H. C. Hollister 117 - H.C. Hollister - E-Book

H. C. Hollister 117 E-Book

H. C. Hollister

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Beschreibung

Als Jesse Reynolds in Del Rio anlangt, um sich um das Amt des Marshals zu bewerben, ist er am Ende und zehrt nur noch von jenem Ansehen, das er sich Jahre zuvor als Städtebändiger erworben hat. Seit seiner schweren Verwundung in Amarillo fehlen ihm die Nerven und das Selbstvertrauen, um sich als Marshal durchzusetzen. Er ist nicht viel mehr als ein ausgehungerter Satteltramp mit durchlöcherten Stiefelsohlen. Für ihn ist diese Stadt an der Grenze seine letzte Chance.
Aber die Stadtväter, allen voran der Anwalt Phil Craine, durchschauen seinen Bluff. In Del Rio regieren Furcht und Schrecken. Wenn man hier überhaupt jemandem den Marshalstern anvertraut, dann nur einem Mann, der sich rücksichtslos und hart durchzusetzen vermag und die Stadt nicht der Rache jener Desperados ausliefert, die immer wieder von der anderen Seite des Rio Grande herüberkommen. Jesse Reynolds wird zurückgewiesen. Doch nicht genug damit, versucht ihn ein Rudel Hartgesottener noch auf weit schlimmere Weise davon zu überzeugen, dass er in Del Rio fehl am Platze ist ...

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

ERLOSCHENER RUHM

Vorschau

Impressum

ERLOSCHENER RUHM

Als Jesse Reynolds in Del Rio anlangt, um sich um das Amt des Marshals zu bewerben, ist er am Ende und zehrt nur noch von jenem Ansehen, das er sich Jahre zuvor als Städtebändiger erworben hat. Seit seiner schweren Verwundung in Amarillo fehlen ihm die Nerven und das Selbstvertrauen, um sich als Marshal durchzusetzen. Er ist nicht viel mehr als ein ausgehungerter Satteltramp mit durchlöcherten Stiefelsohlen. Für ihn ist diese Stadt an der Grenze seine letzte Chance.

Aber die Stadtväter, allen voran der Anwalt Phil Craine, durchschauen seinen Bluff. In Del Rio regieren Furcht und Schrecken. Wenn man hier überhaupt jemandem den Marshalstern anvertraut, dann nur einem Mann, der sich rücksichtslos und hart durchzusetzen vermag und die Stadt nicht der Rache jener Desperados ausliefert, die immer wieder von der anderen Seite des Rio Grande herüberkommen. Jesse Reynolds wird zurückgewiesen. Doch nicht genug damit, versucht ihn ein Rudel Hartgesottener noch auf weit schlimmere Weise davon zu überzeugen, dass er in Del Rio fehl am Platze ist ...

Die Schatten der Dämmerung lagen über der Stadt und dem Rio-Grande-Tal, als Jesse Reynolds zum Stadthaus hinüberging und sich bemühte, in Gang und Haltung jugendliche Elastizität zum Ausdruck zu bringen. Es fiel ihm schwer. Das Zerren und Reißen in seiner Schulter machten ihm zu schaffen. Es lag am Wetter. Immer wenn das Wetter umschlug, meldeten sich die Narben. Und diesmal war es besonders schlimm.

Den Nachmittag hatte er im Saloon und auf der Veranda des Hotels zugebracht. In einer mexikanischen Cantina unten am Fluss wären der Pfefferminz-Julep und der Brandy zweifellos billiger gewesen. Aber etwas war man seinem Namen ja schuldig. Wenn man Jesse Reynolds hieß und darauf wartete, dass einem in Del Rio der Marshalstern anvertraut wurde, dann konnte man die Wartezeit nicht in einer billigen Cantina zubringen, sondern hatte sich standesgemäß zu verhalten, selbst wenn die Dollars in der Tasche nicht einmal mehr ausreichten, um damit zu klimpern. Noch nie in seinem Leben hatte er einen Job so bitter nötig gehabt. Erst vor zwei Wochen hatte er ein neues Loch in seinen Gürtel gebohrt. Jetzt war er ihm schon wieder zu weit. Und die Stiefelsohlen waren so dünn, dass er jedes Steinchen durch sie hindurch spüren konnte.

