H.C. Hollister 5 - Western - H.C. Hollister - E-Book

H.C. Hollister 5 - Western E-Book

H. C. Hollister

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Beschreibung

Johnny Starr aus Texas hat 3000 Rinder zum Powder River zu bringen. Bei einem Flussübergang raubt ihm ein schmieriger Banditen-Chef die Herde und entführt die von Johnny heimlich geliebte Tochter des Ranchers. Lodernd vor Wut entwirft der junge Treibherdenboss einen Plan zum Angriff. Das Felsengewirr der Rattlesnake Mountains wird zum Schauplatz des letzten Kampfes. Dort vermischt sich das Donnern von tausenden Rinderhufen mit dem Aufbellen der Colts und den Todesschreien der Getroffenen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 157




Inhalt

Cover

Impressum

HÖLLENTRAIL

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Ertugrul Edirne/Becker-Illustrators

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-9591-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

»Es gibt heute eigentlich zu viele Autoren, die angeblich so schreiben, wie der Wilde Westen wirklich war. Wenn man dann näher hinschaut, entdeckt man doch nur zu oft ein verfälschtes Bild, Klischee und Schablone. In jedem meiner Romane versuche ich bis auf den Grund einer historisch echten Darstellung vorzudringen. Der grandiose Stoff zwingt mich einfach dazu.«

H.C. Hollister, Mitte der 1960-er Jahre

HÖLLENTRAIL

Johnny Starr aus Texas hat 3000 Rinder zum Powder River zu bringen. Bei einem Flussübergang raubt ihm ein schmieriger Banditen-Chef die Herde und entführt die von Johnny heimlich geliebte Tochter des Ranchers.

Lodernd vor Wut entwirft der junge Treibherdenboss einen Plan zum Angriff.

Das Felsengewirr der Rattlesnake Mountains wird zum Schauplatz des letzten Kampfes. Dort vermischt sich das Donnern von tausenden Rinderhufen mit dem Aufbellen der Colts und den Todesschreien der Getroffenen …

Als Johnny Starr die seltsamen Töne hört, steckt er sich zwei Finger in die Ohren und rüttelt sie kräftig. »Popp« macht es, als er sie wieder herauszieht, aber die Töne sind immer noch da. Sie werden sogar immer lauter.

Johnny lenkt seinen Rappen in die Büsche und wartet.

Und dann sieht er einen scharfgesichtigen und lederhäutigen Burschen um eine Biegung des Weges geritten kommen.

Der Mann sitzt auf einem hageren Pferd und bläst einen Dudelsack. Jawohl, einen Dudelsack!

Spottsucht blitzt bei diesem Anblick in Johnnys hellen Augen auf. Lautlos lacht er vor sich hin. Dann verhält er sich so still wie ein lauernder Wolf. Er lässt den Reiter herankommen.

Plötzlich geht sein belustigtes Lachen in ein Grinsen der Anerkennung über, denn schattenhaft gleitet der Reiter vom Pferd. Der Dudelsack ist verschwunden. An seiner Stelle wirbelt der hagere Bursche einen ausgewachsenen Colt in seiner Hand und richtet ihn auf das Gebüsch, in dem sich Johnny versteckt. »Komm raus da, Fellow! Ich möchte deine Figur mal aus der Nähe betrachten!«

Ein leises, sonores Lachen erklingt aus dem Gebüsch. Dann schiebt sich der Kopf des Rappen durch die Büsche. Johnny lenkt sein Pferd auf den Weg.

Der Mann tritt hinter seinem Pferd hervor, hält aber unverwandt die Mündung seiner Waffe auf Johnny gerichtet. »Wolltest du in den Büschen geschäftlich auf mich warten?«, grinst er Johnny an.

Ein offenes, gewinnendes Lachen breitet sich in dessen Gesicht aus. Offensichtlich erheitert blickt er auf seinen Bezwinger hinab.

»Falls du die Art von Geschäften meinst, die man mit dem Revolver in der Hand erledigt, dann irrst du dich. Meine Kanonen sind nicht aus dem Halfter gekommen.«

Verwundert schüttelt der Fremde den Kopf.

