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Mehrere Jahre hat Dan Parry auf Wunsch seines Vaters im Osten zugebracht, als er auf die Spanish-Bit-Ranch am Rande der Gila-Wüste zurückkehrt. Hier erst erfährt er von den vielen Veränderungen, die seither vor sich gegangen sind. Sein Vater, Colonel Brian W. Parry, ist ein müder Greis geworden. Die Geschicke der Ranch liegen in der Hand von Keith Jordan, jenes Mannes, mit dem sich seine ältere Schwester in einer Aufwallung der Panik und des gekränkten Stolzes verlobt hat.
All jene Menschen aber, die Dan Parry einmal als seine Freunde betrachtet hat, scheinen sich inzwischen insgeheim in Feinde der Spanish-Bit-Ranch verwandelt zu haben. Er findet eine Umwelt vor, die er erst neu erforschen muss, um jenes verhängnisvolle Netz aus Intrigen und Gewalttaten zu zerreißen, das man um die Spanish Bit gesponnen hat. Die Treue eines Freundes und der alten Vaqueros weisen ihm den richtigen Weg, auch wenn dieser Weg zur schwersten Bewährungsprobe seines ganzen Lebens zu werden scheint ...
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
SPANISH BIT
Vorschau
Impressum
SPANISH BIT
Mehrere Jahre hat Dan Parry auf Wunsch seines Vaters im Osten zugebracht, als er auf die Spanish-Bit-Ranch am Rande der Gila-Wüste zurückkehrt. Hier erst erfährt er von den vielen Veränderungen, die seither vor sich gegangen sind. Sein Vater, Colonel Brian W. Parry, ist ein müder Greis geworden. Die Geschicke der Ranch liegen in der Hand von Keith Jordan, jenes Mannes, mit dem sich seine ältere Schwester in einer Aufwallung der Panik und des gekränkten Stolzes verlobt hat.
All jene Menschen aber, die Dan Parry einmal als seine Freunde betrachtet hat, scheinen sich inzwischen insgeheim in Feinde der Spanish-Bit-Ranch verwandelt zu haben. Er findet eine Umwelt vor, die er erst neu erforschen muss, um jenes verhängnisvolle Netz aus Intrigen und Gewalttaten zu zerreißen, das man um die Spanish Bit gesponnen hat. Die Treue eines Freundes und der alten Vaqueros weisen ihm den richtigen Weg, auch wenn dieser Weg zur schwersten Bewährungsprobe seines ganzen Lebens zu werden scheint ...
Der Sack auf der Schulter nahm ihm nach einer Seite die Sicht, sodass er den Mann nicht bemerkte und ihn unabsichtlich ein wenig an der Schulter rempelte. Im selben Moment streckte Artie Mills mit einer faunischen Grimasse sein Bein aus. Der mexikanische Storehelfer stolperte, stieß ein Keuchen aus und versuchte, mit seiner Last das Gleichgewicht zu halten. Doch da fegte ihm Artie Mills mit einem gemeinen Tritt das Standbein weg. Der junge Mann stürzte. Der Sack mit dem Reis flog klatschend gegen die Radnabe des Wagens, knirschend klaffte ein großer Riss in dem Jutestoff, und eine Flut weißer Reiskörner quoll in den Staub der Straße.
»Pass gefälligst auf, du dreckiger Greaser!«, schnaubte Artie Mills und starrte mit gehässiger Freude auf den Mexikaner hinab. »Beim nächsten Mal werde ich dir zeigen, wie du einen Gentleman ...«
Weiter kam er nicht. Denn der Mexikaner schnellte vom Boden hoch wie eine Katze und warf sich auf ihn. Mit beiden Händen krallte er sich in den muskulösen Hals des Gegners, sodass dessen Gesicht innerhalb weniger Sekunden blaurot anlief.
Lange konnte dieser ungleiche Kampf jedoch nicht dauern. Mit einem wilden Stöhnen riss Artie Mills die würgenden Hände weg, wobei sein Hemdkragen in Fetzen ging. Dann schmetterte er seinem viel leichteren Gegner die Faust an den Kopf. Der Mexikaner wurde von der Wucht dieses Schlages zurückgeworfen, krachte mit dem Rücken gegen die Kante des Wagenkastens und brach mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie.
