Chefarzt Dr. Holl 1981 - Mona Marquardt - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 1981 E-Book

Mona Marquardt

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Beschreibung

Anne lebt ihren großen Traum, hat aber auch einen Kopf voller Sorgen. In ihrer kleinen Konditorei brummt das Geschäft. Ihre süßen Kreationen sind in ganz München bekannt.
Wäre da nicht der Liebeskummer wegen Pablo! Dazu mischen sich Existenzängste, da eine große Konditoreikette ausgerechnet in der Nähe ihres Ladens eine neue Filiale eröffnen will.
Über all den Gedanken fällt Anne zunächst gar nicht auf, dass ihr Geruchssinn nach und nach schwindet. Ärgerlich wird es erst, als ihr in der Backstube Missgeschicke passieren: Kuchen brennen an, und das Abschmecken der Cremes will nicht mehr gelingen.
Dass noch viel mehr auf dem Spiel steht, begreift Anne erst, als sie bei einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt plötzlich zusammenbricht ...


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Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Notfall am Weihnachtsmarkt

Vorschau

Impressum

Notfall am Weihnachtsmarkt

Als Anne zwischen Glühwein und Tannenduft zusammenbrach

Von Mona Marquardt

Anne lebt ihren großen Traum, hat aber auch einen Kopf voller Sorgen. In ihrer kleinen Konditorei brummt das Geschäft. Ihre süßen Kreationen sind in ganz München bekannt.

Wäre da nicht der Liebeskummer wegen Pablo! Dazu mischen sich Existenzängste, da eine große Konditoreikette ausgerechnet in der Nähe ihres Ladens eine neue Filiale eröffnen will.

Über all den Gedanken fällt Anne zunächst gar nicht auf, dass ihr Geruchssinn nach und nach schwindet. Ärgerlich wird es erst, als ihr in der Backstube Missgeschicke passieren: Kuchen brennen an, und das Abschmecken der Cremes will nicht mehr gelingen.

Dass noch viel mehr auf dem Spiel steht, begreift Anne erst, als sie bei einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt plötzlich zusammenbricht ...

Das Klingeln des Weckers riss Anne unsanft aus ihren zuckersüßen Träumen. Draußen war noch alles still. Anders als im Sommer zwitscherte kein einziger Vogel in der Dunkelheit des frühen Morgens. Nur hin und wieder fuhr ein Auto durch die abgelegene Seitenstraße, und es war sogar noch zu früh für die Straßenbahn, deren Haltestelle in der Parallelstraße lag.

Anne stellte den Wecker auf Schlummerfunktion und drehte sich noch einmal um. Nur noch ein paar Minuten träumen! Der Duft nach Vanilleschnecken und Honigkuchen haftete noch in ihrer Erinnerung. Und das, obwohl ihre rechte Nasenseite schon wieder verstopft war. Träume waren schon etwas Wunderbares!

Mit geschlossenen Augen schob sie die Hand auf die andere Bettseite hinüber. Die Laken waren kalt, und mit einem Schlag hatte die grausame Wirklichkeit sie wieder.

Pablo, ihre große Liebe, ihr Seelenverwandter, war weg. Statt ihr Liebesschwüre ins Ohr zu flüstern, sie zu unterstützen und ihr Mut zuzusprechen, teilte er Tisch und Bett jetzt mit ihrer gemeinsamen Freundin Camila.

Camila, die bei ihnen ein und aus gegangen war. Die nach der Trennung von ihrem Freund ein paar Monate lang auf ihrem Sofa geschlafen hatte, deren neue Wohnung sie mit vereinten Kräften eingerichtet hatten. Beim Einzug hatte sie Pablo gleich mitgenommen. Anne wollte sich die Haare raufen. Wie hatte sie nur so blind sein können?

Noch immer wollte ihr Herz bei diesem Gedanken aus der Brust springen. Um ihnen nicht unnötig Macht über sich zu geben, schaltete sie den Wecker aus und schlug die Bettdecke zurück. Auf bloßen Füßen tappte sie ins Badezimmer und machte sich für den Tag zurecht.

