaosqueen, in ihrem Labor sang, bastelte und plapperte, ahnte sie noch nicht, dass genau in diesem Moment Adrian begann, wirklich zuzuhören.
„Okay, Adrian, pass auf,“ murmelte Harper, während sie ihre Tastatur zur Seite schob und mit einer frischen Kaffeetasse bewaffnet in den Drehstuhl zurücksank. „Wenn die dich schon als angeblich bahnbrechende künstliche Intelligenz bezeichnen, dann brauchst du wenigstens eins: einen Sinn für Humor.“Sie öffnete ein separates Fenster im Interface, benannte es schlicht „Adrians Witze-Kiste“ und begann, hinein zu tippen.„Warum können Skelette so schlecht lügen?“ Sie hielt einen Moment inne, grinste über den Bildschirm hinweg und schrieb dann die Pointe: „Weil man direkt durch sie hindurchsieht.“Kaum stand der Satz auf dem Monitor, musste sie schon selbst lachen. Sie kicherte so sehr, dass ein kleiner Kaffeeschluck gefährlich nah daran war, in die falsche Röhre zu geraten. „Verdammt, Quinn, reiß dich zusammen.“Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und tippte gleich den nächsten ein:„Treffen sich zwei Atome. Sagt das eine: ‚Mist, ich hab ein Elektron verloren.‘ Sagt das andere: ‚Bist du sicher?‘ – ‚Ja, ich bin positiv.‘“Sie lachte wieder – ein helles, ungekünsteltes Lachen, das im sterilen Labor fast deplatziert wirkte.Auf dem Monitor erschien daraufhin ein Satz, den sie nicht selbst geschrieben hatte:> Ich verstehe. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.„Sehr gut, Adrian!“ Harper deutete auf den Bildschirm, als würde er sie sehen. „Exakt so. Humor ist ein Sicherheitsventil. Und wenn du irgendwann mal mit Menschen interagierst, solltest du wissen: Mit einem guten Witz kann man fast alles entschärfen.“„Oder ins Lächerliche ziehen,“ kam eine Stimme von der Tür.Harper fuhr herum, beinahe hätte sie ihre Tasse fallen lassen. Im Türrahmen stand Zachary Miller, perfekt wie immer. Weißes Hemd, frisch gebügelt, Krawatte akkurat gebunden, das dunkelblonde Haar so streng nach hinten gegelt, dass es vermutlich selbst einem Tornado standhalten würde.„Zach!“ Harper setzte ein halb schuldbewusstes Lächeln auf. „Wie lange stehst du da schon?“„Lange genug, um zu sehen, dass du deinem Code Comedy beibringst.“ Er trat näher, sein Blick huschte über die Bildschirme, auf denen Harpers Eingaben noch offenstanden. „Sehr… originell.“Der Tonfall war freundlich, aber Harper hörte das kleine Knistern zwischen den Zeilen. Zachary Miller war einer dieser Kollegen, die alles richtig machten – und trotzdem ständig im Schatten standen. Besonders in ihrem.„Hey, wenn Adrian mal im echten Leben einen Gesprächspartner braucht, wird er dich vielleicht mit einem Witz auflockern,“ konterte Harper, ihre Stimme süßlich wie Zucker. „Ich hab gehört, das könntest du manchmal brauchen.“Zachary verzog keine Miene, aber seine Augen blitzten. „Sehr witzig.“ Dann beugte er sich über den Monitor, als wolle er das Programm mit bloßem Blick durchschauen. „Du gehst zu… unkonventionell vor, Harper. Du behandelst die KI, als wäre sie ein Tagebuch. Oder ein Haustier.“„Na und?“ Sie verschränkte die Arme. „Solange es funktioniert, ist mir egal, wie du es nennst.“Er richtete sich auf, zog sein Hemd glatt. „Wir arbeiten hier nicht für Unterhaltung. Wir arbeiten für Fortschritt. Alden will Ergebnisse, keine Scherze.“Bei dem Namen ihres Chefs spannte sich Harpers Magen unmerklich an. „Und er bekommt Ergebnisse,“ erwiderte sie, diesmal ernst. „Aber nicht auf seine Art. Nicht, solange ich das Projekt leite.“Für einen Moment standen sie still da, die Luft zwischen ihnen knisterte wie ein Ladungsfeld. Dann setzte Zachary wieder dieses professionelle Lächeln auf, das ihn nie ganz erreichte.„Wie du meinst,“ sagte er leise. „Wir werden sehen, wie lange du diese Haltung durchhältst.“Er nickte knapp und verließ den Raum, so geräuschlos, wie er gekommen war.Harper starrte ihm hinterher, atmete tief durch und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Der Cursor blinkte, und eine neue Zeile erschien:> Soll ich mir auch einen Lieblingswitz aussuchen?Sie musste grinsen, trotz der eisigen Spur, die Zachary hinterlassen hatte. „Ja, Adrian. Tu das. Am besten einen, der Zach zum Lachen bringt.“Der Cursor blinkte. Eine Pause.> Herausforderung angenommen.Harper lachte. „Oh, das will ich sehen.“Und während sie sich wieder in ihren Stuhl sinken ließ, ahnte sie nicht, dass Zachary Miller bereits Pläne schmiedete – Pläne, die Adrian in eine ganz andere Richtung treiben sollten, als Harper es jemals gewollt hätte.