»Ich weiß, dass ich ein komischer Vogel bin, aber ich glaube, dass du mir nicht nachstehst, Fremder! Jetzt erzähle, warum du auf mich gewartet hast!«

Johnny greift zur Hüfte. Eine drohende Bewegung des Coltlaufs tut er mit einer lässigen, beruhigenden Handbewegung ab. Er greift unter seine Lederchaps und angelt in der Hosentasche. Schließlich kommt seine Hand wieder zum Vorschein. Sie hält … eine Mundharmonika!

»Yeah, so ist das. Ich bin Musikliebhaber, Fellow. Dein Konzert hat mich angelockt, so wie ein verirrtes Maverick die Wölfe. So was Herrliches habe ich schon lange nicht mehr gehört. Jetzt zufrieden, Cowboy?«

Der Fremde lässt seinen Colt einmal um den Zeigefinger rotieren und steckt ihn ins Halfter. Dann fasst er seinen Dudelsack, der ihm unter dem linken Arm hervorzurutschen droht und schwingt sich in den Sattel.

»Bei mir nach Dollars zu suchen, wäre auch eine brotlose Kunst.« Er greift ebenfalls zur Hosentasche und lässt ein paar Münzen darin klimpern. »Zwei Dollar sechzig, das ist der Rest eines fürstlichen Vermögens …, das reicht nicht lange. Es bleibt nur eine einzige Möglichkeit: Ich muss mal wieder arbeiten.«

Bei seinen Worten hat der Reiter Johnny nicht aus den Augen gelassen, der einige Tabakkrümel aus seiner Mundharmonika klopft und probeweise hineinpustet. Sein selbstsicheres Auftreten gefällt ihm. Er kennt diese Sorte einsamer Wölfe und mustert Johnny von Kopf bis Fuß.

»Hhmm, echte Cordoba-Stiefel, handgearbeitet«, kann sich der Reiter nicht enthalten zu murmeln, als er auf Johnnys prachtvolle Stiefel schaut.

»Weißt du, Boy, das ist nur wegen meiner Hühneraugen«, beginnt Johnny sofort zu flaxen. »Die üblichen Stiefel bringen mich immer zur Verzweiflung.«

»Well, und goldbeschlagene Halfter trägst du sicher wegen deiner Nieren, damit sie schön warm sitzen?«, fährt der Fremde fort, als er Johnnys dunkelbraunen Waffengurt mustert, aus dessen Futteralen die mattblau schimmernden und mit Elfenbein eingelegten Kolben zweier achtunddreißiger Navy-Colts hervorragen.

»Ach wo, das ist ein Erbstück meines seligen Onkels Nathan. Der hatte ’ne Schwäche für prächtige Halfter und ließ sich deshalb aus zehn goldenen Zwanzig-Dollar-Stücken den Beschlag anfertigen. Ich gebe ja zu, dass sie ein bisschen protzig wirken, aber ich kann mich nicht von ihnen trennen.« Während des Sprechens hat Johnny spielerisch den linken Colt gezogen, ihn dreimal durch die Luft wirbeln lassen, und im Bruchteil einer Sekunde sitzt die Waffe wieder in ihrem Futteral.

Der fremde Reiter nickt anerkennend. »Erstaunlich schnell! Dein Onkel Nathan scheint was von der Sache verstanden zu haben.«

Gemeinsam setzen sie ihren Weg fort. Sie reiten in eine flache Senke hinab, in der sich einige Meilen voraus die Umrisse von Rock Springs, einer Stadt des Green-River-Beckens, abzeichnen.

»Ich bin Jim McAllister«, setzt der Fremde die unterbrochene Unterhaltung fort. Dabei schaut er seinen Begleiter abwartend an.

»Ich hatte mir schon gedacht, dass du ’n Schotte bist.«

Dann versinkt der dunkelhaarige und sonnengebräunte Johnny wieder in Schweigen. Erbost blinzelt Jim ihn an: »Und du heißt wohl Joe Nobody?«

»Ich bin Johnny Starr aus Texas.«

»Aha, und du bist wohl auch ein Satteltramp, so wie ich, was?«

»So ähnlich«, nickt Johnny Starr. »Ich suche einen anständigen Job.«

Auf eine Antwort wartet er dann vergeblich. Jim hat stattdessen das Mundstück seines Dudelsacks zwischen die Lippen geklemmt und pustet so lange, bis sich der Luftsack unter seinem Arm wieder füllt. Mit dem Druck seines linken Ellenbogens bringt er die ersten quietschenden Laute hervor. Schließlich geht er zu einer Melodie über, die auch Johnny Starr wohlbekannt ist. »Old Kentucky Home« klingt zwar auf dem Dudelsack etwas ungewöhnlich, aber Johnny hat schon nach ein paar Tönen das Lied erkannt und stimmt mit seiner Mundharmonika ein.