Zwanzig Minuten später trat Anne Schedow durch die Haustür nach draußen in den Wintermorgen. Noch immer war es dunkel, kalte Luft schlug ihr ins Gesicht und vertrieb die letzte Müdigkeit. In dieser Nacht waren die Temperaturen wieder einmal unter null Grad gefallen. Auf Bäumen, Sträuchern und Hausdächern lag eine Schicht aus Raureif. Anne zog den Reißverschluss ihres Anoraks hoch ans Kinn. Auf dem Weg zu ihrer Bäckerei mit angeschlossenem Café stand ihr Atem in kleinen Wolken vor ihrem Mund.

Die klare Luft und die Bewegung verfehlten auch diesmal ihre Wirkung nicht. Als Anne den Schlüssel im Schloss der Hintertür im Hof umdrehte, machte ihr Herz einen glücklichen Satz. Sie schaltete das Licht ein und ließ den Blick über die blitzenden Maschinen neben den Arbeitsflächen aus Holz gleiten. Sie strich sanft über den Marmoreinsatz, den sie für die Zubereitung der verschiedensten Teige nutzte.

Ein neuer Arbeitstag lag verheißungsvoll vor ihr.

Doch bevor Anne ans Werk ging, kochte sie erst einmal Kaffee. Trotz der großen Maschine nebenan zog sie ihren altmodischen Filterkaffee vor. Sie löffelte Pulver in den Filter, füllte den Wasserbehälter auf und schaltete die Maschine ein. Erst dann schlüpfte sie in eine blütenweiße Konditorjacke mit kleinen schwarzen Knöpfen und machte sich an die Arbeit.

Anne liebte diese frühen Morgenstunden, wenn sie die Backstube ganz für sich allein hatte. Eidotter fielen in eine Rührschüssel, wo sie wie eingefangenes Sonnenlicht schimmerten. Das Eiklar ruhte in einer Chromschale und vergrößerte die Oberflächenstruktur wie eine Lupe. Während Anne mit dem Schneebesen arbeitete, schmolz beste Schokolade im Wasserbad. Der zartbittere Duft erfüllte die Luft. Das Radio spielte ihren Lieblingssong.

Ausgerechnet Pablos und ihr Lied! Wieder wollte ihr Herz schwer werden, sie wechselte den Sender und dachte an das Interview, das sie in ein paar Stunden dem Reporter einer namhaften Tageszeitung geben würde. Allein der Gedanke daran machte sie nervös. Wenn sie das vor drei Jahren bei der Eröffnung schon gewusst hätte, wären ihr viele Sorgen erspart geblieben.

Anne war alleinige Inhaberin der »Süßen Sünden«, einer kleinen Konditorei in München mit Platz für achtzehn Gäste. Sie lag in der ruhigen Seitenstraße eines Wohnviertels versteckt, weit entfernt vom Trubel der Innenstadt. Das Geschäft war nur langsam angelaufen und hatte sich in erster Linie durch Mundpropaganda einen Namen gemacht. Das hatte sich durch eine sagenhafte Kritik in einer Gourmetzeitschrift schlagartig geändert. Seither strömten die Gäste an den Wochenenden in Scharen in die »Süßen Sünden«. Sie kamen das erste Mal, um Annes Meisterwerk, die Schlaraffia-Torte, zu kosten, und kamen wegen all der anderen Köstlichkeiten wieder.

Ein schwergewichtiger Mann kaufte jeden Morgen ein Apfel-Möhren-Küchlein ohne raffinierten Zucker, während eine Studentin süchtig nach Annes Marshmallow-Hafer-Schokoschnitten war. Sogar bis ins Münchner Rathaus hatten sich ihre Backkünste inzwischen herumgesprochen. Für diesen Vormittag hatte der Stadtrat gleich drei Schlaraffia-Torten für eine Delegation aus Amerika bestellt.

Dieser Erfolg tröstete Anne wenigstens ein klein wenig darüber hinweg, dass Pablo sie verlassen hatte. Ausgerechnet jetzt, wo es endlich bergauf ging und sie sich ein paar Angestellte und sich selbst etwas weniger Arbeit leisten konnte. Ihr Glück hätte perfekt sein können!