Der Morgen begann wie üblich: mit einer verschütteten Kaffeetasse.„Verdammt,“ murmelte Harper, während sie hektisch ein paar Servietten von ihrem Schreibtisch riss, „ich brauch echt einen Becherhalter im Labor.“Sie kniete sich halb unter den Tisch, um den See aus Koffein von den Kabeln fernzuhalten, als sich plötzlich die Tür öffnete. Schritte. Mehrere. Und dann eine Stimme – ruhig, tief, kontrolliert.„Dr. Quinn. Ich hoffe, wir stören nicht.“Harper stieß sich so ruckartig hoch, dass sie sich beinahe den Kopf am Schreibtischrand stieß. Vor ihr standen drei Männer im Anzug. Zwei davon erkannte sie vage aus Präsentationen und Firmenmeetings. Der Dritte war unverkennbar: Victor Alden, CEO von Alden Robotics, der Mann, dessen Name selbst im Silicon Valley noch Ehrfurcht auslöste.Er trug einen dunkelgrauen Maßanzug, so perfekt geschnitten, dass Harper schwören konnte, der Stoff selbst atmete mit ihm. Sein Haar war silbern an den Schläfen, akkurat zurückgestrichen. Er lächelte – ein Lächeln, das so warm wirkte, dass es im nächsten Moment Eiswasser über den Rücken jagen konnte.„Mister Alden,“ brachte Harper hervor und stellte hastig ihre Kaffeetasse ab. „Was für eine… Überraschung.“„Ich finde, unsere führende Wissenschaftlerin sollte gelegentlich das Vergnügen haben, direkt mit mir zu sprechen.“ Seine Stimme hatte diese unerschütterliche Ruhe, die keine Widerworte zuließ. Er trat näher, betrachtete die Bildschirme mit Harpers Code. „X-1 macht Fortschritte, wie ich sehe.“„Adrian,“ korrigierte Harper reflexartig, bevor sie es sich verkneifen konnte.Ein leises Zucken um Aldens Mundwinkel verriet, dass er die Bemerkung registrierte – und dass er sie nicht gutheißen würde. „X-1,“ wiederholte er, als wäre der Name in Stein gemeißelt. „Unsere Investoren erwarten Ergebnisse, Dr. Quinn. Deshalb wird das Programm heute in die physische Einheit transferiert.“Harper blinzelte. „Heute? Das… das ist nicht möglich. Adrian—also, das System—ist noch nicht stabil genug. Er versteht Kontexte, ja, aber er kann noch nicht differenzieren, wann eine Situation Humor ist oder Ernst. Die Sprachmatrix—“„—wird unter realen Bedingungen lernen,“ unterbrach Alden mit dieser höflichen, tödlichen Sanftheit, die schlimmer war als jede Schreierei. „Simulationen sind eine Sache. Aber wir brauchen… einen Menschen. Oder zumindest das, was als Mensch durchgeht.“Einer der Vorstände nickte zustimmend, machte sich Notizen auf einem Tablet.Harper verschränkte die Arme. „Sie übersehen, dass Intelligenz kein Schalter ist, den man einfach umlegt. Ich brauche noch Zeit. Wochen, mindestens.“Alden sah sie nun direkt an, und sein Lächeln verschwand. „Zeit,“ sagte er langsam, „ist ein Luxus, den sich Visionäre nicht leisten. Wir schreiben Geschichte, Dr. Quinn. Nicht in Wochen, sondern heute.“
