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Zwischen Slade Dixon, dem Weideboss der Rope-Ranch, und Jesse Melody, der eine kleine Pferderanch in den Palo Duro Hills besitzt, besteht eine seltsame Freundschaft - seltsam deshalb, weil sie zwei so ungleiche Männer verbindet. Seitdem sie auf den Schlachtfeldern von Georgia begründet wurde, hat sie die Jahre überdauert. Nun aber scheint sie einen Riss zu bekommen, als sich der leichtfertige und verwegene Pirat Jesse Melody ebenfalls in Jenny Sloan verliebt, obgleich ihm der Ruf eines Schürzenjägers vorausgeht.
Nicht genug damit, tauchen unversehens auch die Schatten der Vergangenheit auf, zu neuem Leben erweckt von dem zwielichtigen Revolvermann John Pascoe. Er benutzt eine Episode aus den wilden Nachkriegsjahren, um Jesse Melody zu erpressen. Er ist darüber hinaus gerissen genug, um die Machtkämpfe der großen Ranches in den Llanos zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Die Freundschaft zwischen Slade Dixon und Jesse Melody spielt in den Plänen des verschlagenen Revolvermannes John Pascoe eine besondere Rolle ...
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
ER HIESS JESSE MELODY
Vorschau
Impressum
ER HIESS JESSE MELODY
Zwischen Slade Dixon, dem Weideboss der Rope-Ranch, und Jesse Melody, der eine kleine Pferderanch in den Palo Duro Hills besitzt, besteht eine seltsame Freundschaft – seltsam deshalb, weil sie zwei so ungleiche Männer verbindet. Seitdem sie auf den Schlachtfeldern von Georgia begründet wurde, hat sie die Jahre überdauert. Nun aber scheint sie einen Riss zu bekommen, als sich der leichtfertige und verwegene Pirat Jesse Melody ebenfalls in Jenny Sloan verliebt, obgleich ihm der Ruf eines Schürzenjägers vorausgeht.
Nicht genug damit, tauchen unversehens auch die Schatten der Vergangenheit auf, zu neuem Leben erweckt von dem zwielichtigen Revolvermann John Pascoe. Er benutzt eine Episode aus den wilden Nachkriegsjahren, um Jesse Melody zu erpressen. Er ist darüber hinaus gerissen genug, um die Machtkämpfe der großen Ranches in den Llanos zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Die Freundschaft zwischen Slade Dixon und Jesse Melody spielt in den Plänen des verschlagenen Revolvermannes John Pascoe eine besondere Rolle ...
Pinky Sparks war der Gehilfe des Barbiers in Amarillo und im Sattel alles andere als gewandt. Dass er trotzdem auf einem alten Mietstallklepper in den Hof der Rope-Ranch galoppiert kam, musste demnach eine besondere Bewandtnis haben. Der alte Matt Dumbridge, der mit seinem steifen Bein gerade aus dem Stall kam, wäre um ein Haar niedergeritten worden und fluchte ganz lästerlich. Im nächsten Moment hatte er den Gaul auch schon mit seiner schwieligen Pranke beim Kopfgeschirr erwischt und ihn zum Stehen gebracht, obwohl er dabei ein paar Schritte mitgerissen wurde.
»Zum Teufel, Pinky«, schnaubte er atemlos, »ist in Amarillo die Cholera oder die Pest ausgebrochen?«
Mit gerötetem Gesicht rutschte der Barbiergehilfe aus dem Sattel und kam schwankend auf die Füße.
»Keins von beiden«, keuchte er. »Aber jemand hat mir für diesen Ritt fünf Dollar gegeben.«
»Für diesen Ritt«, brummte Matt Dumbridge. »Aha!«
»Wollen wir wetten, dass ich weiß, wer dich geschickt hat, Pinky?«, fragte Jennifer Sloan, die aus dem Ranchhaus gekommen war.
Siegessicher schüttelte Pinky Sparks den Kopf.
»Können Sie gar nicht wissen, Miss.«
Jennifer Sloan, die Tochter des Ranchers, allgemein nur Jenny genannt, schloss die Augen bis auf einen schmalen Spalt. Offenbar kannte sie ihre Wirkung auf Männer gut genug, um sich auch bei dem rothaarigen Pinky ihres Erfolges sicher zu sein.
