Tom Prox 62 - Western - Alex Robby - E-Book

Tom Prox 62 - Western E-Book

Alex Robby

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Beschreibung

Der verstoßene Sohn - dieses Bild ist natürlich auch Tom Prox aus der Bibel bekannt. Als ihn Buck Colman, Sheriff von Kerrys Village, aber wegen einer Reihe ungeklärter Todesfälle zu Hilfe ruft, wird der Captain der Ghost Squad plötzlich mit einer von ihrem mittlerweile verstorbenen Vater verstoßenen Tochter konfrontiert. Noch dazu ficht Duane Talbot mit ihrer Schwester Eve einen klassischen "Kain und Abel"-Geschwisterkonflikt aus, bei dem Duane wohl die Rolle des Kain zukommt. Je mehr sich unser Held aber in diesen Fall verbeißt, in dem auch die naive Angst vor den Prophezeiungen selbsternannter Wunderheiler eine entscheidende Rolle spielt, desto undurchsichtiger wird das Beziehungsgeflecht aller Beteiligten. Und plötzlich ist überhaupt nicht mehr klar, wer tatsächlich in Lebensgefahr schwebt ...

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Seitenzahl: 108

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Inhalt

Cover

Eine starke Pille

Vorschau

Kleines Wildwest-Lexikon

Aus dem Wilden Westen

Impressum

Eine starke Pille

Von Alex Robby

Der verlorene Sohn – dieses Gleichnis aus der Bibel ist natürlich auch Tom Prox bekannt. Als ihn Buck Colman, Sheriff im südtexanischen Kerrys Village, aber wegen einer Reihe ungeklärter Todesfälle zu Hilfe ruft, wird der Captain der Ghost Squad plötzlich mit einer von ihrem mittlerweile verstorbenen Vater verstoßenen Tochter konfrontiert. Noch dazu ficht Duane Talbot mit ihrer Schwester Eve einen klassischen »Kain und Abel«-Geschwisterkonflikt aus, bei dem Duane wohl die Rolle des Kain zukommt.

Je mehr sich unser Held aber in diesen Fall verbeißt, in dem auch die naive Angst vor den Prophezeiungen selbsternannter Wunderheiler eine entscheidende Rolle spielt, desto undurchsichtiger wird das Beziehungsgeflecht aller Beteiligten. Und plötzlich ist überhaupt nicht mehr klar, wer tatsächlich in Lebensgefahr schwebt ...

Der Reiter, der seinen Gaul vorsichtig in eine abseits des Weges gelegene Talmulde lenkte, sah abgerissen aus. Die aus roh gegerbtem Leder gefertigte Kleidung wies mehrere Löcher und ausgerissene Nähte auf. Das Sattelzeug des hochbeinigen, mageren Gauls war brüchig und verbraucht.

Der Mann mochte gut an die Fünfzig sein. Das von einem schwarzen, rund geschnittenen Backenbart umrahmte Gesicht war faltig und wenig vertrauenerweckend. Nur der auf der rechten Brustseite befestigte Sheriffstern deutete darauf hin, dass sein Träger kein Strauchritter oder Viehdieb sein konnte.

Mitten in der Senke verhielt er sein Tier und blickte sich erwartungsvoll um. Aber alles lag öde und still.

Der Reiter schien enttäuscht. Er murmelte halblaut vor sich hin und wendete den Gaul. Er wollte ihm gerade die Sporen geben, als es leicht in den Büschen knackte. Wie der Blitz fuhr seine Hand an den abgewetzten Coltkolben.

»Nur nicht nervös werden, Sheriff Colman«, mahnte eine lachende Stimme. Ein jüngerer Mensch zwängte sich durch das Gebüsch. Er hatte ein offenes, fröhliches Gesicht und lustig blinzelnde Augen.

Der Unterschied zwischen den beiden war wie Tag und Nacht. Der Mann, der ruhig an das schnaubende Pferd herantrat, trug die in Südtexas übliche Reitkleidung. Sie war auffällig gepflegt, und das grellbunte, dreieckige Halstuch schien soeben frisch aus der Wäsche gekommen zu sein. Die Silberbeschläge der tief in den Halftern hängenden Colts glänzten genauso hell wie die Sporen. Und selbst die hohen, gelben Reitstiefel waren frei von Staub.

»Sie sind der Captain der Ghost Squad?«, fragte Sheriff Colman unliebenswürdig. Das Misstrauen wich nicht aus seinem hageren, braun gebrannten Gesicht. »Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt.« Sein Blick glitt aufmerksam über das lachende Gesicht unter dem wirren, dunklen Haarschopf vor ihm.