Beißender Rauch trieb Anne die Tränen in die Augen. Sie fuhr herum und rettete die angebrannte Schokolade vom Herd. So etwas war ihr doch früher nie passiert! Jeder Konditor lernte, dass die sensible Schokolade von allen Zutaten am schwierigsten zu handhaben war.

Das Malheur brachte Anne in Bedrängnis. Gegen zehn Uhr sollten die bestellten Torten abgeholt werden. Hastig kratzte sie den verbrannten Brei aus dem Topf und warf ihn in den Abfall. Beim zweiten Versuch wachte sie akribisch über die Schokolade, bis die Flüssigkeit genau die richtige Temperatur hatte und appetitlich glänzte. Mit geübten Griffen vermengte sie Mehl, Butter, Zucker, Eier, Backtriebmittel und ihre Geheimzutaten zu einer geschmeidigen Masse. Sie verteilte den Teig auf mehrere Backformen und schob sie in den Ofen.

Anne atmete auf. Mit einer Serviette tupfte sie sich den Schweiß von der Stirn. In dieser kurzen Verschnaufpause gönnte sie sich den ersten Kaffee des Tages. Während im Ofen die ausgewählten Zutaten in genau dreiundzwanzig Minuten zu einer einzigartigen Kreation verschmolzen, vermischte sie im Geiste die Zutaten für die Buttercreme-Füllung. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen.

***

»Bei diesem Wetter jagt man noch nicht einmal einen Hund vor die Tür«, schimpfte Cäcilie, die Haushälterin der Familie Holl, und wandte sich angewidert vom Fenster ab.

»Außer es steht ein Besuch in den ›Süßen Sünden‹ auf dem Programm«, widersprach Juju, das Nesthäkchen der Arztfamilie.

Seit die Elfjährige aus der Schule gekommen war, hüpfte sie aufgeregt durchs Haus. Ganz gegen ihre Gewohnheit hatte sie das Mittagessen kaum angerührt und sah seitdem alle fünf Minuten auf die Uhr. Ihr Bruder Chris dagegen hielt nichts von Süßigkeiten und zog es vor, den Nachmittag mit Freunden beim Schlittschuhlaufen zu verbringen.

»Das stimmt allerdings.« Cäcilie verstand Jujus Aufregung. Obwohl sie selbst eine begnadete Bäckerin war, musste sie neidlos anerkennen, dass Anne Schedows Kreationen unvergleichlich waren. Da das kleine Café an den Wochenenden immer hoffnungslos ausgebucht war, hatte Julia Holl schon vor Wochen einen Tisch für diesen Mittwochnachmittag reserviert. Sogar Stefan hatte versprochen, sich aus der Klinik loszueisen und seine Familie zu begleiten. »Trotzdem ist die Aussicht, das Haus zu verlassen, nicht allzu verlockend.«

Wie ein Gummiball hüpfte Juju ins Wohnzimmer und drückte sich die Nase an der Terrassentür platt. Schon auf dem Nachhauseweg von der Schule hatte sich der Himmel verdunkelt. Inzwischen hatte Schneegestöber eingesetzt, das die Welt im Handumdrehen unter einer weißen Decke begrub.

»Es gibt kein schlechtes Wetter«, zitierte Juju den beliebten Spruch ihrer Mutter, wenn sie ihre Kinder wieder einmal an die frische Luft treiben wollte. »Es gibt nur schlechte Kleidung. Wenn wir erst wieder im Warmen sind, schmeckt die heiße Schokolade doppelt gut.«

Cäcilie geriet ins Träumen.

»Du vergisst die traumhaften Kuchen. Was nehme ich heute denn nur? Eine Mohn-Nougat-Schnitte, einen gefüllten Windbeutel mit Sauerkirschen oder doch lieber die Schlaraffia-Torte?«

»Nimm doch einfach von allem ein Stück.«

»Dann kannst du mich nach Hause rollen.«

»Durch den Schnee ist das sicher ein Spaß.«

Was für eine witzige Vorstellung! Die beiden kicherten noch, als Julia sich aus dem ersten Stock zu Haushälterin und Tochter gesellte.

