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Scheinbar ist es ein glücklicher Zufall, der David Cameron in die Lage versetzt, eine kleine Präriezeitung im Jicarilla-Becken zu kaufen. Er sieht im "Jicarilla Herald" die Chance, wieder in seinen eigentlichen Beruf als Zeitungsmann zurückzukehren und seinem Vater "Big Dave" Cameron zu beweisen, dass das schwarze Schaf der Familie doch aus härterem Holz geschnitzt ist. Der Überfall auf der Mesa-Station hätte ihm eine Warnung sein sollen. Aber erst der Mord an Bruce Sanderson, dem alten Herausgeber des "Herald" führt ihm vor Augen, wie rau und erbarmungslos das Spiel wirklich ist, in das er sich eingekauft hat.
Im Becken stehen die Wahlen und damit die Gründung eines neuen Countys vor der Tür. Doch außer den Bürgern der Stadt gibt es kaum jemanden, der diese Countygründung unterstützt. David Cameron sieht sich auf einem einsamen Posten, doch er aber glaubt unerschütterlich an die magische Kraft des gedruckten Wortes und nimmt den Kampf auf - einen Kampf, der nicht nur mit Lettern und Druckerschwärze geführt wird ...
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
DIE EINSAMEN
Vorschau
Impressum
DIE EINSAMEN
Scheinbar ist es ein glücklicher Zufall, der David Cameron in die Lage versetzt, eine kleine Präriezeitung im Jicarilla-Becken zu kaufen. Er sieht im »Jicarilla Herald« die Chance, wieder in seinen eigentlichen Beruf als Zeitungsmann zurückzukehren und seinem Vater »Big Dave« Cameron zu beweisen, dass das schwarze Schaf der Familie doch aus härterem Holz geschnitzt ist. Der Überfall auf der Mesa-Station hätte ihm eine Warnung sein sollen. Aber erst der Mord an Bruce Sanderson, dem alten Herausgeber des »Herald« führt ihm vor Augen, wie rau und erbarmungslos das Spiel wirklich ist, in das er sich eingekauft hat.
Im Becken stehen die Wahlen und damit die Gründung eines neuen Countys vor der Tür. Doch außer den Bürgern der Stadt gibt es kaum jemanden, der diese Countygründung unterstützt. David Cameron sieht sich auf einem einsamen Posten, doch er aber glaubt unerschütterlich an die magische Kraft des gedruckten Wortes und nimmt den Kampf auf – einen Kampf, der nicht nur mit Lettern und Druckerschwärze geführt wird ...
Obgleich die ledernen Jalousien vor den Fenstern der Postkutsche emporgeschlagen und mit Schlaufen befestigt waren, mühte sich David Cameron vergebens, einen Blick nach vorn zu werfen. Die gelben Staubfahnen, die von den Hufen des trabenden Sechsergespanns aufgewirbelt wurden, nahmen jegliche Sicht. Die Fahrt nach Jicarilla war eine Tortur. Den Passagieren der Kutsche blieb nur die Wahl, bei geschlossenen Fenstern in dem engen, muffigen Gefährt einem Hitzschlag zum Opfer zu fallen oder bei geöffneten Fenstern im Staub zu ersticken. Sie hatten sich für den Staub entschieden.
Der Mann gegenüber von David Cameron hatte besonders darunter zu leiden. Er hatte ein fleischiges Bullenbeißergesicht. Alle paar Minuten zerrte er ein Taschentuch aus dem Ärmel seines dunklen Rocks und wischte über Gesicht, Hals und Augen — mit dem Erfolg, dass sich seine Lider von Schweiß und Staub entzündet hatten. Bei jeder dieser Bewegungen blitzte und funkelte am kleinen Finger seiner Linken ein wertvoller Solitär in protziger Fassung. Frank Jamieson hieß der Mann. Gleich zu Beginn der Fahrt hatte er sich als Viehaufkäufer vorgestellt und versucht, ein Gespräch in Gang zu bringen. Aber dieser Versuch war im wahrsten Sinne des Wortes vom Staub erstickt worden. Auf diese Weise sah sich David Cameron der Notwendigkeit enthoben, die Vorstellung zu erwidern. Da er an den Vertrag und das Inventarverzeichnis dachte, die in der Tasche seiner Buschjacke knisterten, hätte er seinen richtigen Namen ohnehin verschwiegen und wahrscheinlich zu einer Notlüge gegriffen.