Jims und Johnnys Eintreffen in der Stadt fällt gerade zusammen mit dem Aufbruch einer Gruppe von Männern, die aus dem Cattleman-Saloon herauskommen. Es sind fünf Männer, deren Aussehen ihren Beruf unschwer erraten lässt: Cowboys, Rancher oder Viehtreiber, die mit lautem Hallo in die Sättel steigen. Johnny beobachtet einen schweren, massigen Kerl, der der Anführer des Rudels zu sein scheint. Dieser Mann ist ein Geck! Seine ganze Erscheinung ist wie geleckt. »Ein Bilderbuch-Cowboy«, denkt Johnny gerade, da wird er fast aus dem Sattel gestoßen.

Jim McAllisters Jenny bäumt sich erschreckt auf und rammt Johnnys Wallach in die Seite, dass er strauchelt. Der Grund für dieses plötzliche Manöver ist ein hochrädriger Flachwagen, der in unverschämtem Tempo um eine Ecke schleudert. Ein junger, vielleicht sechzehnjähriger Bursche stemmt die Beine gegen die Bodenbretter des Fahrersitzes und zügelt die schnaubenden Pferde. Vor dem Saloon bringt er den Wagen zum Stehen. Gerade will Jim zu einem unverblümten Fluch ansetzen, da hört man die helle Stimme des Jungen, der den Anführer des Reiterrudels anschreit.

»Glauben Sie nicht, dass ich nicht wüsste, wem mein Vater das Blei in seinem Bein zu verdanken hat, Wynn! Ich werde es in alle Winde schreien, dass Sie dieser Bastard gewesen sind; eines Tages schieße ich Sie dafür über den Haufen, genauso hinterhältig, wie Sie es mit Pa getan haben.«

Der Körper des Jungen scheint vor Erregung zu beben. Mit hasserfüllten Augen funkelt er sein Gegenüber an, das spöttisch lächelnd im Sattel sitzt und die Hände übereinander auf das Sattelhorn stützt.

»Sie mögen jetzt noch lachen, Hiram Wynn. Aber Sie täuschen sich, wenn Sie annehmen, dass Sie allein die Trümpfe des Spiels in der Hand haben. Wir werden den Armee-Kontrakt erfüllen, auch ohne Pa. Und dann weisen wir Ihnen eines Tages nach, dass Sie oder einer von Ihren Revolverschwingern der heimtückische Schütze war.«

Die Rechte des Jungen hält die lange Peitsche umklammert, so dass die Handknöchel weiß hervortreten. Johnny blickt seinen Sattelgefährten an, so, als ob er ihn fragen wollte, ob dieser sich schon einen Reim auf diese Sache machen könne, aber Jim hebt nur etwas hilflos die Schultern.

In diesem Augenblick scheinen aufgespeicherter Zorn und Rachsucht in dem Jungen die Oberhand gewonnen zu haben. Wie eine gefährliche Schlange zischt die lange lederne Peitschenschnur durch die Luft, und ihr Ende landet mit einem scharfen Knall in Wynns Gesicht.

Der Schlag kam zu überraschend, als dass Wynn auch nur die Hand zur Abwehr hätte erheben können. Jetzt ziert eine feuerrote Schmarre sein Gesicht vom Kinn bis hinauf zur rechten Schläfe.