»Nanu, was ist denn so lustig? Freut ihr euch etwa schon so sehr auf unseren Ausflug?«

»Ich darf Cäcilie heimrollen, wenn sie so vollgegessen ist, dass sie nicht mehr laufen kann.«

»Sei nicht so frech, junges Fräulein«, mahnte Julia ihre Jüngste, als Cäcilie ihrer Ersatz-Enkelin zu Hilfe eilte.

Sie hatte die vier Kinder der Familie Holl aufwachsen sehen und war inzwischen zu einem echten Familienmitglied geworden.

»Keine Sorge! Das war meine Idee, weil ich mich einfach nicht entscheiden kann, welchen der köstlichen Kuchen ich essen soll.«

»Ach, so ist das! Das Problem kenne ich«, gab Julia lachend zu und nahm eine Dose aus dem Schrank. »Deshalb werden wir die hier mitnehmen.«

Jujus Begeisterung kannte keine Grenzen. Sie schlang die Arme um den Hals ihrer Mutter. »Wenn ich groß bin, will ich mal genauso schlau sein wie du.«

Gab es ein schöneres Kompliment? Julias Herz schmolz dahin.

Sie verließen das Haus und wagten sich in das Schneegestöber. Zum Glück war der Weg zu den »Süßen Sünden« nicht weit.

»Papa ist auch schon da!« Schon aus der Ferne entdeckte Juju den väterlichen Wagen.

Stefan hatte einen Parkplatz direkt vor der Tür des kleinen Cafés ergattert und wartete drinnen schon auf seine Lieben.

Die Arbeit als Leiter einer angesehenen Privatklinik brachte viele Pflichten, aber auch ein paar Annehmlichkeiten wie diese späte Mittagspause mit sich.

»Da seid ihr ja! Seht nur, Anne hat uns den schönsten Platz im ganzen Café reserviert.«

Begeistert rutschte Juju neben ihren Papa auf die Bank im kleinen Erker und kuschelte sich in die Kissen, die allesamt in Naturtönen gehalten waren. An den Sprossenfenstern hingen Strohsterne, auf Regalen und Borden standen unzählige Töpfe mit kleinen und großen Grünpflanzen. Lichterketten ließen die Blätter geheimnisvoll leuchten. Eine Efeutute rankte sich um einen Spiegel im goldenen Barockrahmen.

»Ich habe tapfer unsere Plätze verteidigt«, fuhr Stefan Holl nach der Begrüßung fort. »Ein Mann ist regelrecht ausfallend geworden, weil er dachte, ich nehme den ganzen Tisch allein in Beschlag.«

Jujus Augen blitzten auf. Papas Geschichten waren immer die besten.

»Hast du ihm die Meinung gesagt?«

Doch diesmal wurde sie enttäuscht.

»Anne ist aus der Backstube gekommen und hat ihn freundlich, aber bestimmt an einen anderen Tisch begleitet. Kurz darauf ist er aber wieder gegangen. Du hättest seinen Blick sehen sollen.«

Stefan versicherte sich, dass seine Damen gut an dem schlichten Holztisch saßen.

Auf einem beigen Spitzendeckchen in der Mitte thronte ein weiß blühender Weihnachtsstern neben einer Kerze. Auch in der Dekoration stellte Anne ihren guten Geschmack unter Beweis. Die Einrichtung – eine Mischung aus neu und alt – war in warmen Naturtönen gehalten. Mit den Bänken und einem Sofa wirkte das Café wie ein großes Wohnzimmer.

»Aber jetzt lasst uns bestellen, bevor ich zu einem Notfall in die Klinik zurückgerufen werde.«

Die Bedienung, eine Studentin namens Tine, trat an den Tisch und nahm die Bestellung auf. Cäcilie und Juju begleiteten sie zur Kuchentheke, um sich ein Stück auszusuchen. Julia dagegen hatte ihre Wahl schon getroffen und blieb bei ihrem Mann am Tisch.

»Wie geht es Anne inzwischen?«, stellte sie die Frage, die ihr schon die ganze Zeit im Kopf herumspukte.