»Es gibt im ganzen Panhandle nur einen Mann, der verrückt genug ist, um für einen Ritt von Amarillo zur Rope-Ranch fünf Dollar hinauszuwerfen«, erklärte sie unbeirrt. »Du kommst von Jesse Melody, Pinky.«
Die Art, wie Pinky Sparks die Augen aufriss, war Hinweis genug.
»Na also«, sagte sie befriedigt. »Du hättest die Wette verloren. Und was will Jesse Melody?«
Pinky presste die Lippen aufeinander.
»Er hat mir eingeschärft, niemandem außer Slade Dixon etwas zu sagen. Slade wüsste dann schon Bescheid.«
»Also sitzt dieser verrückte Teufel wieder einmal in der Tinte«, seufzte Jenny Sloan. »Was hat er angestellt? Ist er wieder von Leslie Oakland eingesperrt worden?«
»Nein«, ächzte Pinky, »diesmal nicht. Aber ich darf es wirklich nicht sagen, Miss Jenny. Wo ist Slade Dixon?«
Jennifer Sloan schürzte die Lippen und erwiderte:
»Er ist mit Dad im Ranchbüro. Komm nur mit, Pinky. Ich werde dich zu ihm bringen.«
Matt Dumbridge grinste geradezu unverschämt, als die beiden in den Wirtschaftshof der Ranch einbogen. Wenn Jenny sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann führte sie es auch aus. Es war ganz klar, dass sie dabeibleiben würde, wenn der Barbiergehilfe seine Nachricht überbrachte. Alles, was mit Jesse Melody zusammenhing, fand ihr ungeteiltes Interesse.
Rancher Cyrus Sloan und sein Vormann Slade Dixon saßen über den Zählbüchern und Abrechnungen. Der Rancher war ein hagerer Mann, nur etwas über mittelgroß, mit krausem, grauem Haar. Niemand, der ihn so dasitzen sah, wäre auf den Gedanken gekommen, einen Krüppel vor sich zu haben. Und doch hätte Cyrus Sloan wahrscheinlich mit Freuden seinen linken Arm hergegeben, wenn er sich damit von einer Krankheit hätte freikaufen können, die ihn weit stärker behinderte als ein fehlendes Glied.
Schon von Jugend an litt Cyrus Sloan unter Asthma, aber mit zunehmendem Alter hatten sich die Anfälle von Atemnot immer häufiger gezeigt und schließlich so verstärkt, dass er nicht mehr in der Lage war, in den Sattel zu steigen. Sobald er irgendwie in Erregung geriet, zeigte sich der Luftmangel, der sich zuweilen bis zu regelrechten Erstickungsanfällen steigerte.
In klarer Erkenntnis von Ursache und Wirkung hatte sich Cyrus Sloan deshalb zu einer eisernen Beherrschung durchgerungen, die so leicht nicht zu erschüttern war. Er vermochte die Probleme der Rope-Ranch umso mehr mit Abgeklärtheit zu betrachten, als er in Slade Dixon einen Vormann besaß, der jeder Aufgabe gewachsen war.
Der Weideboss überragte seinen Rancher um einen halben Kopf. Sein ernstes Gesicht zeigte jenen Ausdruck ruhiger Gelassenheit, der aus Selbstvertrauen und dem Bewusstsein der eigenen Kraft erwächst.
Slade Dixon war kein hübscher Mann. Seine Gestalt war etwas zu knochig, seine Bewegungen zu ungelenk und sein Mund um einiges zu breit. Aber wenn man von diesen Einzelheiten absah, bot Slade Dixon ein Bild festgefügter Zuverlässigkeit und unbeirrbarer Ruhe. Man musste ihn allerdings näher kennenlernen, um einen weiteren Charakterzug zu ergründen: Der Vormann verfügte über einen hintergründigen, trockenen und manchmal auch ziemlich bissigen Humor, der ihm über viele Klippen hinweghalf, an denen andere Männer gescheitert wären. Dieser Humor zeigte sich auch jetzt, als er die Augen zusammenkniff, auf eine Seite im Zählbuch starrte und dann sagte:
»Ich habe den Fehler schon, Cyrus. Den hat uns Charlie Matthews eingebrockt. Sehen Sie hier.«
Der Rancher zog das Buch zu sich heran und blickte auf die Kreuze am unteren Rand der Seite.
»Charlies Unterschrift?«, fragte er zögernd.