Links von David Cameron lehnte ein vierschrötiger, struppiger Mann in der Ecke und schnarchte mit weitgeöffnetem Mund. Sein ganzes Aussehen, seine klobigen Stiefel und sein schweißbedecktes Flanellhemd deuteten darauf hin, dass es sich um einen Goldgräber handelte, um einen jener rauen und ungehobelten Burschen, die das Camp in der Bonanza-Schlucht bevölkerten.
Der letzte Passagier der Kutsche war eine junge Frau, eine Mexikanerin. Ihr schmales, ausdrucksvolles Gesicht mit den verschleierten dunklen Augen zeigte einen schmerzvoll verschlossenen, melancholischen Zug. Ihr Kleid, die zierlichen Schuhe und die schwarze Spitzenmantilla bewiesen, dass sie einer gehobenen Schicht angehörte. Im Allgemeinen waren Mexikaner hierzulande arme, barfüßige Peones oder bestenfalls Vaqueros im Dienste einer Ranch. Die Haltung und das Benehmen dieser Señorita jedoch zeugten von Würde und Selbstbewusstsein. Das alles brachte David Cameron zu der Überzeugung, dass er eine junge Frau aus einer Hidalgo-Familie vor sich hatte, wie sie noch vereinzelt auf Haziendas zu finden waren.
Zwischen den zerklüfteten Barrios tat sich eine breite Lücke auf. Die Postkutsche folgte einer Schleife der Straße und verschärfte dabei ihr Tempo. Das war ein sicheres Zeichen, dass man sich der letzten Pferdewechselstation vor Jicarilla näherte. Bald wurden ein Korral sichtbar, ein verwitterter Schuppen und mehrere Adobehütten. Mit einem letzten Ruck kam die Überlandpost in einer gelben Staubwolke zum Stehen. David Cameron erhaschte gerade noch den Blick eines Mannes, der in seltsam gespannter Haltung an der Ecke des Schuppens bei einigen Pferden stand. Während das Schnarchkonzert des Goldgräbers endlich abbrach, öffnete er den Schlag und sprang hinaus, um für die Señorita den Wagentritt herabzuklappen.
Doch es war der gewichtige Frank Jamieson, der nach David Cameron als erster dem engen, stickigen Gefängnis entfloh.
In der Kutsche ertönte ein lautstarkes Gähnen des Goldgräbers, als die Mexikanerin mit ernstem Lächeln die Rechte David Camerons ergriff und nickend für seine Hilfe dankte. Sie schritt sofort auf die größte der Adobehütten zu, die ein schattenspendendes Vordach besaß. Aber unvermittelt hielt sie inne und blickte sich erschreckt um. Vor ihr waren zwei grinsende Männer aufgetaucht. Einer von ihnen hielt einen Revolver in der Hand, er blickte zu dem erstarrten Fahrer auf dem Bock hinauf und sagte mit rauer Stimme:
»Du machst es genau richtig, Mister. Bleib nur ruhig da sitzen und lass die Hände von deiner Flinte, dann kannst du alt und grau werden. Dies ist nichts weiter als ein Begrüßungskomitee für Big Dave, den großmächtigen Mr. David Cameron.«
Er kam auf Cameron zu, als ob er ihm die Revolvermündung in den Magen stoßen wollte, aber im letzten Moment wandte er sich zu dem Goldgräber, der sich ebenfalls durch den Wagenschlag gezwängt hatte, warf noch einen sichernden Blick ins Innere der Kutsche und fuhr dann mit befriedigtem Nicken fort:
»Das gilt auch für euch, Leute. Wer den Verdruss herausfordert, ist selbst schuld, wenn er ihn bekommt. Habt ihr das begriffen?«
Der vierschrötige Digger gab einen zustimmenden Grunzlaut von sich und blickte ziemlich gleichgültig drein.
»Und du, Langer?«, wandte sich der Bandit an Cameron.
Obgleich David Cameron noch nie so angeredet worden war, hatte die Bezeichnung bei seiner sehnigen Hagerkeit und seiner Größe von sechs Fuß und einem Zoll eine gewisse Berechtigung, besonders wenn man berücksichtigte, dass er den Banditen um gut einen Kopf überragte.