»Weiß der Teufel, was sind die Menschen doch hierzulande in letzter Zeit misstrauisch gegen Fremde«, schimpfte Tom Prox. Er ließ eine kleine Silbermünze in seiner Hand aufblitzen. »Genügt Ihnen das, Colman, oder wollen Sie auch noch den Ausweis und mich mit dem Lichtbild vergleichen?«

»Denke, das geht auch so«, brummte der Sheriff übellaunig. Er schwang sich aus dem Sattel und streifte dem Gaul den Zügel über den Kopf. »Ich dachte schon, ich hätte den weiten Ritt von Kerrys Village nach hier umsonst gemacht.« Er wurde jetzt merklich zugänglicher und schüttelte dem Ghostchef die Hand. »Sie haben also mein Schreiben bekommen?«

»Wäre ich denn sonst hier? Da Sie die Worte: ,Vorsicht! – Streng geheim!' auch noch dreimal dick rot unterstrichen haben, hielt ich diesmal entgegen meiner sonstigen Gewohnheit den Mund«, antwortete Tom Prox spottend.

»Ich meinte es nicht so, Captain.« Der Sheriff grinste breit. Es war eine Grimasse, die wohl so etwas wie ein freundliches Lächeln andeuten sollte, die tatsächlich aber eher eine verteufelte Ähnlichkeit mit der Fratze eines erbosten Affen hatte.

»Glauben Sie an Zauberei, Colman?«, begann der Ghostchef ohne Übergang das Gespräch, nachdem sie es sich beide wortlos im Schatten einer Hecke bequem gemacht hatten.

»Unsinn!« Der Sheriff schüttelte energisch den Kopf. »Wenn ich das täte, hätte ich Sie doch nicht benachrichtigt. Aber die anderen tun es. Das ist die Geschichte.«

»Welche anderen?«

»Alle Boys in Kerrys Village und die Weiber dazu. Der Doc macht natürlich eine Ausnahme. Der glaubt höchstens an den Teufel. Er hat es mir auch eingeredet, Sie zu benachrichtigen. Es müsste aber ganz geheim geschehen, hat er gesagt. Es dürfte keiner Wind davon bekommen, vor allem nicht die Boys von der ›Glück und Segen‹-Ranch. Die wagen, seitdem die Geschichte losgegangen ist, nicht einmal ihren Job auf der Ranch aufzugeben, so gern sie's auch täten. Und das will bei dieser harten Sorte schon was heißen. Manche haben sich sogar das Fluchen abgewöhnt – was kein Fehler ist.« Colman stieß ein Grunzen aus, was bei ihm wohl ein Lachen bedeutete.

»Nun mal der Reihe nach, Sheriff!«, mahnte der Ghostchef. »Sie schrieben mir zwar recht ausführlich, aber es wird trotzdem das Beste sein, wenn Sie mir die Story noch einmal genau erzählen.«

Er musterte den Mann, der sich in Eifer geredet hatte, verstohlen. Mit dem ausführlichen Schreiben war es im Übrigen so eine Sache gewesen, so richtig war er aus dem wirren Durcheinander nicht schlau geworden.

»Die Sache ging gleich nach dem Tod von Lloyd Talbot los«, erklärte der Sheriff düster. »Genauer gesagt, nachdem Duane zurückkam, weil doch der Alte tot war.«

»Aah.« Tom Prox nickte verständnisvoll, obwohl er keinen Schimmer hatte, worauf der Sheriff hinauswollte »Duane ist demnach die Erbin des Ranchers Talbot? Wenn ich nicht irre, schrieben Sie so etwas.«

»Da muss ich mich doch verdammt unklar ausgedrückt haben, wenn Sie das herausgelesen haben«, grollte Colman ärgerlich. »Nicht die Duane, sondern die Eve hat doch die Ranch geerbt. Ein verdammt stattliches Erbe übrigens. Die ,Glück und Segen' ist die größte Rinder-Ranch in Texas. Sie halten gut an die zehntausend Stück Vieh, Jungtiere und Gäule nicht mitgerechnet. Ganz Kerrys Village lebt von der Ranch, das heißt, es lebte davon, denn seitdem ...«

»Demnach ist Eve also die Witwe des verstorbenen Ranchers«, unterbrach ihn Tom Prox.