In den Augenwinkeln des Vormanns zeigten sich viele kleine Fältchen, als er zu grinsen begann und erwiderte:
»Eben nicht, Boss. Charlies Unterschrift besteht aus drei Kreuzen, und das hier sind nur zwei, und die beiden Kreuze stehen für zwei getötete Stiere. Ich erinnere mich, dass Charlie davon erzählte. Charlie ...«
Er unterbrach sich, weil Jenny hereinstürmte. Unmittelbar hinter ihr tauchte Pinky Sparks auf. »Pinky ist aus Amarillo gekommen«, sagte sie spöttisch. »Er bringt eine Nachricht. Dreimal dürft ihr raten, für wen.«
Der Barbiergehilfe grinste verlegen.
»Jesse Melody schickt mich«, sagte er. »Ich musste ihn heute Mittag im Red Bull rasieren.«
Slade Dixon blickte ihn lange Zeit schweigend an.
»Rasieren«, sagte er trocken. »Im Red Bull. Yeah, das traue ich diesem verrückten Teufel zu.«
»Er wollte nicht aufhören«, erklärte Pinky Sparks. »Seit gestern Morgen sitzt er mit einer Bande von Herdentreibern beim Poker, Trailmen vom oberen Pecos, die aus Dodge zurückgekommen sind. Es sind fünf ziemlich hartgesottene Pilger.«
»Und Jesse Melody pokert mit ihnen?«
»Seit gestern Morgen.«
»Und weiter?«
Pinky Sparks schielte auf seinen Sonntagshut hinab und verbesserte den Kniff.
»Er lässt fragen, ob Sie ihm mit hundert Dollar aushelfen könnten, Dixon. Und es wäre sehr dringend.«
Jenny Sloan ließ einen scharfen Atemzug hören. Die Miene des Vormanns jedoch blieb ausdruckslos.
»Hat er es so gesagt, wie Sie es jetzt ausrichten, Pinky?«
»Genauso«, bestätigte der Barbiergehilfe.
»Es ist gut«, antwortete Slade Dixon. »Ich reite selbst zur Stadt.«
Pinky stülpte den Hut auf den Kopf und ging hinaus. Im Ranchbüro blieb es still, bis von draußen der Hufschlag seines Pferdes zu hören war. Dann räusperte sich der Rancher und brach das Schweigen.
»Wollen Sie wirklich nach Amarillo reiten, Slade, weil ein leichtsinniger Windhund sich selbst in Schwierigkeiten gebracht hat?«
»Es stimmt, er ist ein Windhund«, gab Slade Dixon beherrscht zurück. »Aber einer von der sympathischen Sorte. Und außerdem kennen Sie die Bedingungen, unter denen ich diesen Job vor Jahren angenommen habe, Boss.«
»Dass Sie sich um Jesse Melody kümmern können, Slade? Mein Gott, das ist schon fast sechs Jahre her. Sie können doch nicht Ihr Leben lang die besorgte Amme spielen.«
Die Vorstellung schien Slade Dixon zu erheitern, denn sein Gesicht hellte sich auf.
»Das ist auch nicht meine Absicht, Cyrus«, entgegnete er. »Aber ich habe Jesse Melody einiges zu verdanken. Immerhin waren wir drei Jahre lang zusammen im Krieg und sind dann auch später gemeinsam geritten, bis Sie mir den Posten als Weideboss anboten.«
Ablehnend schüttelte der Rancher den Kopf.
»Jesse Melody hat Ihnen alles zu verdanken, Slade«, sagte er ernst. »Ohne Sie wäre es ihm nie gelungen, sich in den Palo Duro Hills seine kleine Pferderanch aufzubauen. Harvey Tanner oder Silas Grimby hätten ihn sofort zum Teufel gejagt.
Sie haben ihn mit Ihrem ersparten Lohn erst in die Lage versetzt, sich auf eigene Füße zu stellen. Aber laufen sollte er dann eigentlich allein. Ich bin sicher, Sie an seiner Stelle wären heute schon ein gemachter Mann. Er hingegen hat es nur zu einigen Dutzend Gäulen gebracht. Und bestimmt wäre seine Ranch vollständig verlottert, wenn Sie ihm nicht diesen Halbblut-Indianer Concho hinausgeschickt hätten.«
Slade Dixons Blick streifte Jenny Sloan, in deren Gesicht sich zwiespältige Empfindungen widerzuspiegeln schienen.