Noch vor drei Jahren hätte es niemand gewagt, einen Jesse Reynolds warten zu lassen. Damals waren die Bürger von Amarillo stolz gewesen, einen solchen Marshal zu haben. Jesse Reynolds hatte ihr Vertrauen gerechtfertigt und alle Angebote zurückgewiesen, die ihm von anderer Seite gemacht worden waren. Aber dann kam die Sache mit den Larkin-Brüdern. Manche Leute hatten diesen Kampf als seinen größten Sieg betrachtet. Ein Erfolg war es zweifellos, wenn ein harter Revolvermarshal über drei gefährliche Desperados Sieger blieb. Doch mit zwei Kugeln in seiner Schulter und im Arm hatte er diesen Erfolg viel zu teuer erkauft.

Die Stadtväter von Amarillo hatten sich großzügig gezeigt. Sein Gehalt wurde weitergezahlt, während er sich in die Behandlung berühmter Ärzte in Austin und Kansas City begab. Auch der Zuschuss zu diesen erheblichen Behandlungskosten wurde nicht gerade knauserig bemessen. Überhaupt zeigte man sich in Amarillo an seinem Gesundheitszustand rührend interessiert. Bis sich dann herausstellte, dass seine Revolverhand die Waffe kaum wieder mit jener unfehlbaren Sicherheit führen würde, die Jesse Reynolds früher ausgezeichnet hatte.

Als das bekannt wurde, war sein Kontrakt nicht verlängert worden. Ein halbes Jahresgehalt gab ihm die Zeit, sich nach einem anderen Posten umsehen zu können. Es dauerte lange, ehe er ihn fand. Und auch da hatte man ihm nur einen Vertrag für eine halbjährige Probezeit gegeben. Es war eine bittere Erfahrung, die er dann im Laufe der nächsten Jahre noch öfter machen musste. Ein Revolvermarshal lebte von seinem Ruf. Der Ruf allein ersparte ihm die Hälfte der Arbeit. Aber Jesse Reynolds' Ruf war zerbröckelt, sein Ruhm als unbestechlicher Kämpfer erloschen.

Mit vierunddreißig Jahren betrachtete man ihn bestenfalls noch als ein Denkmal seiner früheren Taten. Ein Revolvermarshal hatte ein Held zu sein – oder das Feld zu räumen.

Eine Böe fauchte die Straße herab und wirbelte eine gelbe Staubwolke empor. Bleigraues Gewölk bedeckte nun schon fast den ganzen Himmel. Nur im Westen, wo die Sonne gerade untergegangen war, zeigte sich noch ein türkisfarbener Streifen, und die nachrückenden Wolken waren von einem schmalen, gleißenden Rand eingefasst. Noch während Jesse Reynolds zu dem scheidenden Licht hinüberblickte, klatschten die ersten schweren Tropfen in den Staub der Straße.

Reynolds sah den Deputy vor der Tür des Stadthauses stehen und ging hinüber.

»Regen«, sagte der Hilfsmarshal, der ein offenes, etwas pausbäckiges Jungengesicht hatte, und sah Jesse Reynolds ein wenig unschlüssig an. »Lange genug haben wir darauf gewartet.«

Lee Fisher war ein etwas schlaksiger junger Mann. Die Sommersprossen auf seinem Nasenrücken und unterhalb seiner blauen Kinderaugen ließen ihn fast noch wie einen Halbwüchsigen erscheinen. Er war offenbar neugierig auf den Mann, um dessen Vergangenheit sich so viele Legenden woben, und das ließ sich unschwer verstehen. Gleichzeitig aber versuchte Lee Fisher eine Gelassenheit an den Tag zu legen, die ihm im Kern seines Wesens völlig fremd war. Immerhin würde sich bei der Verhandlung dort drinnen im Stadthaus entscheiden, ob dieser Jesse Reynolds sein Vorgesetzter wurde.

»Sind jetzt alle da?«, fragte Jesse Reynolds.

»Lockhart und Craine, die sind oben. Ein paar andere Leute vom Stadtrat waren auch hier, aber sie haben zugesehen, dass sie noch vor dem Regen wieder nach Hause kamen.«

»Danke, Fisher«, erwiderte Reynolds so ruhig wie nur möglich. »Dann werde ich ja gleich hören, zu welchem Schluss die hohen Herren gekommen sind, nicht wahr?«

Der junge Hilfsmarshal lächelte pflichtschuldig.