Die Augen des untersetzten Rohlings funkelten bösartig, als er den Revolver aus dem Halfter riss. Offenbar erfüllte ihn der verzweifelte Angriff des schlanken Jungen mit solchem Hass, dass er ihn blindlings niederschießen wollte.
In diesem Augenblick polterte Dan Parrys Koffer auf den Gehsteig, und er selbst hechtete vorwärts. Sein Hieb traf Artie Mills am Gelenk. Krachend entlud sich die Waffe. Die Kugel wirbelte eine Staubfontäne unter dem Wagen auf. Der Revolver flog dem Burschen aus der Hand und traf Dan Parry am Schienbein. Innerhalb eines Sekundenbruchteils fuhr Artie Mills herum und vergrub seine Linke bis zum Handgelenk in Dans Magengrube.
Es war ein wilder Haken, der selbst einen Ochsen gefällt hätte. Dan Parry krümmte sich zusammen und hatte ein Gefühl, als müsse ihm im nächsten Moment sein eigener Magen zum Hals hervorquellen.
Trotzdem sah er gerade noch rechtzeitig den folgenden Schwinger kommen und warf sich zurück. Artie Mills' Knöchel radierte schmerzhaft an seinem Kinnwinkel entlang, ohne indes größeren Schaden anzurichten. Nur der Schmerz und die würgende Übelkeit machten Dan Parry zu schaffen. Er schwankte und versuchte, mit einem Sidestep Zeit zu gewinnen.
Vergebens – in böser Wut sprang der Bursche ihn an. Doch ehe Dan einen neuen Treffer hinnehmen musste, strauchelte Artie Mills, stieß krächzend einen Fluch hervor und trat um sich. Der junge Mexikaner hatte sich nun nach vom geworfen und trachtete die Füße des Burschen zu packen, ungeachtet der Tritte, die er dabei einstecken musste. Mit einem Sprung rettete sich Artie Mills vor der drohenden Umklammerung seiner Beine und bückte sich nach dem Colt.
Die wenigen Sekunden hatten Dan Parry genügt, um seiner Not und der würgenden Übelkeit Herr zu werden. Mit einem langen Schritt glitt er vorwärts, gerade als der Weidedetektiv die Waffe geschnappt hatte und sich aufrichten wollte. Dann zuckte wieder die Handkante herab und krachte Artie Mills genau in den Winkel zwischen Halsansatz und Schulter. Zum zweiten Mal fiel der Colt zu Boden.
Noch in halb gebückter Stellung drehte sich Artie Mills um die eigene Achse, seine Augen wurden glasig und die Knie knickten ihm ein. Dann fiel er vornüber, mit dem Gesicht genau in den ausgelaufenen Reis.
Taumelnd kam der junge Mexikaner auf die Füße. Blut rann ihm vom Mundwinkel, und er presste den Ellenbogen gegen jene Stelle der Rippen, wo ihn ein brutaler Tritt getroffen hatte.
»Gracias«, ächzte er, »mil gracias, Señor ...«
Dan Parry gab es matt zurück. »Keine Ursache, Amigo.«
»Kann mir vielleicht jemand verraten, was hier los ist?«, fragte Shorty, der Storekeeper, vom Gehsteig her. »Wer hat da geschossen?«
Es kostete Dan einige Überwindung, den Revolver des Burschen aufzuheben und hinter seinen Gurt zu schieben.
»Ein Missverständnis, Shorty«, erwiderte er mit gequältem Grinsen. »Nur ein kleines Missverständnis.«
✰✰✰
Daniel Parry war nach acht Jahren Hochschule als angesehener Anwalt in die Heimat zurückgekehrt. Joan, seine etwas altjüngferliche Schwester, hatte ihn am Bahnhof abgeholt. Artie Mills hatte Joan zuvor zum Bahnhof kutschiert und war Dan als »Weidedetektiv« der Ranch vorgestellt worden. Gleich beim ersten Zusammentreffen hatte Dan eine instinktive Abneigung gegen den Burschen gefasst.
Während Joan noch eine Besorgung erledigte, hatte sich der Zwischenfall mit Mills zugetragen. Artie Mills war nun bereits auf dem Rückweg zur Spanish-Bit-Ranch, mit dem Falben, den man eigentlich dem Heimkehrer als Transportmittel zugedacht hatte.