»Tut mir leid, Cyrus«, sagte er dann in bedauerndem Tonfall, »aber soweit es Jesse Melody betrifft, werden wir wohl immer verschiedener Meinung sein. Ich hatte es leicht, denn ich habe schon in der Jugend immer nur Arbeit gekannt. Jesse Melody hingegen stammt aus einer sogenannten ›guten Familie‹. Nach dem Krieg hatten er und seine Familie nichts mehr. Für ihn war das ein Abstieg, Boss. Jesse war entwurzelt und fand sich nicht mehr zurecht. Sogar ich war in den beiden ersten Jahren nach der Kapitulation nicht weit davon entfernt, vor die Hunde zu gehen.«
Der Rancher stemmte sich von seinem Stuhl empor und klappte das Zählbuch zu.
»Was sollen die Entschuldigungen, Slade?«, fragte er unwillig. »Damals ist es allen so ergangen. Aber inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Jeder hat seine Chance, wenn er nur bereit ist, sie mit beiden Händen zu packen – auch Jesse Melody. Und sechs Jahre sind Zeit genug, um sich mit den veränderten Verhältnissen abzufinden. Jesse Melody war doch damals Ihr Vorgesetzter, nicht wahr?«
»Er war Leutnant und ich Sergeant«, bestätigte der Vormann gelassen. »Seine Leute waren reich genug, um ihm das Offizierspatent zu kaufen.«
»Eben«, antwortete Cyrus Sloan grimmig. »Einer von diesen verwöhnten Burschen, für die der Krieg nichts weiter war als ein Abenteuer.«
»Mehr oder weniger war er das für uns alle, Cyrus«, gab Slade Dixon zurück. »Zugegeben, Jesse nimmt das Leben bis heute noch auf die leichte Schulter. Aber er besitzt einen guten Kern – Und er ist mein Freund«, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu.
Jenny Sloan lächelte mit geschürzten Lippen, und in ihren Augen zeigte sich der Spott. »Natürlich«, sagte sie, »du bist sein Freund, Slade. Aber ist Jesse Melody auch deiner?«
Der Weideboss hielt ihrem Blick stand. »Was willst du damit sagen, Jenny?«, erkundigte er sich mit schmalen Lippen.
Das Mädchen zuckte die Achseln und wandte sich ab. »Nichts Bestimmtes«, antwortete sie gleichmütig.
Slade Dixon rührt sich nicht vom Fleck, bis sie das Ranchbüro verlassen hatte.
»Cyrus«, sagte er dann bedächtig, »was hat sie gemeint?«
Der Rancher klärte seine Kehle mit einem Räuspern, um dadurch seine quälende Kurzatmigkeit zu vertuschen.
»Das müssten Sie selbst doch eigentlich am besten wissen, Slade«, erwiderte er ausweichend. »Sie kennen Jesse Melody, und Sie kennen Jenny. Und Jesse ist der schlimmste Schürzenjäger auf hundert Meilen im Umkreis. Natürlich macht er Jenny den Hof, ohne auf Sie, seinen Freund, die geringste Rücksicht zu nehmen.«
Die angespannte Miene des Vormanns löste sich in einem Lächeln.
»Richtig«, sagte er. »Wie alle anderen. Es gibt auf hundert Meilen im Umkreis kein hübsches Mädchen, dem Jesse Melody noch nicht den Hof gemacht hätte. Weshalb sollte er ausgerechnet in Jennys Fall auf mich Rücksicht nehmen?«
»Heiliger Moses«, schnaubte Cyrus Sloan, »ist das noch zu fassen? Sind Sie nun in Jenny verschossen oder nicht, Slade?«
»Ich? Verschossen?« Dem Weideboss verschlug es die Sprache.
»Sie sind es«, versetzte der Rancher. »Jeder Narr würde es merken, nur Sie selbst haben es anscheinend noch nicht festgestellt. Kein Wunder also, dass Sie sich ständig mit Jenny in den Haaren liegen.«
Slade Dixons Selbstsicherheit wurde durch die jähe Erkenntnis erschüttert, dass Sloan recht hatte.
»Und Sie meinen, Jesse hätte das geahnt?«, fragte er beklommen.
Ein breites Grinsen überzog Cyrus Sloans Gesicht.