»Um ehrlich zu sein, Reynolds«, murmelte er verlegen, »so ganz begreife ich noch nicht, wieso Ihnen an diesem Job gelegen ist. Ein harter Brocken wie Sie ...«

Jesse Reynolds schaute ihn an, und dabei zeigte sich wieder der bittere, resignierende Zug um seine Mundwinkel.

»Junge«, sagte er kopfschüttelnd, »hören Sie nur auf, mir aus Mitleid dieses Theater vorzuspielen. Sie wissen doch ebenso wie jeder andere in dieser Stadt, dass der Jesse Reynolds von heute nicht mehr der Jesse Reynolds von vor vier Jahren ist.«

Der Deputy vermied es, seinem Blick zu begegnen.

»Sie meinen, weil man Ihnen damals den Arm und die Schulter zerschossen hat? Ich habe davon in der Zeitung gelesen. Es muss ein verrückter Kampf gewesen sein, den Sie den Larkins geliefert haben, Reynolds.«

»Verrückt?« Jesse Reynolds lauschte den Worten nach. »Yeah, das kann schon sein.«

»Aber in der Zeitung stand auch, dass Sie ein Buscadero wären, ein richtiger Zweihandmann – mit der linken Hand nicht schlechter als mit der rechten –, weil Sie diese wilde Schießerei sonst niemals überlebt hätten.«

»So? Das stand in der Zeitung?«

»Im San Antonio Courier«, bestätigte Lee Fisher eifrig.

»Nun«, murmelte Jesse Reynolds mit einem bissigen Humor, der am besten auf dem Boden der Selbstironie gedeiht, »was in der Zeitung steht, stimmt bekanntlich immer. Demnach kann mir eigentlich gar nichts mehr passieren.«

Jesse Reynolds ging den dunklen Flur entlang und dann die Steintreppe empor. Er öffnete seine Jacke und klopfte an eine Tür.

»Yeah?«, fragte eine Männerstimme.

Reynolds trat ein.

Jeremy Lockhart, der feiste Bürgermeister von Del Rio, saß an einem großen runden Tisch. Reynolds kannte ihn bereits. Im Laufe dieses Nachmittags hatte er zudem genug erfahren, um sich über die Verhältnisse ein Bild zu machen. Jeremy Lockhart war der gewählte Bürgermeister, der Alcalde, wie man hier gern sagte.

Vermutlich stand eine ausreichende Zahl von Leuten in seinem Store in der Kreide, um ihm die Stimmenmehrheit zu sichern und damit den Ehrgeiz seiner streitbaren Gattin zu befriedigen. Denn Lockhart selbst hatte es gar nicht so sehr nach diesem Posten gedrängt. Er liebte vor allem die Bequemlichkeit, was bei seinem Leibesumfang kaum verwunderlich war.

Phil Craine, Anwalt und Grundstücksmakler und Besitzer einer kleinen Ranch – alles in einer Person – war da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er opferte sich für das Gemeinwohl auf, was heißen sollte, dass die Entscheidungen in dieser Stadt letzten Endes von ihm getroffen wurden.

Jesse Reynolds hatte den stillen Verdacht, dass sich diese aufopferungsvolle Tätigkeit für Craine durchaus bezahlt machte, wenn auch vielleicht auf Umwegen.

Craine sagte nun:

»Sie sind also der zweibeinige Tiger, der eine Stadt wie Amarilio wieder auf Vordermann gebracht hat, nicht wahr? Ich habe Sie mir eigentlich ganz anders vorgestellt, Mister.«

Jesse Reynolds verzog die Lippen zu einem melancholischen Lächeln. Er war abgemagert und regelrecht ausgehungert. Kein Mann konnte ungestraft wochenlang die Hauptmahlzeit des Tages überschlagen, wie er es getan hatte. Kein Wunder, dass er nicht mehr der Vorstellung Phil Craines von einem kraftstrotzenden Städtebändiger entsprach. Seine leicht abfallenden Schultern und die schlanken Hände hatten diesem Idealbild nie so recht entsprochen. Und seiner schlotternden Segeltuchjacke sah man auf den ersten Blick an, dass ihm an seinem Normalgewicht gut und gern zwanzig Pfund fehlten. Nein, rein äußerlich war mit ihm wirklich kein Staat mehr zu machen.

»Das ist schon anderen Leuten so ergangen«, gab er beherrscht zurück.