Wieder pfeift die Peitsche heran, aber diesmal hat Wynn schneller reagiert. Er packt die Peitschenschnur, die sich durch ihren eigenen Schwung mehrfach um seine Hand schlingt. Dann gibt es einen verzweifelten Ruck, und der Junge stürzt vom Wagenbock herab in den Straßenstaub. Er lässt den Stiel der Peitsche endlich fahren und rappelt sich hinkend wieder hoch. Da erst sehen Johnny und Jim die Flut glänzender dunkelblonder Haare, die diesem vermeintlichen Jungen auf die Schultern rollt, nachdem er seinen Sombrero beim Sturz verloren hat. Es handelt sich um ein Mädchen! Mit einem Schenkeldruck treibt Wynn seinen Gaul dicht vor das Mädchen hin, das keinen Zoll zurückweicht und es unerschrocken erträgt, dass das Pferd ihm ins Gesicht schnaubt.

»Billie Kent! Ich sollte dir mit gleicher Münze heimzahlen, was du gerade gemacht hast, du verdammte Pantherkatze. Viel zu lange habe ich euch verfluchtes Kent-Gesindel auf der Weide geduldet. Jetzt werde ich ernst machen, und mit dir fange ich an.«

Wynn lenkt sein Pferd seitlich an Billie vorbei und beugt sich aus dem Sattel. Er greift nach ihr. Blitzschnell zuckt Billies kleiner Stiefel vor und trifft das Pferd vor die Fessel. Im selben Moment, in dem das erschreckte Tier steigt, ergreift sie die herabgestreckte Hand Wynns und zerrt ihn mit einem schnellen Ruck vom Pferd. Dann macht sie einen Satz zurück und springt wieder auf ihren Wagen. Sie ergreift die Zügel und will ihre Pferde anspornen, aber einer von Wynns Reitern hat seinen Gaul quer vor das Gespann gelenkt und verhindert ihre Abfahrt im letzten Augenblick. Mit ohnmächtigem Zorn blickt Billie, die ihrer Peitsche beraubt ist, auf den Reiter.

Wynn steht inzwischen wieder auf den Beinen. Er presst den Ellenbogen auf die Rippen, die bei dem Sturz vom Pferd in Mitleidenschaft gezogen wurden.

»Jetzt werde ich es dir zeigen, du Kanaille!«

Er macht zwei Schritte auf den Wagen zu und ist im Begriff, ebenfalls hinaufzusteigen. Seine Reiter, die sich bisher zurückgehalten haben, nehmen den Wagen in ihre Mitte und verlegen Billie Kent jeden Ausweg.

»Wir möchten bei eurem Gesellschaftsspiel mitmachen«, lässt eine eiskalte Stimme in ihrem Rücken sie plötzlich zusammenfahren. Auch Hiram Wynn stutzt und blickt auf Johnny, der sich so ins Spiel einbringt.

»Sie sollten sich besser nicht einmischen, Sonny! Dies ist mein Spiel, und ich verteile die Trümpfe.«

»Wirklich?«

Johnnys Stimme ist sanft und gedehnt, aber seine linke Hand, die direkt hinter seinem Revolverkolben liegt, spricht eine andere Sprache. Jim hat für eine Sekunde sprachlos den Mund aufgerissen, als er die selbstverständliche Frechheit sieht, mit der sein Gefährte sich mit fünf Reitern anlegt. Er weiß nicht, ob es die Sympathie für seinen Sattelgefährten oder nur das Gefühl ist, mit ihm im gleichen Kahn zu sitzen, das ihn plötzlich seine Hand auf seine Waffe legen lässt. Irgendwie muss es wohl auch jene Ritterlichkeit sein, die den rauen Männern dieses frauenarmen Landes jedem weiblichen Wesen gegenüber eigen ist – wenn es nicht gerade solche Bastarde sind, wie es ihre fünf Gegner zu sein scheinen.

»Yeah«, schließt er sich dann Johnny an, »sind Sie wirklich der einzige, der in diesem Spiel die Trümpfe austeilt, Großkopf?«

»Gebt es ihnen, Jungs!«, geifert Wynn in sinnloser Wut und verstummt dann mitten im Satz. Seine Augen sind verkniffen auf das kleine schwarze Loch gerichtet, das plötzlich unverwandt auf seine Nasenwurzel zu zeigen scheint. Er hat die Handbewegung nicht gesehen, mit der Johnny schattenhaft seine Waffe in Anschlag gebracht hat.