»Wenn ich diesen gerissenen Burschen richtig einschätze, dann hat er es nicht nur geahnt, sondern mit Sicherheit gewusst. Demnach muss ihm klar gewesen sein, dass er gewissermaßen in Ihrem Revier wildert, wenn er sich so auffällig um Jenny bemüht. – Jetzt wissen Sie also, was Sie mit Jennys Bemerkung anzufangen haben, Slade.«
Der Vormann feuchtete sich die Lippen an.
»Letzten Endes liegt die Entscheidung ja auch bei Jenny selbst, nicht wahr?«, fragte er.
»Das hätte gerade noch gefehlt!«, polterte Cyrus Sloan zornig. »Womöglich vergafft sie sich noch in diesen geschniegelten Kartenhai Ronald Young oder in den nächstbesten Satteltramp. Erwarten Sie wirklich, dass ich diesem eigensinnigen Frauenzimmer eine solche Entscheidung überlasse, Slade? Den Teufel werde ich tun! Schließlich geht es nicht nur um Jenny, sondern auch um die Rope-Ranch.
Ich habe ihr oft genug zu verstehen gegeben, dass ich hier nur einen Mann sehen will, der etwas davon versteht und die Ranch gegen Burschen wie Silas Grimby und Harvey Tanner halten kann. Sie wissen nur zu gut, was es damit auf sich hat, Slade. Im Moment legen diese beiden Piraten zwar Wert auf gute Nachbarschaft, aber das würde sich rasch ändern, sobald sie auf der Rope-Ranch auch nur das geringste Anzeichen von Schwäche entdecken. In diesem Fall würden sie sich sofort wieder daran erinnern, dass das Land zwischen Canadian und Red River freie Weide ist. Es wäre nicht die erste Fehde in den Llanos, nicht wahr?«
Slade Dixon nickte. Auch das war ein Problem, das der Rancher ins Auge fassen musste. Zwar hatte sich im Laufe der Zeit zwischen den großen Ranches im Llano Estacado ein gewisses Gleichgewicht herausgebildet, aber ehe man sich auf die Besitzverhältnisse verlassen konnte, bedurfte es zunächst einer gesicherten Tradition, die allgemeine Anerkennung fand. Und davon war man tatsächlich noch weit entfernt. Auch die größte Ranch war hierzulande nicht mehr wert als der Mann, der auf ihr das Kommando führte. Weder Harvey Tanner von der Balken-T-Ranch noch Silas Grimby von der Diamond-Ranch würden zögern, sich eine Schwäche des Konkurrenten zunutze zu machen, denn sie beide träumten davon, die Llanos eines Tages allein zu beherrschen.
Sie hatten Ronald Young, der für seine verwitwete Schwester die Triangle-D-Ranch führte, einen großen Teil der Weide weggenommen. Nun, Ronald Young war kein Rindermann, sondern ein Spieler, da war dies möglich gewesen. Durch diesen Mann wurde Slade Dixons Gedanken dann wieder zum Ausgangspunkt aller Überlegungen zurückgelenkt – zu Jenny Sloan. Denn auch Ronald Young gehörte zu Jennys Verehrern.
Voller Unbehagen sah der Vormann Cyrus Sloan an.
»Das ist ein Punkt, in dem ich Ihnen nicht helfen kann, Boss«, erklärte er verschlossen. »Mit Ihrer Tochter müssen Sie allein fertig werden. Meinetwegen ziehen Sie ihr den Hosenboden stramm, wenn Sie glauben, dass Sie auf diese Weise etwas bei ihr erreichen können.«
Der Rancher grinste melancholisch und zog die Brauen zusammen.
»Ich sehe schon«, seufzte er, »von diesen Dingen verstehen Sie absolut nichts, Slade. Immerhin sollen Sie wissen, dass mir als Schwiegersohn niemand willkommener wäre als Sie.«
✰✰✰
Drei der Spieler waren stoppelbärtig und hatten gerötete oder geschwollene Augen. Obwohl die bleierne Müdigkeit sie zu überwältigen drohte, pokerten sie mit sturer Verbissenheit und blickten nur auf, wenn der Barkeeper des Red Bull an den Tisch trat, um schwarzen Kaffee zu servieren.