Phil Craine stützte sich mit dem Gesäß gegen die Tischkante und verschränkte die Arme.

»Und die haben sich ebenso getäuscht wie ich?«, fragte er sarkastisch. »Meinten Sie das, Freund?«

Reynolds hob die Schultern.

»Was erwarten Sie jetzt von mir, Sir? Eine prahlerische Aufzählung meiner Heldentaten?«

Dem Bürgermeister schien es an der Zeit, hier schlichtend einzugreifen.

»Bei einem Mann wie Ihnen, Reynolds?«, fragte er und erhob sich ächzend von seinem Stuhl. »Das ist doch vollkommen überflüssig. Jedes Kind in West-Texas weiß, was Sie in der Vergangenheit geleistet haben.«

Mit einem harten Räuspern klärte Jesse Reynolds seine Kehle.

»Danke, Mr. Lockhart«, wehrte Reynolds das Kompliment ab. »Sie sind sehr zuvorkommend. Darf ich annehmen, dass Sie inzwischen eine Entscheidung getroffen haben?«

Ein wenig hilflos wandte sich der Bürgermeister Phil Craine zu, der unverändert die Arme vor der Brust verschränkt hielt. Der Anwalt schien es als selbstverständlich hinzunehmen, dass ihm mit dieser Geste das Wort übertragen wurde.

»Wissen Sie, Reynolds«, sagte er gedehnt, »Ihr Name hatte einmal einen guten Klang, das gebe ich zu. Aber in den letzten zwei Jahren hat es auch ein paar Misstöne gegeben. In San Angelo zum Beispiel hat man Ihren Probevertrag nicht verlängert. In Belmont sollen Sie große Schwierigkeiten bei einem Weidekrieg gehabt haben, der am Ende innerhalb der Stadt ausgetragen wurde, ohne dass Sie es verhindert hätten, und in Seymour schließlich haben Sie Ihren Stern nur wenige Wochen getragen und nicht einmal die Probezeit eingehalten. Haben Sie für diese Dinge eine Erklärung?«

Jesse Reynolds schluckte, aber ihm blieb keine andere Wahl, als die Demütigung hinzunehmen.

»Ich war nach meiner schweren Verletzung noch nicht wieder richtig in Form«, antwortete er verbissen.

Die Miene des Anwalts blieb unbewegt und glatt.

»Und jetzt haben Sie diese ›Form‹ zurückgewonnen?«, fragte er in ausdruckslosem Tonfall, aus dem sich nur jenes eine Wort ein wenig ironisch hervorhob.

Es kostete Reynolds mehr Überwindung, als die beiden Männer ahnen mochten, aber er nickte.

»Ich glaube schon.«

»Natürlich«, murmelte Jeremy Lockhart verständnisvoll, »so eine Sache, wie sie Ihnen bei dem Kampf mit den Larkin-Brüdern zugestoßen ist, braucht ihre Zeit.«

»Trotzdem«, sagte Phil Craine und lächelte, »für Del Rio sind Sie leider nicht der richtige Mann, Reynolds. Unsere Stadt liegt unmittelbar an der Grenze. Sie werden von unseren besonderen Problemen gehört haben und deshalb verstehen, dass wir uns keine Experimente leisten können. Mit diesen Outlaws und Desperados von jenseits des Rio Grande sind wir schon schlimm genug gestraft. Jeder Fehlschlag würde es noch weit schlimmer machen.«

»Yeah«, stimmte nun auch Jeremy Lockhart düster ein, »das müssen Sie verstehen, Reynolds. Wir sind diesen Burschen ausgeliefert. Ein harter Revolvermarshal in Del Rio ist für sie eine Herausforderung. Wenn dieser Mann dann nicht mit ihnen fertig wird, haben wir es hinterher auszubaden.«

Sekundenlang wurde Jesse Reynolds von einer lähmenden Schwäche beherrscht. Gleißendes Licht zuckte hinter den Fenstern auf, gefolgt von einem betäubenden Donnerschlag. Der Bürgermeister fuhr zusammen und grinste dann verlegen. Ein Held war dieser Jeremy Lockhart nicht, ebenso wenig wie die anderen Bürger dieser Stadt im Rio-Grande-Tal. Sie hatten Angst – um ihren Besitz, um ihre Familien, um ihre Gesundheit und ihr Leben. Und diese Angst war die stärkste Waffe jener Männer, die zuweilen über den Fluss kamen, um sich hier für einige Zeit einzuquartieren und die Stadt zu schröpfen.