»No! Sie ist die andere Tochter, die jüngere.« Eve ist die Erbin, weil doch die Duane ... na ja, der Alte schmiss sie damals raus. Wusste wohl auch warum.«

»Seltsam. Talbot hatte zwei Töchter und enterbte die eine? Das verstehe ich nicht.«

»Können Sie auch nicht, weil Sie die Umstände nicht kennen, Sir. Talbot war so was wie ein Puritaner, wenn Sie wissen, was das ist. – Haben Sie schon mal was vom verlorenen Sohn gehört?« Er sah den Ghostchef mit zusammengekniffenen Augen vielsagend an. »Na, die Duane war eben solch eine Tochter! Kehrte aber zu Lebzeiten ihres Daddy nicht in seine Arme zurück, sondern trieb sich als loses Mädchen in den Südamerika herum, ich glaube in Rio de Janeiro.«

Colman hielt es abermals für erforderlich, energisch auszuspucken, um seiner Verachtung über diese Person besonderen Nachdruck zu geben.

Dann sprach er weiter: »Für Lloyd war sie gestorben, nachdem er sie rausgesetzt hatte. Kaum aber war er tot, weil er den Hufschlag seines Gauls nicht hatte verdauen können, da kam das Weib zurück und brachte auch gleich noch männlichen Anhang mit. Und da liegt der Hase im Pfeffer!«

Er schwieg und sah den Ghostchef wieder bedeutungsvoll an.

»Aha.« Tom Prox nickte abermals. »Duane kam also aus dem Süden zurück, um sich ihr Pflichtteil zu sichern, und ihre Schwester Eve war damit nicht einverstanden, wie?«

»So war das nun auch wieder nicht, Sir. Ganz im Gegenteil. Die Eve schlachtete das berühmte Kalb, um es rein biblisch auszudrücken, und Duane wurde mit offenen Armen aufgenommen. Seitdem hat das blonde Gift, ich meine die Duane – Eve ist schwarzhaarig – auf der Ranch mehr zu bestellen als ihre Schwester. Die Boys sind alle verrückt nach ihr.«

»Okay, das wäre klar. Aber was das mit den Todesfällen zu tun hat, von denen Sie schrieben, weiß ich immer noch nicht, Colman.«

Der Sheriff machte ein verkniffenes Gesicht

»Ich kann und will darüber nichts Bestimmtes sagen, Sir«, meinte er schließlich. »Doc Spalden wird Ihnen das besser auseinandersetzen können. Der ist nämlich der Ansicht, dass da was nicht mit rechten Dingen zugegangen ist ... aber aus anderen Gründen, als man es in Kerrys Village und auf den Ranchen annimmt.«

»Nun gut, dann werde ich eben mit dem Doc sprechen.« Tom Prox nickte geduldig. »Wann und wo erreiche ich ihn?«

»Ich soll Sie heute Nacht zu ihm führen. Es wäre wichtig, dass Sie niemand sieht, hat der Doc gesagt. Deswegen bin ich Ihnen ja auch in der Affenhitze die ganzen fünfzehn Meilen entgegengeritten. Wenn wir jetzt gleich aufbrechen, erreichen wir kurz nach Sonnenuntergang die Stadtgrenze. Wir müssen einen Umweg über das Weideland nehmen. Die Boys von der Ranch stehen nämlich mit ihrer großen Herde dicht am Hauptweg und sollen uns nicht sehen.«

Tom Prox erhob sich und verschwand im Gebüsch, um seine Stute zu holen.

Das Fahrzeug, das sich knarrend und quietschend den gewundenen Sandweg entlangquälte, sah höchst sonderbar aus.

Zwischen den auffällig hohen Rädern saß ein mit einer zerschlissenen Plane bespannter, langgestreckter Wagenkasten. Der Inhalt des Gefährts konnte nicht schwer sein, denn die beiden struppigen Indianerponys vor dem Gefährt wiesen trotz der sengenden Sonne kaum ein nasses Haar auf. Auch der starkknochige braune Wallach, der, mit aufgelegtem Sattelzeug am Wagen angebunden, hinterherzottelte, warf übermütig den Kopf und stieß ab und zu ein helles Wiehern aus.

Wenn das geschah, schreckte der vorne auf dem als Bock dienenden, schmalen Brett hockende, hagere Mann aus seinem Halbschlaf auf, wandte den Kopf und warf dem Gaul einen strafenden Blick zu.

Obwohl sich die Ponys keineswegs beeilten und sogar noch Zeit fanden, hier und da an den Sträuchern am Wegrand zu zupfen, legten sie, ohne angetrieben zu werden, doch unermüdlich Meile um Meile zurück.

Das Wiehern, das der Braune plötzlich ausstieß, klang hell und warnend.