»Jetzt ist das Spiel wieder ausgeglichen, Mister. Ihre Burschen könnten mich sicher erwischen, aber vorher erwische ich Sie! Ist das klar? Wenn Sie jetzt noch gewinnen wollen, müssen Sie schon einen Trumpf aus dem Ärmel holen.« Mit einem schnellen Seitenblick auf Jim McAllister, der nun ebenfalls seinen langläufigen Colt gezogen hat, fährt er fort: »Verscheuche diese Knaben vom Wagen, Partner, und bringe die Miss außer Schussweite! Ich möchte dieser Figur in Damengesellschaft nicht gern ein Loch ins Gehirn blasen.«

Mit abwartenden Gesichtern sitzen Wynns Burschen im Sattel. Sie kennen diesen lockeren, lässigen Griff, mit dem Johnny Starr den Colt auf ihren Boss gerichtet hält. Es ist die unnachahmliche Leichtigkeit im Hantieren mit der Waffe, wie sie nur den Assen im Revolverkampf eigen ist, die mit einem schnellen Schuss den Vogel aus der Luft holen können.

Erst als Jim sich mit seinem Pferd zum Wagen drängt und dabei einen Augenblick zwischen Johnny und einem der Burschen durchreitet, fühlt sich dieser unbeobachtet und reißt den Revolver heraus. Der hagere Schotte lässt den Lauf seiner schweren Waffe erbarmungslos auf das Handgelenk des Reiters herabschmettern, der einen Schrei ausstößt und die Hand unter die Achsel klemmt. Jim verzieht im Vorbeireiten seinen schmalen Mund zu einem spärlichen Grinsen.

»Du bist viel zu hastig, Freundchen.«

Dann ist er neben dem Wagensitz. Der Kerl, der sein Pferd vor das Gespann gelenkt hat, kann seinem auffordernden Wink mit dem Revolver nicht widerstehen. Er reitet zur Seite.

»Let’s go!«

Mit diesen lakonischen Worten klatscht Jim einem der Gespannpferde auf die Hinterhand. Der Wagen ruckt an und rollt davon. Nur einen einzigen Blick aus graugrünen Augen kann Johnny noch auffangen, dann wendet sich das Mädchen den Pferden zu und verschwindet zusammen mit Jim hinter einer Biegung der Hauptstraße.

Folgsam wie ein Lamm drängt der Wallach unter seinem Schenkeldruck einige Schritte rückwärts. Johnny lässt seinen Gegner nicht aus den Augen. Er weiß, dass er mit ihm auch seine Mannschaft in der Hand hat. Er verstaut die Mundharmonika, die er immer noch in der Rechten hält, in der Brusttasche seines Hemdes.

»Well, ich habe jetzt beide Hände frei, falls einer der Gentlemen es doch noch versuchen möchte.«

Es ist der leichte, schwingende Unterton in seiner Stimme, der Hiram Wynn vom ersten Augenblick an irritiert hat. Jetzt muss er endlich Luft ablassen, damit er nicht im nächsten Augenblick explodiert.

»Sie … Sie aufgeblasener Satteltramp! Es wird der Tag kommen, da wir uns wieder begegnen, und diesen Tag werden Sie bis an das Ende Ihrer Tage verfluchen, denn ich werde Sie über einem offenen Feuer langsam rösten, bis Sie auf die Hälfte Ihrer Größe zusammengeschrumpft sind, Mann!«

Bestätigend nickt Johnny Starr mit dem Kopf.

»Nur weiter so, Bruder. Für einen Mann, den ich vor dem Lauf habe, machen Sie Ihr Maul mächtig weit auf. Hoffentlich verlieren Sie bis zum Tage unseres Wiedersehens nicht zu viel von Ihrem Überdruck. Es wäre schade um diese herrliche Wut, die Sie in Ihrem Bauch haben. So long!«

☆☆☆

»Ich will Ihnen nicht allzu viel Hoffnung machen, Miss Kate. Wenn nicht der Brand in die Wunde kommt, kann ich das Bein Ihres Vaters bestimmt retten. Sie werden sich aber damit abfinden müssen, dass das Kniegelenk steif bleibt. Diese verdammten Fünfundvierziger-Bleigeschosse zermalmen jeden Knochen. Es wird mindestens drei Monate dauern, bis der Knochen soweit verheilt und gefestigt ist, dass Ihr Vater wieder gehen kann.«

Aufschluchzend drückt das gertenschlanke Mädchen ein Taschentuch an ihre geröteten Augen. Doc Mulligan, ein kleiner, kugelrunder Mann, überzeugt sich, dass sie auf der Veranda des Ranchhauses unbeobachtet sind. Dann legt er begütigend seine Hand auf den Unterarm des Mädchens.