Joan schien von dem Zwischenfall nichts bemerkt zu haben, denn sie wirkte ungezwungen, als sie auf dem Bock des leichten Wagens Platz nahm.
Fast zwei Meilen legte der Wagen zurück, ohne dass die Geschwister auf dem Bock ein Wort gewechselt hätten. Dann nahm Dan die Unterhaltung wieder auf, an dem Punkt, wo sie bei der ersten Aussprache stehengeblieben war.
»Joan, du hast mir bisher noch nicht erklärt, was aus Paco Cortez geworden ist. Wenn Keith Jordan seine Stelle als Segundo der Spanish-Bit-Ranch eingenommen hat, müsste er doch eigentlich ...«
»Dad hat ihm unten im Süden ein Stück Land am Mescal Creek überlassen«, fiel ihm seine Schwester ins Wort. »Paco hatte ja schon vorher ein paar eigene Rinder. Die hat er mitgenommen und sich die verfallene Hütte am alten Grenzweg als Ranchito hergerichtet.«
»Und sein Sohn Pepe?«
Verschlossen blickte Joan Parry geradeaus. »Der ist mit ihm gegangen.«
»Du sagst das so merkwürdig, Joan?«
Die zusammengepressten Lippen seiner Schwester waren eigentlich schon Antwort genug.
»Sie haben Dad seine Großzügigkeit übel gelohnt«, klang es feindselig. »Nach ihrem Fortgang hat Pepe Cortez die meisten der Vaqueros aufgehetzt, sodass sie gegenüber Keith Jordan aufsässig und widerborstig wurden. Daraufhin hat Keith mit eisernem Besen Ordnung geschaffen und eine Reihe von ihnen entlassen.«
Dan Parry fasste die Leinen des Doppelgespanns etwas fester.
»Mit eisernem Besen«, wiederholte er sarkastisch. »Das hört man gern.«
»Du hättest ebenso gehandelt, wenn du all diesen Ärger miterlebt hättest«, erwiderte Joan scharf. »Deshalb solltest du dir kein Urteil erlauben, ehe du nicht die Dinge aus eigener Erfahrung kennst, Danny.«
»Ich wollte ja nichts gegen deinen Verlobten sagen.«
»Es hörte sich aber so an. Und zudem kommt noch etwas hinzu. Einige der ehemaligen Vaqueros haben sich ebenfalls am Mescal Creek niedergelassen, und ein paar Peones sind ihrem Beispiel gefolgt. Inzwischen gibt es dort im Süden schon eine ganze Reihe von Siedlerstellen und Ranchitos, und am alten Grenzweg ist sogar eine kleine mexikanische Ansiedlung entstanden.«
»Findest du das so schlecht? Solch eine Ansiedlung ist doch ein neuer Vorposten gegen die Desperados und Outlaws, die sich an der Grenze herumtreiben.«
»Ein Vorposten?« Joan lachte verbittert auf. »Mescal ist auf dem besten Weg, sich zu einem richtigen Banditennest zu entwickeln. Nachdem wir bereits im vergangenen Sommer durch die anhaltende Trockenheit große Ausfälle hatten, kommt nun auch noch Viehdiebstahl hinzu. – Keith Jordan ist überzeugt, dass die Rustler mit jenem mexikanischen Pack am Mescal Creek unter einer Decke stecken. Sie holen sich nicht nur Spanish-Bit-Rinder für ihren eigenen Bedarf, sondern treiben sie auch in ganzen Rudeln über die Grenze. Das ist für dieses Gesindel recht einfach, weil die Longhorns ganz von selbst nach Süden zum Creek wandern.«
Dan Parry räusperte sich und ließ die beiden Pferde wieder antraben, nachdem eine Steigung am Fuß der felsigen Klippen überwunden war.