Aber Jesse Reynolds fragte sich, ob gerade er ein Recht hatte, diese Haltung zu verurteilen, ausgerechnet ein Mann, der in den letzten vier Jahren nur noch versagt hatte, weil seine Nerven der Belastung nicht mehr standhielten.

Seine jetzige Lage war eine Folge dieses Versagens. Woher nahm er also die Unverfrorenheit, sich über die Schwäche anderer Menschen zu entrüsten? Weil er zweihundert Meilen umsonst geritten war? Weil er irgendwann einmal etwas geleistet hatte? Oder weil er ganz einfach am Ende war?

»Schon gut, Mr. Lockhart«, sagte er rau und nahm all seinen Stolz zusammen. »Es gibt noch andere Städte, die einen Marshal brauchen. Machen Sie sich um mich nur keine Gedanken.«

»Ich freue mich, dass Sie es so sehen, Reynolds«, erwiderte Phil Craine. »Nun, um ehrlich zu sein – ich hatte nichts anderes von Ihnen erwartet.«

Jesse Reynolds nickte gefasst. Es hatte keinen Sinn, über verschüttete Milch zu jammern.

»Guten Abend, Gentlemen«, sagte er. Dann stülpte er seinen Hut auf den Kopf und verließ den Raum.

Der junge, pausbäckige Deputy stand noch immer vor der Tür und starrte trübsinnig in den Regen hinaus. Sobald er die Schritte auf der Treppe hörte, wandte er sich um. Jesse Reynolds nickte nur unmerklich und ging an ihm vorbei. Wenn er jetzt hätte reden müssen, dann wäre selbst dem größten Narren offenbar geworden, wie sehr ihm die Erbitterung die Kehle zusammenschnürte. Er brauchte die Stille, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. An der Gehsteigkante blieb er stehen, knöpfte seine Jacke zu und schlug den Kragen hoch. Dann drückte er seinen grauen, verbeulten Hut tiefer in die Stirn und stapfte durch den Regen davon.

Mit langen Schritten strebte er dem Mietstall zu, begleitet vom fahlen Aufflammen der Blitze und polterndem Donner.

Da sagte hinter ihm eine scharfe Stimme:

»Reynolds?«

Der Ex-Marshal fuhr herum, doch er sah im dunklen Hintergrund der Wagenremise nichts weiter als die schattenhaften Umrisse einer Gestalt. Seine Rechte öffnete bereits einen Knopf der durchnässten Segeltuchjacke. Es war eine ganz mechanische Bewegung, ausgelöst durch den gefahrdrohenden Tonfall dieser Stimme.

»Yeah?«, gab Jesse Reynolds zurück.

Er nahm seitlich eine Bewegung wahr und wollte ausweichen. Zu spät. Irgendeine dunkle Masse sauste heran und krachte ihm gegen die Rippen. Reynolds taumelte genau auf zwei Gestalten zu, die ihm hinter einem der Wagen hervor entgegensprangen.

Es war von der ersten Sekunde an ein ungleicher Kampf. Noch ehe Reynolds die Arme zur Deckung hochreißen konnte, traf ihn der erste Fausthieb gegen den Wangenknochen. Selbst in halber Betäubung brachte er noch die Geistesgegenwart auf, sich zusammenzuducken und einen der Männer anzuspringen. Blindlings schlug er mit dem angewinkelten Arm zu und vernahm ein unterdrücktes Stöhnen. Dann musste er selbst wieder ein paar Treffer hinnehmen, und als er ausweichen wollte, geriet ihm eine Kiste in die Kniekehlen. Offenbar handelte es sich um dieselbe, die nach ihm geschleudert worden war und ihn mit der Kante in die Rippen getroffen hatte.

Er strauchelte und stürzte. Vergebens bemühte er sich, noch im Sturz eine Drehung zu vollführen. Denn auch von der anderen Seite wurde er jetzt angegriffen. Drei Kerle waren es, der Mann mit der scharfen Stimme nicht mitgerechnet. Sie hatten ihren Hinterhalt gut vorbereitet. In der Wagenremise befanden sie sich selbst in guter Deckung und konnten dabei den Hof von der Toreinfahrt bis hinüber zum Stall und zum Wohnhaus gut überblicken.