Jesse Melody trank Ingwerbier. Sein Gesicht war dunkel wie Sattelleder, und es war in ihm eine gelockerte, biegsame Kraft zu spüren, die gefährliche Möglichkeiten barg. Sein Mund war schmal, dabei aber warm und humorvoll. Im Augenblick allerdings war er in einem starrsinnigen Lächeln zusammengepresst. Er achtete nicht auf die beiden Burschen am Nebentisch, von denen einer einen Revolver mit gespanntem Hahn vor sich liegen hatte, sodass dessen Mündung genau auf Jesse Melody gerichtet war.
»Ich gehe mit«, verkündete er, als ein Mitspieler eröffnet und ein anderer gesteigert hatte.
Der vierte Mann der Runde stieß bloß einen Fluch aus und schob seine Karten zusammen.
In diesem Moment betrat Slade Dixon den Red Bull und ging zur Bar, so als ob die Pokerrunde für ihn ohne jedes Interesse wäre. Seine Erwartung wurde bestätigt. Auch Jesse Melody ließ sich mit keinem Wimperzucken anmerken, wie sehnlich er sich diese Verstärkung herbeigewünscht hatte, auch wenn sich bei ihm während der letzten Stunden Gewinn und Verlust die Waage gehalten hatten.
Das hier war kein Spiel mehr, sondern eine reine Erpressung. Die fünf hartgesottenen Trailmen waren offenbar fest entschlossen, nicht eher aufzuhören, bis sie ihrem Gegner auch den letzten Cent abgeknöpft hatten. Der Revolver auf dem Nebentisch war zweifellos das geeignete Mittel, um diese Absicht durchzusetzen. Einer der beiden Männer dort ließ Jesse Melody nicht aus den Augen, während dem anderen der Kopf auf die Brust gesunken war und er von Zeit zu Zeit rasselnde Schnarchlaute von sich gab.
Jesse Melodys Gegenüber, ein stämmiger Mann mit kurzgeschorenem Haar und einem unglaublich breiten Kinn, beugte sich lauernd vor und entblößte seine starken Zähne.
»Du kannst noch zulegen, Mister«, schlug er vor. »Oder sollte das gerade ein Friedensangebot sein?«
Mit einem blitzenden, spöttischen Lächeln hielt Jesse Melody seinem Blick stand. »Wenn du meinst«, murmelte er scheinbar unschlüssig. »Ich erhöhe also um zehn Dollar.«
»Ich passe«, seufzte sein Vordermann, indem er missmutig sein Blatt auf den Tisch warf. »Halte du ihn, wenn du kannst, Amb.«
Der stoppelbärtige Amb grinste.
»Ich kann immer – vorausgesetzt natürlich, es sind diesmal nicht wieder zwei Kreuz-Asse im Spiel. Die zehn und weitere zwanzig. Will mir jetzt noch jemand die Zähne zeigen?«
»Ich«, murmelte Jesse Melody bescheiden. »Ich bleibe im Spiel, und wenn es mich meine letzte Goldplombe kosten sollte.«
Er schob den geforderten Steigerungsbetrag zur Mitte, betrachtete dann die wenigen Geldscheine und Münzen, die noch vor ihm lagen, und deckte nacheinander seine Karten auf.
»Full House«, erklärte er trocken. »Full mit Assen und Achten. Und damit ist endgültig Schluss.«
Der stoppelbärtige Amb lehnte sich zurück und erhob keinen Widerspruch, als Jesse Melody den Topf zu sich heranzog. Erst als dieser sich erheben wollte, gab er seinem Partner am Nebentisch einen Wink, der daraufhin spielerisch den Revolver zur Hand nahm.
»Irrtum, Mister«, murmelte er mit einem harten Grinsen. »Wann Schluss ist, bestimmen wir. Du wolltest es uns zeigen – nun, und jetzt haben wir den Spieß umgedreht. Du hast nur die Wahl, weiter mitzuspielen oder eine Lektion zu schlucken, die du so bald nicht vergessen wirst.«
Jesse Melodys Haltung war noch immer locker und ungezwungen, als er nickte.
»Fünf gegen einen«, erwiderte er schleppend. »Die Lektion wäre also ebenso unfair wie das Spiel, nicht wahr?«
Der Hartgesottene zuckte mit den Achseln. »Es war deine Idee, uns ein bisschen hereinzulegen, Freund. Um ein Haar wäre es dir ja auch gelungen, nicht wahr?«