»Allmählich beginne ich zu verstehen«, entgegnete er schroff. »Keith Jordan hat sich eine Theorie zurechtgelegt, nicht wahr? Die Devereaux-Ranch liegt zwischen den Spanish Flats und dem Mescal Creek. Und da Jules Devereaux überall als Greaserfreund verschrien ist, muss er natürlich zwangsläufig mit den Mexikanern dort im Süden in Verbindung stehen. Ist es das?«
»Du brauchst wirklich nicht so ironisch zu fragen«, antwortete seine Schwester spitz. »Keith Jordan würde einen Menschen niemals ungerechtfertigt verdächtigen. Aber da er für die Spanish Bit verantwortlich ist, muss er jede Möglichkeit ins Auge fassen. Und dass wir in letzter Zeit große Verluste durch Rinderdiebstahl haben, steht völlig außer Zweifel.«
»Deshalb also ein Weidedetektiv wie dieser Artie Mills?«
»Yeah, deshalb. Wo ist Artie Mills überhaupt?«
»Ich habe ihn vor einer halben Stunde vorausgeschickt. Weißt du zufällig, warum er zwei Sattelpferde in die Stadt mitgenommen hat, den Palomino und eine braune Stute?«
»Natürlich, er hat es mir ja selbst gesagt«, erwiderte Joan in gereiztem Ton. »Für den Fall, dass ich noch länger in der Stadt hätte bleiben wollen, konnte er mir den Wagen dalassen und dich zu Pferde begleiten, um mich dann erst später abzuholen. Oder hast du auch daran wieder etwas auszusetzen?«
»Im Gegenteil«, gab Dan Parry mit doppelbödiger Freundlichkeit zurück, »ich finde es äußerst zuvorkommend, wenn nicht gar aufopfernd von diesem Artie Mills.«
✰✰✰
Die Gebäude der Ranch waren in spanischem Stil errichtet worden, wie er hier im Süden häufig anzutreffen war. Das große Wohnhaus zeigte im Obergeschoss die Rundbögen umlaufender Arkaden, die teilweise von Geißblatt überwuchert waren.
Einige Männer standen am Sattelkorral und schienen dort Pferde zu begutachten. Als der Wagen durch das Tor kam, wandten sie sich um und verstummten in ihrem Gespräch.
Vergebens suchte Dan Parry nach einem bekannten Gesicht. Diese Männer hier gehörten samt und sonders einer raubeinigen Sorte von Weidereitern an, wie es sie früher auf der Spanish-Bit-Ranch nicht gegeben hatte.
Sie griffen an ihre Hüte, als Joan sie mit einem Blick streifte, und dann begannen sie wie auf Kommando zu grinsen.
Dan brachte den Wagen zum Stehen, nachdem er zwischen den anderen Artie Mills erkannt hatte.
»Hallo, Leute«, grüßte er mit leichtem Lächeln, »ich kann mir denken, dass ihr einen mageren, bebrillten Paragraphenhengst erwartet habt. Und die Sache mit dem Palomino war auch wirklich nicht schlecht eingefädelt. Der Gaul sah ganz friedlich aus, aber ich bin sicher, er hat den Teufel im Leib. Damit ihr nicht um euer Vergnügen kommt, habe ich die Vorstellung aufgeschoben. Ich schlage vor, wir regeln das morgen früh vor Arbeitsbeginn. Einverstanden?«
Ein paar Gesichter zogen sich in die Länge, und irgendwo ertönte ein Schnauben, das für Artie Mills eine besondere Bedeutung zu haben schien, denn der Weidedetektiv zog eine zornige Grimasse.
»Yeah, richtig«, fuhr Dan trocken fort, »ich wusste doch, dass da noch etwas war.« Er beugte sich über die Lehne des Fahrersitzes nach hinten, öffnete mit einer Hand den Verschluss einer Reisetasche und brachte den Revolver des Burschen zum Vorschein.
Er warf ihn Artie Mills zu und bemerkte gelassen: »Den war ich Ihnen noch schuldig, nicht wahr, Mills? Ich werde den Fall mit dem Colonel besprechen, denn ich weiß nicht, ob man einen Weidedetektiv ernst nehmen kann, der mit dem Schießeisen auf einen unbewaffneten Mexikanerjungen losgeht.«
In Artie Mills' Augen zeigte sich ein bösartiges Funkeln, als er den Colt in sein Halfter schob.