Im Laufe der Zeit hatte sich das Ehepaar Holl mit der Konditormeisterin angefreundet, und sie plauderten bei jedem Besuch miteinander. Wegen Stefans und Julias mitfühlender Art hatte Anne schnell Vertrauen zu dem Arztehepaar gefasst. So war es kein Wunder, dass die beiden auch von Annes Liebeskummer erfahren hatten und den schweren privaten Zeiten, die sie durchmachte.

»Tatsächlich scheint es ihr inzwischen besser zu gehen. Heute hat sie den abtrünnigen Pablo kein einziges Mal erwähnt und stattdessen von dem Interview erzählt, das sie für eine Tageszeitung gegeben hat.«

»Was wieder einmal beweist, dass Ablenkung das beste Mittel ist, um ein Leid zu überwinden.«

Stefan zog eine Augenbraue hoch. Obwohl seine Augen lustig blitzten, steckte ein Fünkchen Sorge darin. »Du sprichst hoffentlich nicht aus Erfahrung.«

In diesem Moment trat Tine an den Tisch und servierte die süßen Köstlichkeiten.

Julia lachte ihren Mann an und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

»Keine Sorge. Solange du mich so verwöhnst, hast du nichts zu befürchten.«

***

Über dem munteren Plaudern der Familie Holl leerte sich das kleine Café langsam.

»Du solltest darüber nachdenken, zu expandieren«, stellte Tine fest, die sich mit einem Tablett voll benutztem Geschirr zu ihrer Chefin hinter die Theke gesellte. »Selbst an den Wochentagen sind wir inzwischen gut besucht. Und an den Wochenenden könnten wir ohne Probleme dreimal so viele Leute verköstigen.«

»Schon möglich.« Anne spülte Sahnereste und Kuchenkrümel von den Tellern. Erst dann öffnete sie die Spülmaschine und räumte das Geschirr ein. »Trotzdem will ich nicht übermütig werden. Nicht umsonst gibt es dieses Sprichwort: Hochmut kommt vor dem Fall.«

»Aber man sagt auch: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt«, konterte Tine. Sie drehte sich um und warf einen Blick in den Gastraum. »Bist du mir böse, wenn ich jetzt gehe? Den Rest schaffst du bestimmt alleine.«

»Kein Problem.« Anne zwinkerte der Studentin zu. »Grüß Marlon von mir.«

Tine kicherte und schlüpfte in die Jacke, in der sie aussah wie ein Michelin-Männchen. Ein kalter Luftzug wehte herein, dann war sie auch schon in der Dunkelheit verschwunden.

Wehmütig lächelnd, wandte sich Anne ab. Sie bemerkte den Wink eines Gastes, der bezahlen wollte, druckte seinen Kassenbon aus und machte sich auf den Weg zu seinem Tisch. Als sie an die Theke zurückkehrte, stockte ihr der Atem.

Pablo! Seine hochgewachsene Gestalt in Jeans und Pullover, darüber ein Anorak, mit einem Pappkarton unter dem Arm. Sogar jetzt war sie noch von ihm beeindruckt. Anne nahm allen Mut zusammen und trat auf ihn zu. Eine Weile sahen sie sich schweigend an. Sie registrierte die markanten Gesichtszüge, die leicht gebogene Nase, das kantige Kinn im Gegensatz zu den samtig dunklen Augen. Die muskulösen Arme, in denen sie immer sicher und geborgen gewesen war.

Wie schon zu oft in den vergangenen Wochen glomm ein Hoffnungsschimmer in Anne auf.

»Ich hoffe, ich störe nicht«, sagte er mit Zartbitterstimme.

Anne räusperte sich.

»Bis vorhin war der Laden proppenvoll. Aber jetzt habe ich ein paar Minuten.« Mit einem Blick in den Gastraum bat sie ihn in die Backstube hinter der Theke.

Die Anspannung war mit Händen greifbar.

»Wie geht es dir?«

Statt einer Antwort hätte Anne sich ihm am liebsten an den Hals geworfen.

»Gut, danke. Und selbst?«

»Ich kann nicht klagen. Passt du auch gut auf dich auf? Gerade jetzt, in der Weihnachtszeit?«