»Natürlich«, versetzte er mit eiserner Gelassenheit. »Ich behalte meine Chips immer in der Tasche, wenn es nicht mein Spiel ist.«
»Ein lobenswerter Grundsatz, Cowboy«, grinste der Bandit. »Dann können die Feierlichkeiten ja ihren Anfang nehmen.«
Er wandte sich seinem Kumpan und dem Burschen zu, der an der Ecke des Schuppens bei den Pferden stand, und gab ihnen einen Wink. Beide hatten jetzt ebenfalls ihre Revolver gezogen und gingen auf Frank Jamieson zu. Unwillkürlich zog der Viehaufkäufer den Kopf ein. Unter der verschmierten Staubschicht wurde sein Gesicht grau.
»Was — was soll das?«, keuchte er mit entsetzt aufgerissenen Augen. »Was wollt ihr von mir? Das ist ein Überfall!«
»Du merkst aber auch alles«, versetzte der größte der Burschen, ein knochiger Mann mit kantigem Gesicht, dessen hohle Wangen von dunklen Bartstoppeln bedeckt waren. »Willkommen im Jicarilla-Becken, Mr. David Cameron!«
Mit einer lässigen Bewegung griff er an seinen Hutrand und setzte ironisch hinzu: »Weil wir wissen, was wir einem großen Mann wie Big Dave schuldig sind, überbringen wir eine Einladung zu einem kleinen Ausflug im Sattel, Sir. Der Gaul steht schon für Sie bereit. Wenn Sie also freundlichst mitkommen wollten ...«
»Nein!«, zeterte Frank Jamieson schrill. Seine Fischaugen traten fast aus den Höhlen. »Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen! Das alles ist doch bloß ein Irrtum, eine Verwechslung!«
»Sicher«, erwiderte der knochige Desperado zynisch. »Sie sind gar nicht Big Dave Cameron, stimmt's?«
»Nein«, ächzte der Viehaufkäufer. »Das heißt natürlich, ja! Ich bin es wirklich nicht. Ich kenne nicht einmal einen Mann dieses Namens.«
»Das habe ich mir fast gedacht«, höhnte der Desperado. »Wir haben einfach einen Fehlgriff getan. Wahrscheinlich ist dieser Pilger mit der roten Nase und dem durchgeschwitzten Hemd dort drüben unser Mann. Oder vielleicht auch dieser hagere Hecht von einem Satteltramp.«
David Cameron fand es wenig schmeichelhaft, als Satteltramp angesehen zu werden, aber er grinste trotzdem zu dem Kerl hinüber.
»Vielleicht«, ächzte der Viehaufkäufer. »Wenn Sie mir doch nur glauben würden, dass ich ...«
»Wenn ich mir die beiden so anschaue«, fiel ihm der Bursche bissig ins Wort, »dann sieht wirklich jeder von ihnen so aus, als ob er ein Zeitungsherausgeber sein könnte.«
»Ein — ein Zeitungsherausgeber?«, stammelte Frank Jamieson. Zur Abwechslung lief sein Gesicht nun dunkel an, als ihm aufging, dass er zu allem Überfluss noch verspottet wurde.
»Yeah«, sagte der Stoppelbärtige grob, »damit hatten Sie wohl nicht gerechnet — dass wir so genau unterrichtet sind, meine ich. Und deshalb werden Sie auch einsehen, dass Sie sich Ihren Atem sparen können, Mr. David Cameron. — Los, klettern Sie endlich auf den Gaul, ehe wir anders mit Ihnen verfahren müssen!«
»Ich protestiere!«, stöhnte Frank Jamieson mit allmählich erlahmendem Widerspruch. »Ich bin trotzdem nicht der Mann, für den Sie mich halten. Dieser Fehlgriff wird Sie teuer zu stehen kommen, Mister ...«
Er verstummte, als ihm ein unmissverständlicher Wink gegeben wurde und sich zwei Revolvermündungen auf ihn richteten. Einen Moment lang sah es so aus, als ob er die Nerven verlieren und gleich in fassungsloses Schluchzen ausbrechen wollte, doch nach einem Blick auf die Señorita nahm er sich zusammen und stolperte in halbwegs würdiger Haltung zu dem bereitstehenden Gaul.
Der Stoppelbärtige und der Mann von der Ecke des Schuppens folgten ihm. Auch der Bursche, der David Cameron und den Goldgräber in Schach gehalten hatte, wandte sich ab. In diesem Moment handelte Cameron mit unbekümmerter Entschlossenheit.