»Klar«, zischte er gehässig, »stecken Sie sich nur hinter den Colonel, Parry. Versuchen Sie ruhig, ihn gegen mich aufzuhetzen. Aber vergessen Sie nicht, ihm zu sagen, dass dieser kleine Greaser-Giftpilz mich fast erwürgt hätte, und dass er zu der Bande in Mescal Town gehört.«
»Ich werde daran denken«, versprach Dan Parry. »Dann bis morgen früh also.«
Er fuhr wieder an und lenkte den Wagen zum Stall.
»Danny«, fasste seine Schwester neben ihm nach, »was war das für eine Geschichte mit dem Palomino?«
Dan grinste möglichst harmlos.
»Sie wollten sich vermutlich mit mir einen kleinen Spaß erlauben und hatten mir ein Trickpferd zugedacht. Und dann hätten sie natürlich erst recht gegrinst, wenn ich zerschunden und lahm hier angekommen wäre. Ich möchte nur wissen, wer zuerst auf diesen blendenden Einfall gekommen ist.«
»Du denkst doch nicht etwa an Keith Jordan?«
»Mein Gott«, entfuhr es Dan Parry unbeherrscht, »können wir denn nicht drei Worte miteinander wechseln, ohne dass von deinem Verlobten die Rede ist, Joan? Ständig bist du auf dem Sprung, ihn zu verteidigen, auch wenn er gar nicht angegriffen wird.«
Joan traten die Tränen in die Augen. »Du bist unausstehlich, Danny.«
»Weil ich ausnahmsweise einmal ehrlich meine Meinung sage?«, gab Dan gedämpft zurück. »Merkst du denn nicht selbst, dass du dich vor der Mannschaft lächerlich machst, wenn du unablässig für Keith Jordan die Stacheln spreizt?«
Mit mühsam bewahrter Beherrschung wandte seine Schwester ihm das Gesicht zu.
»Und der Revolver?«, ging sie über die Frage hinweg. »Wie bist du zu dem Revolver von Artie Mills gekommen?«
»Ich habe ihm das Ding abgenommen, als er gerade im Begriff war, auf den Mexikanerjungen aus dem Store zu schießen.«
»Auf Mateo?«, fragte Joan Parry mit geweiteten Augen.
»Yeah, so heißt er wohl.«
Joan presste die Lippen aufeinander und sagte nichts mehr. Als sie vor dem Stall anlangten, sprang sie rasch vom Wagen, noch ehe Dan ihr behilflich sein konnte, und lief zur Veranda des Ranchhauses hinüber.
»So geht es manchmal mit den Frauen, Dan«, sagte eine raue Stimme vom Stalltor her. »Sie schätzen die Wahrheit nur so lange, wie sie ihnen angenehm ist.«
Der Anblick Steve Donovans raubte Dan Parry für einen Moment die Sprache. Da deutete der ehemalige Weidereiter auch schon auf sein steifes Bein und fuhr fort:
»Aah, du weißt noch gar nichts davon, nicht wahr? Nun, das ist inzwischen schon vier Jahre her. Seitdem bekomme ich auf der Spanish Bit das Gnadenbrot. Und etwas Gutes hat sogar dieser Unfall gehabt: Mein versteiftes Knie hat Keith Jordan daran gehindert, mich ebenso wie die anderen zum Teufel zu jagen.«
Mit einem Satz sprang Dan vom Wagen und schüttelte dem Freund die Hand.
»Steve«, murmelte er, »ich brauche dir nicht erst zu sagen, wie leid mir das tut.«
Steve Donovan winkte ab, zwinkerte und verzog das lederhäutige Gesicht zu einem Feixen.
»Dir kann ich es ja sagen, Dan – ich komme im Sattel noch ganz gut zurecht, auch wenn ich es mir nicht anmerken lasse. Auf jeden Fall gefällt es mir hier auf der Ranch zusammen mit Felipe und ein paar anderen besser als bei der Crew, die Keith Jordan als Weidemannschaft angeworben hat. Aber das wirst du wahrscheinlich erst verstehen, wenn du diese Bande kennengelernt hast.«
Dan Parry nickte. Da entdeckte er den grauhaarigen Mexikaner, der sich die ganze Zeit mit einem stillen Lächeln im Hintergrund gehalten hatte, und begrüßte auch ihn.