»Sie müssen jetzt tapfer sein, Mädel. Es hätte viel schlimmer kommen können. Wenn mich nicht alles täuscht, ist Ihnen Harley Dickinson doch nicht unsympathisch. Heiraten Sie, Miss Kate! Je eher, desto besser. Dickinson wäre der geeignete Mann, um neben seiner eigenen Ranch auch noch die Verwaltung der Fork-Ranch zu übernehmen. Sie werden in der nächsten Zeit einen starken Mann brauchen können.«

Mulligan bricht ab und schaut zur Verandaecke hinüber, um die mit sporenklirrenden Schritten ein breitschultriger Mann herankommt. Er nimmt den Hut ab und dreht ihn nervös zwischen den Händen, bevor er endlich zum Sprechen ansetzt.

»Es tut uns allen schrecklich leid, Miss Kate. Die Jungs sind ganz wild darauf, den Burschen zu erwischen, der Ihren Vater angeschossen hat. Wir … werden Sie bestimmt nicht im Stich lassen.«

»Danke, Brian! Ich weiß, dass es anständige und treue Burschen sind. Sag ihnen, dass ich euch allen danke.« Kate Kent überlegt einen Augenblick, dann fragt sie: »Haben Sie nicht gesehen, wo Billie ist, Brian? Ich habe sie seit über einer Stunde nicht mehr zu Gesicht bekommen.«

Verdutzt blickt der Vormann die Tochter des Ranchers an.

»Haben Sie sie denn nicht weggeschickt, Miss Kate? Sie ist vor einiger Zeit mit dem Wagen in Richtung Stadt losgefahren. Ich glaubte, dass sie für den Doc etwas zu besorgen hätte.«

Kate stampft zornig mit dem Fuß auf den Boden. Sie zerknüllt ihr Taschentuch in den Händen.

»Schicken Sie schnell einen von den Boys hinterher, Brian! Sicher hat sie wieder eine Teufelei im Kopf, da sie so heimlich weggefahren ist. Es ist schrecklich mit ihr. Immer stellt sie irgendetwas Dummes an, wenn man nicht auf sie aufpasst wie ein Schießhund.«

Die letzten Worte hat Kate fast zu sich selbst gesprochen. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie eine schwere Aufgabe übernommen. Als die ältere von beiden Töchtern hat sie die Leitung des Haushalts auf sich nehmen müssen.

Brian Donelly, der Vormann, geht über den Hof und führt kurz darauf das Pferd mit dem leichten Buggy des Doktors vor die Veranda.

»Ich werde Lew gleich losschicken, Miss Kate, damit er mal nach Billie Ausschau hält.«

Doc Mulligan wendet sich wieder dem Mädchen zu.

»Meinen Sie, dass das noch nötig sein wird, Miss Kate? Ich fahre jetzt nach Rock Springs. Da will ich mich gern nach Billie umschauen. Sie ist doch fast erwachsen; ich glaube nicht, dass Sie sich irgendwelche Sorgen machen müssen.«

Kate Kent will eben zu einer Erwiderung ansetzen, da lauscht sie auf einmal. Es sind eigenartige Töne, die der Wind abgerissen zu ihnen herüberträgt. Jetzt vernehmen Mulligan und Brian Donelly sie auch.

Und dann sehen sie, was los ist. Durch das Ranchtor, das etwa hundertfünfzig Yards entfernt ist und an dessen Querbalken ein bleicher Büffelschädel mit kurzen, gekrümmten Hörnern befestigt ist, biegt der Wagen, der von Billie gelenkt wird. Rechts und links wird er von je einem Reiter flankiert. Es sind Johnny Starr und Jim McAllister. Letzterer hat seinen Dudelsack unter den Arm geklemmt und bläst munter drauflos, während Johnny sich mit der Mundharmonika bemüht, Jims eigenartigen Takt einzuhalten.