Mit einer glatten, beinahe gemächlich wirkenden Bewegung zog er seinen 38er Webley-Scott-Revolver aus dem Halfter. Von der Seite her schmetterte Cameron den Lauf seines Achtunddreißigers quer über den Unterarm seines Bewachers. Der Kerl taumelte mit einem heiseren Schrei zurück, sein Colt klatschte in den Staub. Und noch ehe der Schrei verhallt war, sagte Cameron mit spröder, klirrender Stimme:
»Wer es noch härter haben will, der soll nur anfangen! Seid ganz brav, Leute, und lasst eure Eisen fallen! Mit einer Kugel zwischen den Schulterblättern hat sich noch kein Mann richtig wohlgefühlt.«
Die beiden Kerle waren erstarrt. Einer von ihnen hatte den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Nur Frank Jamieson fuhr herum und wollte ächzend zur Seite stolpern, als er sich mitten im Schussfeld einer möglichen Auseinandersetzung sah. In dieser Sekunde jedoch bewies der Stoppelbärtige seine Kaltblütigkeit.
»Stehenbleiben!«, fauchte er den schlotternden Viehaufkäufer an. »Rühren Sie sich nicht vom Fleck, Mister! — Zugegeben, dieser hagere Hecht hat uns übertölpelt, aber dafür haben wir Sie noch immer vor der Mündung. Er kann einen von uns erwischen, aber dem anderen bleibt immer noch genug Zeit, Ihnen die Quittung zu verpassen, Mr. Big Dave Cameron. Es war sehr geschickt von Ihnen, einen Revolvermann zu mieten, der sich unauffällig im Hintergrund hielt. Doch wie die Partie jetzt steht, wird es Ihnen trotzdem nicht viel nützen.«
Der Bursche hatte recht; solange er und sein Kumpan die Colts noch in den Händen hielten und den feisten Viehaufkäufer vor sich hatten, besaßen sie einen entscheidenden Trumpf. Cameron versuchte daraus rasch die Folgerungen zu ziehen, ehe die Lage noch gefährlicher wurde. Aber die Dinge nahmen einen anderen Verlauf.
Der Mann, den er auf den Unterarm geschlagen hatte, war mit schmerzverzerrtem Gesicht bis an die Seitenwand der Concord-Kutsche zurückgetaumelt. Ohne den Blick von den beiden anderen Kerlen zu nehmen, bückte sich Cameron und nahm den Colt vom Boden auf. Knackend legte er den Hahn dieser zweiten Waffe mit dem Daumen zurück, als der Verletzte keuchte:
»So eine Hinterhältigkeit! Mir hat er gesagt, dass er seine Chips in der Tasche behält, wenn es nicht sein Spiel ist!«
»Es ist mein Spiel«, versetzte Cameron mit einem harten Grinsen. »Ich bin David Cameron.«
Ein Blitzschlag aus heiterem Himmel hätte keine stärkere Wirkung verursachen können als diese Worte. Dem Pilger, der seinen Unterarm gegen die Brust presste, fiel die Kinnlade herab. Der Stoppelbärtige riss den Kopf herum, starrte über die Schulter zurück und würgte betroffen hervor:
»Das ist doch ein Witz — oder ein lausiger Bluff! Big Dave Cameron als Satteltramp — das ist doch ...«
»Ich habe nie behauptet, dass ich Big Dave bin«, schnitt ihm Cameron das Wort ab. »Ich bin bloß sein Sohn, der kleine David, der nicht nur mit Lettern und Druckerschwärze, sondern auch mit einem Revolver umzugehen weiß.«
Er ließ eine kurze Pause eintreten und setzte mit beißender Ironie hinzu: »Wenn es sein muss, sogar mit zweien. Wollt ihr es ausprobieren?«
Die Betroffenheit raubte den Männern zunächst die Sprache. Sogar der Stoppelbärtige musste sich zunächst räuspern, ehe er krächzend erwidern konnte:
»Und wer ist dann dieser protzige ..?«
»Er heißt Frank Jamieson und ist Viehaufkäufer«, ließ ihn Cameron gar nicht erst ausreden. »Ich habe nichts mit ihm zu schaffen.«
»Wir behalten ihn trotzdem als Geisel im Visier!«, knirschte der Knochige verbissen. »Er wird es auszubaden haben, wenn Sie uns jetzt ...«
»Verschwindet!«, entgegnete David Cameron hart. »Und vergesst lieber alle Tricks, sonst wird es euch leidtun!«
Als erster setzte sich der Stoppelbärtige in Bewegung. Er tat es vorsichtig und hielt seine Waffe dabei stets auf Frank Jamieson gerichtet. Mit der Linken griff er nach dem Sattelhorn, als er sich auf seinen Gaul schwang. Der Bursche mit dem verletzten Arm stolperte hinterher, und zuletzt folgte auch ihr dritter Kumpan. Es war beinahe grotesk, wie sie es vermieden, zu David Cameron hinüberzuschauen. Keiner traute sich, den Colt in diese Richtung zu wenden.