Felipe Serrano war ein Experte in allen Fragen, die mit der Rinderzucht am Rande der Gila-Wüste zusammenhingen. Auch wenn er inzwischen gealtert war, kam es doch einem schlechten Scherz gleich, ihn hier als Ranchhand oder Stallhelfer anzutreffen. Aus dieser Meinung machte Dan Parry kein Hehl und erkannte bei dem alten Vaquero deutliche Anzeichen der Verbitterung.
In Anbetracht dessen, dass er noch nicht in der Lage war, selbst eine begründete Stellungnahme abzugeben, ging er jedoch zunächst darüber hinweg. Und dann fragte er nach dem Palomino, jenem auffallenden, fahlen Hengst mit silbriger Mähne und Schweif, den Artie Mills ihm in der Stadt zugedacht hatte.
»Desperado?«, fragte Steve Donovan mit einem fauchenden Atemzug. »Ich habe mir gleich so etwas gedacht, als der Hengst nicht auf der Koppel zu sehen war.«
»Er ist also ein Trickpferd?«
»Nein«, entgegnete Steve Donovan, »er ist ganz einfach verdorben. Der Colonel hat ihn vor ein paar Jahren in Tucson gekauft. Aber Desperado muss als Junghengst dem falschen Burschen in die Hände gefallen sein, oder vielleicht ist er auch zu früh unter den Sattel genommen worden. Man kann mit ihm umgehen wie mit jedem normalen Gaul, aber sobald er einen Menschen auf seinem Rücken spürt, wird er unberechenbar. Vielleicht geht er zwei oder drei Meilen ganz ruhig und nimmt jede Hilfe an. Doch in dem Augenblick, wo du es am wenigsten erwartest, folgt dann ganz bestimmt die Explosion. Und wenn Desperado einmal anfängt zu kämpfen, dann hat sich bisher noch niemand im Sattel halten können. Er legt los, als ob er eine Ladung Dynamit im Leib hätte.
Für einen Mann, der seit Jahren die wichtigste Stelle eines Reiters vernachlässigt hat, ist es vollkommen aussichtslos, mit Desperado zurechtzukommen. Wahrscheinlich hätte er dich schon in der ersten Minute bis an die Wolken gefeuert.«
»So?«, entgegnete Dan mit einem undurchsichtigen Lächeln. »Ich habe den Burschen beim Korral aber eine Vorstellung versprochen. Was machen wir denn da?«
»Es ist Wahnsinn, Señor Dan«, meldete sich Felipe Serrano mit ernstem Kopfschütteln zu Wort. »Er wird Ihnen alle Knochen brechen.«
»Weil ich so lange nicht mehr geritten bin, meint ihr?« Dan Parry grinste nun unverhohlen. »Nun, früher habe ich ebenso wie ihr gedacht, dass man nur hier bei uns etwas von Pferden versteht. Aber inzwischen bin ich fast jedes Jahr mit einem Freund vom College für einige Wochen in Kentucky gewesen. Dort werden Zuchtversuche mit allen möglichen Pferderassen unternommen. Dreimal dürft ihr raten, wer in diesem Gestüt der beste Zureiter war.«
Ungläubig und ein bisschen skeptisch kniff Steve Donovan die Augen zusammen.
»He«, grunzte er, »du willst doch nicht etwa sagen, dass du ...«
»Ein erfahrener Mann hat von mir behauptet, ich hätte einen begnadeten Hosenboden«, unterbrach ihn Dan mit leisem Schmunzeln. »Besonders gelegen haben mir immer die kastilianischen Pferde. Und vom Typ her hat Desperado große Ähnlichkeit mit einem Kastilianer.«
»Si, Señor Dan«, bestätigte Felipe in hartem Akzent. »Ich bin sicher, er stammt aus einer spanischen Zucht drüben in Mexiko. Dieser Hengst ist ein echter Criollo.«
»Ein Kreolenpferd?«, wiederholte Dan nachdenklich, indem er die ursprüngliche Bezeichnung gebrauchte. »Das wäre möglich, Felipe.«
Der Mexikaner nickte eifrig.
»Bestimmt, Señor Dan. Wir haben ihn schon zur Nachzucht verwandt. Bei den Fohlen sieht man es fast noch deutlicher.«