Besonders der schwache Lichtschein aus zwei Fenstern und dem Stalltor kam ihnen dabei zustatten. Nur eines blieb vollkommen unklar: Welcher Zweck mit diesem niederträchtigen Überfall verfolgt wurde.

Jesse Reynolds krachte hart auf die Kiste, die unter seinem Körpergewicht splitterte, und wollte sich Luft verschaffen, indem er rücksichtslos nach den Beinen eines seiner Gegner trat. Der Bursche stürzte über ihn und fluchte unterdrückt. Dann waren auch die beiden anderen heran.

»Los«, zischte die scharfe Stimme, »macht dem ein Ende!«

Es waren die letzten Worte, die Reynolds noch mit vollem Bewusstsein erfasste. Keuchend wälzte er sich zur Seite und zog die Knie an. Aber da zerrte ihn jemand an der Jacke hoch, würgende Übelkeit und Schwäche überfielen ihn, als ihn ein brutaler Stoß traf. Er schmetterte die Linke gegen einen hellen Fleck, der das Gesicht eines seiner Gegner sein musste, wurde aber von hinten wieder zu Boden gerissen. Er hörte das Scheppern eines umstürzenden Eisenreifens, und dann folgte ein Schlag gegen seinen Kopf, der ihm die Besinnung raubte.

Da er sich bereits wieder halb aufgerichtet hatte, kippte er nun zur Seite und fiel schlaff in jene Rinne, die vom herabklatschenden Wasser unterhalb der Dachkante ausgewaschen worden war.

✰✰✰

Das dumpfe Poltern an der Tür ließ Vera Talbot zusammenschrecken. Sie stand am Herd und wechselte einen Blick mit dem alten, buckligen und ein wenig absonderlichen Timothy, der auf der Ofenbank hockte und hingebungsvoll seine Stummelpfeife reinigte. Auch Timothy war zusammengefahren und schaute mit geweiteten Augen zur Tür. Seitdem der alte Abner Talbot, Veras Großvater, erschossen worden war, fehlte Timothy jeglicher Halt, obwohl er eigentlich der männliche Beschützer dieses Hauses hätte sein sollen. Wahrscheinlich wäre er nach diesem Gepolter durch nichts in der Welt zu bewegen gewesen, zur Tür zu gehen und nachzusehen, wer draußen war. Entschlossen übernahm Vera Talbot selbst diese Aufgabe.

Sie hatte kaum die Klinke bewegt, als sie den Druck der Tür spürte und sich instinktiv dagegenstemmte. Dann jedoch sah sie durch den Spalt die triefende Gestalt eines Mannes, der sich völlig erschöpft von draußen gegen die Tür lehnte, und gab nach. Ein erschreckter Laut kam aus ihrer Kehle, als dieser Mann, seiner Stütze beraubt, nach vorn schwankte und dann der Länge nach auf die gescheuerten Dielen der Küche fiel, während seine Füße noch draußen lagen. Ein Windstoß warf die Tür vollends zurück und ließ die Lampe flackern.

Ein paar Herzschläge lang stand Vera Talbot wie angewurzelt und griff sich an die Kehle. Die Erscheinung dieses Mannes war ganz dazu angetan, Furcht und Schrecken zu erregen. Der Himmel mochte wissen, wo er die Kraft und die Zähigkeit hergenommen hatte, sich bis zur Tür zu schleppen. Seine Kleidung war mit Schlamm bedeckt, das triefende Haar hing ihm strähnig in die Stirn, und sein schmales, scharfgeschnittenes Gesicht war von blutigen Schrammen verwüstet. Darüber hinaus zeigte sich oberhalb seines Ohrs eine starke Beule, die von blutverkrustetem Haar verdeckt wurde.

»Mein Gott«, ächzte Vera Talbot erstickt. Aber gleich darauf wandte sie sich an den alten Stallhelfer und keuchte: »So steh doch nicht herum wie Lots Weib, Timothy! Komm lieber und hilf mir, diesen armen Menschen hereinzuschaffen. Wir können ihn doch nicht auf dem Boden liegen lassen.«

Zögernd kam Timothy näher und steckte seine Pfeife in die Hosentasche.

»Vera«, sagte er heiser, »das ist er. Das ist dieser Jesse Reynolds, der heute Vormittag den großen Fuchswallach bei uns untergestellt hat. Du willst doch nicht etwa diesen Revolvermarshal ...«