Schließlich war auch der Verletzte im Sattel. Dann dauerte es nur noch Sekunden, bis die Männer ihre Pferde herumgerissen hatten und hinter dem Schuppen verschwunden waren. Der Gaul, der für den vermeintlichen Big Dave Cameron bestimmt gewesen war, blieb bei dem eiligen Aufbruch zurück.
Der Kutscher auf dem Bock gab einen Seufzer von sich, als er endlich die Leinen um den Bremshebel schlang und über die Radnabe herabstieg. Der vierschrötige Goldgräber begann zu fluchen, und Frank Jamieson tappte zum Tränketrog, wo er sich ächzend auf der Kante niederließ.
»An Ihrer Stelle, Freund«, wandte sich David Cameron an den Fahrer, »würde ich jetzt nachsehen, ob diese Station wirklich ausgestorben ist. — Kannten Sie die Burschen eigentlich?«
Das Gesicht des Mannes verfinsterte sich. Anstelle einer Antwort zuckte er nur mit den Achseln und ging steifbeinig zu der Adobehütte mit dem Vordach.
»Señor«, sagte neben Cameron eine sanfte Frauenstimme, »Sie haben Anspruch auf unseren Dank. Ohne Ihr Eingreifen wäre diese Szene sicherlich weit schlimmer ausgegangen.«
Längst hatte David Cameron seinen Webley-Scott-Revolver ins Halfter zurückgeschoben. Nun steckte er auch den Colt des Banditen hinter den Gurt und zog den Hut. Das fehlerlose, akzentfreie Englisch der Frau überraschte ihn, doch ehe er etwas erwidern konnte, sagte vom Tränketrog her Frank Jamieson:
»Oder es wäre gar nicht erst so weit gekommen. Zum Teufel, Mister, warum haben Sie den Irrtum nicht sofort aufgeklärt?«
David Cameron verzichtete auf eine Entgegnung und verzog die Lippen zu einem dünnen Grinsen.
»Sind Sie wirklich ein Zeitungsmann, Mister?«, brummte der vierschrötige Goldgräber ungläubig. »Und ist Big Dave Cameron tatsächlich Ihr Vater?«
»Nachdem man mich offensichtlich erwartete, hätte es wenig Sinn, das jetzt noch zu leugnen«, gab Cameron spöttisch zurück. »Ich verstehe zwar nicht, warum Bruce Sanderson das alles ausgeplaudert hat, obwohl er zuvor so auf die Geheimhaltung bedacht war, aber ich muss mich wohl damit abfinden.«
»Big Dave Cameron«, murmelte der Digger beinahe ehrfürchtig. »Ich habe schon eine Menge von ihm gehört. Er ist der Herausgeber des ,Denver Mirror' und einer der einflussreichsten Männer von Colorado. Es heißt, dass er und General Denver es durchgesetzt haben, dass das Territorium demnächst als Bundesstaat in die Union aufgenommen werden soll.«
»Yeah«, erwiderte David Cameron und konnte den bitteren Unterton in seiner Stimme nicht ganz unterdrücken, »Sie sind gut informiert, Freund.«
Der Mann blinzelte ihn an.
»Ich war schon am Oberlauf des Platte, als Denver noch Cherry Creek hieß und nichts weiter war als ein verrücktes Goldgräbercamp am Rande der Rockies. Eine Zeitlang habe ich sogar zu General Denvers Ordnungstruppe gehört. Ich kann Ihnen versichern, ohne die Unterstützung des ,Mirror' hätte der alte Denver es nie geschafft, gewissen Burschen das Handwerk zu legen. Der General und Ihr Vater sind Freunde, nicht wahr? Und da Sie den Vornamen Ihres Vaters tragen, sind Sie demnach der älteste der Cameron-Jungs, wie?«
David Cameron spürte, dass hinter diesen eingehenden Fragen das Misstrauen steckte, und er musste sich eingestehen, dass dieses Misstrauen berechtigt war. Er sah wirklich nicht aus wie ein Zeitungsmann, schon gar nicht wie ein Sohn von Big Dave.