Der Mann auf dem Bock war sofort hellwach. Er schirmte die Augen mit der Hand gegen die grelle Sonne ab und musterte erst den vor ihm liegenden Weg voraus. Dann reckte er sich, um – über die Plane hinweg – auch zurückblicken zu können, und entdeckte eine Staubwolke, die sich dem Wagen näherte. Eilig kletterte er über die Bank und verschwand im Innern des Gefährts.

Als der Hagere kurz darauf wieder auftauchte, hatte er sich seltsam verändert. Am Kinn seines mit einer leicht geröteten Knollennase ›verzierten‹ Gesichts klebte jetzt ein nach vorn spitz zulaufendes Bärtchen. Das und die stark buschigen Augenbrauen gaben dem Mann etwas Geheimnisvolles. Auch das einem Kaftan ähnliche, lange Gewand trug dazu bei, das sich der Mann über die landesübliche Cowboykleidung gestreift hatte.

Die Staubwolke war inzwischen näher gekommen, und der Hufschlag zweier Pferde wurde immer deutlicher.

Der Mann im schwarzen Kaftan nickte zufrieden.

»Scheint ja endlich loszugehen«, murmelte er und setzte noch eine tütenhafte Kopfbedeckung auf, die, wie der Kaftan, ringsum mit Sternen verziert war.

Sheriff Colman zügelte seinen Gaul überrascht neben diesem seltsamen Gefährt, Tom Prox tat dasselbe.

Der Mann auf dem Wagenkasten hielt nun seine Ponys an.

»Sie sind ein Sheriff«, meinte er mit so sonor-feierlicher Stimme, als mache er damit eine weltbewegende Entdeckung.

Dem Sheriff verschlug das die Sprache. Er schnappte nach Luft.

»Und Sie sind wohl dem Irrenhaus entsprungen, mein Herr!«, knurrte er wütend. »Was soll diese Maskerade, Silvester haben wir erst in sechs Monaten!«

»Maskerade?« Der Kaftan-Mann auf dem Wagen richtete sich hoch auf. »Sie sollten sich Ihre Leute ansehen, Sheriff Colman aus Kerrys Village! Sie sprechen mit dem Großen Akrakadabra, dem Vielhundertjährigen!«

Der Sheriff lief blau an.

»Damned ... der Bursche kennt meinen Namen und weiß, wo ich her bin.« Colman wirkte verstört und wandte sich dem Ghostchef zu, der der Szene mit unbewegtem Gesicht zugesehen hatte.

»Das war für ihn nicht schwer zu erraten, Colman«, erwiderte Tom Prox lächelnd. »Ihr Sheriffstern leuchtet weit genug. Außerdem gibt's im weiten Umkreis nur einen Ort, und das ist Kerrys Village. Wer dort Sheriff ist, kann Ihnen jedes Kind sagen, denke ich.«

»Ach so! Der Kerl wollte mich auf den Arm nehmen? Hätte Lust, diesem Gauner eine Abreibung zu geben«, maulte der Sheriff. »Was soll das Ganze, he?«

Der Lange auf dem Wagen sah hochmütig auf den cholerischen Gesetzeshüter herunter. Er kniff die Augen zusammen und zog recht hörbar in der Nase hoch.

»Sie sollten mehr auf Ihre Gesundheit achten und sich nicht so aufregen, werter Herr«, bemerkte er halb spöttisch, halb beschwörend. »Sie haben es nämlich mit der Galle zu tun. Und mit Ihrer Leber stimmt auch etwas nicht. Das kommt sicher vom vielen Saufen. Hier ...«

Seine Hand fuhr unter den Kaftan, und als er sie wieder hervorzog, hielt er eine kleine, blau schillernde Flasche in der Hand.

»Das ist ein Mittel, das selbst gegen das Überlaufen der Galle hilft. Um Mitternacht am Kreuzweg gebraut und mit besonderem Segensspruch versehen. Es macht aus dem bärbeißigsten Knurrhahn einen sanftmütigen Gentleman. Dabei kostet dieses Lebenswasser nur einen simplen Dollar, denn ich bin ein Menschenfreund. Gebe bares Geld zu und die Flasche als Geschenk noch extra.«

»Ein Quacksalber?« Der Sheriff lachte böse auf. »Das hat mir zu allem anderen gerade noch gefehlt! Willst den Leuten hier wohl deine Schwindelmixturen andrehen, was? Und ... hinterher schlagen sie dich tot, und ich habe dann die Scherereien. No, in meinem Bezirk dulde ich solchen Unfug nicht!«