»Man könnte es meinen«, gab er ruhig zurück, »aber Sie täuschen sich, Mister ...«
»Phelps heiße ich«, murmelte der Digger. »Jeremy Phelps.«
Cameron nickte:
»Also gut, Mr. Phelps«. versetzte er, »dann haben Sie hier ein Beispiel, wohin die Hartnäckigkeit eines Mannes führen kann. Natürlich trug auch in unserer Familie der älteste Sohn den Vornamen des Vaters. Aber er starb im Alter von fünf Jahren an den Pocken. Das war kurz vor meiner Geburt. Und so wurde auch ich wieder auf den Namen von Big Dave getauft. Ich bin der jüngste der Cameron-Brüder. — Sind Sie jetzt endlich überzeugt, dass ich Sie nicht angelogen habe?«
Jeremy Phelps grinste verlegen.
»Big Dave ist wohl ein ziemlich harter Brocken, wie?«, ging er einer Antwort auf die peinliche Frage aus dem Weg.
»So kann man es auch nennen«, entgegnete David Cameron verschlossen. Dann wandte er sich der schlanken Mexikanerin zu und fuhr mit einem gespannten Lächeln fort: »Nachdem Sie auf diese Weise nicht nur meinen Namen, sondern sogar fast meinen Lebenslauf kennen, ist eine Vorstellung wohl überflüssig geworden, Señorita ...«
Offen und ohne Verlegenheit erwiderte die junge Frau seinen Blick.
»Ich bin Elena Delgado, Mr. Cameron«, sagte sie freimütig. »Meine Familie wohnt auf der Hazienda Alamosa im oberen Becken. Früher einmal gehörte den Delgados das ganze Jicarilla-Tal einschließlich des Plateaus und des Canyon-Landes mit der Bonanza-Schlucht.«
Cameron begriff, dass er in diesem selbstbewussten Mädchen keine Mexikanerin, sondern eine reinblütige Spanierin vor sich hatte. Gleichzeitig fühlte er, dass damit bereits ein Problem dieses Landes angeschnitten war. Man brauchte nur die säuerliche Miene von Jeremy Phelps zu sehen, um darüber Gewissheit zu erlangen. In wilden und gesetzlosen Goldgräbercamps wurde wenig Rücksicht darauf genommen, ob das Land, auf dem man sein Claim absteckte, nach altem spanischem Rechtsanspruch einem anderen zustand. Niemand erinnerte sich unter solchen Umständen gern daran, dass das westliche Drittel der Vereinigten Staaten bis weit ins 19. Jahrhundert eine spanische Kolonie gewesen war.
»Ich bin erfreut, Miss Delgado«, erwiderte David Cameron und deutete eine Verbeugung an.
Die Unterhaltung wurde durch die Rückkehr des Fahrers unterbrochen. Mit ihm kamen zwei Männer aus der Hütte, die sich die Gelenke rieben und deren Gesichter rote Streifen aufwiesen. Es war leicht zu erraten, dass es sich um den Stationsagenten und seinen Helfer handelte, die von den drei Burschen gefesselt und geknebelt worden waren. Offenbar hatte der Fahrer ihnen bereits einen Wink gegeben, denn sie gingen mürrisch und wortlos zum Korral, um das frische Gespann für die Postkutsche zusammenzustellen. Auch sie schienen nicht die geringste Lust zu verspüren, sich über die drei Männer zu äußern. Gerade das jedoch war für David Cameron von besonderem Interesse.
Er betrachtete den Kastanienbraunen mit den weißen Strümpfen an den Vorderfesseln, der für ihn bestimmt gewesen war und den die Männer bei ihrem überstürzten Aufbruch zurückgelassen hatten. Das Tier machte einen ausgezeichneten Eindruck; es war hochbeinig, dabei aber von kraftvollem, ausgewogenem Körperbau. Ein Brandzeichen trug es allerdings nicht, und gerade darauf wäre es David Cameron angekommen. Nachdem er auch den Sattel gemustert hatte, wandte er sich wieder Elena Delgado zu.
»Dieses Pferd ist Ihnen nicht zufällig schon einmal begegnet, Miss?«
Elena Delgado ordnete ihre schwarze Spitzenmantilla.
»Es gibt viele braune Pferde im Jicarilla-Becken«, antwortete sie ausweichend.
»Und diese drei Burschen waren Ihnen auch nicht bekannt?«
Ihr elfenbeinfarbener Teint wurde etwas dunkler.
»Sie kamen mir irgendwie bekannt vor, aber im Augenblick kann ich mich nicht erinnern«, erwiderte sie mit zuckenden Mundwinkeln.